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Sonntag, 15. Juli 2012

Der Herr Brecht, das Plagiieren und das Urheberrecht


Der Dramatiker und Lyriker Bertold Brecht ist berühmt/berüchtigt dafür, dass er es nicht so mit dem Urheberrecht hielt. Er machte daraus auch kein Hehl, denn: „Wie man weiß, gehört meiner Ansicht nach die Plagiierkunst zum Handwerk des Schriftstellers.“ Allerdings legte er durchaus Wert auf das Niveau der Texte, derer er sich bediente, denn, schreibt er weiter: „Wenn man mir einige Autorität auf diesem Gebiete zubilligen will: Gilbrichte [der Bühnenautor Walter Gilbricht] sind nicht plagiierbar.“ (Zur Plagiatsbeschuldigung Gilbrichts. In Werke: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Aufbau-Verlag 2000, S. 399).

Das Zitat „ist also“
das wichtigste Stilmerkmal. (…) Plagiate ausfindig zu machen, bedeutet hier Kunst. Es ist gesellschaftlich wertvolle „Arbeit“. Der „Urheber“ ist belanglos, er setzt sich durch, indem er verschwindet. Wer es erreicht, daß er umgearbeitet, also im persönlichen entfernt wird, der hält „sich“. (Plagiat als Kunst, S. 318)
Folgerichtig ist es „selbstverständlich“, dass
das geistige Besitztum auf keine Weise mehr zu schützen (ist), die Frage ist nur, ob ein gesellschaftliches System gefunden wird, das Plagiate verwerten kann. (Geistiges Besitztum, S. 322)
Und schließlich:
Natürlich basiert so ziemlich jede Blütezeit der Literatur auf der Kraft und Unschuld ihrer Plagiate. Was das Drama im besonderen betrifft, so ist eine gewisse Gleichförmigkeit zeitgenössischer Werke ebenso für eine Blütezeit kennzeichnend als die Leidenschaft ihrer Schriftsteller, in ihre Werke alles zu sammeln, was sie irgendwie auftreiben können. Von den großen sensationellen Fällen, wo es dem Autor glückte, ganze Akte sich einzuverleiben, wie sie Shakespeare reichlich zu verzeichnen hat, abgesehen, ist ja für den Theaterschreiber die Äußerung irgendeines Theaterschreibers ebenso als Material begrüßenswert wie die eines Götz von Berlichingen oder eines Herrn Henschel. Wenigen Kennern ist es gegeben, das Originale in einem Werk von Formt aufzuspüren, und bei gewissen nicht genannt sein wollenden Kritikern unserer armen Epoche kann man es ruhig da suchen, wo sie das „Unverständliche“ vermerken. Für einen Halbblinden ist beinahe jeder Anblick ein Wischiwaschi.  Es handelt sich bei den Texten für die Schauhäuser dieses Jahrhunderts nicht um feine Nuancen, originelle Handschrift, Gestuftheiten und derlei Feinheiten, denen der nach Trüffeln schnüffelnde Five-o'cIock-tea-Plauderer wortmalend nachgehen kann, sondern um großzügige Erfassung des menschlichen Materials, um die mit allen Mitteln anzupackende Gestaltung des Ausdrucks unseres Jahrhunderts. (Was den Herrn Kerr betrifft, S. 323)
Was den Herrn Kerr betrifft, so hatte der beliebte (und von vielen Schrifststellern gefürchtete) Kritiker Brecht nicht nur als „Ragoutkoch“ (S. 558) bezeichnet und dessen Stück Happy end das Motto „Happy entlehnt“ zugedacht, sondern vor allem in dem Artikel Brechts Copyright im Berliner Tageblatt vom 3. 5. 1929 einige Copyright-Verstöße dokumentiert und damit eine große Plagiatsdebatte ausgelöst. Der Artikel beginnt mit den Worten: „Die hübsche Dreigroschenoper (…) entschlief nicht für immer: im wunderschönen Monat Mai soll sie zu neuem Dasein erwachsen. Sie ist ein Werk Brechts, das John Gray vor zweihundert Jahren schrieb“, und endet mit „Der Wahlspruch ‘Nur wer von Fremden lebt, lebt angenehm’ ist eine Überzeugung – aber auch ein Grundsatz? Jeder Schriftsteller (ob er nun Bert heißt oder Klemmens) bedenke das.“

