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Sonntag, 15. Juli 2012

Der Herr Brecht, das Plagiieren und das Urheberrecht


Der Dramatiker und Lyriker Bertold Brecht ist berühmt/berüchtigt dafür, dass er es nicht so mit dem Urheberrecht hielt. Er machte daraus auch kein Hehl, denn: „Wie man weiß, gehört meiner Ansicht nach die Plagiierkunst zum Handwerk des Schriftstellers.“ Allerdings legte er durchaus Wert auf das Niveau der Texte, derer er sich bediente, denn, schreibt er weiter: „Wenn man mir einige Autorität auf diesem Gebiete zubilligen will: Gilbrichte [der Bühnenautor Walter Gilbricht] sind nicht plagiierbar.“ (Zur Plagiatsbeschuldigung Gilbrichts. In Werke: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Aufbau-Verlag 2000, S. 399).

Das Zitat „ist also“
das wichtigste Stilmerkmal. (…) Plagiate ausfindig zu machen, bedeutet hier Kunst. Es ist gesellschaftlich wertvolle „Arbeit“. Der „Urheber“ ist belanglos, er setzt sich durch, indem er verschwindet. Wer es erreicht, daß er umgearbeitet, also im persönlichen entfernt wird, der hält „sich“. (Plagiat als Kunst, S. 318)
Folgerichtig ist es „selbstverständlich“, dass
das geistige Besitztum auf keine Weise mehr zu schützen (ist), die Frage ist nur, ob ein gesellschaftliches System gefunden wird, das Plagiate verwerten kann. (Geistiges Besitztum, S. 322)
Und schließlich:
Natürlich basiert so ziemlich jede Blütezeit der Literatur auf der Kraft und Unschuld ihrer Plagiate. Was das Drama im besonderen betrifft, so ist eine gewisse Gleichförmigkeit zeitgenössischer Werke ebenso für eine Blütezeit kennzeichnend als die Leidenschaft ihrer Schriftsteller, in ihre Werke alles zu sammeln, was sie irgendwie auftreiben können. Von den großen sensationellen Fällen, wo es dem Autor glückte, ganze Akte sich einzuverleiben, wie sie Shakespeare reichlich zu verzeichnen hat, abgesehen, ist ja für den Theaterschreiber die Äußerung irgendeines Theaterschreibers ebenso als Material begrüßenswert wie die eines Götz von Berlichingen oder eines Herrn Henschel. Wenigen Kennern ist es gegeben, das Originale in einem Werk von Formt aufzuspüren, und bei gewissen nicht genannt sein wollenden Kritikern unserer armen Epoche kann man es ruhig da suchen, wo sie das „Unverständliche“ vermerken. Für einen Halbblinden ist beinahe jeder Anblick ein Wischiwaschi.  Es handelt sich bei den Texten für die Schauhäuser dieses Jahrhunderts nicht um feine Nuancen, originelle Handschrift, Gestuftheiten und derlei Feinheiten, denen der nach Trüffeln schnüffelnde Five-o'cIock-tea-Plauderer wortmalend nachgehen kann, sondern um großzügige Erfassung des menschlichen Materials, um die mit allen Mitteln anzupackende Gestaltung des Ausdrucks unseres Jahrhunderts. (Was den Herrn Kerr betrifft, S. 323)
Was den Herrn Kerr betrifft, so hatte der beliebte (und von vielen Schrifststellern gefürchtete) Kritiker Brecht nicht nur als „Ragoutkoch“ (S. 558) bezeichnet und dessen Stück Happy end das Motto Happy entlehntzugedacht, sondern vor allem in dem Artikel Brechts Copyright im Berliner Tageblatt vom 3. 5. 1929 einige Copyright-Verstöße dokumentiert und damit eine große Plagiatsdebatte ausgelöst. Der Artikel beginnt mit den Worten: „Die hübsche Dreigroschenoper (…) entschlief nicht für immer: im wunderschönen Monat Mai soll sie zu neuem Dasein erwachsen. Sie ist ein Werk Brechts, das John Gray vor zweihundert Jahren schrieb“, und endet mit „Der Wahlspruch ‘Nur wer von Fremden lebt, lebt angenehm’ ist eine Überzeugung – aber auch ein Grundsatz? Jeder Schriftsteller (ob er nun Bert heißt oder Klemmens) bedenke das.“

