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Freitag, 4. Januar 2013

Lichtenberg über Menschen, die bloß lesen, um nicht denken zu dürfen


Falsche Zitate werden nicht richtiger, nur weil sie aus berufenem Munde kommen, wie dieses:
Manche Menschen lesen bloß, um nicht zu denken.*
Das ist doch ein Unterschied zu dem, was Georg Christoph Lichtenberg (nicht ein G. G. Lion, wer immer das auch sein mag, ein – aua – Georg Christoph Lerchenberg, eine Lebensweisheit oder eine Redensart) wirklich gesagt hat:
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht  denken dürfen.
(In Vermischte Schriften, 1817, S. 120)
Da viele Leser über das dürfen gestolpert sind, gibt es auch diese Versionen:
Es gibt sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.
Es gibt viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken brauchen.
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken müssen.
Jemand hat es sich ganz einfach gemacht und geschrieben:
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen. (brauchen/müssen!). 
Nun ja, er hätte ruhig ein bisschen recherchieren müssen (brauchen/dürfen!).

Und derjenige, der geschrieben hat:
Es gibt wirklich nicht sehr viele Menschen, die bloss lesen, damit sie nicht denken dürfen
muss ein Menschenfreund sein …

– Es muss wirklich einmal gesagt werden: Ich begreife nicht, warum sich Zitatenseiten mit einer Sammlung von über fünftausend Zitaten brüsten, aber nicht in der Lage sind, Zitate korrekt wiederzugeben. –

 * Nicht böse sein, lieber Denis Scheck. Ich habe vor Jahren mal an einem Seminar an der Bundesakademie für kulturelle Bildung mit Ihnen als Workshopleiter teilgenommen, bei dem ich viel gelernt habe, zum Beispiel, dass man mit dem Wort Springerstiefel in einem objektiven Bericht eine Wertung vornimmt, die dort nicht angebracht ist.

Mittwoch, 29. Februar 2012

Von wem stammt die Redewendung „Die Seele baumeln lassen“, von Erich Kästner oder Kurt Tucholsky …


… wurde neulich gefragt. Nun, weder noch. Die Redewendung „Die Seele baumeln lassen“ stammt von Werbetextern für Reiseportale, Wellnesshotels, Südseestrände, Hängemattenverkäufer und und und. Mittlerweile ist sie dermaßen abgedroschen, dass man sie tunlichst nicht mehr verwenden sollte. Würde jeder, der sie verwendet, ein 2-Euro-Stück ins Phrasenschwein werfen, könnte man glatt ein Strandhopping durch die ganze Welt machen, bis man den ultimativen Strand zum Seele baumeln Lassen gefunden hat.

Aber waren es wirklich Werbeleute, die diesen Slogan prägten? Oder haben sie ähnliche Worte nur irgendwo aufgeschnappt und umformuliert? Die Berliner zumindest waren es nicht, wie irgendwo behauptet wird.

Erich Kästner hat die Seele zum Glück auch nicht baumeln lassen, denn den guten Mann hätte ich hier unter keinen Umständen zitieren dürfen (siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2008/11/abmahnwahn-zitate-auf-der-homepage.html). Aber bei Kurt Tucholsky bin ich fündig geworden. Ihm hat die Formulierung, die ihm da in den Sinn gekommen war, offensichtlich so gut gefallen, dass er sie gleich zweimal verwendete.