Brecht reagierte auf die Anschuldigungen lapidar mit der folgenden Erklärung (und rief mit dem letzten Satz einen Sturm der Entrüstung hervor):
Eine Berliner Zeitung hat spät, aber doch noch gemerkt, daß in der Kiepenheuerschen Ausgabe der Songs zur „Dreigroschenoper“ neben dem Namen Villon der Name des deutschen Übersetzers Ammer fehlt, obwohl von meinen 625 Versen tatsächlich 25 mit der ausgezeichneten Übertragung Ammers identisch sind. Es wird eine Erklärung verlangt. Ich erkläre also wahrheitsgemäß, daß ich die Erwähnung des Namens Ammer leider vergessen habe. Das wiederum erkläre ich mit meiner grundsätzlichen Laxheit in Fragen geistigen Eigentums (Eine Erklärung Brechts, S. 315 f.)
Und merkte in deren Entwurf an:
Geistiges Eigentum ist eben so eine Sache, die in Schrebergärtchen und dergl. Angelegenheiten gehört. (S. 315)
Ammer gab sich denn auch zufrieden, als Brecht zur Neuausgabe seiner Villon-Gedichte 1930 das Sonett zur Neuausgabe des Francois Villon beisteuerte, das als eine Art Vorwort den Gedichten vorangestellt und auch auf der Rückseite des Schutzumschlags zu lesen ist und mit den Worten endet: „Nehm jeder sich heraus, was er grad braucht! / Ich selber hab mir was herausgenommen …“ Nur dass dieser Vers wiederum eine Entlehnung aus Kerrs Artikel ist, denn der hatte gefragt: „Für die eingelegten Balladen zeichnet Bert Brecht ebenfalls. Er hat sie nun bei Kiepenheuer herausgegeben. Doch bei wem hat er sie herausgenommen?“ …

– Jörn Scheer hat sich durch Brechts Kalendergeschichte Ulm 1592  zu einer „Untertänigsten Nachschrift“ inspirieren lassen, zumal die obige Erklärung nicht die einzige war, die Brecht abgeben musste:
Hat jemand spät, aber doch gemerkt,
Daß von meinen 33 Versen
tatsächlich 22 mit jenen von Brecht
In der 6. Kalendergeschichte „Ulm 1592“
Mehr oder minder identisch sind? (lesen Sie bitte hier weiter:)
(In Jörn Scheer: Immerwährender Geschichten-Kalender. ardetta 2010, S. 216 und 342) –
Kurt Tucholsky spöttelte in der Weltbühne vom 25. 1. 1919 „Was dem einen brecht ist, ist dem andern billig“ (S. 785) und nannte in einer lyrischen Parodie, dem Lied der Cowgoys, „Rudyard Brecht“ als Verfasser, da Brecht unter anderem den berühmten Surabaya-Johnny-Song von Rudyard Kipling übernommen hatte.

Erich Kästner wiederum parodierte Brecht mit seinem Lied Surabaya-Johnny II. frei nach Kipling und Brecht, das mit den Worten schließt: „Du warst nicht indisch, Johnny. / Kauft Kolonialwaren bei Bertolt Brecht! / Surabay-Johnny! / Villon, Kipling, Rimbaud. / fourniert auf Mahagonny – / du bist der geborene & Co.

