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Dienstag, 6. November 2012

Das Mittelmaß ist stets in Höchstform – von wem? Maugham, Beerbohm, Giraudoux, Paisset, Oscar Wilde oder Jean Todt?


Es ist ein Kreuz mit den Zitaten. Da wollte ich nur dieses Zitat von William Somerset Maugham einstellen:
Nur ein mittelmäßiger Literat ist immer in Höchstform,

Only a mediocre writer is always at his best,

Seul un écrivain médiocre est toujours à son meilleur niveau (auch Seuls les médiocres peuvent toujours donner le meilleur d'eux-mêmes und Seuls les médiocres sont toujours présents)

(In The Portable Dorothy Parker. Viking Press 1944; zitiert nach The Yale Book of Quotations. Yale University Press, 2006, S. 502),
und stellte fest, dass Max Beerbohm in der Saturday Review vom 5. 11. 1904 bereits etwas ähnliches gesagt hatte:
Nur dem Mittelmaß kann man vertrauen, dass es stets in Höchstform ist. Das Genie muss im Verhältnis zu seinem Erfolg immer verfallen.

Only mediocrity can be trusted to be always at its best. Genius must always have lapses proportionate to its triumphs.

(Zitiert nach The Yale Book of Quotations. Yale University Press 2006, S. 50; die Originalausgabe der Saturday Review ist noch nicht digitalisiert).
Okay, da hat der gute Maugham sich von Beerbohm inspirieren lassen. Beim weiteren Nachforschen fragte ich mich jedoch: Bei wem eigentlich? Denn Jean Giraudoux soll laut Wikiquote gesagt haben:
Seuls les médiocres sont toujours leur meilleur.

Only the mediocre are always at their best (auch The only people who are always at their best are invariably mediocre).
Nur dass die sonst so korrekte Wikiquote das Zitat als belegt betrachtet und als Quellennachweis angibt: „As quoted in The Beauty Principal (1984) by Victoria Principal, p. 117“, was eben kein Beleg ist.

Und so ärgerte ich mich mal wieder, dass ich im Französisch-Unterricht nicht richtig aufgepasst hatte, und versuchte mit Hilfe von Google-Übersetzer, das Originalzitat von Giraudoux samt Quellenangabe zu finden. Beides fand ich nicht. Dafür aber eine Version von Jean Todt (natürlich auch ohne Quelle – *Achtung OT* wäre ja auch ein Wunder, wenn irgendjemand mal korrekt zitieren würde. Sorry, aber langsam werde ich echt sauer. Wieviel Mühe und Zeit könnte ich mir sparen; ich könne Verlorene Liebe und Mitten im Leben gucken zum Beispiel, andererseits gäbe es dann dieses Blog nicht, und der macht mir sehr viel Spaß … *OT aus*):
Seuls les médiocres atteignent leur maximum (auch Seuls les médiocres n'y arrivent pas).
Ich fand auch noch die Version Seuls les médiocres sont à 100% mit der Urheberangabe Saisset. Ob damit Émile Saisset, Bernard Saisset oder ein ganz anderer Saisset gemeint ist, konnte ich nicht feststellen.

Da Maugham von 1874 bis 1965 lebte und Beerbohm von 1872 bis 1956, dieser aber seine weisen Worte bereits 1904 veröffentlicht hatte und Maugham erst 1944, ist anzunehmen, dass das Ursprungszitat von Beerbohm stammt. Giraudoux lebte zwar etwa um die gleiche Zeit (1882–1944), aber da es keine Quelle gibt, ist es so gut wie ausgeschlossen, dass er der Urheber ist. Ebenso bei der Verfasserangabe „Paisset“, aus der nicht hervorgeht, welcher Paisset damit gemeint ist. Jean Todt, der 1946 geboren wurde, ist es definitiv nicht.

(Siehe dazu auch http://harvardmagazine.com/2007/03/chapter-verse.html, May–June 2007, und http://cojcr.org/vol9no1/1-90.pdf)

Schließlich fand ich hier noch einen Ausspruch von Oscar Wilde:
Seuls les médiocres progressent
(in La Poésie des Socialistes; Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus; The Soul of Man under Socialism), aber weder im Englischen noch im Deutschen die entsprechende Übersetzung. Ich fand nur
Jeder Erfolg, den man erzielt, schafft uns einen Feind. Man muß mittelmäßig sein, wenn man beliebt sein will (auch Um populär zu bleiben, muß man mittelmäßig sein),

Every effect that one produces gives one an enemy. To be popular one must be a mediocrity,

Chaque fois qu’on produit un effet, on se donne un ennemi. Il faut rester médiocre pour être populaire,
doch dieses Zitat ist aus dem Bildnis des Dorian Gray (The Picture of Dorian Gray; Le portrait de Dorian Gray) S. 410 und hat mit dem Zitat, um das es hier geht, wohl nichts zu tun.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Goethe und die Steine, die einem in den Weg gelegt werden – oder sind sie doch von Kästner oder von wem?


Wir lieben Zitate. Wir sammeln sie, erfreuen uns daran, finden Trost. Und manchmal benutzen wir Zitate, weil sie so praktisch sind. Für alle Lebenslagen sozusagen. Ungewohnt ist allerdings noch, dass Politiker ihre Reden oder Statements mit Zitaten würzen. Wenn sie das aber tun, sollten sie oder besser ihre Redenschreiber genau recherchieren, ob das Zitat richtig ist und ob es dem richtigen Urheber zugeordnet ist (und wenn ja, ob er überhaupt zitiert werden darf).

Ursula von der Leyen zitierte in einer Rede vor dem Bundestag im Zusammenhang mit der Reform von Hartz IV den „Spruch des Jahres“, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, von Goethe:
Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
Ob es in dem Zusammenhang das richtige Zitat ist, sei dahingestellt. Fragt sich nur: Ist es wirklich von ihm?

Ich wäre darauf gar nicht gekommen, hätte ich nicht neulich genau dieses Zitat getwittert, weil es zu meiner momentanen Stimmung so gut passte, und als Antwort bekam: „Wo hat Goethe das gesagt?“ Nun ja, das nahm ich nicht so ernst. Man twittert ja so manches. Schließlich wird er nicht alles und jedes aufgeschrieben haben. Ich erfuhr dann aber zufällig, dass das Zitat von Erich Kästner stammen soll. Daraufhin bekam ich einen Schreck, denn Kästner darf man ja nun ganz und gar nicht zitieren, weil das sehr, sehr teuer wird  (siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/search?q=k%C3%A4stner). Also googelte ich mal wieder ein bisschen. Und stellte fest, dass wohl niemand so recht weiß, wie das Zitat überhaupt heißt.

Ich fand folgende Versionen (die Tippfehler habe ich mal außen vor gelassen), wobei auch die mit demselben Wortlaut Kästner beziehungsweise Goethe zugeschrieben wurden. Das heißt, „unbekannt“ stand auch einmal dabei. Nun ja, damit macht man es sich immer am einfachsten.

    Auch aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus großen und schweren Steinen, die einem in dem Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die das Leben einem in den Weg legt, kann man was Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man schöne Dinge bauen.
    Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen
    Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du noch etwas bauen.
    Auch aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, lässt sich etwas Hübsches bauen.
    Auch aus Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, lässt sich SCHÖNES bauen.
    Auch mit Steinen, die dir im Weg liegen, kann man was Schönes bauen!
    Aus den Steinen, die einem im Weg liegen, kann man sich auch was Schönes bauen
    Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man auch etwas Schönes bauen.
    Aus Steinen, die im Weg liegen, kann man was Schönes bauen!
    Leg deinen Mitmenschen Steine in den Weg, sie mögen sich daraus etwas bauen!

Ich gestehe, nach so vielen unterschiedlichen Versionen gab ich auf.

Ein deutschsprachiger Urheber kann es nicht gewesen sein, denn so viele Versionen sprechen für eine Übersetzung der weisen Worte. Also habe ich es anders herum versucht und mit englischen Stichwörtern gegoogelt. Dabei fand ich diese Zitate:

    Even the stones that have been placed in one's path can be made into something beautiful.
    Even the stones in one's path can be made into something beautiful. 
    Even the stones placed in one's path can be made into something beautiful.

Und wer wurde als Urheber genannt? Genau. Mark Twain oder Bernhard Shaw, denen gern solche Worte in den Mund gelegt werden, waren es also auch nicht.