1926 schreibt er in der Weltbühne unter dem Titel Vier Sommerplätze:
Auf den Wegen stapfen unwirsche Norddeutsche, Sachsen, als Diroler verkleidet, und solange sie nicht den Mund auftun, ist die Täuschung vollkommen: dann hält man sie für Berliner. Die Männer sehen alle viereckig aus, auf dem Hals tragen sie eine kleine Tonne, daran ist vorn das Gesicht befestigt. Morgens setzen sie es auf, und was für eines –! Die Frauen schlapfen daher. Alles baumelt an ihnen, auch die Seele. Ich war seit zwei Jahren zum ersten Male wieder in Deutschland; in der Heimat kann ich nicht sagen, weil es sich ja um Bayern handelt – wir würden uns das beide verbitten.
(http://www.textlog.de/tucholsky-sommerplaetze.html)
In Schloß Gripsholm: Eine Sommergeschichte, die 1931 erschien, ist er schon weniger bissig und schreibt nicht mehr von Frauen, an denen alles baumelt, sondern ganz beschwingt:
Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele. (S. 28)
Dafür, dass Tucholsky gesagt haben soll, die Mark Brandenburg sei eine Gegend „wo die Seele baumeln kann und nicht nur Amselbullen glücklich sind“, wofür es immerhin 55 Treffer bei Google gibt, habe ich keinen Beleg gefunden. In Schloß Gripsholm schreibt er zwar vom Amselbullen, aber mitnichten bezogen auf die Mark Brandburg, und glücklich ist der Bulle auch nicht:
Ein kleiner Vogel hüpfte heran, legte den Kopf schief und flog dann auf, von etwas erschreckt, das in seinem Gehirn vor sich gegangen war -- wir hatten uns nicht geregt. »Was mag das für einer gewesen sein?« fragte Billie. »Das war ein Amselbulle«, sagte die Prinzessin. »Ah -- dumm - das war doch keine Amsel...«, sagte Billie. »Ich will euch was sagen«, sprach ich gelehrt, »bei solchen Antworten kommt es gar nicht darauf an, ob's auch stimmt. Nur stramm antworten! Jakopp hat mal erzählt, wenn sie mit ihrem Korps einen Ausflug gemacht haben, dann war da immer einer, das war der Auskunftshirsch. Der mußte es alles wissen. Und wenn er gefragt wurde: Was ist das für ein Gebäude? -- dann sagte er a tempo: Das ist die Niedersächsische Kreis-Sparkasse! Er hatte keinen Schimmer, aber alle Welt war beruhigt: eine Lücke war ausgefüllt. So ist das.« Die Mädchen lächelten höflich, ich war auf einmal allein mit meinem Spaß. Nur ein Sekündlein, dann war es vorbei. Sie standen auf. (S. 87)
Falsch ist auch das Zitat auf http://www.schwedisch-translator.de/schloesser/gripsholm.html:
Es lag beruhigend und dick da und bewachte sich selbst. Der See schaukelte ganz leise und spielte plitsch, plitsch am Ufer. Das Schiff nach Stockholm war schon fort. Man ahnte nur noch eine Rauchfahne hinter den Bäumen. Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele. Mariefred ist eine klitzekleine Stadt am Mälarsee. Es war eine stille und friedliche Natur – Baum und Wiese, Feld und Wald. Niemand aber hätte von diesem Ort Notiz genommen, wenn hier nicht eines der ältesten Schlösser Schwedens wäre.
Dieses Zitat wurde gleich aus mehreren Kapiteln von Schloß Gripsholm zusammengestückelt.

Aber noch mal zurück zu den Werbefuzzis. Wer war denn nun der erste, der aus einem der schönsten Klassikerzitate eine Massenphrase gemacht hat? Es war die österreichische Fremdenverkehrswerbung (ÖW), die 1975 Tucholskys „Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele“ kurzerhand zum Werbeslogan „In der Wiese liegen und mit der Seele baumeln“ umformulierte, was im übrigen nicht gerade für deren Kreativität spricht (und wobei die Frage gestattet sei, warum aus „auf der Wiese liegen“ „in der Wiese liegen“ wurde). Seit den 1980er Jahren wurde das Seelenbaumeln zum Synonym für jegliche Art von Entspannung.

Die Frage, ob Tucholsky wiederum sich von „die Füße baumeln lassen“, was soviel bedeutet wie sich gemütlich entspannen, inspirieren ließ oder von Friedrich Müllers Idylle Der Faun
Wir sind nicht der reichen Faunen, die Baechus weidet, also daß sie liegen mit fettem Rücken auf seinem Füllhorn und wollüstig hinab baumeln ihre Füße ins Weinfaß (S. 117)
ist müßig, weil nicht zu beantworten, und führt nun doch zu weit.

(Siehe zum Seelen-baumeln-Lassen auch die Glosse von Charles Lewinsky auf http://www.lewinsky.ch/charles/glossen_0408.html)

Sonntag, 26. Februar 2012

Woher kommt eigentlich die Redewendung „Von etwas Wind bekommen“ (+ Google-Recherchetipp)