Karl Kraus hingegen entschuldigte Brecht in der Fackel mit der „Immoral sanity“, der unmoralischen Vernunft:
Im kleinen Finger der Hand, mit der er fünfundzwanzig Verse der Ammerschen Übersetzung von Villon genommen hat, ist dieser Brecht originaler als der Kerr, der ihm dahintergekommen ist; und hat für mein Gefühl mit allem, was ihn als Bekenner dem Piscatorwesen näher rückt als mir (ja was mir weltanschaulich zuwider ist als die Mischung von Nieder- und Aufreißertum, als eine betonte Immoral sanity) mehr Beziehung zu den lebendigen Dingen der Lyrik und der Szene als das furchtbare Geschlecht des Tages, das sich nun an seine Sohlen geheftet hat. So wenig ein Zweifel darüber bestehen kann, daß eine geistige Existenz ausgelöscht wäre, die auch nur mit einem einzigen fremden Vers zu glänzen versuchte, so ausbündig ist die Trottelei, die einem weismachen will, dieser so geartete, so begabte und so sichtbar abwegige Autor hätte es nötig gehabt und für möglich gehalten, die Verse, die ihm für den Bühnenzweck praktikabel schienen wie Versatzstücke und Personen, und deren autorrechtliche Fatierung er für den Druck verschlampt hat, als literarische Kontrebande auf die Seite zu bringen. Eine Bewußtseinshandlung, die hier noch ein »Copyright« anbringt, zu unterstellen, ist nicht die Bosheit der Satire, sondern der Idiotie, oder gar die Gesinnung, die deren Anschein nicht verschmäht, um auf Idioten eine Augenblickswirkung zu erzielen. (S. 129)
Lesenswert in dem Zusammenhang ist Hellmuth Karaseks Beitrag Der Ehrabschreiber über „eine unsinnige Literatur-Kampagne“ im SPIEGEL 4 /1990, S. 173 ff., wo er nicht nur über Brechts Plagiate schreibt, sondern auch über die von Georg Büchner, Alfred Döblin (siehe dazu http://www.zeit.de/1959/13/doeblin-faelschung), Karl Kraus (vielleicht deshalb dessen positive Reaktion auf die Plagiatsvorwürfe gegenüber Brecht; die Plagiatsvorwürfe, die das Gedicht Apokalypse betrafen, veranlassten Kraus zu dem Essay Vom Plagiat), Thomas Mann (der Plagiate als höheres Abschreiben bezeichnete), Robert Musil, Johann Nepomuk Nestroy, Joseph Roth und  Arno Schmidt, der dazu in Gelehrtenrepublik, S. 110, schreibt: „Das Plagiat: was ist es im letzten Grunde andres als Selbsterkenntnis? Daß dem Betreffenden das fehlt, was er nimmt?“

Weiter nennt Karasek Shakespeare  (was Heinrich Heine als „töricht“ bezeichnete und seinerseits auf Friedrich Schiller verwies), Peter Weiss, vor allem aber Walter Kempowski (dessen Reaktion auf die Vorwürfe siehe hier). Aber, so Karasek:
Darüber kann nur erstaunt sein, wer sich sein Bild der Literatur aus kitschigen Groschenromanen und Filmen besorgt hat, wo Dichter in der Gartenlaube sich unter Wehen ihre Herz-Schmerz-Reime aus den eigenen Fingern saugen, sogenannte Originalgenies. 
Viele Erzähler, Maler, Musiker der Moderne sind nicht Erfinder, sondern Finder. Und das gilt nicht erst für die Moderne. Shakespeare etwa war so ein Ausplünderer, sein „Hamlet“ wäre heute vor einem Plagiatsprozeß nicht sicher. (…)
Die Grenzen zwischen Zitat und Plagiat sind schwer zu ziehen. Man macht sich leicht lächerlich, wie der Kritiker Alfred Kerr es im Fall der „Dreigroschenoper“ tat, als er Brecht als Plagiator entlarvte – obwohl Kerr recht hatte.
Ach – auch Johann Wolfgang von Goethe  tat’s (siehe  http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2012/07/goethe-zum-plagiieren.html und Robert Springer: Ist Goethe ein Plagiator Lorenz Sterne's in Museum, Bd. 17, 1867, S. 690 ff.), und kämpfte doch um sein eigenes Urheberrecht (siehe http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2012/06/goethes-kampf-um-den-gesetzlichen.html),  Molière (siehe dazu Karl Gutzkows Das Urbild des Tartüffe, wo er sich über den französischen Dramatiker lustig macht) und Alexandre Dumas (worauf Heine mit den Worten reagierte: „Nichts ist törichter als das Begehrnis, ein Dichter solle alle seine Stoffe aus sich selber heraus schaffen, das sei Originalität“, siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2011/04/heinrich-heine-ubers-plagiat.html)
und und und. Ich frage mich langsam, wer eigentlich nicht …

Okay, es ist nicht immer der Autor drin, wo der Autor draufsteht. Das sind wir ja gewohnt von Früchtetee, Joghurt und Kalbsleberwurst. Darum geht es hier gar nicht. Aber im Himmels Willen, WARUM DARF MAN DANN BRECHT NICHT ZITIEREN, Urheberrecht hin, Urheberrecht her, wenn das Gesetz für ihn doch auch nicht galt. Denn „Texte von Bertold Brecht, auch in elektronischem Format, dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung veröffentlicht werden, da sie urheberrechtliches Eigentum von ProQuest LLC sind“ (siehe http://brecht.chadwyck.co.uk/deutsch/html/frames/moreinfo/copyrite.htm).

