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Samstag, 17. November 2012

Gertrude Stein und der schöpferische Geist des Jahrhunderts

Ein sehr selbstbewusstes Zitat von Gertrude Stein lautet:

Einstein war der schöpferische philosophische Geist des Jahrhunderts und ich bin der schöpferische literarische Geist des Jahrhunderts.

Auch:

Einstein war der schöpferische Geist der Philosophie des Jahrhunderts und ich war der schöpferische Geist der Literatur des Jahrhunderts.

 Einstein was the creative philosophic mind of the century and I have been the creative literary mind of the century

Aber hat sie das wirklich so gesagt? Leider ist der Satz unvollständig, außerdem ist er aus dem Zusammenhang gerissen. Denn tatsächlich sagte sie:
Die Malerei war im neunzehnten Jahrhundert französisch am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde sie Spanisch Spanisch in Frankreich aber noch Spanisch, und Philosophie und Literatur haben dieselbe Tendenz. Einstein war der schöpferische philosophische Geist des Jahrhunderts und ich bin der schöpferische literarische Geist des Jahrhunderts geworden, so wie sich das Orientalische mit dem Europäischen vermischt.

Painting in the nineteenth century was French at the end of the nineteenth century it had become Spanish Spanish in France but still Spanish, and philosophy and literature had the same tendency. Einstein was the creative philosophic mind of the century and I have been the creative literary mind of the century also with the Oriental mixing with the European.
(In Everybody’s Autobiography (Jedermanns Autobiographie). Exact Change 1993, S. 22)

Dienstag, 6. November 2012

Das Mittelmaß ist stets in Höchstform – von wem? Maugham, Beerbohm, Giraudoux, Paisset, Oscar Wilde oder Jean Todt?


Es ist ein Kreuz mit den Zitaten. Da wollte ich nur dieses Zitat von William Somerset Maugham einstellen:
Nur ein mittelmäßiger Literat ist immer in Höchstform,

Only a mediocre writer is always at his best,

Seul un écrivain médiocre est toujours à son meilleur niveau (auch Seuls les médiocres peuvent toujours donner le meilleur d'eux-mêmes und Seuls les médiocres sont toujours présents)

(In The Portable Dorothy Parker. Viking Press 1944; zitiert nach The Yale Book of Quotations. Yale University Press, 2006, S. 502),
und stellte fest, dass Max Beerbohm in der Saturday Review vom 5. 11. 1904 bereits etwas ähnliches gesagt hatte:
Nur dem Mittelmaß kann man vertrauen, dass es stets in Höchstform ist. Das Genie muss im Verhältnis zu seinem Erfolg immer verfallen.

Only mediocrity can be trusted to be always at its best. Genius must always have lapses proportionate to its triumphs.

(Zitiert nach The Yale Book of Quotations. Yale University Press 2006, S. 50; die Originalausgabe der Saturday Review ist noch nicht digitalisiert).
Okay, da hat der gute Maugham sich von Beerbohm inspirieren lassen. Beim weiteren Nachforschen fragte ich mich jedoch: Bei wem eigentlich? Denn Jean Giraudoux soll laut Wikiquote gesagt haben:
Seuls les médiocres sont toujours leur meilleur.

Only the mediocre are always at their best (auch The only people who are always at their best are invariably mediocre).
Nur dass die sonst so korrekte Wikiquote das Zitat als belegt betrachtet und als Quellennachweis angibt: „As quoted in The Beauty Principal (1984) by Victoria Principal, p. 117“, was eben kein Beleg ist.

Und so ärgerte ich mich mal wieder, dass ich im Französisch-Unterricht nicht richtig aufgepasst hatte, und versuchte mit Hilfe von Google-Übersetzer, das Originalzitat von Giraudoux samt Quellenangabe zu finden. Beides fand ich nicht. Dafür aber eine Version von Jean Todt (natürlich auch ohne Quelle – *Achtung OT* wäre ja auch ein Wunder, wenn irgendjemand mal korrekt zitieren würde. Sorry, aber langsam werde ich echt sauer. Wieviel Mühe und Zeit könnte ich mir sparen; ich könne Verlorene Liebe und Mitten im Leben gucken zum Beispiel, andererseits gäbe es dann dieses Blog nicht, und der macht mir sehr viel Spaß … *OT aus*):
Seuls les médiocres atteignent leur maximum (auch Seuls les médiocres n'y arrivent pas).
Ich fand auch noch die Version Seuls les médiocres sont à 100% mit der Urheberangabe Saisset. Ob damit Émile Saisset, Bernard Saisset oder ein ganz anderer Saisset gemeint ist, konnte ich nicht feststellen.

Da Maugham von 1874 bis 1965 lebte und Beerbohm von 1872 bis 1956, dieser aber seine weisen Worte bereits 1904 veröffentlicht hatte und Maugham erst 1944, ist anzunehmen, dass das Ursprungszitat von Beerbohm stammt. Giraudoux lebte zwar etwa um die gleiche Zeit (1882–1944), aber da es keine Quelle gibt, ist es so gut wie ausgeschlossen, dass er der Urheber ist. Ebenso bei der Verfasserangabe „Paisset“, aus der nicht hervorgeht, welcher Paisset damit gemeint ist. Jean Todt, der 1946 geboren wurde, ist es definitiv nicht.

(Siehe dazu auch http://harvardmagazine.com/2007/03/chapter-verse.html, May–June 2007, und http://cojcr.org/vol9no1/1-90.pdf)

Schließlich fand ich hier noch einen Ausspruch von Oscar Wilde:
Seuls les médiocres progressent
(in La Poésie des Socialistes; Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus; The Soul of Man under Socialism), aber weder im Englischen noch im Deutschen die entsprechende Übersetzung. Ich fand nur
Jeder Erfolg, den man erzielt, schafft uns einen Feind. Man muß mittelmäßig sein, wenn man beliebt sein will (auch Um populär zu bleiben, muß man mittelmäßig sein),

Every effect that one produces gives one an enemy. To be popular one must be a mediocrity,

Chaque fois qu’on produit un effet, on se donne un ennemi. Il faut rester médiocre pour être populaire,
doch dieses Zitat ist aus dem Bildnis des Dorian Gray (The Picture of Dorian Gray; Le portrait de Dorian Gray) S. 410 und hat mit dem Zitat, um das es hier geht, wohl nichts zu tun.

Freitag, 2. November 2012

Betrifft: William Faulkner

Das kann doch nicht wahr sein: Wegen der Verwendung des Zitats „Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen" (The past is never dead. It's not even past) von William Faulkner aus seinem Roman Requiem für eine Nonne (Requiem for a Nun) aus dem Jahr 1951 in Woody Allens Komödie Midnight in Paris reicht die Nachlassverwaltung Klage ein (mehr dazu siehe http://www.dradio.de/kulturnachrichten/201210270800/4)

Sonntag, 2. September 2012

„Der Unterschied zwischen Aufgewecktheit und Scharfsinn ist derselbe wie zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz“ – von wem?


Ein Zitat, angeblich von Mark Twain, lautet:
Einige verwechseln Aufgewecktheit mit Scharfsinn; der Unterschied zwischen Aufgewecktheit und Scharfsinn ist derselbe wie zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz.
(Übersetzung laut http://de.wikiquote.org/wiki/Scharfsinn)
Some folks mistake vivacity for wit; whereas the difference between vivacity and wit is the same as the difference between the lightning-bug and the lightning.
und als Quelle wird Albert Bigelow Paine: Mark Twain: A Biography, Chapter LXXXIII: Lecturing Days genannt (http://classiclit.about.com/library/bl-etexts/apaine/bl-apaine-mtwain-83.htm).

(zu dem Ausspruch "Der Unterschied zwischen dem beinahe richtigen Wort und dem richtigen Wort ist wirklich eine große Sache – es ist der Unterschied zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz" (The difference between the almost right word and the right word is really a large matter—’tis the difference between the lightning bug and the lightning) siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.de/2011/02/uber-mark-twains-gluhwurmchen-und.html

Tatsächlich aber schreibt Paine dort unter anderem über die ungewöhnliche Ausdrucksweise des US-amerikanischen Humoristen Josh Billings, der zu seiner Zeit beliebter war als Mark Twain:
An assumed illiteracy belonged with the side of life which he [Billings] presented; but it is pathetic now to consider some of the really masterly sayings of Josh Billings presented in that uncouth form which was regarded as a part of humor a generation ago. Even the aphorisms that were essentially humorous lose value in that degraded spelling.
"When a man starts down hill everything is greased for the occasion," could hardly be improved upon by distorted orthography, and here are a few more gems which have survived that deadly blight.
"Some folks mistake vivacity for wit; whereas the difference between vivacity and wit is the same as the difference between the lightning-bug and the lightning." (kursiv jmw)
"Don't take the bull by the horns-take him by the tail; then you can let go when you want to."
"The difficulty is not that we know so much, but that we know so much that isn’t so."
 Nur stimmt das so nicht ganz, denn Bilings Zitat lautet korrekt:
Don’t mistake vivacity for wit, thare iz about az much difference az thare iz between lightning and a lightning bug.
(In Josh Billings’ Old Farmer’s Allminax, January 1871  http://www.gutenberg.org/files/40191/40191-0.txt)
Mark Twain zitiert wiederum Paine in seiner Geschichte Frank Fuller and My First New York Lecture  (zu Frank Fuller siehe http://www.twainquotes.com/FullerRevisited.html
Another good fellow—good as ever was. He [Billings] too was a great card on the lecture platform in those days; and his quaint and pithy maxims were on everybody's tongue. He said "Some folks mistake vivacity for wit; whereas the difference between vivacity and wit is the same as the difference between the lightning-bug and the lightning." And he said, "Don't take the bull by the horns, take him by the tail, and then you can let go when you want to." Also he said, "The difficulty ain't that we know so much, but that we know so much that ain't so."
(http://online.wsj.com/article/SB123981266777021549.htm)
Das Zitat Some folks mistake vivacity for wit; whereas the difference between vivacity and wit is the same as the difference between the lightning-bug and the lightning ist also eine falsche Wiedergabe von Billings Worten durch Paine. Mark Twain jedenfalls hat es so nicht gesagt.