Zuerst einmal: Die Redewendung ist sehr alt. Im Abenteuerlichen Simplicissimus aus dem Jahr 1669 finden sich die Worte:
Sobald sie aber Wind bekamen, daß der Zar mich im Land zu behalten entschlossen und mich hierzu dringen wollte, wurden sie alle zu Stummen an mir (…). (S. 527)
Daniel Casper von Lohenstein verwendet sie im 1689 erschienenen Großmüthiger Feldherr Arminius oder Herrmann gleich zweimal:
Den ersten Augen-Blick aber/ da ich von der Deutschen wider die Römische Dienstbarkeit rühmlich-gefaßten Entschlüssung nur wenig Wind bekommen/ habe ich vorsätzlich das ewige Feuer ausgelescht (S. 72),
und
Weil aber die Römer gleichwol hiervon Wind kriegten/ oder zum minsten Argwohn schöpfften  (…) (S. 809)
Und 1840 schreibt Ernst Moritz Arndt in Erinnerungen aus dem äußeren Leben:
Diese hatten von der für uns unglücklich ausgefallenen Schlacht vor Dresden Wind bekommen, und fingen* an lose Reden zu führen, und auf die Thürme und Dächer zu klettern, um zu sehen, ob ihre siegreichen Heere nicht heran marschieren: denn davon hatten sie gemunkelt, daß diese, ihren Napoleon an der Spitze, bald wieder in Schlesien seyn würden. (S. 206). –
Ein Recherchetipp: Verlassen Sie sich nicht auf Zeno.org  oder das Projekt Gutenberg, sondern suchen Sie immer bei der Google-Büchersuche nach der Originalquelle, weil es zu Übertragungsfehlern kommen kann. So heißt es bei Zeno „und singen an lose Reden zu führen“, weil das f in älteren Drucken oft mit dem Lang-s   verwechselt wird. –

Es gibt aber auch die etwas ungewöhnlichen Ausdrücke „Wind vernehmen“ (siehe dazu die Überlegungen in Dichter/ leben), so in einem Volkslied oder auch Triumphlied aus dem  dreißigjährigen Krieg:
Die beiden Potentaten gschwind,
Da sie nu vernahmen den Wind
von des Tilly Crabaten*
*Croaten
und „Wind haben“. So schreibt Friedrich von Logau (1605–1665) in seinem Sinngedicht Einfältige Jungfrauen:
Jungfern, wann sie mannbar sind, wollen dennoch gar nicht wissen,
Was ein Mann sey für ein Ding, wie ein Mann sey zu genießen;
Weil sie aber meistens doch lieber jung’ als alte nehmen,
Fehlt es nicht, sie haben Wind, was dabey sey für Bequemen.
Es wird angenommen, dass die  Redewendung aus der Jägerei stammt (siehe http://de.wiktionary.org/wiki/von_etwas_Wind_bekommen). So heißt es auch in dem Buch Der vollkommene teutsche Jäger aus dem Jahr 1749 von den Fisch-Ottern:
Sie thun des Nachts nach denen Fisch-Bächen weitläufftige Gänge und geben genau Acht, so sie Wind von denen Menschen vernehmen, schiessen sie alsobald unter das Wasser (…) (S. 113)
Doch laut Die Deutsche Sprache aus ihren Wurzen (S. 460) leitet sich „etwas wittern, Wind davon bekommen“ von dem Wort Wetter ab (siehe auch das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm http://woerterbuchnetz.de/DWB/?lemma=wittern). Laut Adelungs Grammatisch-kritischem Wörterbuch der hochdeutschen Mundart ist in „der Schweiz (…) Nachwind so viel als Nachricht“ (S. 1553). Und im Mittelhochdeutschen bedeutet wint Luft, Geruch, Duft. Mehr dazu siehe Die teutsche Sprache aus ihren Wurzen, S. 451 ff., besonders aber S. 489.

Tatsächlich beruht aber  „Wind von etwas bekommen“ auf der Übersetzung des lateinischen Wortes odorari (von odor oder altlateinisch odos = durch den Geruchssinn empfinden, empfinden, spüren, merken), das dichterisch wittern (= ahnen, vermuten) bedeutet und im übertragenen Sinne etwas ausspüren, erforschen, bemerken, (meist geringschätzig beziehungsweise umgangssprachlich) Wind von etwas bekommen.

Sollten Sie davon Wind bekommen, dass meine Ausführungen nicht ganz richtig sind oder dass es eine bessere Quelle für die Herkunft dieser Redensart gibt, dann schreiben Sie mir bitte.

Samstag, 30. April 2011

Jedem Tierchen sein Pläsierchen


Als ich auf meiner Lieblingsfrageseite P.M.BesserWissen die Frage las, von wem das Zitat
Jedem Tierchen sein Pläsierchen (auch Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen, Jedem Dierche sin Pläsierche, Jedem Virchen sein Pläsierchen)

Trahit sua quemque voluptas.
Each man is led by his own taste.
Chacun est entraîné par son penchant.
Všetci sme otrokmi svojich vášní.
Alla har sina nöjen.
ursprünglich ist, war ich verwundert. Dachte ich doch, dass das eine scherzhafte Redewendung ist. Doch in dem guten alten Wälzer, den Geflügelten Worten von Georg Büchmann (Haude & Spener 1964), wurde ich schnell fündig.