Brecht reagierte auf die Anschuldigungen lapidar mit der folgenden Erklärung (und rief mit dem letzten Satz einen Sturm der Entrüstung hervor):
Eine Berliner Zeitung hat spät, aber doch noch gemerkt, daß in der Kiepenheuerschen Ausgabe der Songs zur „Dreigroschenoper“ neben dem Namen Villon der Name des deutschen Übersetzers Ammer fehlt, obwohl von meinen 625 Versen tatsächlich 25 mit der ausgezeichneten Übertragung Ammers identisch sind. Es wird eine Erklärung verlangt. Ich erkläre also wahrheitsgemäß, daß ich die Erwähnung des Namens Ammer leider vergessen habe. Das wiederum erkläre ich mit meiner grundsätzlichen Laxheit in Fragen geistigen Eigentums (Eine Erklärung Brechts, S. 315 f.)
Und merkte in deren Entwurf an:
Geistiges Eigentum ist eben so eine Sache, die in Schrebergärtchen und dergl. Angelegenheiten gehört. (S. 315)
Ammer gab sich denn auch zufrieden, als Brecht zur Neuausgabe seiner Villon-Gedichte 1930 das Sonett zur Neuausgabe des Francois Villon beisteuerte, das als eine Art Vorwort den Gedichten vorangestellt und auch auf der Rückseite des Schutzumschlags zu lesen ist und mit den Worten endet: „Nehm jeder sich heraus, was er grad braucht! / Ich selber hab mir was herausgenommen …“ Nur dass dieser Vers wiederum eine Entlehnung aus Kerrs Artikel ist, denn der hatte gefragt: „Für die eingelegten Balladen zeichnet Bert Brecht ebenfalls. Er hat sie nun bei Kiepenheuer herausgegeben. Doch bei wem hat er sie herausgenommen?“ …

– Jörn Scheer hat sich durch Brechts Kalendergeschichte Ulm 1592  zu einer „Untertänigsten Nachschrift“ inspirieren lassen, zumal die obige Erklärung nicht die einzige war, die Brecht abgeben musste:
Hat jemand spät, aber doch gemerkt,
Daß von meinen 33 Versen
tatsächlich 22 mit jenen von Brecht
In der 6. Kalendergeschichte „Ulm 1592“
Mehr oder minder identisch sind? (lesen Sie bitte hier weiter:)
(In Jörn Scheer: Immerwährender Geschichten-Kalender. ardetta 2010, S. 216 und 342) –
Kurt Tucholsky spöttelte in der Weltbühne vom 25. 1. 1919 „Was dem einen brecht ist, ist dem andern billig“ (S. 785) und nannte in einer lyrischen Parodie, dem Lied der Cowgoys, „Rudyard Brecht“ als Verfasser, da Brecht unter anderem den berühmten Surabaya-Johnny-Song von Rudyard Kipling übernommen hatte.

Erich Kästner wiederum parodierte Brecht mit seinem Lied Surabaya-Johnny II. frei nach Kipling und Brecht, das mit den Worten schließt: „Du warst nicht indisch, Johnny. / Kauft Kolonialwaren bei Bertolt Brecht! / Surabay-Johnny! / Villon, Kipling, Rimbaud. / fourniert auf Mahagonny – / du bist der geborene & Co.