Montag, 20. August 2012

Jean Paul über das Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann


Einer der ersten Sprüche, die ich in meinen Tagebüchern notierte, lautete (und damit bin ich in illustrer Gesellschaft, denn auch Thomas Mann schrieb am 14. 5. 1888 diesen Spruch von Jean Paul in das Poesiealbum von  Johanna Bussenius, der Tochter des Leiters seines Gymnasiums, siehe hier und hier, allerdings wird das Zitat in beiden Büchern unterschiedlich zitiert):

„Erinnerungen sind  das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.“

Auch

Das Gedächtnis ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nie vertrieben werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht getrieben [sic] werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, daraus wir nicht vertrieben werden können!
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.
Erinnerung ist das Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.

Imagination is the only paradise from which we cannot be expelled.
Memories are the only paradise from which we cannot be expelled.
Memory is the only paradise from which we cannot be expelled
Our memory is the only paradise from which we cannot be expelled
Recollection is the only paradise from which we cannot be turned out.
Remembrance is the only paradise from which we cannot be expelled.
The memory is the only paradise from which we can not be expelled.
The memory is the only paradise from which we cannot be driven away.
The only Paradise from which we cannot be expelled is the Memory.

El recuerdo es el único paraíso del que no podemos ser expulsados.
La imaginación es el único paraíso del que no podemos ser expulsados.
La memoria es el único paraíso del que no podemos ser expulsados.

Und nun, etliche Jahre später und viele falsche Zitierweisen weiter, überlege ich, ob Jean Paul (nicht „unbekannt“, ein weiser Rabbi oder zugeschrieben und auch nicht von Blaise Pascal, Michael de Montaigne oder Novalis, die gern für gute Sprüche herhalten müssen, aber auch nicht von Dietrich Bonhoeffer,  der bei Traueranzeigen gern als Urheber genannt wird) es wirklich so gesagt hat. Die Antwort ist einmal mehr nein. Denn richtig lautet das Zitat, was vermutlich kaum einer weiß:
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können. Sogar die ersten Eltern waren nicht daraus zu bringen.
(Impromtü’s, welche ich künftig in Stammbücher schreiben werde. (1811.) 29. Erinnerung. In Jean Paul’s sämmtliche Werke. Reimer 1838, S. 159; als Quelle wird auch sein Roman Die unsichtbare Loge aus den Jahr 1793 genannt, ich habe es aber dort trotz der irgendwo angegebenen Quellenangabe „1, 13“ (= 1. Teil, 13. Sektor?) nicht gefunden. 

Nach anderen Versionen, unter anderem ebenfalls eine aus dem Jahr 1811, lautet es:
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können. Sogar die ersten Ältern waren nicht daraus zu vertreiben. (Zeitung für die elegante Welt Berlin, S. 1556)
Ob das auch eine Version Jean Pauls ist oder er nur falsch zitiert wurde, konnte ich leider nicht feststellen.

Die Version ohne den Zusatz mit den Eltern, also nur in der Form
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können, 
wurde, warum auch immer, zuerst 1812 im Cotta’schen Taschenbuch für Damen gedruckt. Vielleicht weil die Damen als Mütter so etwas nicht in Stammbücher oder Poesiealben schreiben würden. (Zitiert nach Karl Kraus Frühe Schriften: Erläuterungen. Suhrkamp 1988, S. 141)

– Kleines Schmankerl am Rande: In diesem Blatt ließ Goethe (O-TonDas ist eine heillose Manier, dieses Fragmente-Auftischen …“) mit den Worten „Beykommendes wünsche für den Damenkalender geeignet!“ zehn Jahre lang Ausschnitte aus  seinem Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre als Teil seiner Verkaufsstrategie(!) vorabdrucken (mehr dazu siehe  http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/goethe/wanderjahre_bunzel.pdf). –

Gar nicht auszumalen, wie viele Autoren so manche Zeilen gar nicht geschrieben hätten, weil sie sich mit Jean Pauls Worten auseinandersetzten, wenn allein die vollständige Version überliefert worden wäre …

Donnerstag, 28. Juni 2012

Aus der Rubrik „So haben sie es nicht gesagt“: Goethe zum Genie von Kindern

Ein hübsches Zitat von Johann Wolfgang von Goethe lautet

„Eigentlich wären alle Menschen Genies, wenn nicht in der Kindheit ihre Genialität verschüttet worden wäre.“

Nur fand ich dazu keine Quelle.

Stattdessen fand ich dieses belegte Zitat:

„Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies.“

If children continued to grow in line with what they first indicate, we would have nothing but geniuses.

Doch das Zitat ist unvollständig. denn Goethe schreibt weiter,
Aber das Wachstum ist nicht blos Entwicklung; die verschiednen organischen Systeme, die den Einen Menschen ausmachen, entspringen aus einander, folgen einander, verwandeln sich in einander, verdrängen einander, ja zehren einander auf, so daß von manchen Fähigkeiten, von manchen Kraftäußerungen, nach einer gewissen Zeit, kaum eine Spur mehr zu finden ist.
(In Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Cotta 1811, S. 156)
 But growth implies more than mere expansion: the various organic systems constituting the individual human being originate in  one another, follow one another, transform themselves into each other, displace one another, and even consume one another, so  that in time scarcely a trace remains of some abilities and some manifestations of strength.
(In Johann Wolfgang von Goethe: From My Life. Poetry and Truth. Suhrkamp 1987, S. 64
Und damit entspricht das erste Zitat eher dem, was Goethe gemeint hat, es ist also sozusagen frei nach Goethe.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Goethe und die Steine, die einem in den Weg gelegt werden – oder sind sie doch von Kästner oder von wem?


Wir lieben Zitate. Wir sammeln sie, erfreuen uns daran, finden Trost. Und manchmal benutzen wir Zitate, weil sie so praktisch sind. Für alle Lebenslagen sozusagen. Ungewohnt ist allerdings noch, dass Politiker ihre Reden oder Statements mit Zitaten würzen. Wenn sie das aber tun, sollten sie oder besser ihre Redenschreiber genau recherchieren, ob das Zitat richtig ist und ob es dem richtigen Urheber zugeordnet ist (und wenn ja, ob er überhaupt zitiert werden darf).

Ursula von der Leyen zitierte in einer Rede vor dem Bundestag im Zusammenhang mit der Reform von Hartz IV den „Spruch des Jahres“, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, von Goethe:
Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
Ob es in dem Zusammenhang das richtige Zitat ist, sei dahingestellt. Fragt sich nur: Ist es wirklich von ihm?

Ich wäre darauf gar nicht gekommen, hätte ich nicht neulich genau dieses Zitat getwittert, weil es zu meiner momentanen Stimmung so gut passte, und als Antwort bekam: „Wo hat Goethe das gesagt?“ Nun ja, das nahm ich nicht so ernst. Man twittert ja so manches. Schließlich wird er nicht alles und jedes aufgeschrieben haben. Ich erfuhr dann aber zufällig, dass das Zitat von Erich Kästner stammen soll. Daraufhin bekam ich einen Schreck, denn Kästner darf man ja nun ganz und gar nicht zitieren, weil das sehr, sehr teuer wird  (siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/search?q=k%C3%A4stner). Also googelte ich mal wieder ein bisschen. Und stellte fest, dass wohl niemand so recht weiß, wie das Zitat überhaupt heißt.

Ich fand folgende Versionen (die Tippfehler habe ich mal außen vor gelassen), wobei auch die mit demselben Wortlaut Kästner beziehungsweise Goethe zugeschrieben wurden. Das heißt, „unbekannt“ stand auch einmal dabei. Nun ja, damit macht man es sich immer am einfachsten.

    Auch aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus großen und schweren Steinen, die einem in dem Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die das Leben einem in den Weg legt, kann man was Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man schöne Dinge bauen.
    Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen
    Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du noch etwas bauen.
    Auch aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, lässt sich etwas Hübsches bauen.
    Auch aus Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, lässt sich SCHÖNES bauen.
    Auch mit Steinen, die dir im Weg liegen, kann man was Schönes bauen!
    Aus den Steinen, die einem im Weg liegen, kann man sich auch was Schönes bauen
    Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man auch etwas Schönes bauen.
    Aus Steinen, die im Weg liegen, kann man was Schönes bauen!
    Leg deinen Mitmenschen Steine in den Weg, sie mögen sich daraus etwas bauen!

Ich gestehe, nach so vielen unterschiedlichen Versionen gab ich auf.

Ein deutschsprachiger Urheber kann es nicht gewesen sein, denn so viele Versionen sprechen für eine Übersetzung der weisen Worte. Also habe ich es anders herum versucht und mit englischen Stichwörtern gegoogelt. Dabei fand ich diese Zitate:

    Even the stones that have been placed in one's path can be made into something beautiful.
    Even the stones in one's path can be made into something beautiful. 
    Even the stones placed in one's path can be made into something beautiful.

Und wer wurde als Urheber genannt? Genau. Mark Twain oder Bernhard Shaw, denen gern solche Worte in den Mund gelegt werden, waren es also auch nicht.

