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Dienstag, 20. September 2011

Carpe diem


Das bekannteste Zitat überhaupt ist wohl das „Carpe diem“ von Horaz aus dessen Ode an Leuconoe

Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi
Finem Dì dederint, Leuconoe, nec Babylonios
Tentaris numeros. Ut melius, quidquid erit, pati!
Seu plures hìemes, seu tribuet Iupiter ultimam,
Quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum; sapias, vina liques, et spatio breui
Spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
Aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.
(In Quintus Horatii Flacci Opera, 1829, S. 13)

Niemals forsche du nach — Frevel ja wär's — welches der Tage Ziel
Mir die Götter gesetzt, welches dir selbst, noch babylonische
Zahlenkünste versucht! Besser führwahr dulden wir jedes Loos!
Ob noch Winter hinfort Jupiter schenkt, ob es der letzte sei,
Der durch Felsenklipp jetzo die Wuth schwächet Wuth schwächt der tyrrhenischen
Meeresfluth. Zeige dich klug, läutere Wein, setze bei kurzen Frist
Langer Hoffnung ein Ziel. Neidisch entflieht, während wir sprechen, die
Jugend: hasche den Tag, wenig Vertrau’n schenke dem morgenden!
(In Quintus Horatius Flaccus Werke. Deutsch … von Dr. Wilhelm Binder. 5. Aufl. Krais und Hoffmann 1861, S. 12)

Seek not, Leuconoë — 'tis forbid to know —
On me, and you what end the gods bestow;
No more for Babylonian numbers care; But what the Fates decree with patience bear!
If Jove more winters grant, or now the last
Embroil the rocks and wafes with Tuscan blast.
Be wise: — rack off your wines, while yet you can,
Restraining hope to life’s contracted span.
Even now what speed the envious seasons borrow!
Seize on to-day; — nor trust the uncertain morrow.
(In The Odes of Horace, translated by John Scriven. Pickering 1843, S. 21)

Natürlich darf eine Parodie von Christian Morgenstern nicht fehlen …

Laß das Fragen doch sein! Sorg dich doch nicht über den Tag hinaus!
Martha! Geh nicht mehr hin, bitte, zu der dummen Zigeunerin!
Nimm dein Los, wie es fällt! Lieber Gott, ob dies Jahr das letzte ist,
das beisammen uns sieht, oder ob wir alt wie Methusalem
werden: sieh’s doch nur ein: das, lieber Schatz, steht nicht in unsrer Macht.
Amüsier dich, und laß Wein und Konfekt schmecken dir wie bisher!
Seufzen macht mich nervös. Nun aber Schluß! All das ist Zeitverlust!
Küssen Sie mich, mon amie! Heute ist heut! Après nous le déluge!
(In Christian Morgenstern: Horatius travestitus: ein Studentenscherz. Schuster & Loeffler 1897; zitiert nach http://12koerbe.de/pan/horaz.htm#I,11)

Eigentlich heißt Carpe diem „Pflücke den Tag“ (von lat. carpio = (dicht.) pflücken, dies = Tag) , aber naturgemäß gibt es auch andere Übersetzungen, und jeder Leser möge sich die heraussuchen, die ihm am besten gefällt:

Fröhlich pflücke das »Heut«, trau’ nicht auf das, was Dir ein »Morgen« bringt.
(Die Oden des Quintus Horatius Flaccus: Deutsch im Versmaße des Originals, 1866, S. 20)

Pflücke den Tag, auf den folgenden vertraue so wenig leichtgläubig wie möglich. (http://www.latein-lk.de/Texte/Horaz/ode_1_11.htm)

Pflücke dir den Tag, und glaube so wenig wie möglich an den nächsten! (http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/C)

Genieße den Augenblick und verlaß dich so wenig wie möglich auf den folgenden.
(http://members.aon.at/latein/Horaz1.htm)

Genieße den Tag, möglichst wenig leichtgläubig gegenüber dem folgenden! (http://de.wikipedia.org/wiki/Carpe_diem)

Schenk dem kommenden Tag nimmer Vertraun, koste den Augenblick! (http://gutenberg.spiegel.de/buch/5541/1)

Oder frei übersetzt in Friedrich von Schillers Macbeth:
Nicht in die ferne Zeit verliere dich! / Den Augenblick ergreife! Der ist dein.
(F. v. Schillers sämmtliche Werke, 1816, S. 239)
(Für alle, die es noch genauer wissen möchten: auf http://www.albertmartin.de/latein/forum/?view=6511 gibt es eine Diskussion über die korrekte Übersetzung des Zitats)

– Die Übersetzung „Nutze den Tag, koste den Augenblick“ ist allerdings doppeltgemoppelt. –

Und dann gibt es natürlich auch noch die Kurzformen: „Nutze den Tag“ und „Nutze die Zeit“.

Wie auch immer: Leider ist das Carpe diem inzwischen zu einer Phrase geworden, weil zu oft verwendet und gelesen.

(Siehe auch http://juttas-schreibblog.blogspot.de/2012/08/carpe-diem.html und zu Martin Opitz' Gedicht Carpe diem http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2011/09/uber-martin-opitz-gedicht-carpe-diem.html)

Donnerstag, 23. Juni 2011

Über den bösen Nachbarn


Wir alle sind Nachbarn, und wir alle sind jemandes Nachbar (eigentlich Nahebauer; von nahe und Bauer im Sinne von bauen, wohnen, also Nahewohner, Anwohner: jemand, der zu nahe baut). Und deshalb spielt der Nachbar auch eine große Rolle im Sprichwort. Wanders Deutsches Sprichwörter-Lexikon aus dem Jahr 1873 führt zu dem Stichwort 205 Sprichwörter auf (siehe Zeno.org)!

Am bekanntesten aber sind sicher Friedrich Schillers Worte aus dem Schauspiel Wilhelm Tell , die viele von uns schon seufzend, empört oder wütend gebraucht haben, wenn wir uns mal wieder mit dem Nachbarn über den Löwenzahn im Rasen oder über das mittägliche Toben der Kinder stritten:

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“

Allerdings hat das Originalzitat einen etwas anderen Wortlaut. Richtig heißt es:

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, / Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ (S. 142)

Und wieder die Frage: Hat Schiller diese Worte als erster gedichtet? Und wieder die Antwort: Nein. Vermutlich kannte er das Sprichwort „Aliquid mali esse propter vicinum malum“ aus den Sprichwörtersammlung des Erasmus von Rotterdam Adagia quaecumque ad hanc diem exierunt (Giunta 1575, S. 41).