Jedenfalls fand ich noch „Du musst aus den Steinen, die man dir in den Weg legt, eine Brücke bauen“ von Konfuzius (beziehungsweise „Aus den Steinen, mit denen wir Mauern errichten, lassen sich auch Brücken bauen“, „Aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man sich manchmal eine lebensrettende Brücke bauen“ und „Aus den Steinen, mit denen wir Mauern errichten, lassen sich auch Brücken bauen“), „Wer Berge versetzen will, muss damit beginnen, viele kleine Steine abzutragen“ und die „persische Weisheit“: „Lege deinem Mitmenschen Hindernisse in den Weg. Soll er daran wachsen!“

Nun war ich endgültig verwirrt und wollte schon aufgeben, aber da stolperte ich über die Treppen. Denn Goethe soll auch gesagt haben: „Lege deinem Mitmenschen Steine in den Weg. Soll er sich daraus eine Treppe bauen“ (oder auch „Lege deinen Mitmenschen Steine in den Weg. Mögen sie sich doch daraus eine Treppe bauen“), Robert Lembke „Mit etwas Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen“ und nochmal Konfuzius: „Mit eigenem Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen.“

Was man alles so aus Steinen und mit Steinen machen kann …

Einer hat mal etwas Schlaues gesagt, sagen wir mal, Konfuzius. Goethe hat den Spruch gelesen und in eigene Wort gekleidet. Und dann war es wie mit der stillen Post: Jemand hat die Worte aufgegriffen und weitergegeben und der hat es wieder weitergegeben und so weiter und so fort, und dabei wurde mal ein Wort geändert, mal ein Wort hinzugefügt. Wie das so ist. Und irgendwann hat man vergessen, wer sie als erster gesagt hatte. Und nennt, da Goethe schließlich immer so schlaue Sachen gesagt hat, ihn als Urheber.

Lange Rede kurzer Sinn: Auch dieses Zitat ist ein Beispiel dafür, dass man nicht blindlings Sprüche aus dem Internet kopieren sollte, jedenfalls nicht aus irgendwelchen Zitatensammlungen. Am besten sind immer die Originalquellen.

Samstag, 17. September 2011

Neues aus der Rubrik „Wer hat das gesagt“: Über die Form, die Farbe ist


Neulich wurde die Frage gestellt, ob man in dieser Form ein Zitat des Schweizer Malers, Kunsttheoretikers und Kunstpädagogen Johannes Itten (1888–1967)  in ein Buch aufnehmen dürfe und ob das Zitat überhaupt von ihm sei.

"Die Form ist auch Farbe.
Ohne Form keine Farbe.
Form und Farbe sind eins."

Das Zitat ist zwar soweit von Itten, ist aber im Wortlaut falsch. Richtig muss es heißen
Die Form ist auch Farbe. Ohne Farbe keine Form, ohne Form keine Farbe. Form und Farbe sind eins.
Und natürlich kann man es nicht als Gedicht schreiben, wenn es kein Gedicht ist.

Vollständig heißt es:
Die am besten fassbare Form ist die geometrische, deren Grundelemente der Kreis, das Quadrat, das Dreieck sind. In diesen drei Formelementen liegt jede mögliche Form keimhaft. Sichtbar dem Sehenden – unsichtbar dem Nichtsehenden.

Die Form ist auch Farbe. Ohne Farbe keine Form, ohne Form keine Farbe. Form und Farbe sind eins. Die Farben des Spektrums sind die faßbarsten. In ihnen liegt jede mögliche Farbe keimhaft, sichtbar dem Sehenden – unsichtbar dem Nichtsehenden.

Im Faßbarsten aber liegt die größte, eindrucksvollste Ausdruckskraft.

(Joh. Itten: Fragmentarisches. In Hölzel und sein Kreis, 1916. Strecker und Schröder 1916, S. 16)
Aber: Mit den Worten „Ohne Farbe keine Form“ wird auch  der deutschen Maler und Bildhauer Rudolf Maison  (1854–1904) in Karl Eugen Schmidts Künstlerworte auf S. 181 zitiert (Seemann 1906). Eine Quelle dafür habe ich allerdings nicht gefunden.

Doch bereits 1842 schrieb der Lehrer der Zeichenkunst an „mehrern kaiserlichen Erziehungsanstalten in Petersburg“, Gustav Adolf Hippius (1792–1856):
Ohne Licht keine Farbe, ohne Farbe keine Form, ohne Form kein Begriff; – Licht ist der Urquell alles Lebens.
(In G. A. Hippius: Grundlinien einer Theorie der Zeichenkunst, als Zweiges allgemeiner Schulbildung, nebst praktischer Anleitung für Lehrer und Lehrerinnen. Petersburg 1842; 1846 in Reval veröffentlicht unter Versuch, das pädagogische Verhalten angehender Zeichner in Grundsätze zu fassen; zitiert nach Pädagogischer Jahresbericht für Deutschlands Volksschullehrer 1846, 1, S. 286)
Ob sich Maison Hippius’ Worte und Itten wiederum Maisons Worte nur „bedient“ haben, weiß ich nicht.

Mittwoch, 15. Juni 2011

Das kleinste Haar wirft seinen Schatten …


(auch „Auch ein Haar hat seinen Schatten“)

Etiam capillus unus habet umbram suam.*
Até mesmo um único cabelo tem sua sombra
Cada cabello hace su sombra.
Cada pelo hace su sombra en el suelo.
Cada sua sombra na terra.
Hasta el pelo mas delgado hace su sombra en el suelo.
Hasta un pelo hace su sombra en el suelo.
II n'ya si petit buisson qui n'ait son ombre.
Ogni pelo ha la sua ombra.
The smallest hair casts a shadow (auch Even one hair has a shadow) in der Übersetzung von Francis Bacon (1561–1626) (In The Works of Francis Bacon. Pickering 1834, S. 213

… las ich bei Johann Wolfgang von Goethe, fand auch schnell die Quelle und freute mich: Das Zitat kann ich unbedenklich in meinen Schreibblog aufnehmen. Das tat ich auch.

Nur hatte ich übersehen, dass das Zitat dort unter der Überschrift „Eigenes und Angeeignetes in Sprüchen“  aufgeführt wurde und in späteren Ausgaben fälschlicherweise unter Maximen und Reflexionen, den Sprüchen in Prosa, erscheint. (Zu Goethes Sprüchen und Goethes Vorliebe für Sprichwörter siehe die lesenswerten Ausführungen in Goethes Gedichte, kommentiert von Erich Trunz, Beck 2007, auf S. 683). Denn zufälligerweise entdeckte ich in der Ausgabe von Goethes Sprüche in Prosa des Verlags Freies Geistesleben aus dem Jahr 1967 auf S. 139 die Fußnote:
Dieser Spruch stammt aus den Sprichwörtern des Erasmus: „Etiam capillus unus habet umbram suam“
(= Auch ein einzig Härchen hat seinen Schatten)*
*(Auch Et pilo sua umbra; Etiam capillus habet umbram suam; Etiam capillus suam facit umbram; Vel capillus habet umbram suam; Vel capillus unus habet umbram suam, was daran liegen mag, dass spätere Herausgeber der Sentenzen sich nicht immer an das Original gehalten haben.)

Tatsächlich besaß Goethe, der Sprichwortsammlungen liebte, auch das Werk Adagia von Desiderius Erasmus Roterodamus, Basel 1520.

Achherje, seufzte ich: Ist nichts mit gemütlich in der Sonne liegen und schauen, ob meine Haare Schatten werfen.

Aber das mit dem Sprichwörtern des Erasmus ist so auch nicht richtig. Ich habe das Sprichwort zwar in Epitome Adagiorum ex Novissima D. Erasmi Rot. Recognitione aus dem Jahr 1549 auf S. 49 gefunden, tatsächlich ist es jedoch aus den Sententiae  (Sentenzen) des aus Antiocha in Syrien stammenden Mimendichters Publilius (auch Publius) Syrus (bei Plinius mit dem Beinamen Lochius), der unter Cäsar und Kaiser Augustus lebte (vermutlich 46 v. Chr. – 43 n. Chr.), die Erasmus von Rotterdam in einer kritischen Ausgabe herausgegeben hat (Publilius Syrus: Publii Syri Mimi, similesque sententiae selectae e Poetis antiquis … Quas olim D. Erasmus Roterodamus delegerat et commentario explanaverat, ... atque versibus Germanicis red. a. J. F. Kremsier. Sommer 1818, S. 23).