Jedenfalls fand ich noch „Du musst aus den Steinen, die man dir in den Weg legt, eine Brücke bauen“ von Konfuzius (beziehungsweise „Aus den Steinen, mit denen wir Mauern errichten, lassen sich auch Brücken bauen“, „Aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man sich manchmal eine lebensrettende Brücke bauen“ und „Aus den Steinen, mit denen wir Mauern errichten, lassen sich auch Brücken bauen“), „Wer Berge versetzen will, muss damit beginnen, viele kleine Steine abzutragen“ und die „persische Weisheit“: „Lege deinem Mitmenschen Hindernisse in den Weg. Soll er daran wachsen!“

Nun war ich endgültig verwirrt und wollte schon aufgeben, aber da stolperte ich über die Treppen. Denn Goethe soll auch gesagt haben: „Lege deinem Mitmenschen Steine in den Weg. Soll er sich daraus eine Treppe bauen“ (oder auch „Lege deinen Mitmenschen Steine in den Weg. Mögen sie sich doch daraus eine Treppe bauen“), Robert Lembke „Mit etwas Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen“ und nochmal Konfuzius: „Mit eigenem Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen.“

Was man alles so aus Steinen und mit Steinen machen kann …

Einer hat mal etwas Schlaues gesagt, sagen wir mal, Konfuzius. Goethe hat den Spruch gelesen und in eigene Wort gekleidet. Und dann war es wie mit der stillen Post: Jemand hat die Worte aufgegriffen und weitergegeben und der hat es wieder weitergegeben und so weiter und so fort, und dabei wurde mal ein Wort geändert, mal ein Wort hinzugefügt. Wie das so ist. Und irgendwann hat man vergessen, wer sie als erster gesagt hatte. Und nennt, da Goethe schließlich immer so schlaue Sachen gesagt hat, ihn als Urheber.

Lange Rede kurzer Sinn: Auch dieses Zitat ist ein Beispiel dafür, dass man nicht blindlings Sprüche aus dem Internet kopieren sollte, jedenfalls nicht aus irgendwelchen Zitatensammlungen. Am besten sind immer die Originalquellen.

Freitag, 8. Juni 2012

Oscar Wilde über Träumer, das Mondlicht und die Morgendämmerung


Dieses Zitat von Oscar Wilde klingt sehr poetisch, nur leider fehlen die wichtigsten Worte:

»Ja, ich bin ein Träumer ... denn nur Träumer finden ihren Weg durchs Mondlicht und erleben die Morgendämmerung, bevor die Welt erwacht.«

(oder auch weniger poetisch: »Ein Träumer ist jemand, der seinen Weg im Mondlicht findet und die Morgendämmerung vor dem Rest der Welt sieht.«)

Tatsächlich hat Oscar Wilde gesagt*:
Yes: I am a dreamer. For a dreamer is one who can only find his way by moonlight, and his punishment is that he sees the dawn before the rest of the world.
(In The Critic as Artist: With Some Remarks Upon The Importance of Doing Nothing. An Essay by Oscar Wilde http://www.readbookonline.net/readOnLine/480/)
Die einzige offizielle Übersetzung, die ich fand, ist:
Ja, ich bin ein Träumer. Denn ein Träumer ist, wer seinen Weg nur im Mondschein finden kann, und seine Strafe ist, daß er vor der übrigen Welt den Tag grauen sieht.
(In Zwei Gespräche von der Kunst und vom Leben. Insel-Verlag, 1907, S. 158)
Aber da das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen ist – Oscar Wilde spricht nicht vom Träumer, der für seine Träume bestraft wird, sondern es geht ihm um Kunst und Kritik – hier die betreffende Passage:

ERNEST. Heute nacht hast du mir viele seltsame Dinge erzählt, Gilbert. Du sagtest, es sei schwerer, über etwas zu reden als es zu tun, und nichts zu tun sei das allerschwierigste auf der Welt; du sagtest, alle Kunst sei unmoralisch und alles Denken gefährlich; die Kritik sei schöpferischer als die Schöpfung, und die höchste Kritik nennst du jene, die im Kunstwerk offenbart, was der Künstler nicht hineingelegt hat; gerade weil er etwas nicht zu schaffen versteht, könne er es angemessen beurteilen; und der echte Kritiker sei ungerecht, unaufrichtig und nicht rational. Mein Freund, du bist ein Träumer.

GILBERT. Ja, ich bin ein Träumer. Denn ein Träumer ist einer, der seinen Weg nur beim Mondlicht findet, und seine Strafe ist, dass er den Morgen vor der übrigen Welt dämmern sieht.

ERNEST. Seine Strafe?

GILBERT. Und sein Lohn. Doch siehe, es dämmert schon. Zieh die Vorhänge zurück und öffne die Fenster weit. Wie kühl die Morgenluft ist! Piccadilly liegt uns zu Füßen wie ein langes Silberband. Über dem Park hängt ein leichter Purpurnebel, und die Schatten der weißen Häuser sind purpurgetönt. Es ist zu spät zum Schlafen. Lass uns nach Covent Garden gehen und nach den Rosen schauen. Komm! Ich bin des Denkens müde.

(Der Kritiker als Künstler: Mit einigen Anmerkungen über den Wert des Nichtstuns. Ein Dialog, Teil II. http://www.besuche-oscar-wilde.de/werke/deutsch/essays/der_kritiker_2.htm)

ERNEST. You have told me many strange things to-night, Gilbert. You have told me that it is more difficult to talk about a thing than to do it, and that to do nothing at all is the most difficult thing in the world; you have told me that all Art is immoral, and all thought dangerous; that criticism is more creative than creation, and that the highest criticism is that which reveals in the work of Art what the artist had not put there; that it is exactly because a man cannot do a thing that he is the proper judge of it; and that the true critic is unfair, insincere, and not rational. My friend, you are a dreamer.

GILBERT. Yes: I am a dreamer. For a dreamer is one who can only find his way by moonlight, and his punishment is that he sees the dawn before the rest of the world.

ERNEST. His punishment?

GILBERT. And his reward. But, see, it is dawn already. Draw back the curtains and open the windows wide. How cool the morning air is! Piccadilly lies at our feet like a long riband of silver. A faint purple mist hangs over the Park, and the shadows of the white houses are purple. It is too late to sleep. Let us go down to Covent Garden and look at the roses. Come! I am tired of thought.

(The Critic as Artist: With Some Remarks Upon The Importance of Doing Nothing. An Essay by Oscar Wilde http://www.readbookonline.net/readOnLine/480/)

*nein, es wird ihm nicht zugeschrieben, wie auf einer Zitatenseite behauptet wird. So etwas sollten solche Seiten heutzutage nicht mehr behaupten, wo es nur ein paar Klicks bis zum Originalzitat sind. Es wirkt jedenfalls nicht seriös.

Samstag, 28. Januar 2012

George Eliot über Anfänge, Schlüsse und Schwachstellen der Autoren

George Eliot wird im Englischen mit Worten zitiert, die sie so gar nicht gesagt hat. – Merkwürdigerweise sind sie im deutschsprachigen Raum unbekannt. Dabei wird doch aus allem Mi… äh Möglichen ein Zitat gemacht. – Und da ich nun mal darauf gestoßen bin, möchte ich das falsche englische Zitat hier richtigstellen:

„Beginnings are always troublesome and conclusions are the weak point of most authors but some of the fault lies in the very nature of a conclusion, which is at best a negation.“

Der Anfang ist immer lästig, und Schlüsse sind die Schwachstellen der meisten Autoren, aber die Schuld liegt zum Teil gerade in der Natur eines Schlusses, der im besten Falle eine Verneinung ist.

Nur wurde dieses Zitat aus zwei Briefen George Eliots zusammengesetzt. „Beginnings are always troublesome“ stammt aus einem Brief an Sara Hennell vom 15. August 1859 und „conclusions are the weak point of most authors (…)“ aus einem Brief an John Blackwood vom 1. Mai 1857 (Quelle: The Writings of George Eliot, S. 145 und S. 44)

Es sind also zwei Zitate:

„Beginnings are always troublesome“,

und

„Conclusions are the weak point of most authors but some of the fault lies in the very nature of a conclusion, which is at best a negation.“

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Galileis Zitat über die Sprache des Buches der Natur + Google-Suche-Tipp


Ein bekanntes Zitat von Galileo Galilei lautet:

„Das Buch der Natur ist mit mathematischen Symbolen geschrieben“ oder auch

„Die Natur spricht die Sprache der Mathematik: die Buchstaben dieser Sprache sind Dreiecke, Kreise und andere mathematische Figuren.“

Aber beides gibt Galileis Worte nur sehr verkürzt wieder. Genau schreibt er:
La filosofia è scritta in questo grandissimo libro, che continuamente ci sta aperto innanzi agli occhi (io dico l'universo), ma non si può intendere, se prima non s'impara a intender la lingua e conoscer i caratteri, nei quali è scritto. Egli è scritto in lingua matematica, e i caratteri son triangoli, cerchi, ed altre figure geometriche, senza i quali mezzi è impossibile intenderne umanamente parola; questi è un aggirarsi vanamente per un oscuro laberinto.
(Galileo Galilei: Il Saggiatore [Prüfer (mit der Goldwaage); The Assayer]. In Opere di Galileo Galilei, Bd. 2. Bettoni 1832, S. 13)
Die Philosophie ist in diesem großartigen Buch geschrieben, das vor unseren Augen immer offen steht (ich meine das Universum), das man aber nicht begreifen kann, wenn man nicht zuerst lernt, die Sprache zu verstehen und die Buchstaben zu erkennen, in denen es geschrieben ist. Es ist in mathematischer Sprache geschrieben, und seine Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren; ohne diese Mittel ist es den Menschen unmöglich, ein einziges Wort zu verstehen; eine vergebliche Wanderung durch ein dunkles Labyrinth. (eigene Übersetzung)
Philosophy is written in this vast book, which continuously lies open before our eyes (I mean the universe). But it cannot be understood unless you have first learned to understand the language and recognise the characters in which it is written. It is written in the language of mathematics, and the characters are triangles, circles, and other geometrical figures. Without such means, it is impossible for us humans to understand a word of it, and to be without them is to wander around in vain through a dark labyrinth.
http://www.philosophy.leeds.ac.uk/GMR/hmp/texts/modern/galileo/assayer.html
Galilei hat die Worte von der Sprache der Mathematik aber noch an anderer Stelle gebraucht, wohl weil sie ihm gefielen, so hier und hier.