Warum verklagten seine Erben Heiner Müller, weil er im seinem letzten Theaterstück GERMANIA 3 Passagen aus Das Leben des Galilei und Coriolan zitierte, und zogen damit bis vor das Bundesverfassungsgericht? (Siehe dazu die Pressemitteilung des BVG Zum Verhältnis von Kunstfreiheit und Urheberrecht – "Germania 3“ von H. Müller http://www.bverfg.de/pressemitteilungen/bvg100-00.html und das Urteil des BVG). Zu einer Klage gegen die Erben Brechts siehe Angriff aufs Brecht-Erbe, DER SPIEGEL 49/1997 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8841780.html.

Siehe dazu auch Kontextualisierung und analyse – zur literatur der goethezeit, des ausgehenden 19. und 20. jahrhunderts, und denjenigen unter Ihnen, die mehr über Plagiate wissen möchte, empfehle ich Fremde Federn Finden: Kurs über Plagiat http://plagiat.htw-berlin.de/ff/inhalt

Mittwoch, 11. Juli 2012

Kurt Tucholsky zum Plagiieren

Ich sage: »Sagen Sie mal«, sage ich, »was schreiben Sie denn jetzt so –?« »I«, sagt er, »wir schreiben doch heute nicht mehr«, sagt er. »Wo die andern schon alles geschrieben haben – wozu sollen wir noch mal –?«

(…) Wenn die Bäume alt werden, schlingt sich Efeu um die Aste. In besonders schlimmen Fällen sind es Moos oder andre Parasiten, die Saft und Kraft aus den alten Bäumen ziehen – ohne sie vergingen die Schmarotzer. Die halbe Literatur ›bearbeitet‹, ›überträgt‹, ›richtet ein‹ – es gibt da eine schöne Terminologie, um die eigne Einfallslosigkeit zu übertünchen. Wenn man das so alles mit ansieht, kommt man sich reichlich töricht vor, daß man sich seinen Kram noch allein ausdenkt. »Die andern haben schon – wozu sollen wir noch mal?«

Die Technik dieser Nachfühler ist, in den guten Fällen, unmerklich raffiniert. Sie kriechen in das Vorbild, saugen es ganz auf und schmücken sich mit fremder Kraft. (…)

Es ist bei der Bearbeitung eines alten Stücks sehr schwer zu kontrollieren, was vom Verfasser und was vom Bearbeiter stammt. Der Fall Shakespeare gehört nicht hierher; erstens waren damals die Auffassungen vom geistigen Eigentum nicht lax, sondern kaum ausgebildet, und zweitens hat der nun wirklich die alten Stoffe nur zum Anlaß genommen.

Bei den Heutigen ist es Faulheit, Phantasielosigkeit, Wichtigtuerei und Abwälzung der Verantwortung auf einen, der sich nicht mehr wehren kann. »Was gut ist, stammt natürlich von mir – den Rest mußte ich übernehmen.« (…)

Ich bin kein Plagiatschnüffler; ich weiß, wie halb verwehte Klänge haften, wie einem Erinnerungen aufsitzen, wie man unbewußt plagiieren kann, aber weil ich es weiß, passe ich auf. Zu denken, daß sich unsereiner quält, wegläßt, weil vielleicht diese Zeile zu sehr an eine von Mehring erinnert … ich habe den größten Respekt vor geistigem Eigentum und eine ebenso große Verachtung für literarische Einbrecher. (…)

Lasset uns in Zukunft Dichter loben, die sich ihr Werk allein schreiben.