Die Sententiae  des Sklaven und später Freigelassenen Publilius Syrus wurden aus dessen Mimen (von lat. mimus = Posse, dramatische Darstellung komischer Szenen aus dem gemeinen Volksleben) im ersten oder Anfang des zweiten Jahrhundert nach Chr. als eine Art Handbuch der Moral (deshalb auch der englische Titel der Sammlung Moral Sayings of Publius Syrus)  zusammengestellt, damit die Schüler in den Schulen die Sprüche lesen und auswendig lernen. Sie sind in verschiedenen handschriftlichen Manuskripten erhalten geblieben, so in der Collectio Senecae (Sammlung des Seneca) und der Collectio Veronensis (Veronenser Sammlung). Schon der Hl. Hieronymus (347–420) rühmte Syrus und zitierte in seinen Episteln einen in der Schule gehörten Vers mit der Bemerkung: „Legi quondam in scholis puer“ (Einst las ich als Knabe in der Schule): „Aegre reprehendas, quod finis confuescere“ (Was zur Gewohnheit wurde, lässt sich schwer tadeln) (In Publii Syri Et Aliorum Veterum Sententiae, S. 96).

Die Sammlungen wurden unter anderem im Mittelalter um Aussprüche anderer Dichter erweitert, sie wurden gekürzt, umgeschrieben und verändert. Die oben angegebene Ausgabe heißt deshalb auch Publii Syri Et Aliorum Veterum Sententiae (= Publii Syri et al. Sentenzen der Alten), so dass die wenigsten Sprüche tatsächlich von Syrus sind. (Welche es sind, finden Sie hier.)  Da die Sentenz Etiam capillus unus habet umbram suam dort nicht aufgeführt ist, ist anzunehmen, dass sie nicht von Publilius Syrus stammt.

Die Urheberangaben Johann Wolfgang von Goethe oder Publilius Syrus beziehungsweise Publius Syrus sind also leider falsch und damit auch die Angabe von Goethe als Urheber in meinem Blog. Zu empfehlen ist die Angabe nach Goethe bzw. Syrus.

Mehr zu Syrus und den Sentenzen siehe hier und hier.

Leider war die Sonne inzwischen verschwunden. Aber zumindest hatte ich eine Menge über Mimen und einen Freigelassenen namens Publilius Syrus gelernt. Und das ist ja auch nicht schlecht, nicht wahr? Und alles wegen einer kleinen Fußnote, die ich zufällig in einer Ausgabe von Goethes Sprüche in Prosa aus dem Jahr 1967 entdeckte.

Nachtrag: Ach, hätte ich doch weitergeforscht. Dann hätte ich auch Goethes Spruch in Sprichwörtliches gelesen, der sicher nicht nur dafür galt:
Diese Worte sind nicht alle in Sachsen
Noch auf meinem eignen Mist gewachsen;
Doch, was für Samen die Fremde bringt,
Erzog ich im Lande gut gedüngt.
(In Goethes Werke: Vollständige Ausgabe letzter Hand, Bd. 2. Cotta’sche Buchhandlung 1827,  S. 253)

Mittwoch, 25. Mai 2011

Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel …


Men do not stumble over mountains, but over mole hills* –

sagt Konfuzius (551–479 v. Chr.). Oder sind diese weisen Worte aus dem Hinduismus, eine chinesische Weisheit, Mutterns Worte oder gar von Samuel Butler? Oder ist eine dieser Versionen richtig, die man so im Internet findet?

Der Mensch stolpert nicht über Berge, sondern über einen Ameisenhaufen.
Der Mensch stolpert über den Ameisenhaufen und nicht übers Gebirge.
Menschen stolpern über Steine, nicht über Berge.
Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über kleine Steine.
Könige stolpern über Kieselsteine – sie scheitern nicht an Bergen.
Könige stolpern über Kieselsteine – nicht über Berge.

Belegt ist dieses Zitat von Lü Bu Wie (um 300–235 v. Chr.):
Das kam daher, daß kleine Dinge nicht wichtig genommen werden. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er nicht über einen Berg stolpert, wohl aber über einen Ameisenhügel.
(In Lü Bu Wie: Frühling und Herbst des Lü Bu We. S. E. Diederichs 1928,  S. 446).
Von einem weiteren ähnlichen Zitat ist nur der Urheber – Han Fe Dse (auch Han Fei Tzu) (280–233 v. Chr.) – bekannt. Die Quelle habe ich nicht gefunden. Allerdings soll es aus einem verloren gegangen Text stammen, da es so in keinem der frühen historischen oder bibliogaphischen Abhandlungen genannt wird. Es wird deshalb empfohlen, es als „Ausspruch eines früheren Weisen“ zu zitieren (siehe Liu An, King of Huain et al.:  The Huainanzi: A Guide to the Theory and Practice of Government in Early Han China. Columbia University Press 2010, S. 721):
Der Mensch stolpert nicht über Berge, sondern über  einen Ameisenhaufen.
People often trip on ant-hills, but no one stumbles over a mountain.
L'uomo non inciampa contro le montagne, ma piuttosto contro un formicaio.
Zu der Version, dass Riesen nicht über Berge stürzen, sondern über Maulwurfshügel stolpern, wie ein altes russisches Sprichwort heißen soll, habe ich nichts gefunden.

 „Projekte stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel“ ist sozusagen geklaut –  von wem eigentlich, wenn es eh nicht von Konfuzius ist –, aber schön sind die Antworten von Maxi Wander „Jeder muß über seine eigenen Steine stolpern, das ist ja das Verrückte“ in Guten Morgen, du Schöne: Frauen in der DDR, Protokolle (Luchterhand 1979, S. 112) und Heinrich Laube „Über Berge mag er stolpern können, aber es ist ein Jammer, daß er über jeden Maulwurfshaufen fällt“ in Das junge Europa; zeno.org.

*„Men do not stumble over mountains, but over molehills” wird auch Samuel Butler zugeschrieben mit der Quellenangabe „Hudibras Part I, Canto III, Line 878“. Das kann aber nicht stimmen. Denn Line 877/878
lautet: "I am not now in fortune's power: He that is down can fall no lower". Auch in Part II und III gibt es dieses Zitat nicht.

Weitere englische Versionen des Zitats lauten:

People do not stumble over a mountain, they stumble over a molehill.
Whatever mole-hill he stumbles upon, he makes a mountain of it.
Nobody stumbles against a mountain, but everybody trips over an ant-hill.
No one stumbles over a mountain, but people do trip over anthills.

Das Zitat „Though not stumbling over a mountain, we stumble over an anthill“ soll wiederum auf dem japanischen Sprichwort „Yama ni tsumazukazu shite ari-zuka ni tsumazuku“ beruhen (Quelle siehe hier).

Vielleicht war all diesen als Urheber Genannten das Zitat von Konfuzius bekannt und sie haben es nur übernommen. Konfuzius als Urheber anzugeben, ist zumindest problematisch.

Sonntag, 8. Mai 2011

Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck


oder auch

„Keine zweite Chance für den ersten Eindruck.“

Wie wahr. Aber wer prägte eigentlich diesen überaus beliebten Slogan (immerhin über 450.000 Treffer)?

Sicher ist zumindest, dass das Zitat in der Form aus dem Englischen kommt. Denn die Worte

„You never get a second chance to make a first impression“*

stehen auf der Gedenktafel am Will Rogers Memorial Center. Aber ist der US-amerikanische Komiker Will Rogers (1879–1935) wirklich der Urheber?

Zugeschrieben wird das Zitat nämlich auch Oscar Wilde, Mark Twain und dem evangelischen Pastor Charles Swindoll, wobei Wilde, Mark Twain und so mancher anderer Aphoristiker im Zweifelsfall gern als Urheber genannt werden … Es ist aber auch ein Werbeslogan für „Head & Shoulders“ aus den 1980er Jahren. (Eine interessante Diskussion darüber habe ich hier gefunden.) Netty Neuthal und Franz von Seboca, die manchmal als Urheber der deutschen Version genannt werden, sind das jedenfalls nicht.