Auf http://www.rossaepfel-theorie.de/Quellen_1.htm#Das_Buch_der_Natur wird ausführlich die Recherche nach dem Originaltext beschrieben, allerdings war das 2005, als Google noch nicht so viele Bücher digitalisiert hatte. Danach wurde mit englischen Begriffen gesucht, was ziemlich umständlich war, bis der Originaltext gefunden war. Deshalb werde ich mal aus dem Nähkästchen plaudern und  einen meiner Google-Suche-Tricks am Beispiel dieses Zitats geben.

Zuerst gab ich den Text ohne Anführungszeichen ein, fand jedoch keine Quelle, dafür das Zitat ausführlicher. Ich übersetzte es mit Google-Übersetzer ins Italienische, da ich wusste, dass Galilei in dieser Sprache geschrieben hat* (ich hatte mal dessen sämtliche Werke in Deutsch, Englisch und Italienisch digitalisiert). Die Übersetzung gab ich ohne Artikel und wiederkehrende Wörter bei Google-Büchersuche ein (an dieser Stele mal ein dickes Lob für diese Möglichkeit, ohne sie wäre ich aufgeschmissen), weil man bei der normalen Suche äußerst selten eine Quelle findet. Und siehe da, ich fand den originalen Wortlaut, freundlicherweise gleich mit der deutschen Übersetzung, in diesem Buch. Ich gab wieder bei Google-Büchersuche die ersten Worte des Textes ein, dieses Mal mit Gänsefüßchen, überflog die Suchergebnisse nach der Verfasserangabe „Galilei“ und fand die Quelle. Das waren genau 4 Klicks. Allerdings dauert die Suche länger, weil ich immer wieder auf spannenden Seiten lande, die ich erst einmal studieren muss …

Auf Tinas–Tohuwabohu-Blog werden die besten Suchbefehle bei Google aufgeführt, allerdings verwende ich sie beim Suchen außer dem „-“, das Wörter ausschließt, nie, weil mir das zu kompliziert ist, und finde trotzdem fast alles. Auch die erweiterte Suche verwende ich so gut wie gar nicht.

*Galilei hatte seine Werke bewusst in italienischer Sprache verfasst und nicht in der Gelehrtensprache Latein, weil er wollte, dass ihn auch die breite Masse lesen kann.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

„Niemand ist eine Insel“ – Allgemeingut oder was?

Spätestens seit Johann Mario Simmels gleichnamigem Buch kennt jeder den Spruch:

„Niemand ist eine Insel“

oder auch 

„Keiner ist eine Insel“,

„Kein Mensch ist eine Insel“

Überhaupt wird der Spruch häufig als Titel verwandt, weil er so zum Allgemeingut geworden ist, dass niemand sich fragt, wer ihn überhaupt geprägt oder ob ihn überhaupt jemand geprägt hat.

Simmel und Jon Bon Jovi sind es jedenfalls nicht, auch wenn Jon ihn in dem Film „About A Boy oder: Der Tag der toten Ente“ mehrfach als Metapher gebraucht:
„Niemand ist eine Insel.“ – „Ja, da hat sie vollkommen Recht.“ – „Ja, vollkommen.“ – „Nein! Hat sie nicht! Es gibt Leute, die sind Inseln! Ich bin eine! Ich bin Ibiza, verdammt noch mal!“
Meiner Meinung nach lebt jeder für sich allein. Und im übrigen finde ich, ist das die einzige Lebensform. Wir leben in einem Inselzeitalter. Vor 100 Jahren musste man sich auf andere Menschen verlassen können. Da hatte keiner n Fernseher, CDs, DVD oder Videos, geschweige denn ne Expresso-Maschine zuhause. Man hatte überhaupt nichts was cool war. Wo hingegen man sich heute ein kleines Inselparadies schaffen kann und mit der richtigen Ausstattung und was viel wichtiger ist, mit der richtigen Einstellung erscheint man sonnig und tropisch und ist geradezu ein Magnet für junge schwedische Touristinnen.
Jeder Mensch ist eine Insel. Und dazu steh ich – aber, zweifelsohne gehören manche Menschen zu Inselketten. Unter der Meeresoberfläche sind sie eindeutig miteinander verbunden.
(Quelle http://177961.homepagemodules.de/t204f23-About-A-Boy-oder-Der-Tag-der-toten-Ente.html)
Auch Simone Rethel hat ihn nicht geprägt (siehe Ge(h)danke, S. 246).

Wer Hemingways Buch „Wem die Stunde schlägt“ gelesen hat, weiß allerdings, von wem der Spruch stammt, weil er ihn als Motto dem Roman vorangestellt hat: von dem englischen Kleriker und Dichter John Donne (1572–1631), und er weiß, woher Hemingway den Titel hat: aus dem gleichen Zitat.
No man is an island entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main. If a clod be washed away by the sea, Europe is the less, as well as if a promontory were, as well as in a  manor of thy friend’s or of thine own were: any man's death diminishes me, because I am involved in mankind, and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee. 
Niemand ist eine Insel ganz für sich allein. Jedermann ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des festen Landes. Wäscht das Meer eine Scholle fort, wird ganz Europa ärmer, so, als ob eine Landzunge verschlungen würde oder ein Schloss, das deinen Freunden gehört oder dir selbst. Jedermanns Tod macht mich ärmer, denn ich bin hineinverstrickt in die Menschenwelt. Und deshalb verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt. Sie schlägt immer für dich. (Übersetzung Johannes Mario Simmel. In Zweiundzwanzig Zentimeter Zärtlichkeit und andere Geschichten. Droemer Knaur 1979, S. 217, und in einem anderen Zusammenhang in Begegnung im Nebel: Erzählungen. Droemer Knaur1996, S. 60)
Entnommen ist dieses Zitat Donnes berühmter Meditation über „Nunc lento sonitu dicunt, morieris: Now, this bell tolling softly for another, saies to me, Thou must die“ (Nun, da diese Glocke sanft für einen anderen schlägt, sagt sie mir, auch Du wirst sterben).
Perchance he for whom this bell tolls, may be so ill, as that he knowes not it tolls for him; and perchance I may think myself so much better than I am, as that they who are about me, and see my state, may have caused it to toll for me, and I know not that. The church is Catholik, universal, so are all her actions; all that she does, belongs to all. When she baptizes a child, that action concernes me; for that child is thereby connected to that Head which is my Head too, and engraffed into that body, whereof I am a member. And when she buries a man, that action concernes me: all mankind is of one Author, and is one volume; when one man dies, one chapter is not torn out of the book, but translated into a better language; and every chapter must be so translated; God emploies several translators; some pieces are translated by age, some by sicknesse, some by war, some by justice; but God’s hand is in every translation; and his hand shall bind up all our scattered leaves again for that library where every book shall lie open to one another. As therefore the bell that rings to a sermon calls not upon the preacher only, but upon the congregation to come; so this bell calls us al'; but how much more me, who am brought so near the door by this sickness. There was a contention as far as a suit (in which both piety and dignity, religion and estimation, were mingled), which of the religious orders should ring to prayers first in the morning; and it was determined, that they should ring first that rose earliest. If we understand aright the dignity of this bell that tolls for our evening prayer, we would be glad to make it ours by rising early, in that application, that it might be ours, as well as his, whose indeed it is. The bell doth toll for him that thinks it doth; and though it intermit againe, yet from that minute, that that occasion wrought upon him, he is united to God. Who casts not up his eye to the sun when it rises? but who takes off his eye from a comet when that breakes out? Who bends not his ear to any bell, which upon any occasion rings? but who can remove it from that bell, which is passing a piece of himself out of this world? No man is an island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main. If a clod be washed away by the sea, Europe is the less, as well as if a promontory were, as well as if a manor of thy friend’s or of thine owne were: any man’s death diminishes me, because I am involved in mankind; and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee. Neither can we call this a begging of misery or a borrowing of misery, as though we were not miserable enough of ourselves, but must fetch in more from the next house, in taking upon us the misery of our neighbours. Truly it were an excusable covetousness if we did; for affliction is a treasure, and scarce any man hath enough of it. No man hath affliction enough that is not matured and ripened by it, and made fit for God by that affliction. If a man carry treasure in bullion, or in a wedge of gold, and have none coined into currant money, his treasure will not defray him as he travells. Tribulation is treasure in the nature of it, but it is not current money in the use of it, except we get nearer and nearer our home, heaven, by it. Another man may be sick too, and sick to death, and this affliction may lie in his bowels, as gold in a mine, and be of no use to him; but this bell, that tells me of his affliction, digs out and applies that gold to me: if by this consideration of another’s danger, I take mine own into contemplation, and so secure myself, by making my recourse to my God, who is our only securitie.
(XVII. Meditation. In Devotions Upon Emergent Occasions: Together with Death's Duel. The Echo Library 2008, S. 97 f.)

Montag, 26. September 2011

Vincent van Gogh darüber, dass es ebenso schwer ist, etwas gut zu sagen, wie es gut zu malen (und ein Linktipp)


"Es ist ebenso interessant und schwer, etwas gut zu sagen, wie es gut zu malen ist", schrieb Vincent van Gogh an seine Schwester Emile Bernard am 19. 4. 1888.