Karl Kraus hingegen entschuldigte Brecht in der Fackel mit der „Immoral sanity“, der unmoralischen Vernunft:
Im kleinen Finger der Hand, mit der er fünfundzwanzig Verse der Ammerschen Übersetzung von Villon genommen hat, ist dieser Brecht originaler als der Kerr, der ihm dahintergekommen ist; und hat für mein Gefühl mit allem, was ihn als Bekenner dem Piscatorwesen näher rückt als mir (ja was mir weltanschaulich zuwider ist als die Mischung von Nieder- und Aufreißertum, als eine betonte Immoral sanity) mehr Beziehung zu den lebendigen Dingen der Lyrik und der Szene als das furchtbare Geschlecht des Tages, das sich nun an seine Sohlen geheftet hat. So wenig ein Zweifel darüber bestehen kann, daß eine geistige Existenz ausgelöscht wäre, die auch nur mit einem einzigen fremden Vers zu glänzen versuchte, so ausbündig ist die Trottelei, die einem weismachen will, dieser so geartete, so begabte und so sichtbar abwegige Autor hätte es nötig gehabt und für möglich gehalten, die Verse, die ihm für den Bühnenzweck praktikabel schienen wie Versatzstücke und Personen, und deren autorrechtliche Fatierung er für den Druck verschlampt hat, als literarische Kontrebande auf die Seite zu bringen. Eine Bewußtseinshandlung, die hier noch ein »Copyright« anbringt, zu unterstellen, ist nicht die Bosheit der Satire, sondern der Idiotie, oder gar die Gesinnung, die deren Anschein nicht verschmäht, um auf Idioten eine Augenblickswirkung zu erzielen. (S. 129)
Lesenswert in dem Zusammenhang ist Hellmuth Karaseks Beitrag Der Ehrabschreiber über „eine unsinnige Literatur-Kampagne“ im SPIEGEL 4 /1990, S. 173 ff., wo er nicht nur über Brechts Plagiate schreibt, sondern auch über die von Georg Büchner, Alfred Döblin (siehe dazu http://www.zeit.de/1959/13/doeblin-faelschung), Karl Kraus (vielleicht deshalb dessen positive Reaktion auf die Plagiatsvorwürfe gegenüber Brecht; die Plagiatsvorwürfe, die das Gedicht Apokalypse betrafen, veranlassten Kraus zu dem Essay Vom Plagiat), Thomas Mann (der Plagiate als höheres Abschreiben bezeichnete), Robert Musil, Johann Nepomuk Nestroy, Joseph Roth und  Arno Schmidt, der dazu in Gelehrtenrepublik, S. 110, schreibt: „Das Plagiat: was ist es im letzten Grunde andres als Selbsterkenntnis? Daß dem Betreffenden das fehlt, was er nimmt?“

Weiter nennt Karasek Shakespeare  (was Heinrich Heine als „töricht“ bezeichnete und seinerseits auf Friedrich Schiller verwies), Peter Weiss, vor allem aber Walter Kempowski (dessen Reaktion auf die Vorwürfe siehe hier). Aber, so Karasek:
Darüber kann nur erstaunt sein, wer sich sein Bild der Literatur aus kitschigen Groschenromanen und Filmen besorgt hat, wo Dichter in der Gartenlaube sich unter Wehen ihre Herz-Schmerz-Reime aus den eigenen Fingern saugen, sogenannte Originalgenies. 
Viele Erzähler, Maler, Musiker der Moderne sind nicht Erfinder, sondern Finder. Und das gilt nicht erst für die Moderne. Shakespeare etwa war so ein Ausplünderer, sein „Hamlet“ wäre heute vor einem Plagiatsprozeß nicht sicher. (…)
Die Grenzen zwischen Zitat und Plagiat sind schwer zu ziehen. Man macht sich leicht lächerlich, wie der Kritiker Alfred Kerr es im Fall der „Dreigroschenoper“ tat, als er Brecht als Plagiator entlarvte – obwohl Kerr recht hatte.
Ach – auch Johann Wolfgang von Goethe  tat’s (siehe  http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2012/07/goethe-zum-plagiieren.html und Robert Springer: Ist Goethe ein Plagiator Lorenz Sterne's in Museum, Bd. 17, 1867, S. 690 ff.), und kämpfte doch um sein eigenes Urheberrecht (siehe http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2012/06/goethes-kampf-um-den-gesetzlichen.html),  Molière (siehe dazu Karl Gutzkows Das Urbild des Tartüffe, wo er sich über den französischen Dramatiker lustig macht) und Alexandre Dumas (worauf Heine mit den Worten reagierte: „Nichts ist törichter als das Begehrnis, ein Dichter solle alle seine Stoffe aus sich selber heraus schaffen, das sei Originalität“, siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2011/04/heinrich-heine-ubers-plagiat.html)
und und und. Ich frage mich langsam, wer eigentlich nicht …