Tatsächlich soll das Zitat auf Arthur Schopenhauer (1788–1860) zurückgehen, der in einem seiner Essays schreibt:
An odor affects us only when we first come in contact with it, and the first glass of wine is the one which gives us its true taste: in the same way, it is only at the first encounter that a face makes its full impression upon us. (Quelle: http://tinyurl.com/6djk3hc)
Aber auch Samuel Johnson (1709–1784) wird als Urheber genannt:
Few have strength of reason to overrule the perceptions of sense, and yet fewer have curiosity or benevolence to struggle long against the first impression: he who therefore fails to please in his salutation and address is at once rejected, and never obtains an opportunity of showing his latest excellences or essential qualities. (Quelle: http://tinyurl.com/5wr2flk
Es ist durchaus vorstellbar das Schopenhauer Johnsons Worte kannte und sie umgeschrieben hat. So etwas soll nicht nur bei Schopenhauer öfter vorgekommen sein.

Auf einer Zitateseite wurde die deutsche Version „Es gibt keine Zweite Chance für den ersten Eindruck“ aus urheberrechtlichen Gründen entfernt, weil als Autor wohl „Werbeslogan für Head & Shoulders“ angegeben worden war. Es kann also sein, dass das Zitat zumindest in Deutschland geschützt ist und nur im engen Rahmen des Urheberrechts verwendet werden darf.

*Für das englische Zitat gibt es auch diverse Versionen wie zum Beispiel „We don't get a second chance to make a first impression“.

Sonntag, 1. Mai 2011

Die Geschichte vom Axtdieb


Die Geschichte vom Axtdieb

„Einst hatte jemand eine Axt verloren. Er hatte seines Nachbars Sohn in Verdacht. Er beobachtete die Art, wie er ging: es war die Art eines Axtdiebes; seine Mienen: es waren die eines Axtdiebes; seine Worte: es waren die eines Axtdiebes; seine Bewegungen und sein ganzes Wesen, alles was er tat: alles war die Art eines Axtdiebes. Zufällig grub er dann einen Graben und fand seine Axt. Am anderen Tag sah er wieder seines Nachbars Sohn, alle seine Bewegungen und sein ganzes Wesen glichen nicht mehr der Art eines Axtdiebes. Sein Nachbarsohn hatte sich nicht verändert. Er selbst hatte sich verändert. Was war der Grund davon? Nichts anderes, als daß etwas da war, das ihn in unbefangener Beobachtung störte.“

Lü Bu Wie (um 300–235 v. Chr.), Beseitigung der Befangenheit / Kü Yu

(In Chunqiu – Frühling und Herbst des Lü Bu We. S. E. Diederichs 1928, S. 164; siehe auch Zeno.org)

Es gibt jedoch eine ältere Version des Axtdiebes mit der Verfasserangabe Liezi (Liä Dsi, auch Licius, Livius), der um 450 v. Chr. lebte:
Wer hat die Axt gestohlen?

Es war einmal ein Mann, der hatte seine Axt verloren. Er hatte seines Nachbars Sohn im Verdacht und beobachtete ihn. Die Art, wie er ging, war ganz die eines Axtdiebes; sein Gesichtsausdruck war ganz der eines Axtdiebes; die Art, wie er redete, war ganz die eines Axtdiebes; aus allen seinen Bewegungen und aus seinem ganzen Wesen sprach deutlich der Axtdieb. Zufällig grub jener einen Graben um und fand seine Axt. Am anderen Tag sah er seinen Nachbarssohn wieder. Alle seine Bewegungen und sein ganzes Wesen hatten nichts mehr von einem Axtdieb an sich.“
(In Liä Dsi: Das wahre Buch vom quellenden Urgrund. Stuttgart 1980, S. 181; Quelle: zeno.org)
Die Schrift enthält Erzählungen, die nach Liezis Tod von dessen Schülern zusammengetragen wurden. Zudem reden auch chinesische Gelehrte von später gemachten Zusätzen, so dass es durchaus sein kann, dass Lü Bu Wies Text dort Aufnahme fand.

Eine noch ältere Version mit der Urheberangabe Lao Tse, der im 6. Jahrhundert v. Chr. levte, oder auch „Nach Lao Tse; gefunden in Gelassenwerden, Herder 1996, lautet:
Der Axtdieb

Ein Mann fand eines Tages seine Axt nicht mehr. Er suchte und suchte, aber sie war verschwunden. Der Mann wurde ärgerlich und verdächtigte den Sohn seines Nachbarn, die Axt genommen zu haben. An diesem Tag beobachtete er den Sohn seines Nachbarn ganz genau. Und tatsächlich: Der Gang des Jungen war der Gang eines Axtdiebs. Die Worte, die er sprach, waren die Worte eines Axtdiebs. Sein ganzes Wesen und sein Verhalten waren die eines Axtdiebs. Am Abend fand der Mann die Axt durch Zufall hinter einem großen Korb in seinem eigenen Schuppen. Als er am nächsten Morgen den Sohn seines Nachbars erneut betrachtete, fand er weder in dessen Gang, noch in seinen Worten oder seinem Verhalten irgend etwas von einem Axtdieb.
In einem japanischen Forum habe ich allerdings eine viel schönere Form dieser Geschichte gefunden:
Der Bauer Dong suchte einen halben Tag lang nach seiner Axt. Er konnte sie nicht finden.

Da begann er seinen Nachbarn Luo zu beobachten. Ging Luo, der Nachbar, nicht ganz genau wie ein Axtdieb? Klangen die Worte des Nachbarn nicht wie die Worte eines Axtdiebs? Lachte er nicht wie ein Axtdieb? Waren seine Blicke und Bewegungen nicht ganz ähnlich wie die Blicke und Bewegungen des Axtdiebs?

Zufällig fand Dong die Axt unter seiner Treppe wieder.

Als er sich am nächsten Tag wieder mit seinem Nachbarn unterhielt, hatte sich der Nachbar ganz verändert. Luo ging nicht mehr wie ein Axtdieb, redete nicht mehr wie ein Axtdieb, lachte nicht mehr wie ein Axtdieb, in seinen Blicken und Bewegungen war nichts mehr von einem Axtdieb.
Heiner Müller hat den Axtdieb in der Version von Livius als Vorlage für das Gedicht Herr Dschu verteidigt sein Eigentum genommen. Allerdings endet es überraschend:
Und beschloß das Spiel zu gewinnen / Und zögerte nicht und ging hin / Mit der Axt und schlug mit der Axt den / Schädel ein Herrn Dschin.
(In Katharina Ebrecht: Heiner Müllers Lyrik: Quellen und Vorbilder. Königshausen & Neumann 2001, S. 87);
die spanische Übersetzung des Gedichts – O señor Dschu defende a súa propiedade – findet man mit weiteren Gedichten Heiner Müllers hier)

Am Anfang war das Wort, am Ende die Phrase

Am Anfang war das Wort, am Ende die Phrase.

Na poczatku bylo Slowo - na koheu Frazes.
At the beginning there was the Word — at the end just the Cliché.


Wie wahr!

Nur, wer hat das gesagt?

Zugesprochen werden die Worte Stanislaw Jerzy Lec, und es gibt auch eine Quelle: Stanislaw Jerzy Lec: Unkempt Thoughts. St. Martin’s Press, 1962, S. 71.

Nur soll auch das Karl Kraus laut Paul Wiegler: Briefe über Dichter. München 1946, S. 67 in Bezug auf Klopstock gesagt haben (siehe hier)  nur habe ich ein Buch dieses Titels nirgends gefunden, auch nicht im KVK – Karlsruher Virtueller Katalog. – Auch in den Schweizer Monatsheften für Politik, Wirtschaft, Kultur, Bd.  70, Ausgaben 7-12. S. 1040, wird das Zitat Kraus zugesprochen. In der Weltbühne von 1984, S. 1215, wird das Zitat genannt, allerdings ohne den Urheber zu nennen.

Die Urheberschaft wird also erst einmal unklar bleiben, es sei denn, eine meiner lieben Leserinnen und Leser klärt mich freundlicherweise auf!

Dienstag, 26. April 2011

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht …


Eines der ersten Sprichwörter, mit erhobenem Zeigefinger und strengem Blicke vorgetragen, das wir lernten, war

»Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.« (Auch: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann bzw. …gleich die Wahrheit spricht.)

A liar is not believed even though he tell the truth.
Liars aren't believed even when they are telling the truth.
We give no credit to a liar, even when he speaks the truth.
Lažnivcu navadno ne verjamemo niti takrat, kadar govori resnico
Lögnarna tror man intenditur ens när de talar sanning.

Nur: Wieder einmal die Frage: Ist das überhaupt ein Sprichwort? Antwort: Jein.