Erasmus zitiert dort die Worte des Komödiendichters Titus Maccius Plautus (254–um 184 v. Chr.) aus der Komödie Mercator (Der Kaufmann), die wiederum auf der Komödie Emporos (Der Kaufmann) des griechischen Komödiendichters Philemon (um 360–um 264 v. Chr.) beruhen (siehe dazu auch Eckard Lefèvre: Plautus und Philemon):
Nunc ego verum illud verbum esse experior vetus:
Aliquid mali esse propter vicinum malum. (S. 434)

Jetzt habe ich die Wahrheit des alten Wortes erfahren, daß von bösen Nachbarn Böses kommt (auch daß einem deshalb etwas Böses widerfährt, weil man einen bösen Nachbarn hat).
Now I find that saying is true, “something bad comes from a nearby evil.” (auch: Bad comes of a bad neighbour).
Ist Ihnen etwas aufgefallen? Genau, Plautus spricht von einem „alten“ Sprichwort. Und tatsächlich führt Erasmus es auf den griechischen Dichter Hesiod (lat. Hesiodus) (um 700 v. Chr.)  zurück, der „elegant“ in seinem epischen Lehrgedicht Werke und Tage (Opera et dies) schreibt:
… noxa est, vicinus ut improbus, ingens:
Contra ita maxima commoditas, si commodus adsit.
Deest honor huic, bona quem vicinia deficit … 
Ein böser Nachbar ist ein ebenso großes Übel, wie der gute ein Segen ist.
Wem es an Ehre mangelt, dem fehlt die gute Nachbarschaft.
A bad neighbour is as great an evil as good one is a blessing;
he who is  granted a good neighbour is granted value as well.
– Wie Erasmus weiter schreibt, erinnerten sich an diesen Spruch jedoch nicht nur Privatpersonen und Nachbarn, sondern auch benachbarte Völker, die sich bekämpften und einander Niederlagen beibrachten, worauf wohl auch Vergil (eigentlich Publius Vergilius Maro; 70–19 v. Chr.) im ersten Hirtengedicht anspiele: 
Non insueta graves temptabunt pabula, fetas
Nec mala uicini pecoris contagia laedent. (S. 6)

Kein ungewohntes Futter wird die trächtigen Schafe in Gefahr bringen,
und keine schädlichen Kontakte zum Vieh des Nachbarn werden ihnen etwas zuleide tun.
Through taint contagious of a neighbouring flock.
Nor do the contagious diseases of nearby cattle work harm, doubtless alludes.
Manchmal wird auch als Ursprung des Zitats auch  Vers 33 aus der fünfzehnten Satire des Juvenal (eigentlich Decimus Iunius Iuvenalis; 60–130 n. Chr.) genannt:
Inter finitimos vetus atque antiqua simultas,
Inmortale odium et numquam sanabile vulnus
Ardet adhuc, Ombos et Tentura.
(Etwa: Ewiger Streit zwischen den Nachbarstaaten, / Unsterblicher Hass und niemals heilbare Wunden / brennen weiter in Ombos und Tentura.
Frei übersetzt: „Es kan keiner lenger friede haben, denn sein nachpawr wil“ – „Niemand kann länger Frieden haben, als sein Nachbar will“ (auch „Es kann keiner länger Frieden haben, als sein Nachbar“, laut Wikipedia „als seinem Nachbarn beliebt“).
No one can have peace longer than his neighbour pleases.
Den gode har ei længer fred end den onde lyster.
Man har ei længre fred, end sin naboe vil.
Nessuno può star piu tempo in pace di quello che vogliono gli suoi vicini.
Senki tovább nem lehet békeségben, hanem csakaddig még a szomszédja akarja
Niemand kan langer vrede hebben, dan zijn nabuur will**


– kurz und knapp: Böser Nachbar, ewiger Krieg –
Aber vielleicht kannte Schiller auch die Worte des Franziskaners Kaspar Schatzgeyer (auch Gaspar Schatzger):
Es ist ein allt sprichwort, ainer hat von aussen so lanng frid, als lanng sein nachtper wil“
(In – und weil der Titel so schön ist, folgt er hier in voller Länge –: Vorrede des  Sendbriefs Wider herr Hansen von Schwartzenbergs neülich außgangen püechlin von der Kirchendiener vn[d] gaystlichen personen Ee. Auß gründtlicher erkläru[n]g des heyligen Pauli sprüchs 1.Thimo.4. in dem er redet von verpietu[n]g der Eelich werdung, vn[d] enthalltung von ettlicher speyß. Mit anhenngung ettlicher andern mitlauffender materyen, ainem yeden Criste[n] nützlich zervissen, 1527, S. 5
Auch in Latein gibt es viele Sprichwörter zum Thema Nachbarn. Aber diese sind nicht Thema dieses Posts.

*weitere Übersetzungen siehe Ida von Reinsberg-Düringsfeld:
Sprichwörter der germanischen und romanischen Sprachen vergleichend

Mittwoch, 15. Juni 2011

Das kleinste Haar wirft seinen Schatten …


(auch „Auch ein Haar hat seinen Schatten“)

Etiam capillus unus habet umbram suam.*
Até mesmo um único cabelo tem sua sombra
Cada cabello hace su sombra.
Cada pelo hace su sombra en el suelo.
Cada sua sombra na terra.
Hasta el pelo mas delgado hace su sombra en el suelo.
Hasta un pelo hace su sombra en el suelo.
II n'ya si petit buisson qui n'ait son ombre.
Ogni pelo ha la sua ombra.
The smallest hair casts a shadow (auch Even one hair has a shadow) in der Übersetzung von Francis Bacon (1561–1626) (In The Works of Francis Bacon. Pickering 1834, S. 213

… las ich bei Johann Wolfgang von Goethe, fand auch schnell die Quelle und freute mich: Das Zitat kann ich unbedenklich in meinen Schreibblog aufnehmen. Das tat ich auch.

