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Freitag, 4. Januar 2013

Lichtenberg über Menschen, die bloß lesen, um nicht denken zu dürfen


Falsche Zitate werden nicht richtiger, nur weil sie aus berufenem Munde kommen, wie dieses:
Manche Menschen lesen bloß, um nicht zu denken.*
Das ist doch ein Unterschied zu dem, was Georg Christoph Lichtenberg (nicht ein G. G. Lion, wer immer das auch sein mag, ein – aua – Georg Christoph Lerchenberg, eine Lebensweisheit oder eine Redensart) wirklich gesagt hat:
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht  denken dürfen.
(In Vermischte Schriften, 1817, S. 120)
Da viele Leser über das dürfen gestolpert sind, gibt es auch diese Versionen:
Es gibt sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.
Es gibt viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken brauchen.
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken müssen.
Jemand hat es sich ganz einfach gemacht und geschrieben:
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen. (brauchen/müssen!). 
Nun ja, er hätte ruhig ein bisschen recherchieren müssen (brauchen/dürfen!).

Und derjenige, der geschrieben hat:
Es gibt wirklich nicht sehr viele Menschen, die bloss lesen, damit sie nicht denken dürfen
muss ein Menschenfreund sein …

– Es muss wirklich einmal gesagt werden: Ich begreife nicht, warum sich Zitatenseiten mit einer Sammlung von über fünftausend Zitaten brüsten, aber nicht in der Lage sind, Zitate korrekt wiederzugeben. –

 * Nicht böse sein, lieber Denis Scheck. Ich habe vor Jahren mal an einem Seminar an der Bundesakademie für kulturelle Bildung mit Ihnen als Workshopleiter teilgenommen, bei dem ich viel gelernt habe, zum Beispiel, dass man mit dem Wort Springerstiefel in einem objektiven Bericht eine Wertung vornimmt, die dort nicht angebracht ist.

Sonntag, 2. September 2012

„Der Unterschied zwischen Aufgewecktheit und Scharfsinn ist derselbe wie zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz“ – von wem?


Ein Zitat, angeblich von Mark Twain, lautet:
Einige verwechseln Aufgewecktheit mit Scharfsinn; der Unterschied zwischen Aufgewecktheit und Scharfsinn ist derselbe wie zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz.
(Übersetzung laut http://de.wikiquote.org/wiki/Scharfsinn)
Some folks mistake vivacity for wit; whereas the difference between vivacity and wit is the same as the difference between the lightning-bug and the lightning.
und als Quelle wird Albert Bigelow Paine: Mark Twain: A Biography, Chapter LXXXIII: Lecturing Days genannt (http://classiclit.about.com/library/bl-etexts/apaine/bl-apaine-mtwain-83.htm).

(zu dem Ausspruch "Der Unterschied zwischen dem beinahe richtigen Wort und dem richtigen Wort ist wirklich eine große Sache – es ist der Unterschied zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz" (The difference between the almost right word and the right word is really a large matter—’tis the difference between the lightning bug and the lightning) siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.de/2011/02/uber-mark-twains-gluhwurmchen-und.html

Tatsächlich aber schreibt Paine dort unter anderem über die ungewöhnliche Ausdrucksweise des US-amerikanischen Humoristen Josh Billings, der zu seiner Zeit beliebter war als Mark Twain:
An assumed illiteracy belonged with the side of life which he [Billings] presented; but it is pathetic now to consider some of the really masterly sayings of Josh Billings presented in that uncouth form which was regarded as a part of humor a generation ago. Even the aphorisms that were essentially humorous lose value in that degraded spelling.
"When a man starts down hill everything is greased for the occasion," could hardly be improved upon by distorted orthography, and here are a few more gems which have survived that deadly blight.
"Some folks mistake vivacity for wit; whereas the difference between vivacity and wit is the same as the difference between the lightning-bug and the lightning." (kursiv jmw)
"Don't take the bull by the horns-take him by the tail; then you can let go when you want to."
"The difficulty is not that we know so much, but that we know so much that isn’t so."
 Nur stimmt das so nicht ganz, denn Bilings Zitat lautet korrekt:
Don’t mistake vivacity for wit, thare iz about az much difference az thare iz between lightning and a lightning bug.
(In Josh Billings’ Old Farmer’s Allminax, January 1871  http://www.gutenberg.org/files/40191/40191-0.txt)
Mark Twain zitiert wiederum Paine in seiner Geschichte Frank Fuller and My First New York Lecture  (zu Frank Fuller siehe http://www.twainquotes.com/FullerRevisited.html
Another good fellow—good as ever was. He [Billings] too was a great card on the lecture platform in those days; and his quaint and pithy maxims were on everybody's tongue. He said "Some folks mistake vivacity for wit; whereas the difference between vivacity and wit is the same as the difference between the lightning-bug and the lightning." And he said, "Don't take the bull by the horns, take him by the tail, and then you can let go when you want to." Also he said, "The difficulty ain't that we know so much, but that we know so much that ain't so."
(http://online.wsj.com/article/SB123981266777021549.htm)
Das Zitat Some folks mistake vivacity for wit; whereas the difference between vivacity and wit is the same as the difference between the lightning-bug and the lightning ist also eine falsche Wiedergabe von Billings Worten durch Paine. Mark Twain jedenfalls hat es so nicht gesagt.

Montag, 20. August 2012

Jean Paul über das Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann


Einer der ersten Sprüche, die ich in meinen Tagebüchern notierte, lautete (und damit bin ich in illustrer Gesellschaft, denn auch Thomas Mann schrieb am 14. 5. 1888 diesen Spruch von Jean Paul in das Poesiealbum von  Johanna Bussenius, der Tochter des Leiters seines Gymnasiums, siehe hier und hier, allerdings wird das Zitat in beiden Büchern unterschiedlich zitiert):

„Erinnerungen sind  das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.“

Auch

Das Gedächtnis ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nie vertrieben werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht getrieben [sic] werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, daraus wir nicht vertrieben werden können!
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.
Erinnerung ist das Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.

Imagination is the only paradise from which we cannot be expelled.
Memories are the only paradise from which we cannot be expelled.
Memory is the only paradise from which we cannot be expelled
Our memory is the only paradise from which we cannot be expelled
Recollection is the only paradise from which we cannot be turned out.
Remembrance is the only paradise from which we cannot be expelled.
The memory is the only paradise from which we can not be expelled.
The memory is the only paradise from which we cannot be driven away.
The only Paradise from which we cannot be expelled is the Memory.

El recuerdo es el único paraíso del que no podemos ser expulsados.
La imaginación es el único paraíso del que no podemos ser expulsados.
La memoria es el único paraíso del que no podemos ser expulsados.

Und nun, etliche Jahre später und viele falsche Zitierweisen weiter, überlege ich, ob Jean Paul (nicht „unbekannt“, ein weiser Rabbi oder zugeschrieben und auch nicht von Blaise Pascal, Michael de Montaigne oder Novalis, die gern für gute Sprüche herhalten müssen, aber auch nicht von Dietrich Bonhoeffer,  der bei Traueranzeigen gern als Urheber genannt wird) es wirklich so gesagt hat. Die Antwort ist einmal mehr nein. Denn richtig lautet das Zitat, was vermutlich kaum einer weiß:
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können. Sogar die ersten Eltern waren nicht daraus zu bringen.
(Impromtü’s, welche ich künftig in Stammbücher schreiben werde. (1811.) 29. Erinnerung. In Jean Paul’s sämmtliche Werke. Reimer 1838, S. 159; als Quelle wird auch sein Roman Die unsichtbare Loge aus den Jahr 1793 genannt, ich habe es aber dort trotz der irgendwo angegebenen Quellenangabe „1, 13“ (= 1. Teil, 13. Sektor?) nicht gefunden. 

Nach anderen Versionen, unter anderem ebenfalls eine aus dem Jahr 1811, lautet es:
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können. Sogar die ersten Ältern waren nicht daraus zu vertreiben. (Zeitung für die elegante Welt Berlin, S. 1556)
Ob das auch eine Version Jean Pauls ist oder er nur falsch zitiert wurde, konnte ich leider nicht feststellen.