Tatsächlich hat er geschrieben:

"Il y a tant de gens surtout dans les copains qui s’imaginent que les paroles ne sont rien. Au contraire n’est ce pas, c’est aussi intéressant & aussi difficile de bien dire une chôse que de peindre une chôse. Il y a l’art des lignes & couleurs mais l’art des paroles y est et y restera pas moins."
(Faksimile des Briefes siehe http://vangoghletters.org/vg/letters/let599/letter.html; ein Linktipp: Auf http://vangoghletters.org/vg/letters.html gibt es alle Briefe von Vincent van Gogh mit englischer Übersetzung und Faksimile)

"There are so many people, especially among our pals, who imagine that words are nothing. On the contrary, don’t you think, it’s as interesting and as difficult to say a thing well as to paint a thing. There’s the art of lines and colours, but there’s the art of words that will last just the same."
(http://vangoghletters.org/vg/letters/let599/letter.html)

"Er zijn zoveel mensen, vooral onder onze vrienden, die denken dat woorden niets voorstellen. Integendeel, nietwaar, het is even interessant en even moeilijk om iets goed te zeggen als om iets te schilderen."
(http://www.vangoghmuseum.nl/vgm/index.jsp?page=161662; eine vollständige Übersetzung des Briefes ins Niederländische habe ich nicht gefunden)

"Es gibt so viele Menschen, vor allem unter unseren Freunden, die denken, dass Worte nichts bedeuten. Im Gegenteil, nicht wahr, ist es ebenso interessant wie schwierig, etwas gut zu sagen wie gut zu malen. Es gibt die Kunst der Linien und Farben, aber auch die Kunst der Worte, die keineswegs geringer ist."

Als Urheber wird auch Jaques Lacan genannt. Näheres dazu habe ich jedoch nicht gefunden.

Sonntag, 25. September 2011

Hemingway über die schwerste Sache der Welt

Ernest Hemingway schrieb einst:

„Die schwerste Sache in der Welt ist gute Prosa über Menschen zu schreiben*. Man muß seine Sache kennen, und man muß wissen, wie geschrieben wird. Es dauert ein Leben, das zu lernen ...“
 
“The hardest thing in the world to do is to write straight honest prose on human beings. First you have to know the subject; then you have to know how to write. Both take a lifetime to learn …"
(In By-Line: Ernest Hemingway. Scribner 1967, S. 183)

Allerdings finde ich die deutsche Übersetzung nicht ganz gelungen. Sie müsste lauten:

„Das Schwerste in der Welt ist, ehrliche Prosa über Menschen zu schreiben. Zuerst musst man das Thema beherrschen, dann muss man wissen, wie man schreibt. Um beides zu lernen, braucht man ein ganzes Leben …“

Und ich bin mir noch nicht mal sicher, ob nicht mit „subject“ die Person meint.

Eine ähnliche Übersetzung habe ich bei Curt Riess gefunden:
Das Schwerste in der Welt ist, ehrliche Prosa über Menschen zu schreiben. Man muß ein Thema beherrschen, man muß schreiben können, und um beides zu erlernen, braucht man ein ganzes Leben … (Bestseller, S. 333
*Meist wird Hemingway mit den Worten zitiert: „… Prosa über Menschen schreiben“. Und ich muss gestehen, dass ich selbst diese falsche Zitierung in mein Blog übernommen hatte …

Freitag, 23. September 2011

Karl Kraus über Wörter, die man sich näher anschaut

Zu Karl Kraus' Zitat

„Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück“

"The closer the look one takes at a word, the greater the distance from which it looks back." 

siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2010/09/zitat-des-tages_03.html

Dienstag, 20. September 2011

Carpe diem


Das bekannteste Zitat überhaupt ist wohl das „Carpe diem“ von Horaz aus dessen Ode an Leuconoe

Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi
Finem Dì dederint, Leuconoe, nec Babylonios
Tentaris numeros. Ut melius, quidquid erit, pati!
Seu plures hìemes, seu tribuet Iupiter ultimam,
Quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum; sapias, vina liques, et spatio breui
Spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
Aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.
(In Quintus Horatii Flacci Opera, 1829, S. 13)

Niemals forsche du nach — Frevel ja wär's — welches der Tage Ziel
Mir die Götter gesetzt, welches dir selbst, noch babylonische
Zahlenkünste versucht! Besser führwahr dulden wir jedes Loos!
Ob noch Winter hinfort Jupiter schenkt, ob es der letzte sei,
Der durch Felsenklipp jetzo die Wuth schwächet Wuth schwächt der tyrrhenischen
Meeresfluth. Zeige dich klug, läutere Wein, setze bei kurzen Frist
Langer Hoffnung ein Ziel. Neidisch entflieht, während wir sprechen, die
Jugend: hasche den Tag, wenig Vertrau’n schenke dem morgenden!
(In Quintus Horatius Flaccus Werke. Deutsch … von Dr. Wilhelm Binder. 5. Aufl. Krais und Hoffmann 1861, S. 12)

Seek not, Leuconoë — 'tis forbid to know —
On me, and you what end the gods bestow;
No more for Babylonian numbers care; But what the Fates decree with patience bear!
If Jove more winters grant, or now the last
Embroil the rocks and wafes with Tuscan blast.
Be wise: — rack off your wines, while yet you can,
Restraining hope to life’s contracted span.
Even now what speed the envious seasons borrow!
Seize on to-day; — nor trust the uncertain morrow.
(In The Odes of Horace, translated by John Scriven. Pickering 1843, S. 21)

Natürlich darf eine Parodie von Christian Morgenstern nicht fehlen …

Laß das Fragen doch sein! Sorg dich doch nicht über den Tag hinaus!
Martha! Geh nicht mehr hin, bitte, zu der dummen Zigeunerin!
Nimm dein Los, wie es fällt! Lieber Gott, ob dies Jahr das letzte ist,
das beisammen uns sieht, oder ob wir alt wie Methusalem
werden: sieh’s doch nur ein: das, lieber Schatz, steht nicht in unsrer Macht.
Amüsier dich, und laß Wein und Konfekt schmecken dir wie bisher!
Seufzen macht mich nervös. Nun aber Schluß! All das ist Zeitverlust!
Küssen Sie mich, mon amie! Heute ist heut! Après nous le déluge!
(In Christian Morgenstern: Horatius travestitus: ein Studentenscherz. Schuster & Loeffler 1897; zitiert nach http://12koerbe.de/pan/horaz.htm#I,11)

Eigentlich heißt Carpe diem „Pflücke den Tag“ (von lat. carpio = (dicht.) pflücken, dies = Tag) , aber naturgemäß gibt es auch andere Übersetzungen, und jeder Leser möge sich die heraussuchen, die ihm am besten gefällt:

Fröhlich pflücke das »Heut«, trau’ nicht auf das, was Dir ein »Morgen« bringt.
(Die Oden des Quintus Horatius Flaccus: Deutsch im Versmaße des Originals, 1866, S. 20)

Pflücke den Tag, auf den folgenden vertraue so wenig leichtgläubig wie möglich. (http://www.latein-lk.de/Texte/Horaz/ode_1_11.htm)

Pflücke dir den Tag, und glaube so wenig wie möglich an den nächsten! (http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/C)

Genieße den Augenblick und verlaß dich so wenig wie möglich auf den folgenden.
(http://members.aon.at/latein/Horaz1.htm)

Genieße den Tag, möglichst wenig leichtgläubig gegenüber dem folgenden! (http://de.wikipedia.org/wiki/Carpe_diem)

Schenk dem kommenden Tag nimmer Vertraun, koste den Augenblick! (http://gutenberg.spiegel.de/buch/5541/1)

Oder frei übersetzt in Friedrich von Schillers Macbeth:
Nicht in die ferne Zeit verliere dich! / Den Augenblick ergreife! Der ist dein.
(F. v. Schillers sämmtliche Werke, 1816, S. 239)
(Für alle, die es noch genauer wissen möchten: auf http://www.albertmartin.de/latein/forum/?view=6511 gibt es eine Diskussion über die korrekte Übersetzung des Zitats)

– Die Übersetzung „Nutze den Tag, koste den Augenblick“ ist allerdings doppeltgemoppelt. –

Und dann gibt es natürlich auch noch die Kurzformen: „Nutze den Tag“ und „Nutze die Zeit“.

Wie auch immer: Leider ist das Carpe diem inzwischen zu einer Phrase geworden, weil zu oft verwendet und gelesen.

(Siehe auch http://juttas-schreibblog.blogspot.de/2012/08/carpe-diem.html und zu Martin Opitz' Gedicht Carpe diem http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2011/09/uber-martin-opitz-gedicht-carpe-diem.html)

Dienstag, 9. August 2011

Über Mark Twains Glühwürmchen und Blitze

Wer kennt nicht Mark Twains Ausspruch »Der Unterschied zwischen dem beinahe richtigen Wort und dem richtigen Wort ist wirklich eine große Sache – es ist der Unterschied zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz.«* (besser bekannt unter »Der Unterschied zwischen dem beinahe richtigen Wort und dem richtigen Wort ist so groß wie der zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz«, siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/02/zitat-des-tages.html)?

Twain gefiel der Glühwürmchen-/Blitz-Vergleich so gut, dass er ihn in verschiedenen Zusammenhängen gebrauchte, so auch in diesem Zitat:

»Einige verwechseln Aufgewecktheit mit Scharfsinn; der Unterschied zwischen Aufgewecktheit und Scharfsinn ist derselbe wie zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz.«
Some folks mistake vivacity for wit; whereas the difference between vivacity and wit is the same as the difference between the lightning-bug and the lightning. (Albert Bigelow Paine: Mark Twain A Biography, Vol. I and II) weiterlesen

Mittwoch, 3. August 2011

Neues aus der Rubrik „So haben sie es nicht gesagt“: Milton über den Unterschied von Plagiat und Forschung

Ein beliebter Spruch in diesen Zeiten von John Milton (1608–1674) lautet:

„Aus einem Text zu kopieren, nennt man Plagiat. Aus zweien zu kopieren, nennt man Forschung“ (auch mit dem Zusatz: „Wenig ist so, wie es scheint“)
auch:
„Aus einem Buch abschreiben ist ein Plagiat, beim zweiten beginnt die Forschung.“
„Die Idee einer Person zu klauen, nennt man Plagiat. Die Ideen vieler zu klauen, nennt man Recherche.“

„Copy from one, it’s plagiarism; copy from two, it’s research.“
„If you steal from one person it’s plagiarism, if you steal from several it’s called research.“
„Stealing from one person is plagiarism, stealing from many is research.“
„Theft from a single author is plagiarism. Theft from more than three is research.“
„To steal ideas from one person is plagiarism; to steal from many is research.“

„Copier sur un seul, c'est du plagiat. Copier sur deux, c'est de la recherche.“
„Voler une idée à une personne, c'est du plagiat. Voler plusieurs idées à plusieurs personnes, c'est de la recherche.“

und viele, viele Versionen mehr, die ich aus Platzgründen hier nicht anführen kann.