Nur hatte ich übersehen, dass das Zitat dort unter der Überschrift „Eigenes und Angeeignetes in Sprüchen“  aufgeführt wurde und in späteren Ausgaben fälschlicherweise unter Maximen und Reflexionen, den Sprüchen in Prosa, erscheint. (Zu Goethes Sprüchen und Goethes Vorliebe für Sprichwörter siehe die lesenswerten Ausführungen in Goethes Gedichte, kommentiert von Erich Trunz, Beck 2007, auf S. 683). Denn zufälligerweise entdeckte ich in der Ausgabe von Goethes Sprüche in Prosa des Verlags Freies Geistesleben aus dem Jahr 1967 auf S. 139 die Fußnote:
Dieser Spruch stammt aus den Sprichwörtern des Erasmus: „Etiam capillus unus habet umbram suam“
(= Auch ein einzig Härchen hat seinen Schatten)*
*(Auch Et pilo sua umbra; Etiam capillus habet umbram suam; Etiam capillus suam facit umbram; Vel capillus habet umbram suam; Vel capillus unus habet umbram suam, was daran liegen mag, dass spätere Herausgeber der Sentenzen sich nicht immer an das Original gehalten haben.)

Tatsächlich besaß Goethe, der Sprichwortsammlungen liebte, auch das Werk Adagia von Desiderius Erasmus Roterodamus, Basel 1520.

Achherje, seufzte ich: Ist nichts mit gemütlich in der Sonne liegen und schauen, ob meine Haare Schatten werfen.

Aber das mit dem Sprichwörtern des Erasmus ist so auch nicht richtig. Ich habe das Sprichwort zwar in Epitome Adagiorum ex Novissima D. Erasmi Rot. Recognitione aus dem Jahr 1549 auf S. 49 gefunden, tatsächlich ist es jedoch aus den Sententiae  (Sentenzen) des aus Antiocha in Syrien stammenden Mimendichters Publilius (auch Publius) Syrus (bei Plinius mit dem Beinamen Lochius), der unter Cäsar und Kaiser Augustus lebte (vermutlich 46 v. Chr. – 43 n. Chr.), die Erasmus von Rotterdam in einer kritischen Ausgabe herausgegeben hat (Publilius Syrus: Publii Syri Mimi, similesque sententiae selectae e Poetis antiquis … Quas olim D. Erasmus Roterodamus delegerat et commentario explanaverat, ... atque versibus Germanicis red. a. J. F. Kremsier. Sommer 1818, S. 23).

Die Sententiae  des Sklaven und später Freigelassenen Publilius Syrus wurden aus dessen Mimen (von lat. mimus = Posse, dramatische Darstellung komischer Szenen aus dem gemeinen Volksleben) im ersten oder Anfang des zweiten Jahrhundert nach Chr. als eine Art Handbuch der Moral (deshalb auch der englische Titel der Sammlung Moral Sayings of Publius Syrus)  zusammengestellt, damit die Schüler in den Schulen die Sprüche lesen und auswendig lernen. Sie sind in verschiedenen handschriftlichen Manuskripten erhalten geblieben, so in der Collectio Senecae (Sammlung des Seneca) und der Collectio Veronensis (Veronenser Sammlung). Schon der Hl. Hieronymus (347–420) rühmte Syrus und zitierte in seinen Episteln einen in der Schule gehörten Vers mit der Bemerkung: „Legi quondam in scholis puer“ (Einst las ich als Knabe in der Schule): „Aegre reprehendas, quod finis confuescere“ (Was zur Gewohnheit wurde, lässt sich schwer tadeln) (In Publii Syri Et Aliorum Veterum Sententiae, S. 96).

Die Sammlungen wurden unter anderem im Mittelalter um Aussprüche anderer Dichter erweitert, sie wurden gekürzt, umgeschrieben und verändert. Die oben angegebene Ausgabe heißt deshalb auch Publii Syri Et Aliorum Veterum Sententiae (= Publii Syri et al. Sentenzen der Alten), so dass die wenigsten Sprüche tatsächlich von Syrus sind. (Welche es sind, finden Sie hier.)  Da die Sentenz Etiam capillus unus habet umbram suam dort nicht aufgeführt ist, ist anzunehmen, dass sie nicht von Publilius Syrus stammt.

Die Urheberangaben Johann Wolfgang von Goethe oder Publilius Syrus beziehungsweise Publius Syrus sind also leider falsch und damit auch die Angabe von Goethe als Urheber in meinem Blog. Zu empfehlen ist die Angabe nach Goethe bzw. Syrus.

Mehr zu Syrus und den Sentenzen siehe hier und hier.

Leider war die Sonne inzwischen verschwunden. Aber zumindest hatte ich eine Menge über Mimen und einen Freigelassenen namens Publilius Syrus gelernt. Und das ist ja auch nicht schlecht, nicht wahr? Und alles wegen einer kleinen Fußnote, die ich zufällig in einer Ausgabe von Goethes Sprüche in Prosa aus dem Jahr 1967 entdeckte.

Nachtrag: Ach, hätte ich doch weitergeforscht. Dann hätte ich auch Goethes Spruch in Sprichwörtliches gelesen, der sicher nicht nur dafür galt:
Diese Worte sind nicht alle in Sachsen
Noch auf meinem eignen Mist gewachsen;
Doch, was für Samen die Fremde bringt,
Erzog ich im Lande gut gedüngt.
(In Goethes Werke: Vollständige Ausgabe letzter Hand, Bd. 2. Cotta’sche Buchhandlung 1827,  S. 253)

Dienstag, 17. Mai 2011

Catull, Ramler und Mörike über einen eingebildeten Dichterling und eigene Fehler


An den Varrus
(Catulls zwey und zwanzigstes Gedicht.)