Peter Panter zu Bertold Brechts Plagiaten

(Der Anhängewagen. In Die Weltbühne, 21.05.1929, Nr. 21, S. 783 http://www.zeno.org/Literatur/M/Tucholsky,+Kurt/Werke/1929/Die+Anh%C3%A4ngewagen)

Montag, 20. Juni 2011

Über Kunst und Können, Wollen und Wulst


So manches Zitat gibt es mit unterschiedlichen Urheberangaben und in noch mehr unterschiedlichen Versionen. Aber eines schießt wohl den Vogel ab: die Persiflage auf Johann Gottfried von Herders „Kunst kommt von Können oder von Kennen her“. Hier eine kleine Auswahl der Zitate:

Kunst kommt von Können, käme es von Wollen, hieße es Wulst! (auch „Kunst kommt vom Können, nicht vom Wollen …“; auch Wullst und Wunst)*

Kunst kommt von Können. Käme sie von Wollen, müßte sie Wulst heißen.
Kunst kommt vom Können, nicht vom Wollen, sonst hieße es Wulst.
Kunst kommt von Können, sonst bleibt es beim Wollen und ist Wulst.
Kunst kommt von Können und nicht von Wollen. Denn käme Kunst von Wollen, dann hieße es Wulst!
Kunst kommt von Können und nicht von Wollen. Sonst hieße sie Wulst und nicht Kunst.
Kunst komm von Können und nicht von Wollen, sonst würde es Wullst heißen.
Kunst kommt von „Können"; wenn’s von „Wollen“ käm, würd’s ja Wunst heißen!
Kunst kommt von Können, würde es von Wollen kommen, täte es Wullst heißen.
Kunst muss von „Können“ abgeleitet sein, denn wenn es nur vom Wollen käme, dann müsste es „Wunst" oder „Wullst“ heißen!

*Die Version mit Wullst ergibt übrigens 34 Treffer, Wulst 32.900 und Wunst 237.000

Als Urheber werden unter anderem genannt: Gottfried Benn, Joseph Beuys, Arnold Böcklin, Bert Brecht, Bonmot, Hans von Bülow, Busenkumpel, Siegfried Engelmann, Ludwig Fulda, Robert Gernhardt, Joseph Goebbels, Hermann Groeber, ein Großvater, Heino, Wolfgang Hildesheimer, Clemens Holzmeister, Siegfried Jacobsohn, Kalauer, div. Kunstlehrer, Max Liebermann, Paul Meyerheim, ein Orgellehrer, Redensart, Hannes Reinartz, Musikwissenschaftler Dr. Schenk, Wilfried Schmickler, Julius Schniewind, Hans Thoma, Ludwig Thoma, Kurt Tucholsky, Karl Valentin, ein Vater, Volksmund, Volksweisheit, Horst Wessel, Oswald Wiener und hurra, ich habe auch Heinz Ehrhardt und Karl Kraus als Urheber gefunden, die ja gern für alles verantwortlich gemacht werden, wenn man den Urheber nicht kennt.