Für den Ursprung des Sprichworts gibt es zwei Quellen. Die erste Quelle ist die Fabel Wolf und Fuchs vor dem Richterstuhl des Affen von Aesop (6. Jahrhundert v. Chr.) – fälschlich Phädrus (um 20 v. Chr. – um 51 n. Chr.) zugesprochen; der hatte Aesop jedoch nur zitiert –:

Wen einmal zeichnet des Betruges Makel,
Verliert, auch wo Wahrheit spricht, den Glauben:
Die kurze Fabel von Aesop bezeugt’s.

Der Wolf bezichtigte den Fuchs des Diebstahls;
Der leugnet allen Anteil an der Schuld:
Zu schlichten saß der Affe zu Gericht.
Als beide ihre Sache vorgetragen,
Erteilt der, wie erzählt wird, die Sentenz:
»Du, scheint’s, verlorst gar nicht, worauf du klagst,
Du, glaub' ich, stahlst, was du so schön verleugnest.«

Lupus et Vulpis Iudice Simio

Quicumque turpi fraude semel innotuit,
Etiam si verum dicit, amittit fidem.
Hoc adtestatur brevis Aesopi fabula: –

Lupus arguebat vulpem furti crimine;
Negabat illa se esse culpae noxiam.
Tunc iudex inter illos sedit simius.
Uterque causam cum perorassent suam,
Dixisse fertur simius sententiam:
»Tu non videris perdidisse quos petis;
Te credo subripuisse quod pulchre negas.«

(In Phädrus des Freigelassenen des Augustus Äsopische Fabeln, verdeutscht von Johannes Siebelis. Hoffmann’sche Verlags-Buchhandlung 1857, S. 7f.)

(Diese Fabel findet sich auch unter dem Titel Der Affe als Richter zwischen Wolf und Fuchs bei Jean de La Fontaine (1621–1695.)

Die Verse »Quicumque turpi fraude semel innotuit, / Etiam si verum dicit, amittit fidem« gab Marcus Tullius Cicero (106 v. Chr. – 43 v. Chr.) in Rhetorica, De Divinatione Liber II, 71 146 folgendermaßen wieder:
Ut mihi mirum videatur, cum mendaci homini ne verum quidem dicenti credere soleamus, quo modo isti, si somnium verum evasit aliquod, non ex multis potentius uni fidem derogent, quam ex uno innumerabilia confirment.
Die Worte »Mendaci homini ne verum quidem dicenti credere soleamus«  (Einem Lügner pflegen wir nicht zu glauben, auch wenn er die Wahrheit spricht = Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht) wurden wiederum zu einem internationalen Sprichwort.

– Inwieweit sich Cicero auf Demetrios von Phaleron (Demetrios Phalereus) (um 345 v. Chr. – um 280 v. Chr.) bezieht, konnte ich nicht feststellen.  –

Georg Büchmann erwähnt Cicero in seinen Geflügelten Worten (Haude & Spener 1964) jedoch nicht. Er bezieht sich auf Andreas Tscherning (1611–1659), der 1642 die Verse »Quicumque turpi fraude semel innotuit, / Etiamsi verum dicit, amittit fidem« in seiner Fabel Lügen-Lohn, die mit den Worten »Ein junger Hirte war zu schreyen oft geflissen: / Kommt, Brüder, helft! der Wolf hat mir ein Schaff erbissen. / Wenn nun das Hirtenvolk gesammt zur Stelle war, / Da sprach er: Seyd zur Ruh, es hat noch nicht Gefahr« beginnt, folgendermaßen wiedergegeben habe:
Daß einem hier die Welt, der einmal Lügen liebt / Auch wenn er Wahrheit redt, nicht leichtlich Glauben gibt
und auf Ludwig Heinrich von Nicolays (1737–1820), der die Verse in seinem Gedicht Der Lügner, das mit den Worten beginnt »Ein böser Bub’ stellt’ oft sich lahm / und rief, er hätt’ ein Bein gebrochen; / doch wenn ihm der zu Hülfe kam, / den er um Beistand angesprochen: / so war der Dank alsdann: er wies / die Zähne dem, der sich betrügen ließ«, mit den Worten wiedergibt:
Man glaubt ihm selbst dann noch nicht, / Wenn er einmal die Wahrheit spricht.
(Allerdings wird Nicolay falsch zitiert; richtig heißt es: »Man glaubet ihm selbst dann auch nicht / Wann er einmal die Wahrheit spricht.«)
In einer anderen Ausgabe seiner Geflügelten Worte (Haude & Spener 1920) verweist Büchmann auf ein weiteres Gedicht mit dem Titel Der Hirtenknabe von Johann Benjamin Michaelis (1746–1772), das dieselbe Fabel wie die von Nicolay sei. Allerdings beginnt das Gedicht mit den Worten »Helft, Brüder! Helft! der Wolf hat schon ein Schaf im Rachen!« / So rief ein junger Hirt, sich eine Lust zu machen. / Wann nun das Hirtenvolk herbeigelaufen war. / Dann rief er: Geht zur Ruh’, es hat noch nicht Gefahr! / »Ich habe nur versucht, / ob ihr auch wachsam wäret«, und der Titel ist auch nicht Der Hirtenknabe, sondern Der Lügner oder auch Lohn der Lügen. – Allerdings werden als Autor wiederum Nicolay, Karl Wilhelm Ramler (wohl weil er eine Fabelsammlung mit dem Gedicht ohne Angabe des Autors herausgegeben hatte) und Johann Wilhelm Ludwig Gleim genannt (der wiederum wohl deshalb, weil Michaelis eine zeitlang in dessen Haus lebte). Es endet mit den Worten:
Nun ward der Thor erst inne, / Wie albern er gethan; nun kam ihm erst zu Sinne / Das Sprüchwort: »daß man dem, der einmal Lügen übt, / Auch wenn er Wahrheit spricht, nicht leicht mehr Glauben giebt.«
Daraus habe »sich die landläufig genauere Übertragung gebildet« (Büchmann)
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,
und wenn er auch die Wahrheit spricht.
Nur – hier irrt Büchmann. Denn Tscherning bezieht sich in seinem Gedicht auf Aesops Fabel Der Schäfer und der Wolf, auch bekannt als Der Hirtenjunge und der Wolf, Der lügenhafte Hirtenknabe oder Der Junge, der Wolf schrie, und das ist die zweite Quelle:

De Puero Oves Pascente

Puer quidam cum oues eminentiori in loco depasceret,  sæpius clamabat, heus o a lupis mihi succurrite. Qui circum aderant cultores agrorum, cultum omittentes, ac illi occurrentes, atque nihil esse comperientes, ad opera sua redeunt. Cum pluries puer id ioci causa fecisset, ecce cum lupus pro certo adesset, puer ut sibi succurratur serio clamat. Agricolæ id uerum non esse putantes, cum minime occurrerent, lupus oues facile perdidit.
→ Fabula significat, quod qui cognoscitur mentiri, ei ueritas postea non creditur.

(Quelle: http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd16/content/pageview/2240456)

Leider gibt es für diese Fabel keine gute Übersetzung. Eine Übersetzung, die mit den Worten beginnt: »Es war einmal ein Hirtenjunge, der jeden Tag die Schafe hütete. Jeden Morgen holte er die Tiere von ihren Besitzern ab und trieb sie in die Berge, wo die Schafe grasen sollten. Am Abend brachte er sie gewissenhaft zurück ins Dorf«können Sie hier lesen.

Näher kommt diesem Text die englische Version 

The Shepherd’s Boy and the Wolf (auch: The Story of the Boy Who Cried ‘Wolf)

A shepherd-boy, who watched a flock of sheep near a village, brought out the villagers three or four times by crying out, „Wolf! Wolf!“ and when his neighbors came to help him, laughed at them for their pains. The Wolf, however, did truly come at last. The Shepherd-boy, now really alarmed, shouted in an agony of terror: „Pray, do come and help me; the Wolf is killing the sheep“; but no one paid any heed to his cries, nor rendered any assistance. The Wolf, having no cause of fear, at his leisure lacerated or destroyed the whole flock.

There is no believing a liar, even when he speaks the truth.

Das Sprichwort als solches ist das erste Mal belegt bei Karl Simrock: Die deutschen Sprichwörter. Brönner 1846, Nr. 6674.