Die Version ohne den Zusatz mit den Eltern, also nur in der Form
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können, 
wurde, warum auch immer, zuerst 1812 im Cotta’schen Taschenbuch für Damen gedruckt. Vielleicht weil die Damen als Mütter so etwas nicht in Stammbücher oder Poesiealben schreiben würden. (Zitiert nach Karl Kraus Frühe Schriften: Erläuterungen. Suhrkamp 1988, S. 141)

– Kleines Schmankerl am Rande: In diesem Blatt ließ Goethe (O-TonDas ist eine heillose Manier, dieses Fragmente-Auftischen …“) mit den Worten „Beykommendes wünsche für den Damenkalender geeignet!“ zehn Jahre lang Ausschnitte aus  seinem Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre als Teil seiner Verkaufsstrategie(!) vorabdrucken (mehr dazu siehe  http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/goethe/wanderjahre_bunzel.pdf). –

Gar nicht auszumalen, wie viele Autoren so manche Zeilen gar nicht geschrieben hätten, weil sie sich mit Jean Pauls Worten auseinandersetzten, wenn allein die vollständige Version überliefert worden wäre …

Sonntag, 12. August 2012

Friedrich der Große darüber, dass die Bürger die Hälfte des jährlichen Einkommens mit dem Staat teilen müssen oder Wie man aus zwei Zitaten eines macht


Dieses Zitat von Friedrich dem Großen sollte sich jede Regierung ins Stammbuch schreiben:
Eine Regierung muss sparsam sein, weil das Geld, das sie erhält, aus dem Blut und Schweiß ihres Volkes stammt. Es ist gerecht, dass jeder einzelne dazu beiträgt, die Ausgaben des Staates tragen zu helfen. Aber es ist nicht gerecht, dass er die Hälfte seines jährlichen Einkommens mit dem Staate teilen muss.
Nur leider hat der alte Fritz das so gar nicht gesagt. Der Volksmund oder wer auch immer hat nämlich aus zwei Zitaten eines gemacht, wohl weil es eingängiger ist.

Tatsächlich hatte der König von Preußen in seinem politischen Testament aus dem Jahr 1752 gesagt:
Ich glaube, es ist für den Herrscher ebensowenig ratsam, geizig wie verschwenderisch zu sein. Er soll vielmehr sparsam und freigebig sein. Sparsam, well er die Güter des Staates verwaltet, well das Geld, das er empfängt, Blut und Schweiß des Volkes ist und er es zum Besten des ganzen Staatskörpers verwenden muß.
(Soll ein Fürst geizig oder verschwenderisch sein? In Die Werke Friedrichs des Großen: in deutscher Übersetzung, S. 151)
In seinem politischen Testament aus dem Jahr 1768* schrieb er:
Hier eine andere wichtige Frage: es handelt sich um Steuern. Soll man  dabei das Staatswohl oder das Wohl des Einzelnen voranstellen, und welchen Entschluß soll man fassen? Ich antworte: Der Staat besteht aus lauter Privatleuten, und das Wohl des Herrschers deckt sich mit dem seines Volkes. Der Hirt schert seine Schafe, zieht ihnen aber nicht das Fell ab. Also ist es  recht und billig, daß jeder Privatmann zu den Staatskosten beiträgt, aber er  soll nicht sein halbes Einkommen mit dem Herrscher teilen.
(Volkswirtschaft. In Das Politische Testament Friedrichs d. Gr. von 1768, S. 113)
Eine andere Übersetzung, denn Friedrich II. verfasste seine Schriften natürlich in Französisch, lautet:
Muss man in Bezug auf die Steuern das Wohl des Staates oder das Wohl des Einzelnen vorziehen oder welche Partei soll man nehmen? Ich antworte: dass der Staat aus Einzelnen ,zusammengesetzt ist und es nur ein einziges Wohl gibt für den Souverän und seine Untertanen. Die Hirten scheren ihre Schafe, aber sie ziehen ihnen nicht die Haut ab. Es ist gerecht, dass jeder Einzelne dazu beiträgt, die Ausgaben des Staates tragen zu helfen, aber es ist gar nicht gerecht, dass er die Hälfte seines jährlichen Einkommen mit dem Souverän teilt.
(Quelle http://www.potsdamer-buergerzeitung.de/gesellschaft/das%20politische%20testament_friedrich.html)
*Für diese Überarbeitung des politischen Testaments von 1752 im November 1768 galt auf „allerhöchste Erschließung“ im Jahr 1842 der königlichen Familie ein Abdruckverbot. Die beiden politischen Testamente wurden erst 1920 von Gustav Berthold Volz vollständig veröffentlicht. Beide Testamente waren für Friedrichs Nachfolger gedacht, waren also keine weisen Worte für die Nachwelt.

Samstag, 28. Juli 2012

Aus der Rubrik „Sie haben es nie gesagt“: Wahrhaftigkeit und Politik wohnen selten unter einem Dach

Ein beliebtes Zitat, das häufig der französischen Königin Marie Antoinette zugeschrieben wird, lautet

Wahrhaftigkeit und Politik wohnen selten unter einem Dach

Nur sind weder das Zitat noch die Verfasserangabe richtig.

Das Zitat ist aus Stefan Zweigs Werk Marie Antoinette: Bildnis eines mittleren Charakters und lautet richtig:
Die Geschichte der Königin Marie Antoinette schreiben, heißt einen mehr als hundertjährigen Prozeß aufnehmen, in dem Ankläger und Verteidiger auf das heftigste gegeneinander sprechen. Den leidenschaftlichen Ton der Diskussion verschuldeten die Ankläger. Um das Königtum zu treffen, musste die Revolution die Königin angreifen, und in der Königin die Frau. Nun wohnen Wahrhaftigkeit und Politik selten unter einem Dach, und wo zu demagogischem Zweck eine Gestalt gezeichnet werden soll, ist von den gefälligen Handlangern der öffentlichen Meinung wenig Gerechtigkeit zu erwarten. (S. 7; kursiv jmw)

Mittwoch, 25. Juli 2012

Marie von Ebner-Eschenbach über Poeten, die in jedem tüchtigen Menschen stecken

In jedem tüchtigen Menschen steckt ein Poet und kommt beim Schreiben zum Vorschein, beim Lesen, beim Sprechen oder beim Zuhören.

Marie von Ebner-Eschenbach

(In Gesammelte Werke. Nymphenburger Verlagshandlung 1961, S. 15)

In diesen Zitat steckt ein kleiner Fehler. Es muss es heißen:

In jedem tüchtigen Menschen steckt ein Poet; er kommt beim Schreiben zum Vorschein, beim Lesen, beim Sprechen oder beim Zuhören.

Donnerstag, 28. Juni 2012

Aus der Rubrik „So haben sie es nicht gesagt“: Goethe zum Genie von Kindern

Ein hübsches Zitat von Johann Wolfgang von Goethe lautet

„Eigentlich wären alle Menschen Genies, wenn nicht in der Kindheit ihre Genialität verschüttet worden wäre.“

Nur fand ich dazu keine Quelle.

Stattdessen fand ich dieses belegte Zitat:

„Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies.“

If children continued to grow in line with what they first indicate, we would have nothing but geniuses.

Doch das Zitat ist unvollständig. denn Goethe schreibt weiter,
Aber das Wachstum ist nicht blos Entwicklung; die verschiednen organischen Systeme, die den Einen Menschen ausmachen, entspringen aus einander, folgen einander, verwandeln sich in einander, verdrängen einander, ja zehren einander auf, so daß von manchen Fähigkeiten, von manchen Kraftäußerungen, nach einer gewissen Zeit, kaum eine Spur mehr zu finden ist.
(In Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Cotta 1811, S. 156)
 But growth implies more than mere expansion: the various organic systems constituting the individual human being originate in  one another, follow one another, transform themselves into each other, displace one another, and even consume one another, so  that in time scarcely a trace remains of some abilities and some manifestations of strength.
(In Johann Wolfgang von Goethe: From My Life. Poetry and Truth. Suhrkamp 1987, S. 64
Und damit entspricht das erste Zitat eher dem, was Goethe gemeint hat, es ist also sozusagen frei nach Goethe.

Freitag, 8. Juni 2012

Oscar Wilde über Träumer, das Mondlicht und die Morgendämmerung


Dieses Zitat von Oscar Wilde klingt sehr poetisch, nur leider fehlen die wichtigsten Worte:

»Ja, ich bin ein Träumer ... denn nur Träumer finden ihren Weg durchs Mondlicht und erleben die Morgendämmerung, bevor die Welt erwacht.«

(oder auch weniger poetisch: »Ein Träumer ist jemand, der seinen Weg im Mondlicht findet und die Morgendämmerung vor dem Rest der Welt sieht.«)

Tatsächlich hat Oscar Wilde gesagt*:
Yes: I am a dreamer. For a dreamer is one who can only find his way by moonlight, and his punishment is that he sees the dawn before the rest of the world.
(In The Critic as Artist: With Some Remarks Upon The Importance of Doing Nothing. An Essay by Oscar Wilde http://www.readbookonline.net/readOnLine/480/)
Die einzige offizielle Übersetzung, die ich fand, ist:
Ja, ich bin ein Träumer. Denn ein Träumer ist, wer seinen Weg nur im Mondschein finden kann, und seine Strafe ist, daß er vor der übrigen Welt den Tag grauen sieht.
(In Zwei Gespräche von der Kunst und vom Leben. Insel-Verlag, 1907, S. 158)
Aber da das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen ist – Oscar Wilde spricht nicht vom Träumer, der für seine Träume bestraft wird, sondern es geht ihm um Kunst und Kritik – hier die betreffende Passage:

ERNEST. Heute nacht hast du mir viele seltsame Dinge erzählt, Gilbert. Du sagtest, es sei schwerer, über etwas zu reden als es zu tun, und nichts zu tun sei das allerschwierigste auf der Welt; du sagtest, alle Kunst sei unmoralisch und alles Denken gefährlich; die Kritik sei schöpferischer als die Schöpfung, und die höchste Kritik nennst du jene, die im Kunstwerk offenbart, was der Künstler nicht hineingelegt hat; gerade weil er etwas nicht zu schaffen versteht, könne er es angemessen beurteilen; und der echte Kritiker sei ungerecht, unaufrichtig und nicht rational. Mein Freund, du bist ein Träumer.