Tatsächlich aber hat Milton geschrieben:
For such kind of borrowing as this, if it be not bettered by the borrower, among good authors is accounted Plagiary.
Gute Autoren bezeichnen solch eine Ausleihe, wenn sie nicht vom Ausleiher verbessert wurde, als Plagiat.*
(Eikonoklastes (Iconoclastes), Kap. 23; in Select Prose Works of Milton, Bd. 2. Hatchard and Son 1836, S. 257)
Ähnlich hat es Lady Blessington (1789–1849) ausgedrückt:
Borrowed thoughts, like borrowed money, only show the poverty of the borrower.
Ausgeliehene Gedanken, ähnlich wie ausgeliehenes Geld, zeigen nur die Armut des Ausleihers. (Übersetzung Daniela Scheele)
(In Richard Robert Madden: The Literary Life and Correspondence of the Countess of Blessington, Bd. 1. Harper 1855, S. 239)
Interessant ist, dass offensichtlich Charles Caleb Colton (1780–1832) als erster das Wort „stehlen“ benutzte:
If we steal thoughts from the moderns, it will be cried down as plagiarism; if from the ancients, it will be cried up as erudition.
Das Stehlen der Gedanken von Zeitgenossen wird als Plagiat niedergeschrieen, das Stehlen der Gedanken der Alten als Gelehrsamkeit angepriesen.
(In Charles Caleb Colton: Lacon: Or, Many Things in Few Words; Adressed to Those, Who Think. London, 7. Aufl. 1821, S. 229)
1938 wird Joseph Cummings Chase (1878–1965) von der Zeitschrift Panorama: a Review of Views and News, Bd. 3, mit den Worten zitiert, die mehr oder weniger heute gebräuchlich sind und von denen offensichtlich die deutsche Version
Aus einem Text zu kopieren, nennt man Plagiat. Aus zweien zu kopieren, nennt man Forschung
herrührt:
If you steal from one person, it is plagiarism; if you steal from three persons, it is research.
(Da Einzelnachweis nicht möglich, zitiert nach Google-Büchersuche)
Nur werden meist weder John Milton noch Joseph Cummings Chase als Urheber des Zitats genannt, sondern Wilson Mizner (1876–1933), obwohl ihn Frank Case im gleichen Jahr mit ganz anderen Worten zitiert:
When you take stuff from one writer, it’s plagiarism, but when you take it from many writers, it’s called research.
Bedienst du dich des Materials eines Schreibers, ist es ein Plagiat, bedienst du dich des Materials von vielen Schreibern, wird es Forschung genannt.
(In Tales of a Wayward Inn. Stokes Company 1938, S. 228)
Laut Ralph Keyes soll Mizner jedoch schon wesentlich früher, um 1920, gesagt haben:
If you steal from one person it's plagiarism; if you steal from several it's called research.
(In Ralph Keyes: „Nice guys finish seventh“: False Phrases, Spurious Sayings, and Familiar Misquotations. HarperCollinsPublishers 1992, S. 115)
Als Quelle nennt er die Biographie der Mizner Brüder Wilson und Addison: Addison Mizner: The Many Mizners. Sears 1932. Allerdings habe ich das Zitat dort nicht gefunden.

Allan Churchill berichtet in The Great White Way: A Re-creation of Broadway's Golden Era of Theatrical Entertainment, S. 153,  dass Minzner zu Paul Armstrong den berühmten Satz in der Version
If you steal from one author, it's plagiarism; if you steal from many, it's research
gesagt habe, worauf eine „wunderbare Zusammenarbeit“ begann. Da Armstrong 1915 starb und sie gemeinsam die beiden Stücke The Deep Purple and The Greyhound 1911 bzw. 1912 herausbrachten, muss dieser Satz schon in den 1900er Jahren gefallen sein.

Auch John Burke weist darauf indirekt hin, wenn er in Duet in Diamonds: The Flamboyant Saga of Lillian Russell and Diamond Jim Brady in America's Gilded Age schreibt:
„If you steal from one author it's plagiarism; if you steal from many it's research. …“ Reflecting on the latter maxim, Mizner had recently turned to dramatic literature and collaborated on The Deep Purple with Paul Armstrong. (S. 194)
In der Version „If you steal from one author it's plagiarism; if you steal from many it's research“ ist das Zitat auch bekannt als Mizner's law of research (siehe u. a. Hugh Rawson: Unwritten Laws: The Unofficial Rules of Life as Handed Down by Murphy and Other Sages, S. 158) und vor allem als Ferson’s law.

Tatsächlich schrieb Benjamin Felson jedoch im Vorwort zu seinem Buch Chest Roentgenology:
I have borrowed freely from many others … under the supposition that if you steal from one it is called plagiarism, but if you steal from many it is called research. I forget from whom I plagiarized that statement [kursiv jmw]. (S. 409)
Ich habe mich großzügig bei vielen anderen bedient unter der Voraussetzung, dass (…) Ich habe nur vergessen, bei wem ich diese Aussage abkupferte.
Manchmal wird auch Ralph Fross als Urheber genannt, aber er hat nur jemand anderen zitiert – wer es ist, werden wir wohl nie erfahren:
I am reminded of the man who was asked what plagiarism was. He said: „It is plagiarism when you take something out of a book and use it as your own. If you take it out of several books then it is research.“
Ich erinnere mich an einem Mann, der gefragt wurde, was ein Plagiat ist. Er antwortete: „Ein Plagiat ist, wenn du etwas aus einem anderen Buch nimmst und es als dein eigenes benutzt. Wenn du es aus mehreren Büchern nimmst, ist es Forschung.
(In Special Libraries, Bde 23-24. Special Libraries Association 1932, S. 281)
Weiteren Urhebern wie Laurendo Almeida, George Baker, Joe Biden, John Burke, Owen Dixon, Hemingway, Tom Lehrer, Tim McClure, Alfred E. Neuman, Bob Oliver, Howard Roberts,  „a teachers’ convention“ (siehe  Cobb 1940), Oscar Wilde, Steven Wright**, ein uralter Schulwitz, werden die Worte entweder fälschlich zugeschrieben oder sie haben die Worte John Miltons? Charles Caleb Coltons? Joseph Cummings ChaseWilson Mizner? mit leichten Veränderungen – plagiiert (so wie diese vielleicht schon seit Miltons Zeiten) … Und vielleicht gab es den Spruch schon zu Aristoteles Zeiten – schließlich verglich der griechische Philosoph Attikos Aristoteles wegen dessen Plagiaten mit einer Meerspinne, die bei Gefahr einen schwarzen Saft ausstößt, mit dem sie sich vor Feinden verbirgt (siehe Georg Rathgeber: Grossgriechenland und Pythagoras, S. 250).

Aber – wie zitiert man nun diese Worte am besten?

Nun, Miltons Version natürlich unter seinem Namen, alle anderen Versionen unter Mizners, denn er war es wohl, der das Zitat in seiner heutigen Gültigkeit – in Englisch als auch in Deutsch und in anderen Sprachen – prägt, auch wenn der genaue Wortlaut nicht überliefert ist.

*Alle Übersetzungen, wenn nicht anders angegeben von mir
**Alle Links führen zu Büchern, in denen die betreffenden Autoren zitiert wurden (keine Zitatensammlungen!)

Freitag, 22. Juli 2011

Neues aus der Rubrik „Das haben sie so nicht gesagt“: Einstein, der liebe Gott und der Würfel

Eines der berühmtesten Zitate (und auch eines der kürzesten) lautet:

„Gott würfelt nicht“*

God does not play dice with the universe“ (auch „I cannot believe that god plays dice with the cosmos“; „I shall never believe that God plays dice with the universe“)

und stammt, so heißt es, von Albert Einstein.

Aber an diesen drei Wörtern stimmt manches nicht. Abgesehen davon dass Einstein sie so nicht gesagt hat, spricht er in der Originalversion nicht von Gott oder gar dem „lieben Gott“, auch wenn er gern diesen Terminus benutzte, sondern schlicht und ergreifend vom – „Alten“. Er stellt auch nicht fest, dass dieser würfelt, sondern er ist überzeugt davon. Und nur selten wird angemerkt, dass das Zitat die Kurzform eines anderen Zitats ist.