Suffenus, den du kennst, mein Varrus, ist galant,
Sehr höflich, schwatzt mit viel Witz, und macht dabey
Nicht wenig Verse: wo mir recht ist, hat er wohl
Zehn tausend oder mehr geschrieben; nicht, wie sonst
Gewöhnlich ist, auf kleinen Täfelchen: o nein!
Sein Buch ist königlich Papier(1), der Umschlag neu,
Neu sind die Stäbchen, roth die Riemen(2); alles glatt
Von Bimsstein, und die Zeilen nach der Schnur gemacht.
Doch lies sein Werk! Der Weltmann, der so höfliche
Suffenus ist ganz Schäferknecht; nicht gröber ist
Ein Karrenschieber: so verwandelt ist er, so
Nicht mehr er selbst(3). Was heißt das? der von lustiger –
Ja mehr noch – possenhafter Laune war, der ist
Noch ungeschliffner, als das ungeschliffne Dorf,
So bald er Verse macht(4); fühlt bey den Versen sich
Glückseliger, als jemahls: so herzinniglich
Vergnügt er sich, so sehr bewundert er sich selbst(5.). –
Doch jeder fehlt auf gleiche Weise(6.); niemand lebt,
Der nicht in irgend einem  Stück Suffenus ist.
Sein eigner Irrthum, scheints, ist jedem ausgetheilt:
Nur sehn wir nicht den Sack, der uns vom Rücken hängt(7).

(1) Catulls charta regia können wir wörtlich übersetzen: unser größestes Papier heißt gleichfalls Rojalpapier, Königspapier
(2) Womit die Bücher zusammen gehalten wurden.
(3) Das Gemählde vom Suffunus scheint Catull nach der Natur gezeichnet zu haben. Ähnliche Charaktere findet man noch zu unseren Zeiten, wie folgende Stelle eines Briefes bezeuget „Sollten Sie wohl glauben, daß X., der als Schriftsteller einen so befehlshaberischen Ton annimmt, so erzgrob ist, die würdigsten Männer so verächtlich behandelt, daß eben dieser X. im Umgange gar nicht von sich eingenommen, sondern sehr nachgebend und höflich, ja so gar dehmüthig ist?“
(4) Diese groben satirischen Verse sind verloren gegangen. Es ist zu wünschen, daß kein Neuerer die Handschrift finden und übersetzen mag.
(5) Daß er es so gut gemacht hat; daß er es Andere so brav hat fühlen lassen.
(6.) Hier scheint der Dichter in sich zu gehen, und nachzudenken, ob er nicht einen ähnlichen Fehler begangen habe. Besser, diesen Vorwurf sich selbst zu machen, als ihn von andern zu hören.
(7.) Bezieht sich auf die alte Fabel, daß Jupiter einem jeden seine Fehler in einen Sacke auf den Rücken gelegt habe. Unsern eigenen Sack sehen wir nicht, sondern dessen nur, der vor uns geht. Eben dieses läßt auch Horaz den Damasippus sagen:
Wer mich närrisch nennt, er soll ein Gleiches hören; erfahren / Soll er, was ihm vom ungesehenen Rücken herabhängt. (2. Sat. III, 298 299.)
Und Persius: (IV. 3)
Nur den Sack auf den Rücken des vor uns Gehenden sehen wir.
Phädrus redet von den zwey Säcken, und meinet damit den Quersack, der in der Mitte seine Öffnung hat, und also im Grunde aus zwey Säcken besteht. In dem einen, sagt er, der uns vor der Brust hängt, sind die Fehler Anderer, und in dem, der uns über dem Rücken hängt, unsre eigenen eingeschlossen

Gaius Valerius Catullus (in der Übersetzung von Karl Wilhelm Ramler)

(In Berlinische Monatsschrift, Bd 17. Haude und Spener 1791, S. 109ff.;  siehe auch Karl Wilhelm Ramler: Kajus Valerius Kutullus: in einem Auszuge Lateinisch und Deutsch. Kummer 1793, S. 57ff.)

Suffenus iste, Vare, quem probe nosti,
Homo est venustus et dicax et urbanus,
Idemque longe plurimos facit versus.
Puto esse ego illi milia aut decem aut plura
Perscripta, nec sic ut fit in palimpsesto
Relata: chartae regiae, novei libri,
Novi umbilici, lora rubra, membrana
Directa plumbo, et pumice omnia aequata.
Haec cum legas tu, bellus ille et urbanus
Suffenus unus caprimulgus aut fossor
Rursus videtur: tantum abhorret ac mutat.
Hoc quid putemus esse? qui modo scurra
Aut siquid hac re tritius videbatur,
Idem infaceto est infacetior rure,
Simul poemata attigit, neque idem unquam
Aeque est beatus ac poema cum scribit:
Tam gaudet in se tamque se ipse miratur.
Nimirum idem omnes fallimur, neque est quisquam,
Quem non in aliqua re videre Suffenum
Possis. suus cuique attributus est error:
Sed non videmus, manticae quod in tergo est.
(In Q. Valerii Catulli Veronensis Liber. Reimer 1828, S. 12f.)

Poem 22. To Varus Abusing Suffenus*

That Suffenus, Varus, whom thou know’st right well, is a man fair spoken, witty and urbane, and one who makes of verses lengthy store. I think he has writ at full length ten thousand or more, nor are they set down, as of custum, on palimpsest: regal paper, new boards, unused bosses, red ribands, lead-ruled parchment, and all most evently pumiced. But when thou readest these, that refined and urbane Suffenus is seen on the contrary to be a mere goatherd or ditch-lout, so great and shocking is the change. What can we think of this? he who just now was seen a professed droll, or e’en shrewder than such in gay speech, this same becomes more boorish than a country boor immediatly he touches poesy, nor is the dolt e’er as self-content as when he writes in verse—so greatly is he pleased with himself, so much does himself admire. Natheless, we all thus go astry, nor is there any man in whom thou canst not see a Suffenus in some one point. Each of us has his assigned delusion: but we see not what’s in the wallet on our back.
(In Caius Valerius Catullus: The Carmina. 1894, S. 45f.; translated by Richard Burton)

Eduard Mörike dichtete Ramlers Übersetzung um:

An Varrus (auch Der eingebildete Dichterling)