Okay, es ist nicht immer der Autor drin, wo der Autor draufsteht. Das sind wir ja gewohnt von Früchtetee, Joghurt und Kalbsleberwurst. Darum geht es hier gar nicht. Aber im Himmels Willen, WARUM DARF MAN DANN BRECHT NICHT ZITIEREN, Urheberrecht hin, Urheberrecht her, wenn das Gesetz für ihn doch auch nicht galt. Denn „Texte von Bertold Brecht, auch in elektronischem Format, dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung veröffentlicht werden, da sie urheberrechtliches Eigentum von ProQuest LLC sind“ (siehe http://brecht.chadwyck.co.uk/deutsch/html/frames/moreinfo/copyrite.htm).

Warum verklagten seine Erben Heiner Müller, weil er im seinem letzten Theaterstück GERMANIA 3 Passagen aus Das Leben des Galilei und Coriolan zitierte, und zogen damit bis vor das Bundesverfassungsgericht? (Siehe dazu die Pressemitteilung des BVG Zum Verhältnis von Kunstfreiheit und Urheberrecht – "Germania 3“ von H. Müller http://www.bverfg.de/pressemitteilungen/bvg100-00.html und das Urteil des BVG). Zu einer Klage gegen die Erben Brechts siehe Angriff aufs Brecht-Erbe, DER SPIEGEL 49/1997 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8841780.html.

Siehe dazu auch Kontextualisierung und analyse – zur literatur der goethezeit, des ausgehenden 19. und 20. jahrhunderts, und denjenigen unter Ihnen, die mehr über Plagiate wissen möchte, empfehle ich Fremde Federn Finden: Kurs über Plagiat http://plagiat.htw-berlin.de/ff/inhalt

Freitag, 23. September 2011

Karl Kraus über Wörter, die man sich näher anschaut

Zu Karl Kraus' Zitat

„Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück“

"The closer the look one takes at a word, the greater the distance from which it looks back." 

siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2010/09/zitat-des-tages_03.html

Montag, 30. Mai 2011

"Es rast der See und will sein Opfer haben"


… lese ich gerade in den Ausführungen von Karl Kraus über das Wörtchen „Es“ in der Fackel. Ich googelte nach dem Zitat und stutzte: Kein einziger Treffer zu Friedrich Schillers Wilhelm Tell, aus dem es stammt, über die Google-Buchsuche. Stattdessen ein Hinweis: „Da [Es] rast der See …“ Und siehe da, Karl Kraus und manch andere haben Schiller falsch zitiert. Tatsächlich sagt Ruodi der Fischer im 1. Aufzug, 1. Szene:
Und wär’s mein Bruder und mein leiblich Kind, / Es kann nicht seyn; ‘s ist heut Simons und Judä, / Da ras’t* der See und will sein Opfer haben. 
Stopp.  Ich muss mich korrigieren. Karl Kraus hat später seinen Fehler erkannt und schreibt in seinem Buch Die Sprache auf S. 74:
Man beachte den Unterschied zwischen dem Gedicht „Es rast der See und will sein Opfer haben“ (in der landläufigen Zitierung) und dem Bericht: „der See rast und will sein Opfer haben“.
– Wobei mir allerdings nicht ganz klar ist, warum er von Gedicht spricht, wo das Zitat doch aus einem Schauspiel ist. –

Dafür, dass das Zitat aus Frankreich kommt, wie es in den Wöchenlichen Anzeigen für das Fürstenthum Ratzeburg vom 14. 5. 1872 heißt, habe ich keinen Beleg gefunden. Möglich wäre es. Für Hinweise wäre ich sehr dankbar.