GILBERT. Ja, ich bin ein Träumer. Denn ein Träumer ist einer, der seinen Weg nur beim Mondlicht findet, und seine Strafe ist, dass er den Morgen vor der übrigen Welt dämmern sieht.

ERNEST. Seine Strafe?

GILBERT. Und sein Lohn. Doch siehe, es dämmert schon. Zieh die Vorhänge zurück und öffne die Fenster weit. Wie kühl die Morgenluft ist! Piccadilly liegt uns zu Füßen wie ein langes Silberband. Über dem Park hängt ein leichter Purpurnebel, und die Schatten der weißen Häuser sind purpurgetönt. Es ist zu spät zum Schlafen. Lass uns nach Covent Garden gehen und nach den Rosen schauen. Komm! Ich bin des Denkens müde.

(Der Kritiker als Künstler: Mit einigen Anmerkungen über den Wert des Nichtstuns. Ein Dialog, Teil II. http://www.besuche-oscar-wilde.de/werke/deutsch/essays/der_kritiker_2.htm)

ERNEST. You have told me many strange things to-night, Gilbert. You have told me that it is more difficult to talk about a thing than to do it, and that to do nothing at all is the most difficult thing in the world; you have told me that all Art is immoral, and all thought dangerous; that criticism is more creative than creation, and that the highest criticism is that which reveals in the work of Art what the artist had not put there; that it is exactly because a man cannot do a thing that he is the proper judge of it; and that the true critic is unfair, insincere, and not rational. My friend, you are a dreamer.

GILBERT. Yes: I am a dreamer. For a dreamer is one who can only find his way by moonlight, and his punishment is that he sees the dawn before the rest of the world.

ERNEST. His punishment?

GILBERT. And his reward. But, see, it is dawn already. Draw back the curtains and open the windows wide. How cool the morning air is! Piccadilly lies at our feet like a long riband of silver. A faint purple mist hangs over the Park, and the shadows of the white houses are purple. It is too late to sleep. Let us go down to Covent Garden and look at the roses. Come! I am tired of thought.

(The Critic as Artist: With Some Remarks Upon The Importance of Doing Nothing. An Essay by Oscar Wilde http://www.readbookonline.net/readOnLine/480/)

*nein, es wird ihm nicht zugeschrieben, wie auf einer Zitatenseite behauptet wird. So etwas sollten solche Seiten heutzutage nicht mehr behaupten, wo es nur ein paar Klicks bis zum Originalzitat sind. Es wirkt jedenfalls nicht seriös.

Mittwoch, 29. Februar 2012

Von wem stammt die Redewendung „Die Seele baumeln lassen“, von Erich Kästner oder Kurt Tucholsky …


… wurde neulich gefragt. Nun, weder noch. Die Redewendung „Die Seele baumeln lassen“ stammt von Werbetextern für Reiseportale, Wellnesshotels, Südseestrände, Hängemattenverkäufer und und und. Mittlerweile ist sie dermaßen abgedroschen, dass man sie tunlichst nicht mehr verwenden sollte. Würde jeder, der sie verwendet, ein 2-Euro-Stück ins Phrasenschwein werfen, könnte man glatt ein Strandhopping durch die ganze Welt machen, bis man den ultimativen Strand zum Seele baumeln Lassen gefunden hat.

Aber waren es wirklich Werbeleute, die diesen Slogan prägten? Oder haben sie ähnliche Worte nur irgendwo aufgeschnappt und umformuliert? Die Berliner zumindest waren es nicht, wie irgendwo behauptet wird.

Erich Kästner hat die Seele zum Glück auch nicht baumeln lassen, denn den guten Mann hätte ich hier unter keinen Umständen zitieren dürfen (siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2008/11/abmahnwahn-zitate-auf-der-homepage.html). Aber bei Kurt Tucholsky bin ich fündig geworden. Ihm hat die Formulierung, die ihm da in den Sinn gekommen war, offensichtlich so gut gefallen, dass er sie gleich zweimal verwendete.

1926 schreibt er in der Weltbühne unter dem Titel Vier Sommerplätze:
Auf den Wegen stapfen unwirsche Norddeutsche, Sachsen, als Diroler verkleidet, und solange sie nicht den Mund auftun, ist die Täuschung vollkommen: dann hält man sie für Berliner. Die Männer sehen alle viereckig aus, auf dem Hals tragen sie eine kleine Tonne, daran ist vorn das Gesicht befestigt. Morgens setzen sie es auf, und was für eines –! Die Frauen schlapfen daher. Alles baumelt an ihnen, auch die Seele. Ich war seit zwei Jahren zum ersten Male wieder in Deutschland; in der Heimat kann ich nicht sagen, weil es sich ja um Bayern handelt – wir würden uns das beide verbitten.
(http://www.textlog.de/tucholsky-sommerplaetze.html)
In Schloß Gripsholm: Eine Sommergeschichte, die 1931 erschien, ist er schon weniger bissig und schreibt nicht mehr von Frauen, an denen alles baumelt, sondern ganz beschwingt:
Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele. (S. 28)
Dafür, dass Tucholsky gesagt haben soll, die Mark Brandenburg sei eine Gegend „wo die Seele baumeln kann und nicht nur Amselbullen glücklich sind“, wofür es immerhin 55 Treffer bei Google gibt, habe ich keinen Beleg gefunden. In Schloß Gripsholm schreibt er zwar vom Amselbullen, aber mitnichten bezogen auf die Mark Brandburg, und glücklich ist der Bulle auch nicht:
Ein kleiner Vogel hüpfte heran, legte den Kopf schief und flog dann auf, von etwas erschreckt, das in seinem Gehirn vor sich gegangen war -- wir hatten uns nicht geregt. »Was mag das für einer gewesen sein?« fragte Billie. »Das war ein Amselbulle«, sagte die Prinzessin. »Ah -- dumm - das war doch keine Amsel...«, sagte Billie. »Ich will euch was sagen«, sprach ich gelehrt, »bei solchen Antworten kommt es gar nicht darauf an, ob's auch stimmt. Nur stramm antworten! Jakopp hat mal erzählt, wenn sie mit ihrem Korps einen Ausflug gemacht haben, dann war da immer einer, das war der Auskunftshirsch. Der mußte es alles wissen. Und wenn er gefragt wurde: Was ist das für ein Gebäude? -- dann sagte er a tempo: Das ist die Niedersächsische Kreis-Sparkasse! Er hatte keinen Schimmer, aber alle Welt war beruhigt: eine Lücke war ausgefüllt. So ist das.« Die Mädchen lächelten höflich, ich war auf einmal allein mit meinem Spaß. Nur ein Sekündlein, dann war es vorbei. Sie standen auf. (S. 87)
Falsch ist auch das Zitat auf http://www.schwedisch-translator.de/schloesser/gripsholm.html:
Es lag beruhigend und dick da und bewachte sich selbst. Der See schaukelte ganz leise und spielte plitsch, plitsch am Ufer. Das Schiff nach Stockholm war schon fort. Man ahnte nur noch eine Rauchfahne hinter den Bäumen. Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele. Mariefred ist eine klitzekleine Stadt am Mälarsee. Es war eine stille und friedliche Natur – Baum und Wiese, Feld und Wald. Niemand aber hätte von diesem Ort Notiz genommen, wenn hier nicht eines der ältesten Schlösser Schwedens wäre.
Dieses Zitat wurde gleich aus mehreren Kapiteln von Schloß Gripsholm zusammengestückelt.