Du kennst ja den Suffenus, Freund; er ist galant,
Sehr artig, schwatzt mit vielem Witz und macht dabei
Nicht wenig Verse: wo mir recht ist, hat er wohl
Zehntausend, oder mehr geschrieben; nicht wie sonst
Gewöhnlich ist, auf kleinen Täfelchen: o nein!
Sein Buch ist königlich Papier, der Umschlag neu,
Neu sind die Stäbchen, roth die Riemen. Alles glatt
Vom Bimsstein, und die Zeilen nach dem Lineal.
Doch lies sein Werk: der Weltmann, der so artige
Suffenus ist ganz Bauer; nein, nicht plumper ist
Ein Karrenschieber: so verwandelt ist er, so
Nicht mehr er selbst. Was denkst du? Dieser feine Herr,
Scherzhaft, gewandt, anmuthig, was man sagen kann,
Ist ungeschlachter, als das ungeschlachte Dorf,
Sobald er Verse macht! und ist nie glücklicher,
Als wenn er Verse macht! Ich sage dir, das Herz
Lacht ihm dabei, er ist voll Selbstbewunderung. -
Doch wer hat nicht dergleichen etwas? zeig’ mir den,
Der nicht in irgendeinem Stück Suffenus ist!
Ein jeder hat sein Theilchen Narrheit abgkriegt,
Nur sehn wir nicht den Sack, der uns vom Rücken hängt.

(In Eduard Mörike (Hrsg.): Classische Blumenlese: Eine Auswahl von Hymnen, Oden, Liedern, Elegien, Idyllen, Gnomen und Epigrammen der Griechen und Römer, Bd. 1. Schweizerbart’sche 1840, S. 188; zu eventuellen Umdichtungen von Übersetzungen siehe die Vorrede ab S. iii)

Eine neuere Nachdichtung unter dem Titel Ein Weltmann und Dichterling von Otto Weinreich aus dem Jahr 1960 siehe hier, und eine moderne Übersetzung, in der sogar das Wort „Recyclingpergament“ auftaucht hier.

Bekannt geworden sind Catulls Worte „Suus cuique attributus est error“ als „Wir fehlen alle mannigfach“, „Fehler sind das Merkmal unseres Menschentums“ oder als  „Jeder hat seine eigenen Fehler“.

Links zu Übersetzungen ins brasilianische Portugiesisch, Chinesische, Kroatische, Finnische, Französische, Ungarische, Italienische, in Rioplatense und Vercellese sowie Vergleichsmöglichkeiten zwischen all diesen Sprachen einschließlich Latein, Englisch, Deutsch und der Transkription der gescannten Vorlage siehe http://rudy.negenborn.net/catullus/text2/l22.htm

Montag, 9. Mai 2011

Über ein weites Feld


„Das ist ein weites Feld“ – wer kennt nicht diese Redewendung? Google findet dafür 775.000 Treffer. Die Biomechanik, das Dating, die Landwirtschaft der Ukraine, die Europäsierung und und und – alle sind ein weites Feld.

Auch die Welt der Zitate. Gefühlt jedes zweite Zitat, das ich irgendwo finde, ist falsch. Da werden Worte aus dem Zusammenhang gerissen, Wörter geändert, falsche Autoren genannt und was man noch so alles falsch machen kann. Und einer schreibt vom anderen ab. Und viel zu viele Zitatensammlungen nehmen Zitate ungeprüft auf und werden trotzdem als Quelle für Zitate genannt.

Aber darüber wollte ich hier gar nicht schreiben. Mir geht es wieder einmal darum: Wer hat diese Worte geprägt?

Bekannt geworden sind sie durch Theodor Fontanes Schlusssatz von Effi Briest:
Rollo, der bei diesen Worten aufwachte, schüttelte den Kopf langsam hin und her, und Briest sagte ruhig „Ach, Luise, laß … das ist ein zu weites Feld.“
– Überhaupt ist diese Redewendung einer von Briests Lieblingssätzen: So sagt er unter anderem zu Luise: „Nein, gewiß nicht; jedenfalls wollen wir darüber nicht streiten; es ist ein weites Feld“ und zu Effi: „Glaube mir, Effi, das ist auch ein weites Feld.“ –

Und durch Günter Grass, der „Ein weites Feld" als Titel für seinen Roman wählte, in dem er die Zeit der 1848er Revolution und das Leben Theodor Fontanes mit der Zeit um 1989 und dem Leben des DDR-Bürgers Theo Wuttke verbindet, der wegen seiner Vorliebe für Fontane „Fonty“ genannt wird und dessen Lebensgeschichte die Fontanes spiegelt. Und er machte den offenen Schluss von Fontanes Effi Briest zu einen unwiderruflichen (auf die berühmten drei Punkte mochte aber auch er nicht verzichten):
Mit ein wenig Glück erleben wir uns in kolossal menschenleerer Gegend. La petite trägt mir auf, das Archiv zu grüßen, ein Wunsch, dem ich gern nachkomme. Wir gehen oft in die Pilze. Bei stabilem Wetter ist Weitsicht möglich. Übrigens täuschte sich Briest; ich jedenfalls sehe dem Feld ein Ende ab …
Aber schon Adalbert Stifter schrieb in seinem Roman Nachsommer:
„Das ist ein weites Feld, von dem Ihr da redet“, sagte ich, „und da steht der menschlichen Erkenntnis ein nicht unwichtiger Gegenstand gegenüber. Er beweist wieder, daß jedes Wissen Ausläufe hat, die man oft nicht ahnt, und wie man die kleinsten Dinge nicht vernachlässigen soll, wenn man auch noch nicht weiß, wie sie mit den größeren zusammenhängen. So kamen wohl auch die größten Männer zu den Werken, die wir bewundern, und so kann mit Hereinbeziehung dessen, von dem Ihr redet, die Witterungskunde einer großen Erweiterung fähig sein.“  
Der Schüler in Johann Wolfgang von Goethes Faust I spricht  von „Drei Jahr ist eine kurze Zeit, / Und, Gott! Das Feld ist gar zu weit. / Wenn man einen Fingerzeig nur hat, / Lässt sich's schon eher weiter fühlen.“