Merkwürdig ist nur, dass er zwei verschiedene Quellen angibt, ohne zu der jeweils anderen Quelle zu verweisen. Die eine lautet, dass diese Redensart auf die 1887 erschienene humoristische Gedichtsammlung „Ein jedes Thierchen hat sein Pläsierchen – Zoologischer Liedergarten“ des sächsischen Dialektdichters Edwin Bormann mit Illustrationen von Adolf Oberländer zurückgeht. Auf die eigentliche Quelle dieses Spruchs verweist jedoch der andere Hinweis: Das Zitat ist aus dem Gedicht „Ecloga Secunda“ von Vergil und lautet „Trahit sua quemque voluptas“ (Vers 65). (In Publii Vergilii Maronis Bucolicon Eclogae Decem (Zehn erlesene Idyllen). Hammerich 1797, S. 50; das Gedicht in Latein mit deutscher Übersetzung gibt es hier.)

Die Übersetzung lautet eigentlich „So reißt jedweden sein Trieb hin“, „Einen jeden reißt seine Leidenschaft hin“ oder auch „Jeder reitet sein Steckenpferd“, je nachdem, wie man voluptas = Vergnügen, Freude, Lust, Genuss, auch Steckenpferd, übersetzt. Daraus wurde „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“. Im Deutschen Sprichwörter-Lexikon von Karl Friedrich Wilhelm Wander bedeutet „Trahit sua quemque voluptas“ „Jeder hat sein Steckenpferd, das ist ihm über alles werth“ (http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Steckenpferd).

„Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ heißt es auch in der deutschen Fassung vom Don Quijote (siehe Miguel de Cervantes Saavedra: Don Quijote von der Mancha. Hansa 2008, S. 292).

Im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm steht „sprichwörtlich (in Sachsen) ein jedes thierchen hat sein pläsierchen“. Das mag schon sein, aber offensichtlich haben sie nicht ausgiebig recherchiert.

Interessant ist in dem Zusammenhang, dass im Niederdeutschen das Wort „tierensich geberden, sich läppisch anstellen, benehmen bedeutet (He tierd sück as ‘n Kalb = Benimmt sich läppisch; siehe http://www.operone.de/spruch/0573.html), und laut der Ökonomisch-technologischen Encyclopädie von Johann Georg Krünitz von 1844 bedienen sich bei „guter Laune“ „Eheleute, auch Geliebte, Eltern gegen Kinder etc.“ des Schmeichel-/Scherzausdrucks Thierchen (S. 266).

Mittwoch, 13. April 2011

Von Läusen, die über die Leber laufen


„Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen“ oder „Na dir ist aber eine Laus über die Leber gelaufen“, sagen wir, wenn jemand schlechte Laune hat oder unwirsch reagiert. Aber woher kommt dieser Spruch oder ist es ein Zitat und kommt er sogar aus der Antike?

Der Spruch ist offensichtlich ein Sprichwort. So steht im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm:
die leber, als die bereitungsstätte des blutes, dachte sich das alterthum als sitz von trieben, die mit dem blute zusammenhängen; und diese vorstellungen kamen bis auf uns. So … des zornes oder unmutes, welche die leber drücken: … die neigung für allitterierende verbindungen hat die laus als das überlaufende hingestellt: die laus läuft über die leber“. (Bd. 12, Sp. 460 bis 462)
Zum ersten Mal belegt ist das Sprichwort in Die geistliche Spinnerin nach dem Exempel der h. Elisabeth, wie sie an einer geistlichen Kunkel Flachs und Wolle gesponnen hat des süddeutscher Predigers Johannes Geiler von Keisersberg (1445–1510): „und wenn dir ain laus über die leber ist gelaufen, das du allwegen den beichtvater damit (mit dem bücherlesen) betriebest, mach dir selbs ain buch in deinem kopf“. Es gibt noch mehr Belege, so „ein zwerch, so ganz kurzweilig, aber doch darbei, so bald ein lausz ihm über die leber gelaufen, ganz zornig und rachgirig“ im Wißbadisch Wisenbrünlein, Das ist, Hundert schöne kurtzweilige, zum theil new, zum theil aber auß etlichen Lateinischen vnd Teutschen Scribenten zusammen gelesene vnd verdeutschte Historien, aber das Buch erschien später, nämlich 1610 bei Bassaeus in Frankfurt.