Aber noch mal zurück zu den Werbefuzzis. Wer war denn nun der erste, der aus einem der schönsten Klassikerzitate eine Massenphrase gemacht hat? Es war die österreichische Fremdenverkehrswerbung (ÖW), die 1975 Tucholskys „Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele“ kurzerhand zum Werbeslogan „In der Wiese liegen und mit der Seele baumeln“ umformulierte, was im übrigen nicht gerade für deren Kreativität spricht (und wobei die Frage gestattet sei, warum aus „auf der Wiese liegen“ „in der Wiese liegen“ wurde). Seit den 1980er Jahren wurde das Seelenbaumeln zum Synonym für jegliche Art von Entspannung.

Die Frage, ob Tucholsky wiederum sich von „die Füße baumeln lassen“, was soviel bedeutet wie sich gemütlich entspannen, inspirieren ließ oder von Friedrich Müllers Idylle Der Faun
Wir sind nicht der reichen Faunen, die Baechus weidet, also daß sie liegen mit fettem Rücken auf seinem Füllhorn und wollüstig hinab baumeln ihre Füße ins Weinfaß (S. 117)
ist müßig, weil nicht zu beantworten, und führt nun doch zu weit.

(Siehe zum Seelen-baumeln-Lassen auch die Glosse von Charles Lewinsky auf http://www.lewinsky.ch/charles/glossen_0408.html)

Samstag, 28. Januar 2012

George Eliot über Anfänge, Schlüsse und Schwachstellen der Autoren

George Eliot wird im Englischen mit Worten zitiert, die sie so gar nicht gesagt hat. – Merkwürdigerweise sind sie im deutschsprachigen Raum unbekannt. Dabei wird doch aus allem Mi… äh Möglichen ein Zitat gemacht. – Und da ich nun mal darauf gestoßen bin, möchte ich das falsche englische Zitat hier richtigstellen:

„Beginnings are always troublesome and conclusions are the weak point of most authors but some of the fault lies in the very nature of a conclusion, which is at best a negation.“

Der Anfang ist immer lästig, und Schlüsse sind die Schwachstellen der meisten Autoren, aber die Schuld liegt zum Teil gerade in der Natur eines Schlusses, der im besten Falle eine Verneinung ist.

Nur wurde dieses Zitat aus zwei Briefen George Eliots zusammengesetzt. „Beginnings are always troublesome“ stammt aus einem Brief an Sara Hennell vom 15. August 1859 und „conclusions are the weak point of most authors (…)“ aus einem Brief an John Blackwood vom 1. Mai 1857 (Quelle: The Writings of George Eliot, S. 145 und S. 44)

Es sind also zwei Zitate:

„Beginnings are always troublesome“,

und

„Conclusions are the weak point of most authors but some of the fault lies in the very nature of a conclusion, which is at best a negation.“

Mittwoch, 7. Dezember 2011

„Niemand ist eine Insel“ – Allgemeingut oder was?

Spätestens seit Johann Mario Simmels gleichnamigem Buch kennt jeder den Spruch:

„Niemand ist eine Insel“

oder auch 

„Keiner ist eine Insel“,

„Kein Mensch ist eine Insel“

Überhaupt wird der Spruch häufig als Titel verwandt, weil er so zum Allgemeingut geworden ist, dass niemand sich fragt, wer ihn überhaupt geprägt oder ob ihn überhaupt jemand geprägt hat.

Simmel und Jon Bon Jovi sind es jedenfalls nicht, auch wenn Jon ihn in dem Film „About A Boy oder: Der Tag der toten Ente“ mehrfach als Metapher gebraucht:
„Niemand ist eine Insel.“ – „Ja, da hat sie vollkommen Recht.“ – „Ja, vollkommen.“ – „Nein! Hat sie nicht! Es gibt Leute, die sind Inseln! Ich bin eine! Ich bin Ibiza, verdammt noch mal!“
Meiner Meinung nach lebt jeder für sich allein. Und im übrigen finde ich, ist das die einzige Lebensform. Wir leben in einem Inselzeitalter. Vor 100 Jahren musste man sich auf andere Menschen verlassen können. Da hatte keiner n Fernseher, CDs, DVD oder Videos, geschweige denn ne Expresso-Maschine zuhause. Man hatte überhaupt nichts was cool war. Wo hingegen man sich heute ein kleines Inselparadies schaffen kann und mit der richtigen Ausstattung und was viel wichtiger ist, mit der richtigen Einstellung erscheint man sonnig und tropisch und ist geradezu ein Magnet für junge schwedische Touristinnen.
Jeder Mensch ist eine Insel. Und dazu steh ich – aber, zweifelsohne gehören manche Menschen zu Inselketten. Unter der Meeresoberfläche sind sie eindeutig miteinander verbunden.
(Quelle http://177961.homepagemodules.de/t204f23-About-A-Boy-oder-Der-Tag-der-toten-Ente.html)
Auch Simone Rethel hat ihn nicht geprägt (siehe Ge(h)danke, S. 246).

Wer Hemingways Buch „Wem die Stunde schlägt“ gelesen hat, weiß allerdings, von wem der Spruch stammt, weil er ihn als Motto dem Roman vorangestellt hat: von dem englischen Kleriker und Dichter John Donne (1572–1631), und er weiß, woher Hemingway den Titel hat: aus dem gleichen Zitat.
No man is an island entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main. If a clod be washed away by the sea, Europe is the less, as well as if a promontory were, as well as in a  manor of thy friend’s or of thine own were: any man's death diminishes me, because I am involved in mankind, and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee. 
Niemand ist eine Insel ganz für sich allein. Jedermann ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des festen Landes. Wäscht das Meer eine Scholle fort, wird ganz Europa ärmer, so, als ob eine Landzunge verschlungen würde oder ein Schloss, das deinen Freunden gehört oder dir selbst. Jedermanns Tod macht mich ärmer, denn ich bin hineinverstrickt in die Menschenwelt. Und deshalb verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt. Sie schlägt immer für dich. (Übersetzung Johannes Mario Simmel. In Zweiundzwanzig Zentimeter Zärtlichkeit und andere Geschichten. Droemer Knaur 1979, S. 217, und in einem anderen Zusammenhang in Begegnung im Nebel: Erzählungen. Droemer Knaur1996, S. 60)
Entnommen ist dieses Zitat Donnes berühmter Meditation über „Nunc lento sonitu dicunt, morieris: Now, this bell tolling softly for another, saies to me, Thou must die“ (Nun, da diese Glocke sanft für einen anderen schlägt, sagt sie mir, auch Du wirst sterben).
Perchance he for whom this bell tolls, may be so ill, as that he knowes not it tolls for him; and perchance I may think myself so much better than I am, as that they who are about me, and see my state, may have caused it to toll for me, and I know not that. The church is Catholik, universal, so are all her actions; all that she does, belongs to all. When she baptizes a child, that action concernes me; for that child is thereby connected to that Head which is my Head too, and engraffed into that body, whereof I am a member. And when she buries a man, that action concernes me: all mankind is of one Author, and is one volume; when one man dies, one chapter is not torn out of the book, but translated into a better language; and every chapter must be so translated; God emploies several translators; some pieces are translated by age, some by sicknesse, some by war, some by justice; but God’s hand is in every translation; and his hand shall bind up all our scattered leaves again for that library where every book shall lie open to one another. As therefore the bell that rings to a sermon calls not upon the preacher only, but upon the congregation to come; so this bell calls us al'; but how much more me, who am brought so near the door by this sickness. There was a contention as far as a suit (in which both piety and dignity, religion and estimation, were mingled), which of the religious orders should ring to prayers first in the morning; and it was determined, that they should ring first that rose earliest. If we understand aright the dignity of this bell that tolls for our evening prayer, we would be glad to make it ours by rising early, in that application, that it might be ours, as well as his, whose indeed it is. The bell doth toll for him that thinks it doth; and though it intermit againe, yet from that minute, that that occasion wrought upon him, he is united to God. Who casts not up his eye to the sun when it rises? but who takes off his eye from a comet when that breakes out? Who bends not his ear to any bell, which upon any occasion rings? but who can remove it from that bell, which is passing a piece of himself out of this world? No man is an island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main. If a clod be washed away by the sea, Europe is the less, as well as if a promontory were, as well as if a manor of thy friend’s or of thine owne were: any man’s death diminishes me, because I am involved in mankind; and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee. Neither can we call this a begging of misery or a borrowing of misery, as though we were not miserable enough of ourselves, but must fetch in more from the next house, in taking upon us the misery of our neighbours. Truly it were an excusable covetousness if we did; for affliction is a treasure, and scarce any man hath enough of it. No man hath affliction enough that is not matured and ripened by it, and made fit for God by that affliction. If a man carry treasure in bullion, or in a wedge of gold, and have none coined into currant money, his treasure will not defray him as he travells. Tribulation is treasure in the nature of it, but it is not current money in the use of it, except we get nearer and nearer our home, heaven, by it. Another man may be sick too, and sick to death, and this affliction may lie in his bowels, as gold in a mine, and be of no use to him; but this bell, that tells me of his affliction, digs out and applies that gold to me: if by this consideration of another’s danger, I take mine own into contemplation, and so secure myself, by making my recourse to my God, who is our only securitie.
(XVII. Meditation. In Devotions Upon Emergent Occasions: Together with Death's Duel. The Echo Library 2008, S. 97 f.)