Das Zitat gilt als belastet, als „böser Spruch“, weil er auf Joseph Goebbels zurückgehen soll, der damit die moderne abstrakte Kunst diffamieren, sie als „entartete Kunst“, als eine Kunst ohne Können im Gegensatz zur „völkischen Kunst“ hinstellen wollte. Belegt ist das nicht. Aber das Zitat wurde während der Nazizeit offensichtlich gern benutzt, wie der Bericht der Berliner Morgenpost vom 25. 2. 1938 anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Entartete Kunst“ zeigt:
„Kunst kommt von Können; wenn sie von Wollen käme, müsste sie Wunst heißen.“ Wie eine Illustrierung zu diesem Wortwitz wirken die ersten Bilder, mit denen sich jetzt in Berlin die Ausstellung „Entartete Kunst“ am Königsplatz 5 den Besuchern präsentiert. Es ist wirklich Wunst, was sich uns hier entgegenwölbt. Und so sinnlos dieses Wort klingt, genau so sinnlos glotzen uns die Kleckerein an, die mit Malerei nur dem Material nach etwas zu tun haben.
(siehe Uwe Fleckner (Hrsg.): Angriff auf die Avantgarde: Kunst und Kunstpolitik im Nationalsozialismus. Akademieverlag 2007, S. 104)
Der Spruch wurde jedoch schon vorher missbraucht. Bereits 1915 schrieb der Maler Paul Meyerheim über seinen Malerkollegen Anton von Werner in Velhagen & Klasings Monatsheften:
Aber bei seiner Kenntnis der Natur und Wirklichkeit konnte er unmöglich alle jene tollen Auswüchse gutheißen, welche heute unter verschiednen Fahnen und merkwürdigen Titeln die moderne Jugend hinreißen und vernünftig scheinende Menschen zum Blödsinn betören. Bei einer hoffentlich bald aufkeimenden Wiedergeburt der deutschen Kunst werden dann jene Männer wieder zur Geltung kommen, welche wirklich etwas konnten und können, denn Kunst kommt von Können, und unreifes Wollen gibt nur Wulst. (S. 409)
Und 1922 findet sich unter dem Eintrag Erich Heckel im Allgemeinen Künstlerlexicon: Leben und Werke der berühmtesten bildenden Künstler:
… Dann war er Mitbegründer der „Brücke“, die erste jener deutschen Künstler Vereinigungen, die „die Kunst des Könnens mit dem Wulst des Wollens" vertauschten.
Josef Beuys war ein spätes Opfer dieses Zitats. Denn anlässlich der Verleihung des Lichwark-Preises 1976 schrieb Heinz Spielmann, der damalige Hauptkustos am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, im Lokalteil der Welt:
Beuys hat sicher eine Zeitlang die Funktion des quasi-religiösen Sektierers erfüllt, diese Funktion ist jedoch im Hinblick auf den Lichtwark-Preis nicht gefragt. Gefragt ist Kunst, nicht die Absicht, das Wollen (wäre, nach einem Wort von Lichtwarks Freund Max Liebermann, das Wollen gefragt, müßten wir von Wulst statt von Kunst sprechen. Beuys erzeugt Wulst). 
(In Das Kunstwerk 1977, Bd. 30, S. 35;  siehe auch http://www.zeit.de/1977/06/zeitmosaik)
Max Liebermann (1847–1935) wird gern als Urheber des Zitats genannt. Tatsächlich findet sich in seinem Brief an den Kunsthistoriker Max Lehrs vom 21. 7. 1921 der Satz:
Ich bin immer noch der Meinung, daß Kunst von Können herkömmt: Käme sie von Wollen, so hieße sie Wulst.
Weiter schreibt er:
Doch darin würden mir auch die Jüngsten beistimmen, nur verstehen sie unter Können etwas anderes als ich, der ich überzeugt bin, daß das Können eine Phantasietätigkeit ist, wobei die Technik die Handlangerin ist: Sie projiziert die Phantasie auf die Fläche (wobei es ganz gleichgültig, in welchem Material). Darin besteht eben das Talent, daß der Gedanke in der Ausführung beruht und – die Ausführung im Gedanken, nicht, wie Idioten glauben, in der manuellen Geschicklichkeit (die bei jedem Künstler die conditio sine qua non ist).
(In Diether Schmidt: Schriften deutscher Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts, Bde 1–2. Verlag der Kunst 1965, S. 271)
Doch bereits 1908 schrieb der Maler Hans Thoma (1839–1924) im Herbste des Lebens: gesammelte Erinnerungsblätter: „Bei uns nämlich muß der Künstler irgendwo hinaus wollen, immer etwas wollen, daher der viele Wulst in der Kunst. Er muß Zweck und Absicht bekennen und aussprechen können.“

Der eigentliche Urheber ist jedoch Ludwig Fulda (1862–1939) mit einem seiner Sinngedichte:
Weiß nicht, was echte Künstler sollen
Mit eurem theoretischen Schwulst;
Kunst kommt von Können, nicht von Wollen:
Sonst hieß es: „Wulst“.
(In Heft 15 des Magazins für Litteratur vom 14. April 1894; siehe Faksimile bei wikipedia)
Vielleicht hat Karl Valentin (1882–1948) mit seinem Ausspruch
Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen 
auf dieses Sinngedicht zurückgegriffen. (Quelle: karl-valentin.de; siehe auch die hübsche Postkarte)