*= raset. Karl Ferdinand Becker schreibt dazu: „Es ist zu tadeln, wenn man in diesen Fällen st schreibt, weil dadurch oft die Abstammung des Wortes unkenntlich gemacht wird z. B. in: rast, beeist, bemoost, genest.“ (In Ausführliche deutsche Grammatik als Kommentar der Schulgrammatik. Hermann’sche Buchhandlung 1836,  S. 34).  Und Heinrich Bauer schreibt: „(…) (,deren Apostroph man aber billig nie weglassen sollte: reist oder gar rast, wo jeder das a wie in Rast schärfen würde, (… ).“ (In Vollständige Grammatik der neuhochdeutschen Sprache. Reimer 1830, S. 140)

Aber schon in späteren Ausgaben des Tells wurde das  Apostroph trotz der Ermahnung von Becker und Bauer weggelassen, und seither heißt es

Da rast der See und will sein Opfer haben.

Sonntag, 1. Mai 2011

Am Anfang war das Wort, am Ende die Phrase

Am Anfang war das Wort, am Ende die Phrase.

Na poczatku bylo Slowo - na koheu Frazes.
At the beginning there was the Word — at the end just the Cliché.


Wie wahr!

Nur, wer hat das gesagt?

Zugesprochen werden die Worte Stanislaw Jerzy Lec, und es gibt auch eine Quelle: Stanislaw Jerzy Lec: Unkempt Thoughts. St. Martin’s Press, 1962, S. 71.

Nur soll auch das Karl Kraus laut Paul Wiegler: Briefe über Dichter. München 1946, S. 67 in Bezug auf Klopstock gesagt haben (siehe hier)  nur habe ich ein Buch dieses Titels nirgends gefunden, auch nicht im KVK – Karlsruher Virtueller Katalog. – Auch in den Schweizer Monatsheften für Politik, Wirtschaft, Kultur, Bd.  70, Ausgaben 7-12. S. 1040, wird das Zitat Kraus zugesprochen. In der Weltbühne von 1984, S. 1215, wird das Zitat genannt, allerdings ohne den Urheber zu nennen.

Die Urheberschaft wird also erst einmal unklar bleiben, es sei denn, eine meiner lieben Leserinnen und Leser klärt mich freundlicherweise auf!

Samstag, 9. April 2011

Vielleicht ginge es besser, wenn die Menschen Maulkörbe und die Hunde Gesetze bekämen

Vielleicht ginge es besser, wenn die Menschen Maulkörbe und die Hunde Gesetze bekämen; wenn die Menschen an der Leine und die Hunde an der Religion geführt würden. Die Hundswut könnte in gleichem Maße abnehmen wie die Politik.

Perhaps things would be better if people were given muzzles and dogs laws, if people were led around on leashes and dogs on religion. (Translated by Harry Zohn, http://www.openletteronline.com/main/2006/11/aphorisms_by_karl_kraus-print.html)

Karl Kraus 

(In Die Fackel, H. 298-299, 21. 3. 1910, S. 46)

Die Version „Vielleicht stünde* es um die Welt besser, wenn die Menschen Maulkörbe und die Hunde Gesetze bekämen” mit Georg Bernhard Shaw als Urheber ist falsch.

*auch stände

Nachtrag: Dieser Beitrag ist meine Antwort auf die Frage bei cosmiq.de, wie das Zitat „Vielleicht stünde es besser um die Welt, wenn die Menschen Maulkörbe und die Hunde Gesetze bekämen“ in der Originalsprache lautet und vom wem es ist. Google findet dafür 183.000 Ergebnisse; fügt man als Suchwort Shaw hinzu 13.600, beim Suchwort Kraus 3.300. Nun streite ich mich mit einem User, der Shaw als Urheber genannt hatte, weil er meint, dass schließlich die vielen Internetseiten, die Shaw als Urheber angeben, nicht irren können. Außerdem gäbe es das Zitat auch in englischer Sprache, wo Kraus doch deutschsprachig war. Das Bewusstsein für das richtige Zitat ist völlig unterentwickelt.

Montag, 4. April 2011

Es gibt Sachen, die sind so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist.