Montag, 11. April 2011

Wir alle zitieren – aus Not, aus Neigung und aus Freude daran


In meinem Post auf Juttas Schreibblog Warum die Verletzung des Urheber- und Zitatrechts kein Kavaliersdelikt ist schrieb ich, bevor ich mitbekam, dass jedes zweite Zitat, das ich in den Weiten des Netzes finde, falsch wiedergegeben und nicht belegt ist:
Wir alle blättern gern in Zitatensammlungen und stellen gern Zitate irgendwo ein. Nur: das kann viel Ärger mit sich bringen. Denn, wie Gabriel Laub so schön sagt: „Ein Zitat ist besser als ein Argument. Man kann damit in einem Streit die Oberhand gewinnen, ohne den Gegner überzeugt zu haben.“ Oder Ralph Waldo Emerson: „Wir alle zitieren – aus Not, aus Neigung und aus Freude daran. Der Wert der Sprüche liegt in ihrer Schönheit und in ihrer gleichen Angemessenheit für jedes Verständnis.“
In diesem einen Absatz sind schon zwei Fehler. Ob Gabriel Laub das gesagt hat, ist nicht belegt. Denn das Zitat wird auch Ludwig Marcuse zugeschrieben. Das andere Zitat stammt zwar von Emerson, aber so hat er das nicht gesagt. Das Originalzitat lautet:
By necessity, by proclivity, and by delight, we all quote. We quote not only books and proverbs, but arts, sciences, religion, customs, and laws; nay, we quote temples and houses, tables and chairs, by imitation. (Ralph Waldo Emerson, Quotation and Originality)
(In The Works of Ralph Waldo Emerson, Bd 1. Routledge 1913, S. 467)

„Der Wert der Sprüche liegt in ihrer Schönheit und in ihrer gleichen Angemessenheit für jedes Verständnis“ ist zwar gut gesagt, aber das gehört nicht zu dem Zitat, und leider habe ich dafür keine Quelle gefunden.

Ich habe den Absatz geändert. Der Blogeintrag beginnt nun mit den Worten:
Wir alle blättern gern in Zitatensammlungen und stellen gern Zitate irgendwo ein. Denn, wie Ralph Waldo Emerson in Quotation and Originality  so schön sagt: „Wir alle zitieren – aus Not, aus Neigung und aus Freude daran (By necessity, by proclivity, and by delight, we all quote).“ Nur: das kann viel Ärger mit sich bringen.

Sonntag, 10. April 2011

Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters


Wie wahr, wie wahr. Und deshalb sollten Autoren die Floskel schön vermeiden. Denn was sagt zum Beispiel „schöne“ Frau aus? Jeder Leser stellt sich etwas anderes darunter vor und überlegt, was der Autor wohl damit gemeint hat, statt weiterzulesen. – Aber das ist nicht Thema dieses Blogs.

Die Frage ist: Woher kommt dieses Sprichwort, oder ist es eine Redewendung oder gar ein Zitat?

Nun, der schöne Spruch

Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters
Beauty is in the eye of the beholder
La beauté est dans l'oeil de celui qui regarde
La bellezza sta negli occhi di chi guarda
Skönheten ligger i betraktarens ögon
La belleza está en el ojo de quien la contempla

ist ein Zitat. Aber von wem ist es?

Zwar werden Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Max Putzler (1915–1998) und der französische Maler Gustave Moreau (1826–1898) als Urheber genannt, aber ich habe dafür keine Quellen gefunden. Tatsächlich kommt es aus dem Englischen und wird Lew Wallace (1827–1905), dem Autor von Ben Hur, und Margaret Wolfe Hungerford (Pseudonym Duchess) (1855–1897) zugesprochen.

Bei Lew Wallace heißt es:
Do I not know beauty is altogether in the eye of the beholder, and that all persons do not see alike?
(In Lew Wallace: The Prince of India Or Why Constantinople Fell. The Echo Library 2005, S. 99)

und bei Margaret Wolfe Hungerford:
Certainly, “beauty is in the eye of the beholder.“ She is painfully ugly,’ says Miss Beauchamp. ‘Such feet, such hands and such a shocking complexion!’
(In Duchess: Airy fairy Lilian. Elibron Klassiks 2005, S. 26)

Die Idee dazu ist aber viel älter. William Shakespeare ((1564–1616) schreibt im 2. Akt, Szene 1 von Loves Labours Lost (Liebes Leid und Lust oder auch Verlorene Liebesmüh):
Good Lord Boyet, my beauty, though but mean, / Needs not the painted flourish of your praise: / Beauty is bought by iudgement of the eye, / Not uttred by base sale of chapmens tongues
Mein Lieber Lord Boyet, obwohl meine Schönheit nur durchschnittlich ist / benötigt sie nicht die Ausschmückung eures Lobgesangs, / denn Schönheit liegt im Auge des Betrachters / und muss nicht durch die Zunge des Hausierers angepriesen werden
und David Hume (1711–1776) in Of the Standard of Taste:
Beauty is no quality in things themselves: it exists merely in the mind which contemplates them.
(In David Hume: Essays and treatises on several subjects. London 1758, S. 136)

Auf einer Webseite las ich, dass der Spruch von den alten Griechen um 300 v. Chr. überliefert ist, und das denke ich auch. Aber einen Beleg dafür habe ich nicht gefunden.

Montag, 4. April 2011

Es gibt Sachen, die sind so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist.

Frage an die Zitatejägerin:
Ich bin auf der Suche nach einer korrekten Quellenangabe für das Zitat: „Es gibt Sachen (oder Dinge), die sind so falsch, dass nicht einmal das (absolute) Gegenteil wahr wäre.“
Das Zitat wird Karl Kraus zugeschrieben, aber ohne eine Quelle anzugeben, und manchmal ist der Wortlaut auch nicht der gleiche.
ZJ: Ich habe das Zitat in diversen Versionen gefunden, so zum Beispiel:
Es gibt Dinge, die sind so falsch, daß noch nicht einmal das absolute Gegenteil richtig ist.
Es gibt Sachen, die sind so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist.
Manche Dinge sind so falsch, dass nicht einmal das absolute Gegenteil richtig wäre. 
Manche Sachen sind so falsch, dass man nicht einmal ihr Gegenteil beweisen kann.
Manches ist so falsch, daß nicht einmal das Gegenteil davon richtig ist. 
Einmal wird Wolfgang Pohrt als Urheber genannt, und an anderer Stelle las ich „zitiert nach Karl Kraus“ bzw. dass jemand mit diesen Worten Karl Kraus sehr frei zitiert habe.Ich habe aber keinen Beleg dafür gefunden, dass Karl Kraus das überhaupt gesagt hat. Auch in der Fackel  ist es nicht aufgeführt.
 
Schon weil es so viele unterschiedliche Zitierweisen gibt, würde ich das Zitat nicht verwenden. Karl Kraus geht es im übrigen so wie Mark Twain: Im Zweifelsfalle werden sie als Autor angegeben …

Als ich jung war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste im Leben, und nun, da ich alt bin, weiß ich es.

(auch: „Als ich jung war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste im Leben. Jetzt, wo ich alt bin, weiß ich, dass es das Wichtigste ist“.)
Auf der Seite P.M. Besserwissen wurde die Frage gestellt, von wem das Zitat ist und wie es im englischen Original heißt.
Da jemand das Original nannte: „When I was young I thought that money was the most important thing in life; now that I am old I know that it is“ (in der deutschen Übersetzung: „Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das wichtigste im Leben. Heute, da ich alt bin, weiß ich: Es stimmt“) und Urheber und Quelle angab, nämlich Oscar Wilde im Bildnis des Dorian Gray (Das Bildnis des Dorian Gray, Kapitel 3 / Lord Fermor, Lord Henry http://de.wikiquote.org/wiki/Geld), dachte ich, überprüfe ich das mal, das geht sicher bei den konkreten Angaben schnell. Aber das war wieder einmal ein Irrtum. Das Zitat wird nämlich auch Thomas von Aquin zugeschrieben.
Wilde hat die Worte jedenfalls so nicht gesagt. Denn im Dorian Gray heißt es:
“Money, I suppose,” said Lord Fermor, making a wry face. “Well, sit down and tell me all about it. Young people, nowadays, imagine that money is everything.”
“Yes,” murmured Lord Henry, settling his buttonhole in his coat; “and when they grow older they know it.”
Es könnte also sein, dass Oscar Wilde Thomas von Aquins Zitat umgeschrieben hat. Die richtige Zitierweise wäre demnach: nach Oscar Wilde.