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Ludwig Reiners und ein Zitat von Caron de Beaumarchais

Ludwig Reiners zitiert in seiner Deutschen Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais mit den Worten „Wenn ich unglücklicherweise einen Stil hätte, würde ich mich bemühen, ihn zu vergessen“ als Beleg dafür, dass man nicht originell nur um der Originalität willen schreiben solle.

Das Zitat ist aber erstens falsch. Richtig heißt es … (Bitte lesen Sie hier weiter: http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/10/ludwig-reiners-daruber-dass-man-so-man.html

Montag, 26. September 2011

Vincent van Gogh darüber, dass es ebenso schwer ist, etwas gut zu sagen, wie es gut zu malen (und ein Linktipp)


"Es ist ebenso interessant und schwer, etwas gut zu sagen, wie es gut zu malen ist", schrieb Vincent van Gogh an seine Schwester Emile Bernard am 19. 4. 1888.

Tatsächlich hat er geschrieben:

"Il y a tant de gens surtout dans les copains qui s’imaginent que les paroles ne sont rien. Au contraire n’est ce pas, c’est aussi intéressant & aussi difficile de bien dire une chôse que de peindre une chôse. Il y a l’art des lignes & couleurs mais l’art des paroles y est et y restera pas moins."
(Faksimile des Briefes siehe http://vangoghletters.org/vg/letters/let599/letter.html; ein Linktipp: Auf http://vangoghletters.org/vg/letters.html gibt es alle Briefe von Vincent van Gogh mit englischer Übersetzung und Faksimile)

"There are so many people, especially among our pals, who imagine that words are nothing. On the contrary, don’t you think, it’s as interesting and as difficult to say a thing well as to paint a thing. There’s the art of lines and colours, but there’s the art of words that will last just the same."
(http://vangoghletters.org/vg/letters/let599/letter.html)

"Er zijn zoveel mensen, vooral onder onze vrienden, die denken dat woorden niets voorstellen. Integendeel, nietwaar, het is even interessant en even moeilijk om iets goed te zeggen als om iets te schilderen."
(http://www.vangoghmuseum.nl/vgm/index.jsp?page=161662; eine vollständige Übersetzung des Briefes ins Niederländische habe ich nicht gefunden)

"Es gibt so viele Menschen, vor allem unter unseren Freunden, die denken, dass Worte nichts bedeuten. Im Gegenteil, nicht wahr, ist es ebenso interessant wie schwierig, etwas gut zu sagen wie gut zu malen. Es gibt die Kunst der Linien und Farben, aber auch die Kunst der Worte, die keineswegs geringer ist."

Als Urheber wird auch Jaques Lacan genannt. Näheres dazu habe ich jedoch nicht gefunden.

Samstag, 3. September 2011

Aus der Rubrik „So haben sie es nicht gesagt“: Schopenhauer darüber, wie wir das, was wir besitzen, ansehen sollten

Ein Zitat von Arthur Schopenhauer soll lauten:

„Ich meine, wir sollten das, was wir besitzen, bisweilen so ansehen, wie es uns vorschweben würde, wenn wir es verloren hätten.

So hat er es aber nicht gesagt, sondern richtig heißt es:
Beim Anblick dessen, was wir nicht besitzen, steigt gar leicht in uns der Gedanke auf: Wie, wenn das mein wäre?“ und er macht uns die Entbehrung fühlbar. Statt dessen sollten wir öfter fragen: „Wie, wenn das nicht mein wäre?“ ich meine, wir sollten das, was wir besitzen, bisweilen so anzusehen uns bemühen, wie es uns vorschweben würde, nachdem wir es verloren hätten; und zwar jedes, was es auch sei: Eigentum, Gesundheit, Freude, Geliebte, Weib, Kind, Pferd und Hund: denn meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge.
(In Arthur Schopenhauers sämtliche Werke in zwölf Bänden. Bd. 9, Teil 2: Parerga und Paralipomena. Cotta’sche Buchhandlung, o. J., S. 218)
Es ist doch erstaunlich, was aus solch einer Lebensweisheit so werden kann. Da wird aus einem „sich bemühen“ eine Forderung, aus einem „nachdem“ ein „wenn“ und aus dem Semikolon ein Punkt, so dass das Wichtige dieser Aussage unter den Tisch fällt. Und sogar Wikipedia macht aus „Freude“ „Freunde“ , was zwar auch gut klingt, aber Schopenhauer eben nicht gesagt hat. Und bittschön: Warum darf er nicht einfach von – Freude sprechen?

Mittwoch, 3. August 2011

Neues aus der Rubrik „So haben sie es nicht gesagt“: Milton über den Unterschied von Plagiat und Forschung

Ein beliebter Spruch in diesen Zeiten von John Milton (1608–1674) lautet:

„Aus einem Text zu kopieren, nennt man Plagiat. Aus zweien zu kopieren, nennt man Forschung“ (auch mit dem Zusatz: „Wenig ist so, wie es scheint“)
auch:
„Aus einem Buch abschreiben ist ein Plagiat, beim zweiten beginnt die Forschung.“
„Die Idee einer Person zu klauen, nennt man Plagiat. Die Ideen vieler zu klauen, nennt man Recherche.“

„Copy from one, it’s plagiarism; copy from two, it’s research.“
„If you steal from one person it’s plagiarism, if you steal from several it’s called research.“
„Stealing from one person is plagiarism, stealing from many is research.“
„Theft from a single author is plagiarism. Theft from more than three is research.“
„To steal ideas from one person is plagiarism; to steal from many is research.“

„Copier sur un seul, c'est du plagiat. Copier sur deux, c'est de la recherche.“
„Voler une idée à une personne, c'est du plagiat. Voler plusieurs idées à plusieurs personnes, c'est de la recherche.“

und viele, viele Versionen mehr, die ich aus Platzgründen hier nicht anführen kann.

Tatsächlich aber hat Milton geschrieben:
For such kind of borrowing as this, if it be not bettered by the borrower, among good authors is accounted Plagiary.
Gute Autoren bezeichnen solch eine Ausleihe, wenn sie nicht vom Ausleiher verbessert wurde, als Plagiat.*
(Eikonoklastes (Iconoclastes), Kap. 23; in Select Prose Works of Milton, Bd. 2. Hatchard and Son 1836, S. 257)
Ähnlich hat es Lady Blessington (1789–1849) ausgedrückt:
Borrowed thoughts, like borrowed money, only show the poverty of the borrower.
Ausgeliehene Gedanken, ähnlich wie ausgeliehenes Geld, zeigen nur die Armut des Ausleihers. (Übersetzung Daniela Scheele)
(In Richard Robert Madden: The Literary Life and Correspondence of the Countess of Blessington, Bd. 1. Harper 1855, S. 239)
Interessant ist, dass offensichtlich Charles Caleb Colton (1780–1832) als erster das Wort „stehlen“ benutzte:
If we steal thoughts from the moderns, it will be cried down as plagiarism; if from the ancients, it will be cried up as erudition.
Das Stehlen der Gedanken von Zeitgenossen wird als Plagiat niedergeschrieen, das Stehlen der Gedanken der Alten als Gelehrsamkeit angepriesen.
(In Charles Caleb Colton: Lacon: Or, Many Things in Few Words; Adressed to Those, Who Think. London, 7. Aufl. 1821, S. 229)
1938 wird Joseph Cummings Chase (1878–1965) von der Zeitschrift Panorama: a Review of Views and News, Bd. 3, mit den Worten zitiert, die mehr oder weniger heute gebräuchlich sind und von denen offensichtlich die deutsche Version
Aus einem Text zu kopieren, nennt man Plagiat. Aus zweien zu kopieren, nennt man Forschung
herrührt:
If you steal from one person, it is plagiarism; if you steal from three persons, it is research.
(Da Einzelnachweis nicht möglich, zitiert nach Google-Büchersuche)
Nur werden meist weder John Milton noch Joseph Cummings Chase als Urheber des Zitats genannt, sondern Wilson Mizner (1876–1933), obwohl ihn Frank Case im gleichen Jahr mit ganz anderen Worten zitiert:
When you take stuff from one writer, it’s plagiarism, but when you take it from many writers, it’s called research.
Bedienst du dich des Materials eines Schreibers, ist es ein Plagiat, bedienst du dich des Materials von vielen Schreibern, wird es Forschung genannt.
(In Tales of a Wayward Inn. Stokes Company 1938, S. 228)
Laut Ralph Keyes soll Mizner jedoch schon wesentlich früher, um 1920, gesagt haben:
If you steal from one person it's plagiarism; if you steal from several it's called research.
(In Ralph Keyes: „Nice guys finish seventh“: False Phrases, Spurious Sayings, and Familiar Misquotations. HarperCollinsPublishers 1992, S. 115)
Als Quelle nennt er die Biographie der Mizner Brüder Wilson und Addison: Addison Mizner: The Many Mizners. Sears 1932. Allerdings habe ich das Zitat dort nicht gefunden.