Denn das Originalzitat stammt aus einem Brief Einsteins an Max Born vom 4. 12. 1926:
Die Quantenmechanik ist sehr achtung-gebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der nicht würfelt.
(In Albert Einstein, Hedwig und Max Born; kommentiert von Max Born: Briefwechsel 1916–1955. Rowohlt 1972, S. 98
Quantum mechanics is very impressive. But an inner voice tells me that it is not yet the ‘true Jacob’. The theory says a lot, but does not bring us closer to the secret of the Old One. I am at all events convinced that He is not playing at dice.
(Zitiert nach Jagdish Mehra und Helmut Rechenberg: The Historical Development of Quantum Theory: The Completion of Extensions of Quantum Mechanics 1926–1941. Springer 2001, S. 54)
Die Version „… bringt sie uns doch nicht näher“, wie bei Wikipedia u. a. angegeben, ist also falsch, ebenso dass der Brief an Niels Bohr gerichtet war, wie Wikipedia ebenfalls vermutet. Allerdings kann man die Namen Bohr und Born leicht verwechseln …

Auch dass Niels Bohr, als er von Einsteins Aussage gehört hatte, gesagt haben soll – um nur drei Beispiele zu nennen, im Internet kursieren noch mehr Antworten – „Einstein, hör auf Gott zu sagen, was er mit seinen Würfeln machen soll", „Einstein, schreiben Sie Gott nicht vor, was er zu tun hat („Albert, stop telling God what He can do“ oder auch „Der wahre Gott lässt sich nicht sagen, was er tun soll“, ist nicht belegt. Belegt durch Werner Heisenberg ist jedoch eine andere Erwiderung Bohrs:
„Gott würfelt nicht“, das war ein Grundsatz, der für Einstein unerschütterlich feststand, an dem er nicht rütteln lassen wollte. Bohr konnte darauf nur antworten: „Aber es kann doch nicht unsere Aufgabe sein, Gott vorzuschreiben, wie Er die Welt regieren soll.
(In Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. Piper 1969, S. 115)
– Angeblich sollen findige Journalisten, die immer nach griffigen Formulierungen suchen, den Slogan erfunden haben, aber vielleicht war es ja Heisenberg, der ihn prägte. –

Belegt ist auch die Antwort Bohrs auf einen Brief Einsteins viele Jahre später, und zwar vom 4. 4. 1949, in dem dieser schreibt:
Jedenfalls ist dies eine der Gelegenheiten, die nicht von der bangen Frage abhängt, ob Gott wirklich würfelt und ob wir an einer der physikalischen Beschreibung zugänglichen Realität festhalten sollen oder nicht.
(In Niels Bohr: Collected Works: Foundations of Quantum Physics II (1933–1958), Bd. 7; hrsg. von Jørgen Kalckar. Elsevier 1996, S. 435f.)
Bohr schrieb am 11. 4. 1949 zurück:
Vielen Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Es war für uns alle eine grosse Freude, anlässlich Ihres Geburtstages unseren Gefühlen Ausdruck zu geben. Um in demselben scherzhaften Tone zu sprechen, kann ich nicht umhin, über die bangen Fragen zu sagen, dass es sich meines Erachtens nicht darum handelt, ob wir an einer der physikalischen Beschreibung zugänglichen Realität festhalten sollen, sondern darum, den von Ihnen gewiesenen Weg weiter zu verfolgen und die logischen Voraussetzungen für die Beschreibung der der Realitäten zu erkennen. In meiner frechen Weise möchte ich sogar sagen, daß niemand – und nicht einmal der liebe Gott selber – wissen kann, was ein Wort wie würfeln in diesem Zusammenhang heißen soll.
(ebenda, S. 435f.; englische Übersetzung siehe S. 281f.; Orginalschreiben Bohrs siehe http://www.psiquadrat.de/downloads/bohr49_to_einstein.pdf)
Stephen Hawking hat natürlich auch etwas zu Einsteins Würfel zu sagen:

„God not only plays dice but also sometimes throws them where they cannot be seen“ (auch „Not only does God play dice, He sometimes throws them where they cannot be seen“)

Gott würfelt nicht nur, er wirft die Würfel sogar manchmal so, daß man sie nicht sehen kann“ (zu gut Deutsch: „Gott würfelt nicht nur, er schummelt sogar“)

Korrekt hat er gesagt:
So Einstein was wrong when he said, „God does not play dice“. Consideration of black holes suggests, not only that God does play dice, but that He sometimes confuses us by throwing them where they can't be seen.
(In Stephen Hawking und Roger Penrose: The Nature of Space and Time. Princeton University Press 2000, S. 26; man beachte das hübsche Fotos dazu!)
So hat es den Anschein, als habe Einstein sich gleich doppelt geirrt, als er sagte: „Der liebe Gott würfelt nicht.“ Die Teilchenemission aus Schwarzen Löchern scheint den Schluß nahezulegen, daß Gott nicht nur manchmal würfelt, sondern die Würfel auch gelegentlich an einen Ort wirft, wo man sie nicht sehen kann.
(In Stephen Hawking: Einsteins Traum: Expeditionen an die Grenzen der Raumzeit. Rowohl 1993, S. 110; http://www.ebiblioteca.freei.me/download/astronomy/stephen_hawking_-_einsteins_traum.pdf)
Und an anderer Stelle:
… But all the evidence indicates that God is an inveterate gambler and that He throws the dice on every possible occasion.
(In Stephen Hawking: Black Holes and Baby Universes and Other Essays. Bantam Books 1994, S. 70)

Doch alles spricht dafür, daß Gott ein unverbesserlicher Spieler ist und bei jeder sich bietenden Gelegenheit würfelt. (Einsteins Traum, S. 64; http://www.ebiblioteca.freei.me/download/astronomy/stephen_hawking_-_einsteins_traum.pdf)
Einen Beleg für „Evidently, God not only plays dice but plays blind-folded, and, at times, throws them where you can’t see them“ habe ich nicht gefunden (für den genauen Quellennachweis wäre ich dankbar).

In diesen Zusammenhang passt auch, wie einer der Protagonisten in Friedrich Dürrenmatts Roman Justiz seine Billardleidenschaft erklärt:
„Einstein war der Meinung, Gott würfle nicht“, sagte er dann. „Er hat recht, Gott würfelt nicht. Er spielt Billard. Er gibt den ersten Stoss und die Welt setzt sich in Bewegung.“
(Zitiert nach Bernhard Auge: Friedrich Dürrenmatts Roman „Justiz“: Entstehungsgeschichte, Problemanalyse, Einordnung ins Gesamtwerk. LIT Verlag 2004 S. 176)**
Einstein hat seinen Grundsatz, dass Gott nicht würfelt, die Physik also keinen Zufall kennt, noch einmal aufgegriffen, und zwar in einem Brief an Cornelius Lanczos vom 21. 3. 1942:
… Sie sind der einzige mir bekannte Mensch, der dieselbe Einstellung zur Physik hat wie ich: Glaube an Erfassbarkeit der Realität durch logisch Einfaches und Einheitliches. … Es scheint hart, dem Herrgott in seine Karten zu gucken. Aber dass er würfelt und sich „telepathischer“ Mittel bedient (wie es ihm von der gegenwärtigen Quanten-Theorie zugemutet wird), kann ich keinen Augenblick glauben.

… (Y)ou are the only person known to me who holds the same orientation to physics a I: belief in the comprehensibility of reality through something logically simple and unified. … It appears difficult to peek into the cards of the Lord God. But that He rolls dice or makes use of "telepathic" means (as is imputed to Him by the present-day quantum theory) is something I cannot believe for one instant.
(Beide Zitate in Robert Davis: Cornelius Lanczos, Collected Published Papers With Commentaries. College of Physical and Mathematical Sciences, North Carolina State University, 1998, S. 19;  weitere Quellen siehe J. David Brown et al. (Hrsg.): Proceedings of the Cornelius Lanczos International Centenary Conference, 1994, S. xliii, Fußnote 40)
Aber vielleicht gehen Einsteins berühmte Worte auch auf ein Zitat Henri Poincarés aus dem Jahr 1914 zurück:
Jede Erscheinung, und sei sie noch so unbedeutend, hat ihre Ursachen, und ein unendlich umfassender Geist, der über die Gesetze der Natur unendlich genau unterrichtet ist, hätte sie seit Anfang der Welt voraussehen können. Wenn ein solcher Geist existierte, könnte man sich mit ihm nicht auf ein Glücksspiel einlassen."
(In Henri Poincaré: Wissenschaft und Methode. Teubner 1914, S. 53)
*Das Problem bei dem Zitat ist, dass Einsteins Aussage zu vereinfacht wiedergegeben wurde und dadurch missbraucht werden kann. So gilt es für Kreatonisten und Anhängern des „Intelligent Design“ als Beweis für ihre Hypothesen.
 **Dass dieses Zitat von einem Studenten namens Mathias Stahnke stammt, ist natürlich auch nur ein Gerücht.

Samstag, 16. Juli 2011

Über Einsteins Worte „Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot“


Neulich las ich bei Twitter ein Zitat Albert Einsteins:

„Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot.“

Das hat Einstein aber wieder schön gesagt, dachte ich, und mein Jagdinstinkt erwachte. So manches, was man ihm zuschreibt, hat er nicht gesagt, und so manches wird falsch wiedergegeben, man schaue sich nur die Diskussion über seine Zitate auf der deutschen Wikiquote oder die ihm fälschlich zugeschriebenen Zitate auf der englischen Wikiquote an. 

Ich durchforstete also erst einmal Einsteins Mein Weltbild, weil dort viele seiner Zitate abgedruckt sind. Nichts. Als nächstes versuchte ich es über die Google-Büchersuche. Dort fand ich es, allerdings nicht in einem Buch Einsteins. Das nutzte mir nix. Also goggelte ich ganz normal, aber in Zitatensammlungen findet man so gut wie nie eine Quelle (und oft genug auch nicht die richtige Version). Allerdings fand ich nach und nach den Text, aus dem das Zitat stammen soll:
Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein keimt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot. Das Wissen darum, daß das Unerforschliche wirklich existiert und daß es sich als höchste Wahrheit und strahlendste Schönheit offenbart, von denen wir nur eine dumpfe Ahnung haben können – dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Religiosität. In diesem Sinne, und in diesem allein, zähle ich mich zu den echt religiösen Menschen.*
Ein bisschen wunderte ich mich allerdings über die unterschiedlichen Zitierungen wie
„Diese Überzeugung ist der Kern echter Religiosität“,
„… dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Forschungen“,
„… dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern dieses Wissens“,
„… dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinn und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen.“