Dienstag, 29. März 2011

Wer hat das gesagt?

Gebildet ist, wer weiß, wo er findet, was er nicht weiß.
He is educated who knows how to find out what he doesn't know.
Celui qui est cultivé, c'est celui qui sait où trouver ce qu'il ne sait pas.
 
Antwort: Vermutlich stammt dieses Zitat aus China. Von Georg Simmel ist es jedenfalls nicht, denn er beruft sich selbst auf ein unbestimmtes "Man": 
Man hat mit Recht gesagt: gebildet ist, wer weiß, wo er findet, was er nicht weiß.
(In Georg Simmel: Postume Veröffentlichungen, Ungedrucktes, Schulpädagogik. Suhrkamp 2004, S. 355)
Korrekt ist also die Verfasserangabe nach Georg Simmel

Nachtrag: Auch diese Version ist nicht ganz korrekt. Wörtlich hat Simmel gesagt: 

"Denn man hat mit Recht gesagt: gebildet ist, wer weiß, wo er findet, was er nicht weiß."

Der Satz findet sich in dem folgenden Text:

Jeder Lehrstoff greift von sich aus schon über sich hinaus, er ist der Teil eines Ganzen, ja vieler Ganzen, in deren Zusammenhang er allein wirklich verstanden werden kann. Er ist umgeben von abgestuften Schichten immer weiterer Kenntnisse, die schließlich nur allgemeine Umrisse weitester Gebiete sind. Dieses Weitergreifen, dieser Überblick über das Gesamtgebiet muß gewonnen werden, wenn »Bildung« erreicht werden soll. Denn man hat mit Recht gesagt: gebildet ist, wer weiß, wo er findet, was er nicht weiß. Und dieser logisch-ideellen Erweiterung entspricht natürlich die Kraft und Lebendigkeit unserer geistigen Totalität. Dies hat noch eine greifbarere praktische Bedeutung: »Ich halte jede Organisation von vornherein für verfehlt, die dem reiferen Schüler nicht gestattet, neben seinen offiziellen Schularbeiten sich auch nach seiner Wahl wissenschaftlichen oder künstlerischen Beschäftigungen hinzugeben. Ja, ich möchte behaupten, daß es geradezu ein Wertmesser für die bildende Kraft – einer Schule ist, ob ihre Schüler der oberen Klassen aus freiem Antrieb sich in den Dienst irgendeiner von der Schule nicht geforderten Arbeit stellen« (Kerschensteiner).*
*(In Georg Kerschensteiner: Grundfragen der Schulorganisation. Teubner 1912, S. 255)
 

Samstag, 26. März 2011

Einstein, die möglichen Waffen im 4. Weltkrieg und das Bikini-Atoll


Heute morgen las ich dieses Zitat von Albert Einstein und dachte, fein, dazu findest du sicher schnell die Quelle und kannst es gleich in den Blog stellen:
Ich weiß nicht, mit was der 3. Weltkrieg ausgetragen wird. Aber beim 4. Weltkrieg werden sie mit Steinen und Stöcken kämpfen.
Und damit ging es los. Eine Quelle fand ich nicht, dafür aber diverse unterschiedliche Zitierungen. Abgesehen vom Wortlaut nahm Einstein an, dass sie mit Pfeil und Bogen, mit Stöcken, mit Steinen und Keulen, Keulen und Äxten oder nur mit Keulen oder gar Steinkeulen kämpfen werden.

Nun gut, dachte ich, die unterschiedlichen Zitierweisen liegen an der Übersetzung, und forschte nach dem Originalzitat. Aber auch das war nicht einfach. Es gibt nämlich auch im Englischen diverse Zitierweisen.

Bemerkenswert fand ich dieses Zitat, allerdings wurde es nur einmal genannt:
World war 1 and 2 were fought with guns and bombs, world war 3 will be fought with lazer guns and nuclear weapons, world war 4 will be fought with sticks and stones.
Die meist gebrauchte Zitierweise ist
I know not with what weapons World War III will be fought, but World War IV will be fought with sticks and stones.
Das mit den stick and stones – Stöcken und Steinen – fand ich in allen Zitaten. Damit war die Waffenart geklärt.

Nun suchte ich die Quelle. Zu dem genannten Zitat fand ich erst einmal nichts, jedoch eine für diese Version »I do not know the weapons with which World War III will be fought, but I can assure you that World War IV will be fought with sticks and stones« und zwar: »O. Nathan and H. Nordon: Einstein on Peace (New York, 1968), pp. 31–42«.

Beim weiteren Suchen merkte ich, dass die berühmten Worte Teil eines Interviews waren. Und zwar antwortete Einstein auf die Frage »With what weapons will World War III be fought?« »That I don't know. But World War IV will be fought with sticks and stones«. Oder ähnlich. Denn auch die Antwort wird unterschiedlich zitiert, unter anderem mit diesen Worten: »I know not with what weapons World War III will be fought, but World War IV will be fought with sticks and stones, indicating the end of civilization.«

Und schließlich fand ich auch die Quelle: »From an interview, “Einstein at Seventy” with Alfred Werner, Liberal Judaism 16 (April–May 1949), 12. Einsteins Archives 30–1104, p. 9 of typescript« und das offensichtlich korrekte Zitat:
I don't know. But I can tell you what they will use in the Fourth—Rocks!
Und nun ist von stick and stones gar nicht mehr die Rede …

– Es heißt auch, dass Einstein dem damaligen Präsidenten der USA, Harry S. Truman, im Zusammenhang mit der möglichen Entwicklung der Atombombe geschrieben habe: »I know not with what weapons World War III will be fought, but World War IV will be fought with sticks and stones.« Belegt ist das jedoch nicht. –

Ich freute mich also, Originalzitat mitsamt Quelle gefunden zu haben, zumal diese auch an anderer Stelle genannt wurden (doppelt hält bekanntermaßen besser), und wollte endlich das Zitat einstellen. Aber dann entdeckte ich im Yale Book of Quotations, dass das Zitat zwar Einstein zugeschrieben werde, dass jedoch der Historiker Preston William Slosson laut Washington Post vom 16. Juli 1948 gesagt habe: »World War IV will be fought with bows and arrows.«

Nun ist zwar auch einmal von Pfeil und Bogen die Rede, aber ich war ganz verwirrt. Denn andererseits wird Einstein auch schon im Jahr 1948 in The Rotarian mit den Worten aus dem Interview zitiert. Wie passt das mit dem Interview zu Einsteins 70. zusammen, wenn Einstein doch erst am 14. März 1949 70 Jahre alt wurde?

Also habe ich noch einmal recherchiert. Und siehe da, Slosson ist gar nicht der einzige, dem dieser Ausspruch zugesprochen wird: Auf der Seite von Quote Investigator fand ich unter der Überschrift: »The Futuristic Weapons of WW3 Are Unknown, But WW4 Will Be Fought With Stones and Spears [man beachte die neue Waffenart Steine und Speere] – Omar Bradley? Albert Einstein? Young Army Lieutenant? Walter Winchell? Joe Laitin? James W. Fulbright?« die Antwort: Zuallererst war es ein U.S. Army Lieutenant auf dem Bikini-Atoll, der diese Worte gesagt hatte. Und zwar antwortete er Reportern, die ihn fragten, welche Waffen im nächsten Krieg benutzt werden mit »I dunno, but in the war after the next war, sure as Hell, they’ll be using spears!« Einstein und andere haben seine Worte in unterschiedlichen Versionen in den Jahren danach nur zitiert. (Zum empfehlenswerten Nachlesen hier der Link: http://quoteinvestigator.com/2010/06/16/future-weapons/)

Tatsächlich war also im ursprünglichen Zitat nur von Speeren die Rede.

Jedenfalls war es nichts mit dem Schnell-mal-ein-Zitat-Einstellen … Aber das war auch gut so, denn ich hätte Einstein gar nicht zitieren dürfen, da er noch nicht 70 Jahre tot ist.

Ich würde generell abraten, das Zitat »Ich weiß nicht mit was der 3. Weltkrieg ausgetragen wird. Aber beim 4. Weltkrieg werden sie mit Steinen und Stöcken kämpfen« auf Websites und wo auch immer zu verwenden, weil es eindeutig falsch ist. Und weil der eigentliche Urheber ein namenloser Lieutenant auf dem Bikini-Atoll ist …

Dienstag, 8. März 2011

Wussten Sie eigentlich, dass …


… Luther gar nicht gesagt hat »Hier stehe ich, ich kann nicht anders«?

