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Sonntag, 3. April 2011

Das Adjektiv ist der Feind des Substantivs …


L'adjectif est l'ennemi du substantif (auch l'adjectif est le grand ennemi du nom)

The adjective the enemy of the noun (auch substantive)

… so lautet ein zugegebenermaßen umstrittenes Zitat über Adjektive von Voltaire.

(Auch bekannt als „Das Beiwort ist der natürliche Feind des Hauptworts“ und vor allem als „Das Adjektiv ist der Feind des Hauptworts“ in Ludwig Reiners Stilkunst: ein Lehrbuch deutscher Prosa. Beck 2004, S. 119.)

Überliefert ist das Zitat vor allem durch Arthur Schopenhauers Ausführungen über „Schriftstellerei und Stil“. Er nennt als Quelle Discours sur l'homme 6. Nur habe ich dafür oder eine andere Originalquelle keinen Beleg gefunden. Aber auch Friedrich Nietzsche erwähnt es (offensichtlich hatte er es bei Schopenhauer gefunden) (siehe http://www.archive.org/stream/gesammeltewerke05nietuoft/gesammeltewerke05nietuoft_djvu.txt, S. 302).

Auch das Zitat selbst ist offensichtlich nicht korrekt. Es gibt dafür die französischen Versionen:
Ne pourra-t-on pas leur faire comprendre, combien souvent l'adjectif est ennemi du substantif, quoiqu'ils s'accordent en genre, en nombre et en cas?
(In Jean-François de La Harpe: Lycée, Ou Cours de Littérature Ancienne et Moderne, Bd. 4. Agasse 1799, S. 116)
und
Souvenez-vous, que le substantif et l'adjectif sont ennemis mortels, quoiqu'ils s'accordent en genre en nombre et en cas.
(In Louis Ricard: L'Echo de la France, Bd. 7, 1868, S. 155),
sowie die englische Version:
„If they could only understand … that adjectives are the greatest enemies of substantives, although they agree in gender, number, and case!“
(In Constable's Miscellany of Original and Selected Publications in the Various Departments of Literature, Science, & the Arts. Bd. 10: Table Talk, 1827, S. 161)
Wie das Zitat genau lautet, weiß ich (noch) nicht (über Hinweise bin ich natürlich sehr dankbar). Sicher aber ist, dass weder Schophenhauer, Stendhal, Flaubert, Valery oder Bob Hare die Urheber sind, wie oft im Internet zu finden.

(Wer mehr über die schrecklichen, schönen Adjektive erfahren möchte, lese meine Posts auf meinem Schreibtippsblog: http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Adjektive)

Nachtrag vom 28. 4. 2011: Inzwischen habe ich eine ältere Quelle gefunden:
Si l'on pouvait leur faire entendre, disait-il, que l' Adjectif est le plus grand ennemi du Substantif, encore qu'ils s'accordent en nombre , en gente & en cas?
(In Almanach Littéraire, Ou Étrennes d'Apollon, 1783 S. 142)

Sonntag, 6. März 2011

Über das Zitat »Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen«


Aha. Da sollen so einige Menschen festgestellt haben, dass »das Leben zu kurz (ist), um Deutsch zu lernen«, nämlich Woody Allen, Susan N. Bayley, Mark Twain, Thomas Love Peacock, Richard Porson, Voltaire und Oscar Wilde.

Nur, wer hat das wirklich gesagt? Es war wohl Richard Porson (1759–1808). Allerdings habe ich dafür nur einen indirekten Beleg gefunden, und zwar in Thomas Carlyles Fraser's Magazine for Town and Country, Bd. 61, April 1860, S. 455, und in Gryll Grange von Thomas Love Peacock, Parker, Son, and Bourn, 1861:
It was a dictum of Porson, that "Life is too short to learn German:" meaning, I apprehend, not that it is too difficult to be acquired within the ordinary space of life, but that there is nothing in it to compensate for the portion of life bestowed on its acquirement, however little that may be. (S. 21)
– Womit zumindest bewiesen ist, dass Thomas Love Peacock (1785–1866) nicht der Urheber des Zitats ist. –

Wie es so schön heißt, werden Mark Twain (1835–1910) im Zweifelsfalle viele Zitate in den Mund gelegt, so auch dieses. Als Quelle wird sein Artikel The Awful German Language (Die schreckliche deutsche Sprache) genannt. Das liegt nahe, nur habe ich das Zitat dort nicht gefunden.

Oscar Wilde (1854–1900) wiederum soll auf eine Frage zum Deutsch lernen geantwortet haben: "Life is too short to learn German". Belegt ist das nicht. Ebensowenig bei Woddy Allen und Susan N. Bayley.

Interessanter ist da die Frage, ob Voltaire (1694–1778) gesagt hat "La vie est trop courte pour apprendre l'allemand". Aber auch dafür habe ich keinen Beleg gefunden. –

Fragt sich noch, wie das Zitat überhaupt gemeint ist. Für den Linguistikprofessor Porson ist sicher die deutsche Sprache so komplex, dass man ein Leben dafür braucht, um sie zu lernen. Für Twain und Wilde wäre eher das Leben zu schade, als es mit dem Erlernen der deutschen Sprache zu vergeuden …

(Weitere Übersetzungen des Zitats siehe hier und eine Diskussion über das Zitat (engl). hier)