Aber das nutzte mir auch nichts, weil es nicht in einem der Bücher Einsteins stand. Also gab ich einige der neuen Stichwörter ein, die ich in dem Text gefunden hatte, wie Religiosität, Mystischen, Kern usw., weil ich schon ahnte, dass ich mit den Suchwörtern aus dem Zitat bei Twitter, nicht weiterkomme. Vergeblich. Ich grenzte die Suche mit anderen Stichwörtern ein. Wieder vergeblich. Bis ich schließlich durch Zufall die richtigen eingab und irgendwo bei den Suchergebnissen die Quellengaben Mein Weltbild“ beziehungsweise „Wie ich die Welt sehe“ fand. Also nochmal Mein Weltbild geöffnet, und siehe, da stand die korrekte Version:
Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen. Das Erlebnis des Geheimnisvollen – wenn auch mit Furcht gemischt – hat auch die Religion gezeugt. Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestationen tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit, die unserer Vernunft nur in ihren primitivsten Formen zugänglich sind, dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinn und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen. Einen Gott, der die Objekte seines Schaffens belohnt und bestraft, der überhaupt einen Willen hat nach Art desjenigen, den wir an uns selbst erleben, kann ich mir nicht einbilden. Auch ein Individuum, das seinen körperlichen Tod überdauert, mag und kann ich mir nicht denken: mögen schwache Seelen aus Angst oder lächerlichem Egoismus solche Gedanken nähren. Mir genügt das Mysterium der Ewigkeit des Lebens und das Bewusstsein und die Ahnung von dem wunderbaren Bau des Seienden sowie das ergebene Streben nach dem Begreifen eines noch so winzigen Teiles der in der Natur sich manifestierenden Vernunft.
(Albert Einstein: Wie ich die Welt sehe. In Albert Einstein: Mein Weltbild, hrsg. von Carl Seelig. Ullstein 2005, S. 420f.; Erstdruck Amsterdam: Querido 1934; zitiert nach der Downloadversion http://de.ebook2free.com/archives/5809)
Das Zitat Einsteins ist also aus dem Zusammenhang gerissen. Es müsste lauten:
„Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“
„He who knows it not and can no longer wonder, no longer feel amazement, is as good as dead, a snuffed-out candle.“
Da der Leser nicht wissen kann, was „es“ bedeutet, könnte man sagen:

„Wer das Geheimnisvolle nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“

Aber woher kommen diese unterschiedlichen Zitierweisen? Ganz einfach: Sie sind eine Rückübersetzung aus der englischen Übersetzung von Mein Weltbild durch Alan Harris (The World As I See It. New York: Covici 1934; zitiert nach der Downloadversion http://lib.ru/FILOSOF/EJNSHTEJN/theworld_engl.txt – Danke für die Downloadmöglichkeit auf einer russischen(!) Site):
The fairest thing we can experience is the mysterious. It is the fundamental emotion which stands at the cradle of true art and true science. He who knows it not and can no longer wonder, no longer feel amazement, is as good as dead, a snuffed-out candle. It was the experience of mystery—even if mixed with fear—that engendered religion. A knowledge of the existence of something we cannot penetrate, of the manifestations of the profoundest reason and the most radiant beauty, which are only accessible to our reason in their most elementary forms—it is this knowledge and this emotion that constitute the truly religious attitude; in this sense, and in this alone, I am a deeply religious man. I cannot conceive of a God who rewards and punishes his creatures, or has a will of the type of which we are conscious in ourselves. An individual who should survive his physical death is also beyond my comprehension, nor do I wish it otherwise; such notions are for the fears or absurd egoism of feeble souls. Enough for me the mystery of the eternity of life, and the inkling of the marvellous structure of reality, together with the single-hearted endeavour to comprehend a portion, be it never so tiny, of the reason that manifests itself in nature. 
*Als Anfangssatz habe ich auch „Das kosmische Erlebnis der Religion ist das stärkste und edelste Motiv naturwissenschaftlicher Forschung“ gefunden. Dieser Satz stammt jedoch aus einem anderen Essay Einsteins, nämlich aus Religion und Wissenschaft (Religion and Science) und lautet richtig:
Andererseits aber behauptet ich, daß die kosmische Religiosität die stärkste und edelste Triebfeder wissenschaftlicher Forschung ist. (Mein Weltbild, S. 438)
On  the other hand,  I maintain  that cosmic religious  feeling  is  the strongest and  noblest incitement to  scientific
research.
Der Zusatz
Meine Religion besteht in der demütigen Anbetung eines unendlichen geistigen Wesens höherer Natur, das sich selbst in den kleinen Einzelheiten kundgibt, die wir mit unseren schwachen und unzulänglichen Sinnen wahrzunehmen vermögen. Diese tiefe Überzeugung von der Existenz einer höheren Denkkraft, die sich im unerforschlichen Weltall manifestiert, bildet den Inhalt meiner Gottesvorstellung
gehört ebenfalls nicht zu dem eigentlichen Zitat. Leider habe ich bisher als Quelle nur gefunden: „Alice Calaprice (Hrsg.): Einstein sagt, Piper 1996“. Das reicht mir aber nicht. Nun könnte ich mir das Buch natürlich besorgen, aber das wird mir zu teuer. Falls es also jemand von meinen geneigten Leser besitzt, würde ich mich über die Angabe der tatsächlichen Quelle sehr freuen.

Auf jeden Fall bin ich wiedereinmal schockiert, wie mit Zitaten umgegangen wird.

Mittwoch, 13. Juli 2011

Vor Männern, die behaupten, dass sie ein Amt nicht für sich selbst anstreben …: Über ein Zitat Ciceros, das es nicht gibt


Bei seiner Festrede anlässlich der Verleihung des Preises „Das politische Buch“ 2011 der Friedrich-Ebert-Stiftung an Peer Steinbrück für dessen Werk Unterm Strich sprach Wolfgang Schäuble auch über dessen eventuelle Kanzlerkanditatur im Jahr 2012 und zitierte dabei Marcus Tullius Cicero:
Vor Männern, die behaupten, dass sie ein Amt nicht für sich selbst anstreben, muss man sich in Acht nehmen. Das sind die eitelsten von allen. (Nach anderen Quellen auch „… muss man sich immer in Acht nehmen …“ oder … dass sie ein Amt nicht anstreben …).

Always beware of the man who says he is not seeking office for himself, for he is the vainest of the lot.
Nur gibt es für dieses Zitat keinen Beleg.

Tatsächlich stammt es aus dem Roman Imperium* (von lat. = Macht, das Recht zu befehlen) von Robert Harris, in dem dieser Ciceros Sekretär und engsten Vertrauten, den Sklaven und späteren Freigelassenen Marcus Tullius Tiro, vor allem bekannt als mutmaßlicher Erfinder des römischen Kurzschriftssystems, über Ciceros Aufstieg zum großen Redner und Staatsmann berichten lässt und dabei einen tiefen Einblick in den Menschen Cicero gewährt und historische Ereignisse aus dessen Umfeld liefert.

So schreibt Tiro unter anderem über Gaius Licinius Sacerdos**, einen der Mitkandidaten Ciceros für das Amt des Konsuls:
Sacerdos war einer jener irritierenden Kandidaten, die „keine persönlichen Ziele verfolgten“, wie sie gern sagten, sondern denen es ausschließlich um „Sachfragen“ ging. Über solche Leute pflegte Cicero zu sagen: „Vor Männern, die behaupten, dass sie ein Amt nicht für sich selbst anstreben, muss man sich in Acht nehmen. Das sind die eitelsten von allen.“ (Robert Harris: Imperium. Heyne 2. Aufl. 2006, S. 405)

Sacerdos was one of those irritating candidates who enter elections „not out of any personal ambition“, as they like to say, but solely with the intention of „raising issues“. „Always beware of the man who says he is not seeking office for himself“, said Cicero, „for he is the vainest of the lot“. (Robert Harris: Imperium: A Novel of Ancient Rome. Simon und Schuster 2006, S. 258)
Die Biographie über Cicero, die Tiro in griechischer Sprache verfasste, gab es tatsächlich, nur ging sie beim Untergang des Römisches Reiches verloren. Belegt ist sie aber durch Plutarch, der auf sie für seine Cicero-Vita  zurückgegriffen haben soll (siehe auch Herman Peter: Quellen Plutarchs. Halle: Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses 1865, S. 129ff.).  Auch Quintus Asconius Pedianus bezieht sich laut Robert Harris in Pro Milone 38 auf das vierte Buch Tiros über Ciceros Leben (S. 7).**

Harris greift in seinem Roman auf historisch Belegtes zurück, und der „Rest könnte sich zumindest so ereignet haben“, wie er schreibt. Und er hofft, dass er nichts geschrieben hat, was nachweislich falsch ist. Bei den Recherchen für seinen Roman hat er unter anderem die neunundzwanzig Bände umfassende Ausgabe von Ciceros Reden und Briefen studiert. Alle belegten Aussagen, ob es nun die aus einem Brief an seinen Freund Titus Pomponius Atticus sind oder die seines Bruders Quintus Tullius in dessen Handbuch mit Tipps für  Wahlkämpfe, dem Commentariolum petitionis (auch De petitione consulatis; Empfehlungen zur Bewerbung um den Konsulat; Little Handbook on Electioneering, auch bekannt als On Running for the Consulship), das er für Ciceros Bewerbung um das Konsulat verfasste, sind kursiv gedruckt und damit als belegte Quelle kenntlich gemacht.

Autoren von fiktiven Biographien steht natürlich frei zu schreiben, was ihnen ihre Phantasie eingibt. Robert Harris wird jedoch in Anbetracht seines Quellenstudiums Cicero Worte in den Mund gelegt haben, die dieser jederzeit hätte sagen können. 

Langer Worte kurzer Sinn: Wolfgang Schäuble und alle Zitatensammlungen zitieren nicht Cicero, sondern Robert Harris.

(Siehe dazu auch die Ausführungen zum Thema „Die Rezeption der römischen  Antike im historischen Roman der Gegenwart“)

*Leseprobe in Deutsch siehe bilandia.de/multimedia/leseproben/9783453265387.pdf
**Wahrscheinlich meint Harris damit den Kommentar von Asconius Pedianus zu Ciceros Rede Pro T. Annio Milone (Für Titus Annius Milo), in dem er das vierte Buch von Tiro, die Disputatio historico–critica, zitiert (siehe auch Geschichte der römischen Literatur, 1832, S. 389)