In Adelungs Grammatisch-kritischem Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart heißt es „Die Laus läuft ihm über die Leber, heißt es von einem, der leicht unwillig wird, wofür Kaisersberg sagt, das Würmlein ist ihm bald in die Nase geloffen.“ Damit meint er Keisersberg, aber dafür habe ich keinen Beleg gefunden. Und in Hinterpommern gibt es den Spruch „Die is wo ain Luus oiwe d' Läwe lope (Robert Laude: Hinterpommersches Wörterbuch: des Persantegebietes. Böhlau 1995, S. 230)

Bleibt die Frage: Wieso läuft eine Laus über die Leber?

Johann Leonhard Frisch schreibt in seinem Teutsch-lateinischen Wörter-Buch:
Es ist ihm die Laus über die Leber gelaufen, das ist, er wird, böse, und weiß keine närrische Ursache anzugeben. … Es sind Leute die bald zornig werden, und bald in den Harnisch sind, das Würmlein ist ihnen bald in die Nase geloffen. Man heißt die Läuse auch Würmer, in die Nase kriechen ist eben so als über die Leber kriechen, keines pflegen die Läuse zu thun …“ (Nicolai 1741, S. 588)*
Das beruht auf dem germanischen Volksglauben, in dem man für Krankheiten, deren Ursache man sich nicht erklären konnte, Krankheitsdämonen verantwortlich machte. Meist blieben sie unsichtbar. Sie nahmen aber auch Wesen und Gestalt von allerlei Getier wie Mücken, Käfer, Grillen, Schaben, Schmetterlinge, Bienen, Vögel, aber auch Affen, Frösche, Raupen (und eben auch Läusen) an. Mehr dazu siehe hier http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2009/05/uber-wurmer-die-man-nicht-nur-aus-der.html und hier http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2009/06/uber-wurmer-die-man-nicht-nur-aus-der.html

*Es heißt zwar Teutsch-Lateinisches Wörterbuch, aber eine lateinische Übersetzung des Spruches liefert Frisch nicht.

Sonntag, 10. April 2011

Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters


Wie wahr, wie wahr. Und deshalb sollten Autoren die Floskel schön vermeiden. Denn was sagt zum Beispiel „schöne“ Frau aus? Jeder Leser stellt sich etwas anderes darunter vor und überlegt, was der Autor wohl damit gemeint hat, statt weiterzulesen. – Aber das ist nicht Thema dieses Blogs.

Die Frage ist: Woher kommt dieses Sprichwort, oder ist es eine Redewendung oder gar ein Zitat?

Nun, der schöne Spruch

Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters
Beauty is in the eye of the beholder
La beauté est dans l'oeil de celui qui regarde
La bellezza sta negli occhi di chi guarda
Skönheten ligger i betraktarens ögon
La belleza está en el ojo de quien la contempla

ist ein Zitat. Aber von wem ist es?

Zwar werden Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Max Putzler (1915–1998) und der französische Maler Gustave Moreau (1826–1898) als Urheber genannt, aber ich habe dafür keine Quellen gefunden. Tatsächlich kommt es aus dem Englischen und wird Lew Wallace (1827–1905), dem Autor von Ben Hur, und Margaret Wolfe Hungerford (Pseudonym Duchess) (1855–1897) zugesprochen.

Bei Lew Wallace heißt es:
Do I not know beauty is altogether in the eye of the beholder, and that all persons do not see alike?
(In Lew Wallace: The Prince of India Or Why Constantinople Fell. The Echo Library 2005, S. 99)

und bei Margaret Wolfe Hungerford:
Certainly, “beauty is in the eye of the beholder.“ She is painfully ugly,’ says Miss Beauchamp. ‘Such feet, such hands and such a shocking complexion!’
(In Duchess: Airy fairy Lilian. Elibron Klassiks 2005, S. 26)

Die Idee dazu ist aber viel älter. William Shakespeare ((1564–1616) schreibt im 2. Akt, Szene 1 von Loves Labours Lost (Liebes Leid und Lust oder auch Verlorene Liebesmüh):
Good Lord Boyet, my beauty, though but mean, / Needs not the painted flourish of your praise: / Beauty is bought by iudgement of the eye, / Not uttred by base sale of chapmens tongues
Mein Lieber Lord Boyet, obwohl meine Schönheit nur durchschnittlich ist / benötigt sie nicht die Ausschmückung eures Lobgesangs, / denn Schönheit liegt im Auge des Betrachters / und muss nicht durch die Zunge des Hausierers angepriesen werden
und David Hume (1711–1776) in Of the Standard of Taste:
Beauty is no quality in things themselves: it exists merely in the mind which contemplates them.
(In David Hume: Essays and treatises on several subjects. London 1758, S. 136)

Auf einer Webseite las ich, dass der Spruch von den alten Griechen um 300 v. Chr. überliefert ist, und das denke ich auch. Aber einen Beleg dafür habe ich nicht gefunden.