Nein? Ich auch nicht. Aber dann erfuhr ich, dass der Ausspruch auch Arminius (Hermann) dem Cherusker zugesprochen wird. Leider habe ich dafür keine Quelle gefunden. Doch dank eines Hinweises von Elisabeth Dägling, einem netten Mitglied der Zitategruppe bei Xing (durch das ich überhaupt erst erfahren hatte, dass die Redewendung nicht von Luther ist), sagten die beiden verfeindeten Cheruskerfürsten Arminius und Flavius über die Weser hinweg zueinander: »Hier stehe ich, ich konnte [kursiv jmw] nicht anders« (http://tinyurl.com/3ysuugt). Die Urheberschaft ist damit zwar nicht ganz geklärt und wird es auch nie werden. Aber ich bin's zufrieden.

Luthers Worte am Ende seiner Rede auf dem Reichstag 1521 in Worms lauten nämlich sollen gelautet haben:
Da Eure kaiserliche Majestät und Eure Herrlichkeiten eine schlichte Antwort begehren, so will ich eine solche ohne Hörner und Zähne geben diesermaßen: Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!
(Quelle: http://www.christliche-autoren.de/luther.html)
Erst in einem späteren Druck lauten die letzten Worte in Luthers Rede »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.« Weiterlesen

Nachtrag vom 27. 9. 2011:

Das ist so nicht richtig. Über Luthers Rede vor dem Reichstag ist nur berichtet worden, im Orginal liegt sie nicht vor. Tatsächlich findet sich der Satz unter der Überschrift Handelung des Ehrnwirdigen Vaters / D. Martini Luthers / heiliger gedechtnis / für Kei.Mai-Kur/Fürsten vnd Stenden / des H. Röm. Reichs auffm Reichstage zu Wormbs im Verzeichnis oder Register etlicher Schrifften des Ehrwirdigen und Hochgelarten Herrn Doctoris Lutheri seliger und groslöblicher gedechtnis vom 1517. jar bis in das 1532. Jar, welche in diesen neunden Teil gedruckt sind, aus dem Jahr 1557
… DArauff sagte D. Luther / Weil denn ewre Rei.Mai-Kur vnd F. G. eine schlechte / einfeltige / richtige Antwort begeren / So wil ich die geben / so weder Hörner oder Zeene haben sol / nemlich also / Es sey denn das ich mit Zeugnissen der heiligen Schrifft / oder mit öffentlichen klaren vnd hellen Gründen und Vrsachen vberwunden und vberweiset werde / (Denn ich gleube weder dem Bapst noch den Concilien alleine nicht / weil es am tage vnd offenbar ist / das sie offt geirret haben / vnd jnen selbs widerwertig gewesen seyn) vnd ich also mit den Sprüchen / die von mir angezogen und eingeführet sind / vberzeuget / vnd mein Gewissen in Gottes wort gefangen sey / So kan vnd wil ich nichts Widerruffen / Weil weder sicher noch geraten ist etwas wider das Gewissen zu thun. Hie stehe ich / Ich kan nicht anders / Gott helff mir / Amen. (S. 110)
Es sei denn, dass ich mit Zeugnissen der Heiligen Schrift oder mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und Ursachen überwunden und überwiesen werde – denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein nicht, weil es am Tage und offenbar ist, dass sie oft geirrt haben und sich selbst widerwärtig gewesen sind – und ich also mit den Sprüchen, die von mir angezogen und eingeführt sind, überzeugt, und mein Gewissen in Gottes Wort gefangen sei, so kann und will ich nichts widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen.
 Und weiter heißt es:
DIese Antwort des Doctors / namen die Kur/fürsten vnd Stende des Reichs an / zu beratschlagen. Nach vleissigem erwegen / fieng das Trierische Official an / dieselbe also zu widerlegen. …

(siehe auch http://juttas-zitateblog.blogspot.com/2011/03/wussten-sie-eigentlich-dass.html

Sonntag, 6. März 2011

Über das Zitat »Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen«


Aha. Da sollen so einige Menschen festgestellt haben, dass »das Leben zu kurz (ist), um Deutsch zu lernen«, nämlich Woody Allen, Susan N. Bayley, Mark Twain, Thomas Love Peacock, Richard Porson, Voltaire und Oscar Wilde.

Nur, wer hat das wirklich gesagt? Es war wohl Richard Porson (1759–1808). Allerdings habe ich dafür nur einen indirekten Beleg gefunden, und zwar in Thomas Carlyles Fraser's Magazine for Town and Country, Bd. 61, April 1860, S. 455, und in Gryll Grange von Thomas Love Peacock, Parker, Son, and Bourn, 1861:
It was a dictum of Porson, that "Life is too short to learn German:" meaning, I apprehend, not that it is too difficult to be acquired within the ordinary space of life, but that there is nothing in it to compensate for the portion of life bestowed on its acquirement, however little that may be. (S. 21)
– Womit zumindest bewiesen ist, dass Thomas Love Peacock (1785–1866) nicht der Urheber des Zitats ist. –

Wie es so schön heißt, werden Mark Twain (1835–1910) im Zweifelsfalle viele Zitate in den Mund gelegt, so auch dieses. Als Quelle wird sein Artikel The Awful German Language (Die schreckliche deutsche Sprache) genannt. Das liegt nahe, nur habe ich das Zitat dort nicht gefunden.

Oscar Wilde (1854–1900) wiederum soll auf eine Frage zum Deutsch lernen geantwortet haben: "Life is too short to learn German". Belegt ist das nicht. Ebensowenig bei Woddy Allen und Susan N. Bayley.

Interessanter ist da die Frage, ob Voltaire (1694–1778) gesagt hat "La vie est trop courte pour apprendre l'allemand". Aber auch dafür habe ich keinen Beleg gefunden. –

Fragt sich noch, wie das Zitat überhaupt gemeint ist. Für den Linguistikprofessor Porson ist sicher die deutsche Sprache so komplex, dass man ein Leben dafür braucht, um sie zu lernen. Für Twain und Wilde wäre eher das Leben zu schade, als es mit dem Erlernen der deutschen Sprache zu vergeuden …

(Weitere Übersetzungen des Zitats siehe hier und eine Diskussion über das Zitat (engl). hier)

Samstag, 5. März 2011

Kästner und die Steine – oder sind sie doch von Goethe oder von wem?

Wir lieben Zitate. Wir sammeln sie, erfreuen uns daran, finden Trost. Und manchmal benutzen wir Zitate, weil sie so praktisch sind. Für alle Lebenslagen sozusagen. Ungewohnt ist allerdings noch, dass Politiker ihre Reden oder Statements mit Zitaten würzen. Wenn sie das aber tun, sollten sie oder besser ihre Redenschreiber genau recherchieren, ob das Zitat richtig ist und ob es dem richtigen Urheber zugeordnet ist (und wenn ja, ob er überhaupt zitiert werden darf).
Ursula von der Leyen gebrauchte im Zusammenhang mit der Reform von Hartz IV und deren Kritikern ein Zitat von Goethe, wie sie sagte: „Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Ob es in dem Zusammenhang das richtige Zitat ist, sei dahingestellt. Fragt sich nur: Ist es wirklich von Goethe?
Ich wäre darauf gar nicht gekommen, hätte ich nicht neulich genau dieses Zitat getwittert, weil es zu meiner momentanen Stimmung so gut passte, und als Antwort bekam: „Wo hat Goethe das gesagt?“ Nun ja, das nahm ich nicht so ernst. Man twittert ja so manches. Schließlich wird er nicht alles und jedes aufgeschrieben haben. Ich erfuhr dann aber zufällig, dass das Zitat von Kästner stammen soll. Daraufhin bekam ich einen Schreck, denn Kästner darf man ja nun ganz und gar nicht zitieren (siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/search?q=k%C3%A4stner). Also googelte ich mal wieder ein bisschen. Und stellte fest, dass wohl niemand so recht weiß, wie das Zitat überhaupt heißt. Ich fand folgende Versionen (die Tippfehler habe ich mal außen vor gelassen), wobei auch die mit demselben Wortlaut Kästner beziehungsweise Goethe zugeschrieben wurden. Das heißt, „unbekannt“ stand auch einmal dabei. weiterlesen