Allan Churchill berichtet in The Great White Way: A Re-creation of Broadway's Golden Era of Theatrical Entertainment, S. 153,  dass Minzner zu Paul Armstrong den berühmten Satz in der Version
If you steal from one author, it's plagiarism; if you steal from many, it's research
gesagt habe, worauf eine „wunderbare Zusammenarbeit“ begann. Da Armstrong 1915 starb und sie gemeinsam die beiden Stücke The Deep Purple and The Greyhound 1911 bzw. 1912 herausbrachten, muss dieser Satz schon in den 1900er Jahren gefallen sein.

Auch John Burke weist darauf indirekt hin, wenn er in Duet in Diamonds: The Flamboyant Saga of Lillian Russell and Diamond Jim Brady in America's Gilded Age schreibt:
„If you steal from one author it's plagiarism; if you steal from many it's research. …“ Reflecting on the latter maxim, Mizner had recently turned to dramatic literature and collaborated on The Deep Purple with Paul Armstrong. (S. 194)
In der Version „If you steal from one author it's plagiarism; if you steal from many it's research“ ist das Zitat auch bekannt als Mizner's law of research (siehe u. a. Hugh Rawson: Unwritten Laws: The Unofficial Rules of Life as Handed Down by Murphy and Other Sages, S. 158) und vor allem als Ferson’s law.

Tatsächlich schrieb Benjamin Felson jedoch im Vorwort zu seinem Buch Chest Roentgenology:
I have borrowed freely from many others … under the supposition that if you steal from one it is called plagiarism, but if you steal from many it is called research. I forget from whom I plagiarized that statement [kursiv jmw]. (S. 409)
Ich habe mich großzügig bei vielen anderen bedient unter der Voraussetzung, dass (…) Ich habe nur vergessen, bei wem ich diese Aussage abkupferte.
Manchmal wird auch Ralph Fross als Urheber genannt, aber er hat nur jemand anderen zitiert – wer es ist, werden wir wohl nie erfahren:
I am reminded of the man who was asked what plagiarism was. He said: „It is plagiarism when you take something out of a book and use it as your own. If you take it out of several books then it is research.“
Ich erinnere mich an einem Mann, der gefragt wurde, was ein Plagiat ist. Er antwortete: „Ein Plagiat ist, wenn du etwas aus einem anderen Buch nimmst und es als dein eigenes benutzt. Wenn du es aus mehreren Büchern nimmst, ist es Forschung.
(In Special Libraries, Bde 23-24. Special Libraries Association 1932, S. 281)
Weiteren Urhebern wie Laurendo Almeida, George Baker, Joe Biden, John Burke, Owen Dixon, Hemingway, Tom Lehrer, Tim McClure, Alfred E. Neuman, Bob Oliver, Howard Roberts,  „a teachers’ convention“ (siehe  Cobb 1940), Oscar Wilde, Steven Wright**, ein uralter Schulwitz, werden die Worte entweder fälschlich zugeschrieben oder sie haben die Worte John Miltons? Charles Caleb Coltons? Joseph Cummings ChaseWilson Mizner? mit leichten Veränderungen – plagiiert (so wie diese vielleicht schon seit Miltons Zeiten) … Und vielleicht gab es den Spruch schon zu Aristoteles Zeiten – schließlich verglich der griechische Philosoph Attikos Aristoteles wegen dessen Plagiaten mit einer Meerspinne, die bei Gefahr einen schwarzen Saft ausstößt, mit dem sie sich vor Feinden verbirgt (siehe Georg Rathgeber: Grossgriechenland und Pythagoras, S. 250).

Aber – wie zitiert man nun diese Worte am besten?

Nun, Miltons Version natürlich unter seinem Namen, alle anderen Versionen unter Mizners, denn er war es wohl, der das Zitat in seiner heutigen Gültigkeit – in Englisch als auch in Deutsch und in anderen Sprachen – prägt, auch wenn der genaue Wortlaut nicht überliefert ist.

*Alle Übersetzungen, wenn nicht anders angegeben von mir
**Alle Links führen zu Büchern, in denen die betreffenden Autoren zitiert wurden (keine Zitatensammlungen!)

Freitag, 22. Juli 2011

Neues aus der Rubrik „Das haben sie so nicht gesagt“: Einstein, der liebe Gott und der Würfel

Eines der berühmtesten Zitate (und auch eines der kürzesten) lautet:

„Gott würfelt nicht“*

God does not play dice with the universe“ (auch „I cannot believe that god plays dice with the cosmos“; „I shall never believe that God plays dice with the universe“)

und stammt, so heißt es, von Albert Einstein.

Aber an diesen drei Wörtern stimmt manches nicht. Abgesehen davon dass Einstein sie so nicht gesagt hat, spricht er in der Originalversion nicht von Gott oder gar dem „lieben Gott“, auch wenn er gern diesen Terminus benutzte, sondern schlicht und ergreifend vom – „Alten“. Er stellt auch nicht fest, dass dieser würfelt, sondern er ist überzeugt davon. Und nur selten wird angemerkt, dass das Zitat die Kurzform eines anderen Zitats ist.

Denn das Originalzitat stammt aus einem Brief Einsteins an Max Born vom 4. 12. 1926:
Die Quantenmechanik ist sehr achtung-gebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der nicht würfelt.
(In Albert Einstein, Hedwig und Max Born; kommentiert von Max Born: Briefwechsel 1916–1955. Rowohlt 1972, S. 98
Quantum mechanics is very impressive. But an inner voice tells me that it is not yet the ‘true Jacob’. The theory says a lot, but does not bring us closer to the secret of the Old One. I am at all events convinced that He is not playing at dice.
(Zitiert nach Jagdish Mehra und Helmut Rechenberg: The Historical Development of Quantum Theory: The Completion of Extensions of Quantum Mechanics 1926–1941. Springer 2001, S. 54)
Die Version „… bringt sie uns doch nicht näher“, wie bei Wikipedia u. a. angegeben, ist also falsch, ebenso dass der Brief an Niels Bohr gerichtet war, wie Wikipedia ebenfalls vermutet. Allerdings kann man die Namen Bohr und Born leicht verwechseln …

Auch dass Niels Bohr, als er von Einsteins Aussage gehört hatte, gesagt haben soll – um nur drei Beispiele zu nennen, im Internet kursieren noch mehr Antworten – „Einstein, hör auf Gott zu sagen, was er mit seinen Würfeln machen soll", „Einstein, schreiben Sie Gott nicht vor, was er zu tun hat („Albert, stop telling God what He can do“ oder auch „Der wahre Gott lässt sich nicht sagen, was er tun soll“, ist nicht belegt. Belegt durch Werner Heisenberg ist jedoch eine andere Erwiderung Bohrs:
„Gott würfelt nicht“, das war ein Grundsatz, der für Einstein unerschütterlich feststand, an dem er nicht rütteln lassen wollte. Bohr konnte darauf nur antworten: „Aber es kann doch nicht unsere Aufgabe sein, Gott vorzuschreiben, wie Er die Welt regieren soll.
(In Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. Piper 1969, S. 115)
– Angeblich sollen findige Journalisten, die immer nach griffigen Formulierungen suchen, den Slogan erfunden haben, aber vielleicht war es ja Heisenberg, der ihn prägte. –

Belegt ist auch die Antwort Bohrs auf einen Brief Einsteins viele Jahre später, und zwar vom 4. 4. 1949, in dem dieser schreibt:
Jedenfalls ist dies eine der Gelegenheiten, die nicht von der bangen Frage abhängt, ob Gott wirklich würfelt und ob wir an einer der physikalischen Beschreibung zugänglichen Realität festhalten sollen oder nicht.
(In Niels Bohr: Collected Works: Foundations of Quantum Physics II (1933–1958), Bd. 7; hrsg. von Jørgen Kalckar. Elsevier 1996, S. 435f.)
Bohr schrieb am 11. 4. 1949 zurück:
Vielen Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Es war für uns alle eine grosse Freude, anlässlich Ihres Geburtstages unseren Gefühlen Ausdruck zu geben. Um in demselben scherzhaften Tone zu sprechen, kann ich nicht umhin, über die bangen Fragen zu sagen, dass es sich meines Erachtens nicht darum handelt, ob wir an einer der physikalischen Beschreibung zugänglichen Realität festhalten sollen, sondern darum, den von Ihnen gewiesenen Weg weiter zu verfolgen und die logischen Voraussetzungen für die Beschreibung der der Realitäten zu erkennen. In meiner frechen Weise möchte ich sogar sagen, daß niemand – und nicht einmal der liebe Gott selber – wissen kann, was ein Wort wie würfeln in diesem Zusammenhang heißen soll.
(ebenda, S. 435f.; englische Übersetzung siehe S. 281f.; Orginalschreiben Bohrs siehe http://www.psiquadrat.de/downloads/bohr49_to_einstein.pdf)
Stephen Hawking hat natürlich auch etwas zu Einsteins Würfel zu sagen:

„God not only plays dice but also sometimes throws them where they cannot be seen“ (auch „Not only does God play dice, He sometimes throws them where they cannot be seen“)

Gott würfelt nicht nur, er wirft die Würfel sogar manchmal so, daß man sie nicht sehen kann“ (zu gut Deutsch: „Gott würfelt nicht nur, er schummelt sogar“)

Korrekt hat er gesagt:
So Einstein was wrong when he said, „God does not play dice“. Consideration of black holes suggests, not only that God does play dice, but that He sometimes confuses us by throwing them where they can't be seen.
(In Stephen Hawking und Roger Penrose: The Nature of Space and Time. Princeton University Press 2000, S. 26; man beachte das hübsche Fotos dazu!)
So hat es den Anschein, als habe Einstein sich gleich doppelt geirrt, als er sagte: „Der liebe Gott würfelt nicht.“ Die Teilchenemission aus Schwarzen Löchern scheint den Schluß nahezulegen, daß Gott nicht nur manchmal würfelt, sondern die Würfel auch gelegentlich an einen Ort wirft, wo man sie nicht sehen kann.
(In Stephen Hawking: Einsteins Traum: Expeditionen an die Grenzen der Raumzeit. Rowohl 1993, S. 110; http://www.ebiblioteca.freei.me/download/astronomy/stephen_hawking_-_einsteins_traum.pdf)
Und an anderer Stelle:
… But all the evidence indicates that God is an inveterate gambler and that He throws the dice on every possible occasion.
(In Stephen Hawking: Black Holes and Baby Universes and Other Essays. Bantam Books 1994, S. 70)

Doch alles spricht dafür, daß Gott ein unverbesserlicher Spieler ist und bei jeder sich bietenden Gelegenheit würfelt. (Einsteins Traum, S. 64; http://www.ebiblioteca.freei.me/download/astronomy/stephen_hawking_-_einsteins_traum.pdf)
Einen Beleg für „Evidently, God not only plays dice but plays blind-folded, and, at times, throws them where you can’t see them“ habe ich nicht gefunden (für den genauen Quellennachweis wäre ich dankbar).

In diesen Zusammenhang passt auch, wie einer der Protagonisten in Friedrich Dürrenmatts Roman Justiz seine Billardleidenschaft erklärt:
„Einstein war der Meinung, Gott würfle nicht“, sagte er dann. „Er hat recht, Gott würfelt nicht. Er spielt Billard. Er gibt den ersten Stoss und die Welt setzt sich in Bewegung.“
(Zitiert nach Bernhard Auge: Friedrich Dürrenmatts Roman „Justiz“: Entstehungsgeschichte, Problemanalyse, Einordnung ins Gesamtwerk. LIT Verlag 2004 S. 176)**
Einstein hat seinen Grundsatz, dass Gott nicht würfelt, die Physik also keinen Zufall kennt, noch einmal aufgegriffen, und zwar in einem Brief an Cornelius Lanczos vom 21. 3. 1942:
… Sie sind der einzige mir bekannte Mensch, der dieselbe Einstellung zur Physik hat wie ich: Glaube an Erfassbarkeit der Realität durch logisch Einfaches und Einheitliches. … Es scheint hart, dem Herrgott in seine Karten zu gucken. Aber dass er würfelt und sich „telepathischer“ Mittel bedient (wie es ihm von der gegenwärtigen Quanten-Theorie zugemutet wird), kann ich keinen Augenblick glauben.

… (Y)ou are the only person known to me who holds the same orientation to physics a I: belief in the comprehensibility of reality through something logically simple and unified. … It appears difficult to peek into the cards of the Lord God. But that He rolls dice or makes use of "telepathic" means (as is imputed to Him by the present-day quantum theory) is something I cannot believe for one instant.
(Beide Zitate in Robert Davis: Cornelius Lanczos, Collected Published Papers With Commentaries. College of Physical and Mathematical Sciences, North Carolina State University, 1998, S. 19;  weitere Quellen siehe J. David Brown et al. (Hrsg.): Proceedings of the Cornelius Lanczos International Centenary Conference, 1994, S. xliii, Fußnote 40)
Aber vielleicht gehen Einsteins berühmte Worte auch auf ein Zitat Henri Poincarés aus dem Jahr 1914 zurück:
Jede Erscheinung, und sei sie noch so unbedeutend, hat ihre Ursachen, und ein unendlich umfassender Geist, der über die Gesetze der Natur unendlich genau unterrichtet ist, hätte sie seit Anfang der Welt voraussehen können. Wenn ein solcher Geist existierte, könnte man sich mit ihm nicht auf ein Glücksspiel einlassen."
(In Henri Poincaré: Wissenschaft und Methode. Teubner 1914, S. 53)
*Das Problem bei dem Zitat ist, dass Einsteins Aussage zu vereinfacht wiedergegeben wurde und dadurch missbraucht werden kann. So gilt es für Kreatonisten und Anhängern des „Intelligent Design“ als Beweis für ihre Hypothesen.
 **Dass dieses Zitat von einem Studenten namens Mathias Stahnke stammt, ist natürlich auch nur ein Gerücht.

Samstag, 16. Juli 2011

Über Einsteins Worte „Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot“


Neulich las ich bei Twitter ein Zitat Albert Einsteins:

„Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot.“

Das hat Einstein aber wieder schön gesagt, dachte ich, und mein Jagdinstinkt erwachte. So manches, was man ihm zuschreibt, hat er nicht gesagt, und so manches wird falsch wiedergegeben, man schaue sich nur die Diskussion über seine Zitate auf der deutschen Wikiquote oder die ihm fälschlich zugeschriebenen Zitate auf der englischen Wikiquote an. 

Ich durchforstete also erst einmal Einsteins Mein Weltbild, weil dort viele seiner Zitate abgedruckt sind. Nichts. Als nächstes versuchte ich es über die Google-Büchersuche. Dort fand ich es, allerdings nicht in einem Buch Einsteins. Das nutzte mir nix. Also goggelte ich ganz normal, aber in Zitatensammlungen findet man so gut wie nie eine Quelle (und oft genug auch nicht die richtige Version). Allerdings fand ich nach und nach den Text, aus dem das Zitat stammen soll:
Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein keimt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot. Das Wissen darum, daß das Unerforschliche wirklich existiert und daß es sich als höchste Wahrheit und strahlendste Schönheit offenbart, von denen wir nur eine dumpfe Ahnung haben können – dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Religiosität. In diesem Sinne, und in diesem allein, zähle ich mich zu den echt religiösen Menschen.*
Ein bisschen wunderte ich mich allerdings über die unterschiedlichen Zitierungen wie
„Diese Überzeugung ist der Kern echter Religiosität“,
„… dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Forschungen“,
„… dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern dieses Wissens“,
„… dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinn und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen.“

Aber das nutzte mir auch nichts, weil es nicht in einem der Bücher Einsteins stand. Also gab ich einige der neuen Stichwörter ein, die ich in dem Text gefunden hatte, wie Religiosität, Mystischen, Kern usw., weil ich schon ahnte, dass ich mit den Suchwörtern aus dem Zitat bei Twitter, nicht weiterkomme. Vergeblich. Ich grenzte die Suche mit anderen Stichwörtern ein. Wieder vergeblich. Bis ich schließlich durch Zufall die richtigen eingab und irgendwo bei den Suchergebnissen die Quellengaben Mein Weltbild“ beziehungsweise „Wie ich die Welt sehe“ fand. Also nochmal Mein Weltbild geöffnet, und siehe, da stand die korrekte Version:
Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen. Das Erlebnis des Geheimnisvollen – wenn auch mit Furcht gemischt – hat auch die Religion gezeugt. Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestationen tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit, die unserer Vernunft nur in ihren primitivsten Formen zugänglich sind, dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinn und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen. Einen Gott, der die Objekte seines Schaffens belohnt und bestraft, der überhaupt einen Willen hat nach Art desjenigen, den wir an uns selbst erleben, kann ich mir nicht einbilden. Auch ein Individuum, das seinen körperlichen Tod überdauert, mag und kann ich mir nicht denken: mögen schwache Seelen aus Angst oder lächerlichem Egoismus solche Gedanken nähren. Mir genügt das Mysterium der Ewigkeit des Lebens und das Bewusstsein und die Ahnung von dem wunderbaren Bau des Seienden sowie das ergebene Streben nach dem Begreifen eines noch so winzigen Teiles der in der Natur sich manifestierenden Vernunft.
(Albert Einstein: Wie ich die Welt sehe. In Albert Einstein: Mein Weltbild, hrsg. von Carl Seelig. Ullstein 2005, S. 420f.; Erstdruck Amsterdam: Querido 1934; zitiert nach der Downloadversion http://de.ebook2free.com/archives/5809)
Das Zitat Einsteins ist also aus dem Zusammenhang gerissen. Es müsste lauten:
„Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“
„He who knows it not and can no longer wonder, no longer feel amazement, is as good as dead, a snuffed-out candle.“
Da der Leser nicht wissen kann, was „es“ bedeutet, könnte man sagen:

„Wer das Geheimnisvolle nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“

Aber woher kommen diese unterschiedlichen Zitierweisen? Ganz einfach: Sie sind eine Rückübersetzung aus der englischen Übersetzung von Mein Weltbild durch Alan Harris (The World As I See It. New York: Covici 1934; zitiert nach der Downloadversion http://lib.ru/FILOSOF/EJNSHTEJN/theworld_engl.txt – Danke für die Downloadmöglichkeit auf einer russischen(!) Site):
The fairest thing we can experience is the mysterious. It is the fundamental emotion which stands at the cradle of true art and true science. He who knows it not and can no longer wonder, no longer feel amazement, is as good as dead, a snuffed-out candle. It was the experience of mystery—even if mixed with fear—that engendered religion. A knowledge of the existence of something we cannot penetrate, of the manifestations of the profoundest reason and the most radiant beauty, which are only accessible to our reason in their most elementary forms—it is this knowledge and this emotion that constitute the truly religious attitude; in this sense, and in this alone, I am a deeply religious man. I cannot conceive of a God who rewards and punishes his creatures, or has a will of the type of which we are conscious in ourselves. An individual who should survive his physical death is also beyond my comprehension, nor do I wish it otherwise; such notions are for the fears or absurd egoism of feeble souls. Enough for me the mystery of the eternity of life, and the inkling of the marvellous structure of reality, together with the single-hearted endeavour to comprehend a portion, be it never so tiny, of the reason that manifests itself in nature. 
*Als Anfangssatz habe ich auch „Das kosmische Erlebnis der Religion ist das stärkste und edelste Motiv naturwissenschaftlicher Forschung“ gefunden. Dieser Satz stammt jedoch aus einem anderen Essay Einsteins, nämlich aus Religion und Wissenschaft (Religion and Science) und lautet richtig:
Andererseits aber behauptet ich, daß die kosmische Religiosität die stärkste und edelste Triebfeder wissenschaftlicher Forschung ist. (Mein Weltbild, S. 438)
On  the other hand,  I maintain  that cosmic religious  feeling  is  the strongest and  noblest incitement to  scientific
research.
Der Zusatz
Meine Religion besteht in der demütigen Anbetung eines unendlichen geistigen Wesens höherer Natur, das sich selbst in den kleinen Einzelheiten kundgibt, die wir mit unseren schwachen und unzulänglichen Sinnen wahrzunehmen vermögen. Diese tiefe Überzeugung von der Existenz einer höheren Denkkraft, die sich im unerforschlichen Weltall manifestiert, bildet den Inhalt meiner Gottesvorstellung
gehört ebenfalls nicht zu dem eigentlichen Zitat. Leider habe ich bisher als Quelle nur gefunden: „Alice Calaprice (Hrsg.): Einstein sagt, Piper 1996“. Das reicht mir aber nicht. Nun könnte ich mir das Buch natürlich besorgen, aber das wird mir zu teuer. Falls es also jemand von meinen geneigten Leser besitzt, würde ich mich über die Angabe der tatsächlichen Quelle sehr freuen.

Auf jeden Fall bin ich wiedereinmal schockiert, wie mit Zitaten umgegangen wird.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Ein freier, denkender Mensch bleibt da nicht stehen, wo der Zufall ihn hinstößt …

Das Zitat von Heinrich von Kleist aus einem Brief an seine Schwestere Ulrike im Mai 1799*
Ein freier, denkender Mensch bleibt da nicht stehen, wo der Zufall ihn hinstößt;  oder wenn er bleibt, so bleibt er aus Gründen, aus Wahl des Bessern
kursiert in allzu vielen Zitatensammlungen (und natürlich ohne Quellenangabe) auch als
Ein frei denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo der Zufall ihn hinstößt.
Ein freier, denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo der Zufall ihn hinstößt; oder wenn er bleibt, so bleibt er aus Gründen, aus Wahl des Besseren.
Und wieder eine Mahnung an die Internetgläubigen: Glaubt nicht alles, was Ihr in solchen Sammlungen findet. Nur in den wenigsten wird korrekt zitiert. Welche das sind, finden Sie unter "Weitere Seiten mit geprüften Zitaten" hier im Blog.

*In Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 1, hrsg. v.  Helmut Sembdner. Hanser,  9. Aufl. 1993, S. 448

Dienstag, 14. Juni 2011

Mark Twain zur Erschaffung des Menschen

„Enttäuscht vom Affen, schuf Gott den Menschen. Danach verzichtete er auf weitere Experimente.“
(auch „Gott erschuf den Menschen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach verzichtete er auf weitere Experimente.“)

„Dio creò l' uomo perché la scimmia l' aveva deluso. Dopo però rinunciò ad altri sperimenti.“

I believe that our Heavenly Father invented man because he was disappointed in the monkey. I believe that whenever a human being, of even the highest intelligence and culture, delivers, an opinion upon a matter apart from his particular and especial line of interest, training and experience, it will always be an opinion so foolish and so valueless a sort that it can be depended upon to suggest to our Heavenly Father that the human being is another disappointment and that he is no considerable improvement upon the monkey.

Mark Twain

(In Mark Twain in Eruption: Hitherto Unpublished Pages about Men and Events. Harper & Brothers 1940, S. 372

Sonntag, 12. Juni 2011

Man entdeckt keine neuen Weltteile, ohne den Mut zu haben, alle Küsten aus den Augen zu verlieren


– Auch: „Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.“
On ne découvre pas de nouveaux continents sans avoir le courage de perdre de vue les côtes familières.“
Man cannot discover new oceans unless he has the courage to lose sight of the shore.“* –

heißt ein bekanntes Zitat von Andrè Gide aus seinem Werk Die Falschmünzer (Les faux-monnayeurs; The Counterfeiters). Nur – so hat er es nicht gesagt. Richtig heißt es:

„Ich habe oft bedacht“, unterbrach Edouard den Sprechenden, „daß in der Kunst, besonders in der Literatur, nur der in Betracht kommt, der Unbekanntes sucht. Man entdeckt keine neuen Weltteile, ohne den Mut zu haben, alle Küsten aus den Augen zu verlieren. Doch unsere behutsamen Literaten fürchten sich vor dem hohen Meer: das Geschäft, das sie betreiben, ist nur Küstenschiffahrt.“ (S. 449)

J'ai souvent pensé, interrompit Édouard, qu'en art, et en littérature en particulier, ceux-là seuls comptent qui se lancent vers l'inconnu. On ne découvre pas de terre nouvelle sans consentir à perdre de vue, d'abord et longtemps, tout rivage. Mais nos écrivains craignent le large; ce ne sont que des côtoyeurs. (S. 52)

“I have often thought,“ interrupted Edouard,  that in art, and particularly in literature, the only people who count are those who launch out on to unknown seas. out on to unknown seas. One doesn't discover new lands without consenting to lose sight of the shore for a very long time. But our writers are afraid of the open; they are mere coasters. (S. 309)

Ernst Bloch hat Gides Zitat in seinem Werk Das Materialismusproblem: Seine Geschichte und Substanz aufgegriffen (ob er irgendwo die Quelle genannt hat, ist unbekannt).
Alles muß derart mit neuem Zug begonnen werden können, man entdeckt keine neuen Weltteile, wenn man nicht den Mut hat, die bekannten Küsten aus dem Auge zu verlieren. Aber alles Lebendige aus den alten Küsten fährt ebenso im Prozeß des Neuen, gar Eigentlichen mit, wonach eben nichts weniger jakobinisch, nichts überlegter konservativ ist als konkrete Revolution. (S. 417)
 *Rückübersetzungen aus dem Deutschen