Christian Fürchtegott Gellert schreibt:
In welchem Range auch der Mensch geboren wird, so richtet sich die öffentliche Ächtung doch allemal nach den Diensten, welche er dem Vaterlande leistet. Worin unsere Pflichten auch bestehen mögen, so ist es doch gewiß, daß sie ein weites Feld für unsere Tugend sind.
(zitiert nach Dr. Johann Georg Krünitz’s ökonomisch-technologische Encyclopädie. Paulische Buchhandlung 1832, 128)
und Andreas Gryphius lässt in der Absurda Comica. Oder Herr Peter Squentz, die 1657 erschien, den Titelhelden sagen:
Ja es ist noch in weitem feld. Wir wissen noch nicht, ob wir bestehen werden. Vielleicht machen wir eine sau und kriegen gar nichts; darum ist es am besten, ich folge meinem kopff und gebe ihm den titul: ein schön spiel, lustig und traurig zu tragiren und zu sehen.
Ob sich Fontane von Stifter, Gellert, Goethe oder Gryphius inspirieren ließ, wissen wir nicht. Er hätte das weite Feld aber auch der Schrift Vom glücklichen Leben (De Vita beata) XXII von Lucius Annaeus Seneca dem Jüngeren entnehmen können:
Kann aber ein Zweifel sein, daß ein Weiser im Reichtume größere Mittel besitzt seine Gesinnung zu entfalten, als in der Armut? da ja bei dieser nur die eine Seite der Tugend sich äußern kann, sich nicht beugen und niederdrücken zu lassen, im Reichtum aber die Mäßigung, die Freigebigkeit, die Wirtschaftlichkeit, die gute Einteilung und die Großherzigkeit sich ein weites Feld eröffnet sieht.

Quid autem dubii est, quin haec maior materia sapienti viro sit animum explicandi suum in divitiis quam in paupertate, cum in hac unum genus virtutis sit non inclinari nec deprimi, in divitiis et temperantia et liberalitas et diligentia et dispositio et magnificentia campum habeat patentem?
oder von Marcus Tullius Ciceros Brief an seinen Bruder:
Die Freigebigkeit ist ein weites Feld. So manifestiert sich in der Verwendung des Vermögens, was zwar nicht der Masse zugute kommt, aber doch von den Freunden gepriesen wird und bei der Masse Eindruck macht, manifestiert sich in den Gastereien, die von Dir und Deinen Freunden bald hier, bald da tributweise veranstaltet werden müssen; manifestiert sich auch in Deinen Diensten. Die leiste überall und jedermann, und laß es Deine Sorge sein, daß der Zutritt zu Dir Tag und Nacht frei ist, und nicht allein am Eingang Deines Hauses, sondern auch an Gesicht und Stirn, den Pforten zu Deinem Herzen; wenn sie anzeigen, daß der gute Wille sich zurückgezogen und eingekapselt hat, dann hilft es wenig, wenn Deine Haustür offensteht. (http://www1.ku-eichstaett.de/SLF/Klassphil/dl/1968-2.txt); Denkschrift über die Bewerbung um das Konsulat, Quintus grüßt seinen Bruder Marcus 44)

Benignitas autem late patet*: est in re familiari, quae quamquam ad multitudinem pervenire non potest, tamen ab amicis laudatur, multitudini grata est; est in conviviis, quae fac ut et abs te et ab amicis tuis concelebrentur et passim et tributim; est etiam in opera, quam pervulga et communica, curaque ut aditus ad te diurni nocturnique pateant, neque solum foribus aedium turarum, sed etiam vultu ac fronte, quae est animi ianua, quae si significat voluntatem abditam esse ac retrusam, parvi refert patere ostium (…)
(In Commentariolum Consulatus Petitionis aut Epistula Q. Ciceronis De Petitione Consulatus Ad M. Fratrem)
Vielleicht hat sich ja Seneca bei Cicero bedient. Vielleicht prägte aber auch ein alter Grieche vor ihnen die Redewendung. Wer will das wissen. Die Welt der Zitate und Redewendungen ist nun mal ein weites Feld …

*übtr., late patere, sich weit erstrecken, weit verzweigt sein, einen weiten Spielraum haben, eine weite Anwendung finden

Samstag, 30. April 2011

Jedem Tierchen sein Pläsierchen


Als ich auf meiner Lieblingsfrageseite P.M.BesserWissen die Frage las, von wem das Zitat
Jedem Tierchen sein Pläsierchen (auch Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen, Jedem Dierche sin Pläsierche, Jedem Virchen sein Pläsierchen)

Trahit sua quemque voluptas.
Each man is led by his own taste.
Chacun est entraîné par son penchant.
Všetci sme otrokmi svojich vášní.
Alla har sina nöjen.
ursprünglich ist, war ich verwundert. Dachte ich doch, dass das eine scherzhafte Redewendung ist. Doch in dem guten alten Wälzer, den Geflügelten Worten von Georg Büchmann (Haude & Spener 1964), wurde ich schnell fündig.

Merkwürdig ist nur, dass er zwei verschiedene Quellen angibt, ohne zu der jeweils anderen Quelle zu verweisen. Die eine lautet, dass diese Redensart auf die 1887 erschienene humoristische Gedichtsammlung „Ein jedes Thierchen hat sein Pläsierchen – Zoologischer Liedergarten“ des sächsischen Dialektdichters Edwin Bormann mit Illustrationen von Adolf Oberländer zurückgeht. Auf die eigentliche Quelle dieses Spruchs verweist jedoch der andere Hinweis: Das Zitat ist aus dem Gedicht „Ecloga Secunda“ von Vergil und lautet „Trahit sua quemque voluptas“ (Vers 65). (In Publii Vergilii Maronis Bucolicon Eclogae Decem (Zehn erlesene Idyllen). Hammerich 1797, S. 50; das Gedicht in Latein mit deutscher Übersetzung gibt es hier.)

Die Übersetzung lautet eigentlich „So reißt jedweden sein Trieb hin“, „Einen jeden reißt seine Leidenschaft hin“ oder auch „Jeder reitet sein Steckenpferd“, je nachdem, wie man voluptas = Vergnügen, Freude, Lust, Genuss, auch Steckenpferd, übersetzt. Daraus wurde „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“. Im Deutschen Sprichwörter-Lexikon von Karl Friedrich Wilhelm Wander bedeutet „Trahit sua quemque voluptas“ „Jeder hat sein Steckenpferd, das ist ihm über alles werth“ (http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Steckenpferd).

„Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ heißt es auch in der deutschen Fassung vom Don Quijote (siehe Miguel de Cervantes Saavedra: Don Quijote von der Mancha. Hansa 2008, S. 292).

Im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm steht „sprichwörtlich (in Sachsen) ein jedes thierchen hat sein pläsierchen“. Das mag schon sein, aber offensichtlich haben sie nicht ausgiebig recherchiert.

Interessant ist in dem Zusammenhang, dass im Niederdeutschen das Wort „tierensich geberden, sich läppisch anstellen, benehmen bedeutet (He tierd sück as ‘n Kalb = Benimmt sich läppisch; siehe http://www.operone.de/spruch/0573.html), und laut der Ökonomisch-technologischen Encyclopädie von Johann Georg Krünitz von 1844 bedienen sich bei „guter Laune“ „Eheleute, auch Geliebte, Eltern gegen Kinder etc.“ des Schmeichel-/Scherzausdrucks Thierchen (S. 266).

Dienstag, 26. April 2011

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht …


Eines der ersten Sprichwörter, mit erhobenem Zeigefinger und strengem Blicke vorgetragen, das wir lernten, war

»Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.« (Auch: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann bzw. …gleich die Wahrheit spricht.)

A liar is not believed even though he tell the truth.
Liars aren't believed even when they are telling the truth.
We give no credit to a liar, even when he speaks the truth.
Lažnivcu navadno ne verjamemo niti takrat, kadar govori resnico
Lögnarna tror man intenditur ens när de talar sanning.

Nur: Wieder einmal die Frage: Ist das überhaupt ein Sprichwort? Antwort: Jein.

Für den Ursprung des Sprichworts gibt es zwei Quellen. Die erste Quelle ist die Fabel Wolf und Fuchs vor dem Richterstuhl des Affen von Aesop (6. Jahrhundert v. Chr.) – fälschlich Phädrus (um 20 v. Chr. – um 51 n. Chr.) zugesprochen; der hatte Aesop jedoch nur zitiert –:

Wen einmal zeichnet des Betruges Makel,
Verliert, auch wo Wahrheit spricht, den Glauben:
Die kurze Fabel von Aesop bezeugt’s.

Der Wolf bezichtigte den Fuchs des Diebstahls;
Der leugnet allen Anteil an der Schuld:
Zu schlichten saß der Affe zu Gericht.
Als beide ihre Sache vorgetragen,
Erteilt der, wie erzählt wird, die Sentenz:
»Du, scheint’s, verlorst gar nicht, worauf du klagst,
Du, glaub' ich, stahlst, was du so schön verleugnest.«

Lupus et Vulpis Iudice Simio

Quicumque turpi fraude semel innotuit,
Etiam si verum dicit, amittit fidem.
Hoc adtestatur brevis Aesopi fabula: –

Lupus arguebat vulpem furti crimine;
Negabat illa se esse culpae noxiam.
Tunc iudex inter illos sedit simius.
Uterque causam cum perorassent suam,
Dixisse fertur simius sententiam:
»Tu non videris perdidisse quos petis;
Te credo subripuisse quod pulchre negas.«

(In Phädrus des Freigelassenen des Augustus Äsopische Fabeln, verdeutscht von Johannes Siebelis. Hoffmann’sche Verlags-Buchhandlung 1857, S. 7f.)

(Diese Fabel findet sich auch unter dem Titel Der Affe als Richter zwischen Wolf und Fuchs bei Jean de La Fontaine (1621–1695.)

Die Verse »Quicumque turpi fraude semel innotuit, / Etiam si verum dicit, amittit fidem« gab Marcus Tullius Cicero (106 v. Chr. – 43 v. Chr.) in Rhetorica, De Divinatione Liber II, 71 146 folgendermaßen wieder:
Ut mihi mirum videatur, cum mendaci homini ne verum quidem dicenti credere soleamus, quo modo isti, si somnium verum evasit aliquod, non ex multis potentius uni fidem derogent, quam ex uno innumerabilia confirment.
Die Worte »Mendaci homini ne verum quidem dicenti credere soleamus«  (Einem Lügner pflegen wir nicht zu glauben, auch wenn er die Wahrheit spricht = Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht) wurden wiederum zu einem internationalen Sprichwort.

– Inwieweit sich Cicero auf Demetrios von Phaleron (Demetrios Phalereus) (um 345 v. Chr. – um 280 v. Chr.) bezieht, konnte ich nicht feststellen.  –