Frage an die Zitatejägerin:
Ich bin auf der Suche nach einer korrekten Quellenangabe für das Zitat: „Es gibt Sachen (oder Dinge), die sind so falsch, dass nicht einmal das (absolute) Gegenteil wahr wäre.“
Das Zitat wird Karl Kraus zugeschrieben, aber ohne eine Quelle anzugeben, und manchmal ist der Wortlaut auch nicht der gleiche.
ZJ: Ich habe das Zitat in diversen Versionen gefunden, so zum Beispiel:
Es gibt Dinge, die sind so falsch, daß noch nicht einmal das absolute Gegenteil richtig ist.
Es gibt Sachen, die sind so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist.
Manche Dinge sind so falsch, dass nicht einmal das absolute Gegenteil richtig wäre. 
Manche Sachen sind so falsch, dass man nicht einmal ihr Gegenteil beweisen kann.
Manches ist so falsch, daß nicht einmal das Gegenteil davon richtig ist. 
Einmal wird Wolfgang Pohrt als Urheber genannt, und an anderer Stelle las ich „zitiert nach Karl Kraus“ bzw. dass jemand mit diesen Worten Karl Kraus sehr frei zitiert habe.Ich habe aber keinen Beleg dafür gefunden, dass Karl Kraus das überhaupt gesagt hat. Auch in der Fackel  ist es nicht aufgeführt.
 
Schon weil es so viele unterschiedliche Zitierweisen gibt, würde ich das Zitat nicht verwenden. Karl Kraus geht es im übrigen so wie Mark Twain: Im Zweifelsfalle werden sie als Autor angegeben …

Montag, 28. Februar 2011

Karl Kraus übers Zitieren

Aber ich gestatte keinem, eine Äußerung aus den letzten drei Jahren in wohlwollender Absicht zu zitieren, wenn er sich nicht verpflichtet, an die Kontrolle des Nachdrucks wenigstens den hundertsten Teil der Sorgfalt zu wenden, die ich an die Kontrolle des Drucks gewendet habe. Diese Mahnung geht eo ipso nur solche Redakteure an, die mir eine ihnen bequeme Meinung abknöpfen wollen und den Nachdruck mit jenen Worten einleiten, die mich sofort zur entgegengesetzten Meinung entflammen könnten: »Mit Recht bemerkt der bekannte Herausgeber der ‚Fackel‘«. Wenn also der Unfug schon geduldet werden soll, so müßte wenigstens der Text, der nach solcher Einleitung noch immer seinen künstlerischen Ursprung behaupten könnte, unverändert dastehen. Die Redakteure nehmen aber, was ihnen paßt, und markieren die Auslassungen nicht einmal durch Punktreihen. Welchem organischen Ganzen der Teil genommen war, ist dann nicht mehr zu erkennen. Daß man durch Streichung eine Plattheit in einen Gedanken, aber auch einen Gedanken in eine Plattheit verwandeln kann, verstehen diese sprachverlassenen Meinungssucher nicht. Und sie tun ein Übriges: sie sehen auch nicht nach, wie der Setzer ihr Flickwerk zugerichtet hat. In einer deutschen Monatsschrift, die von einer Dame redigiert wird, ist jeder Satz, mit dem ich angeblich »Recht« habe, verstümmelt oder in sein Gegenteil verkehrt. Daß durch Weglassung der Anführungszeichen in einem Satz, der noch ein zweitesmal vorkommt, statt einer Kontrastwirkung eine Wiederholung bewirkt wurde, dafür muß ein Setzer kein Verständnis haben. Aber ein Redakteur, der’s auch nicht hat, kennt nicht einmal die Verpflichtung, dort eine mechanische Kontrolle zu üben, wo ein Anderer gedacht hat. Die Dreistigkeit der Absicht, mich zu redigieren, würde ich noch verzeihlicher finden als die grundsätzliche Nichtachtung vor geistiger Arbeit, die in der sorglosen Preisgabe an die Gefahren des Druckes gelegen ist.
Karl Kraus, Die Fackel (1909), S. 26/27