– Die Rezensentin einer Kunstausstellung, die den Referenten, der bei einem Vortrag im Rahmenprogramm der Ausstellung diese Worte aufgegriffen hatte, kritisierte mit: „Nein, Herr Wessel, vermutlich hieße sie dann ‘Wünst’. Denn wenn aus einem ‘ö’ ein ‘u’ wird, würde aus einem ‘o' ein ‘ü’“, hätte sich allerdings schlau machen sollen, bevor sie die Rezension schrieb. –

Auch der Duden 11: Redewendungen: Wörterbuch der deutschen Idiomatik von 2002 kennt das Zitat, schreibt es aber Robert Gernhardt zu: Als Quelle nennt er eine Sendung auf swr-online.de. Tatsächlich schreibt Gernhardt in seinem Pamphlet gegen den ewigen Dilettantismus:
„Antonio, höre mir gut zu. Habe ich dir jemals gesagt, Kunst kommt von Können, käme sie von Wollen, hieße sie Wulst? Vergiss es! Die Wulst hat gesiegt, die Kunst ist am Ende; zusammen mit dem Jahrtausend, das einige ihrer glorreichsten Siege sah, räumt sie geschlagen das Feld dem, der sie seit Anbeginn gewünscht und verwünscht, verteufelt und vergöttert hat: dem ewigen Dilettanten.“
(In Der letzte Zeichner: Aufsätze zu Kunst und Karikatur. Haffmans 1999, S. 9)
– Schade, ich würde mir wünschen, der Duden hätte genauer recherchiert. –

Bert Brecht wiederum schrieb:
Das Zeittheater beruht mehr auf dem Wollen, und daher müßte man für diese Kunst, die nicht dem Können, sondern dem Wollen entspringt, sinngemäß (wie ein schlagfertiger Kopf bemerkt hat) Wulst sagen. An diesem Wulst ist unsere Bühne zugrunde gegangen. Je unreifer ein Stück war, desto bereitwilliger wurde es dem Publikum vorgesetzt.
(In Richard Elsner (Hrsg.), Das Deutsche Drama in Geschichte und Gegenwart, Bd 4. Heyer 1932, S. 13)
Arnold Böcklin soll laut Schweizer Rundschau 1918, S. 224, gesagt haben: „Kunst kommt von Können, wenn es von Wollen käme, so hieß es Wulst“, und Hans von Bülow (1830–1894): „Kunst kommt vom Können, nicht vom Wollen, sonst hieße sie Wunst“ (zitiert nach OHLSDORF – Zeitschrift für Trauerkultur, 88 (2005)

Friedrich Gundolf (1880–1931) wiederum wird der Satz zugesprochen:
Kunst kommt von Können, aber immer ist Kunst „Sein“, nur Kunst kommt von Können, käme es vom Wollen, so hieße es „Wullst“, – und käme es vom Sein, – so hieße es „Sunst“! Kunst aber kommt vom Urbeginn her, vom Können, aber immer ist Kunst „Sein“, nur – „Sein“ ist noch lange keine Kunst.
(Zitiert nach W. Wagner & G. Weismantel: Aber die Schleichenden, die mag Gott nicht: Der Dichter und Volkserzieher Leo Weismantel: Festschrift zum 100. Geburtstag. P. Lang 1988, S. 193)
Der Maler Hermann Groeber (1865–1935) wird sogar in der Wikipedia als Urheber genannt. Eine Quelle gibt es jedoch nicht.

In einer Ausgabe des Aufbaus aus dem Jahr 1946 heißt es:
„Kunst kommt von Können“, pflegte Siegfried Jacobsohn zu sagen. „Käme sie von Wollen, sie hieße nämlich – Wulst …“ Und der pflegt an den einzigen Ort  „gefördert“ zu werden, der dafür in Frage kommt: – der Papierkorb“.
Hannes Reinartz schließlich wird mit den Worten zitiert
Kunst kommt nicht nur von Können – was unbestreitbar ist, denn käme es von Wollen, so hieße sie Wulst! – sondern darüber hinaus von Künden.
(Zitiert nach Ludwig Hoelscher zum 75. Geburtstag. Schneider 1982, S. 52)
Und nein von Heinz Erhardt, Karl Kraus und Kurt Tucholsky (und all den anderen oben genannten Urhebern, die hier nicht aufgeführt sind) stammen diese Worte sicher nicht.