Georg Büchmann erwähnt Cicero in seinen Geflügelten Worten (Haude & Spener 1964) jedoch nicht. Er bezieht sich auf Andreas Tscherning (1611–1659), der 1642 die Verse »Quicumque turpi fraude semel innotuit, / Etiamsi verum dicit, amittit fidem« in seiner Fabel Lügen-Lohn, die mit den Worten »Ein junger Hirte war zu schreyen oft geflissen: / Kommt, Brüder, helft! der Wolf hat mir ein Schaff erbissen. / Wenn nun das Hirtenvolk gesammt zur Stelle war, / Da sprach er: Seyd zur Ruh, es hat noch nicht Gefahr« beginnt, folgendermaßen wiedergegeben habe:
Daß einem hier die Welt, der einmal Lügen liebt / Auch wenn er Wahrheit redt, nicht leichtlich Glauben gibt
und auf Ludwig Heinrich von Nicolays (1737–1820), der die Verse in seinem Gedicht Der Lügner, das mit den Worten beginnt »Ein böser Bub’ stellt’ oft sich lahm / und rief, er hätt’ ein Bein gebrochen; / doch wenn ihm der zu Hülfe kam, / den er um Beistand angesprochen: / so war der Dank alsdann: er wies / die Zähne dem, der sich betrügen ließ«, mit den Worten wiedergibt:
Man glaubt ihm selbst dann noch nicht, / Wenn er einmal die Wahrheit spricht.
(Allerdings wird Nicolay falsch zitiert; richtig heißt es: »Man glaubet ihm selbst dann auch nicht / Wann er einmal die Wahrheit spricht.«)
In einer anderen Ausgabe seiner Geflügelten Worte (Haude & Spener 1920) verweist Büchmann auf ein weiteres Gedicht mit dem Titel Der Hirtenknabe von Johann Benjamin Michaelis (1746–1772), das dieselbe Fabel wie die von Nicolay sei. Allerdings beginnt das Gedicht mit den Worten »Helft, Brüder! Helft! der Wolf hat schon ein Schaf im Rachen!« / So rief ein junger Hirt, sich eine Lust zu machen. / Wann nun das Hirtenvolk herbeigelaufen war. / Dann rief er: Geht zur Ruh’, es hat noch nicht Gefahr! / »Ich habe nur versucht, / ob ihr auch wachsam wäret«, und der Titel ist auch nicht Der Hirtenknabe, sondern Der Lügner oder auch Lohn der Lügen. – Allerdings werden als Autor wiederum Nicolay, Karl Wilhelm Ramler (wohl weil er eine Fabelsammlung mit dem Gedicht ohne Angabe des Autors herausgegeben hatte) und Johann Wilhelm Ludwig Gleim genannt (der wiederum wohl deshalb, weil Michaelis eine zeitlang in dessen Haus lebte). Es endet mit den Worten:
Nun ward der Thor erst inne, / Wie albern er gethan; nun kam ihm erst zu Sinne / Das Sprüchwort: »daß man dem, der einmal Lügen übt, / Auch wenn er Wahrheit spricht, nicht leicht mehr Glauben giebt.«
Daraus habe »sich die landläufig genauere Übertragung gebildet« (Büchmann)
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,
und wenn er auch die Wahrheit spricht.
Nur – hier irrt Büchmann. Denn Tscherning bezieht sich in seinem Gedicht auf Aesops Fabel Der Schäfer und der Wolf, auch bekannt als Der Hirtenjunge und der Wolf, Der lügenhafte Hirtenknabe oder Der Junge, der Wolf schrie, und das ist die zweite Quelle:

De Puero Oves Pascente

Puer quidam cum oues eminentiori in loco depasceret,  sæpius clamabat, heus o a lupis mihi succurrite. Qui circum aderant cultores agrorum, cultum omittentes, ac illi occurrentes, atque nihil esse comperientes, ad opera sua redeunt. Cum pluries puer id ioci causa fecisset, ecce cum lupus pro certo adesset, puer ut sibi succurratur serio clamat. Agricolæ id uerum non esse putantes, cum minime occurrerent, lupus oues facile perdidit.
→ Fabula significat, quod qui cognoscitur mentiri, ei ueritas postea non creditur.

(Quelle: http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd16/content/pageview/2240456)

Leider gibt es für diese Fabel keine gute Übersetzung. Eine Übersetzung, die mit den Worten beginnt: »Es war einmal ein Hirtenjunge, der jeden Tag die Schafe hütete. Jeden Morgen holte er die Tiere von ihren Besitzern ab und trieb sie in die Berge, wo die Schafe grasen sollten. Am Abend brachte er sie gewissenhaft zurück ins Dorf«können Sie hier lesen.

Näher kommt diesem Text die englische Version 

The Shepherd’s Boy and the Wolf (auch: The Story of the Boy Who Cried ‘Wolf)

A shepherd-boy, who watched a flock of sheep near a village, brought out the villagers three or four times by crying out, „Wolf! Wolf!“ and when his neighbors came to help him, laughed at them for their pains. The Wolf, however, did truly come at last. The Shepherd-boy, now really alarmed, shouted in an agony of terror: „Pray, do come and help me; the Wolf is killing the sheep“; but no one paid any heed to his cries, nor rendered any assistance. The Wolf, having no cause of fear, at his leisure lacerated or destroyed the whole flock.

There is no believing a liar, even when he speaks the truth.

Das Sprichwort als solches ist das erste Mal belegt bei Karl Simrock: Die deutschen Sprichwörter. Brönner 1846, Nr. 6674.

Montag, 28. März 2011

Homines quo plura habent, eo cupiunt ampliora

– Je mehr die Menschen besitzen, desto mehr begehren sie. –
Dieses Zitat über die Habgier ist so beliebt, dass es in viele Sprachen übersetzt wurde:
The more men have, the more they want.
Gli uomini quanto più hanno più desiderano.
Los hombres cuanto más tienen, tanto más desean.
Plus les hommes possèdent, plus ils veulent avoir.
Quien no se conforma con lo que tiene, nada tiene.
Juo daugiau žmonės turi, juo daugiau nori.
Più hanno ,più voglòiono.
Učený člověk má vždy bohatství v sobě.
Čím viac ľudia majú, tým viac $i želajú.
Střež se mít radost z cizího neštěstí.
Els homes, com més tenen, més desitgen.
Quien nõ se conforma con lo que tiene, nada tiene.
Quem mais tem, mais quer.
Što ljudi više imaju, to više žele.
Čím víc lidé mají, tím více si přejí.
İnsanlar çox şeyə sahib olduqca, daha da artığını istəyirlər.
Колкото повече имат хората, толкова повече искат.
Чем больше люди имеют, тем больше желают иметь.
люди чем больше имеют, тем больше жаждут. 
Aber von wem stammt das Zitat? Gefunden habe ich »antike Weisheit«, Seneca, Phaedrus, die Bibel und Justin, auch als Justinian, Justinus oder Iustinius bezeichnet. Antwort: von keinem von ihnen.
Denn das Zitat in der Fassung »Homines quo plura habent eo cupiunt ampliora« soll von dem Altertumswissenschaftler August Wilhelm Zumpt (1815–1877) oder einem noch älteren Grammatiker stammen. Entnommen ist es dem Buch des römischen Geschichtsschreibers Marcus Iunianus Iustinus Historiarum Philippicarum in Epitomen Redacti Liber VI, 1 (nach anderen Quellen auch 4.1 bzw. 4.3, aber diese habe ich nicht gefunden), auch Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi und Trogi Pompei Historiarum Philippicarum Epitoma genannt. 
Das Originalzitat lautet:
Lacedaemonii, more ingenii humani quo plura habent eo ampliora cupientes, non contenti accessione Atheniensium opum vires sibi duplicatas totius Asiae imperium adfectare coeperunt.
Die korrekte Verfasserangabe ist also nach Justin.