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Samstag, 17. November 2012

Gertrude Stein und der schöpferische Geist des Jahrhunderts

Ein sehr selbstbewusstes Zitat von Gertrude Stein lautet:

Einstein war der schöpferische philosophische Geist des Jahrhunderts und ich bin der schöpferische literarische Geist des Jahrhunderts.

Auch:

Einstein war der schöpferische Geist der Philosophie des Jahrhunderts und ich war der schöpferische Geist der Literatur des Jahrhunderts.

 Einstein was the creative philosophic mind of the century and I have been the creative literary mind of the century

Aber hat sie das wirklich so gesagt? Leider ist der Satz unvollständig, außerdem ist er aus dem Zusammenhang gerissen. Denn tatsächlich sagte sie:
Die Malerei war im neunzehnten Jahrhundert französisch am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde sie Spanisch Spanisch in Frankreich aber noch Spanisch, und Philosophie und Literatur haben dieselbe Tendenz. Einstein war der schöpferische philosophische Geist des Jahrhunderts und ich bin der schöpferische literarische Geist des Jahrhunderts geworden, so wie sich das Orientalische mit dem Europäischen vermischt.

Painting in the nineteenth century was French at the end of the nineteenth century it had become Spanish Spanish in France but still Spanish, and philosophy and literature had the same tendency. Einstein was the creative philosophic mind of the century and I have been the creative literary mind of the century also with the Oriental mixing with the European.
(In Everybody’s Autobiography (Jedermanns Autobiographie). Exact Change 1993, S. 22)

Samstag, 28. Januar 2012

George Eliot über Anfänge, Schlüsse und Schwachstellen der Autoren

George Eliot wird im Englischen mit Worten zitiert, die sie so gar nicht gesagt hat. – Merkwürdigerweise sind sie im deutschsprachigen Raum unbekannt. Dabei wird doch aus allem Mi… äh Möglichen ein Zitat gemacht. – Und da ich nun mal darauf gestoßen bin, möchte ich das falsche englische Zitat hier richtigstellen:

„Beginnings are always troublesome and conclusions are the weak point of most authors but some of the fault lies in the very nature of a conclusion, which is at best a negation.“

Der Anfang ist immer lästig, und Schlüsse sind die Schwachstellen der meisten Autoren, aber die Schuld liegt zum Teil gerade in der Natur eines Schlusses, der im besten Falle eine Verneinung ist.

Nur wurde dieses Zitat aus zwei Briefen George Eliots zusammengesetzt. „Beginnings are always troublesome“ stammt aus einem Brief an Sara Hennell vom 15. August 1859 und „conclusions are the weak point of most authors (…)“ aus einem Brief an John Blackwood vom 1. Mai 1857 (Quelle: The Writings of George Eliot, S. 145 und S. 44)

Es sind also zwei Zitate:

„Beginnings are always troublesome“,

und

„Conclusions are the weak point of most authors but some of the fault lies in the very nature of a conclusion, which is at best a negation.“

Mittwoch, 28. Dezember 2011

Prosit Neujahr …


Heute mal was in eigener Sache. Dieses Gedicht hatte ich letztes Jahr in mein Blog gestellt (http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2010/12/prosit-neujahr.html):

Prosit Neujahr

Wenn Champagnerkorken knallen
und die Masken langsam fallen
sich tief drinnen Wünsche regen
alte Damen Karten legen

Wenn hoch droben Monde stehen
Bullen nach den Pappen sehen
Politiker Reden schwingen
Menschen schunkelnd Lieder singen

man beschließt, nie mehr zu rauchen
auch nicht vor dem Chef zu krauchen
und den Dispo schnell zu senken
Bettlern ‘n Euro mehr zu schenken

dann, wenn's Jahr ist am Versinken
will ich, Freunde, auf euch trinken
will vom Himmel Sterne pflücken
und sie euch im Traume schicken

Jutta Miller-Waldner

Eben habe ich danach gegoogelt und war sehr erfreut, als ich mehrere Treffer fand. Not amused war ich allerdings, weil nirgends mein Name erschien, weil der Text geändert und der Titel falsch oder erst gar nicht angegeben wurde. Satzzeichen dürfen nicht eingesetzt werden (und schon gar nicht falsch), wenn der Autor das nicht getan hat. Er hat sich nämlich was dabei gedacht, auch wenn das dem Leser missfällt. Zeilenumbrüche weglassen oder das Gedicht nicht in Strophen aufteilen, geht ja nun gar nicht.

Diese Version ist also falsch:
Man beschließt, nie mehr zu rauchen,
auch nicht vor dem Chef zu krauchen
und den Dispo schnell zu senken,
Bettlern ein paar Eus zu schenken.
Dann, wenn's Jahr ist am Versinken
wollen wir vom Club, ja, auf euch trinken.
Das alte Jahr ist morgen futsch,
für Mitternacht nen guten Rutsch.
Und warum man diese Strophe weglässt, weiß ich auch nicht …
man beschließt, nie mehr zu rauchen
auch nicht vor dem Chef zu krauchen
und den Dispo schnell zu senken
Bettlern ‘n Euro mehr zu schenken
Muss wohl ein Nichtraucher sein oder jemand, der nie, nie, nie seinen Dispo überzieht. Wie schön für ihn.

Trotzdem – all meinen Leserinnen und Lesern dieses Blogs, wo immer Ihr auch seid in der Welt, wünsche ich Saale Nao Mubbarak, З новым годам, 新年快乐, あけましておめでとう, ein frohes Neues Jahr!

Wer wissen möchte, wie man in weiteren 133 Sprachen seine Neujahrswünsche ausdrücken kann, klicke hier: http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2010/12/frohes-neues-jahr-in-137-sprachen.html

Samstag, 1. Oktober 2011

Goethe über gemalte Fensterscheiben

Dieses wunderschöne Gedicht von Goethe wollte ich eben erst in mein Schreibblog einstellen, dann stellte ich fest, dass es doch viel besser in das Schreibtippsblog passt, aber als ich es mit dem Original verglich, zog ich damit hierher um (das kommt davon, wenn man drei Blogs betreibt). Ganz peinlich ist aber, dass ich dieses Gedicht in einer falschen Version in ein anderes Blog eingestellt hatte, das ich vor einigen Jahren betrieb, und zwar, weil ich dem Projekt Gutenberg vertraute. Soweit ich weiß, gab es damals auch noch nicht die Google-Büchersuche, so dass ich es mit dem Original gar nicht vergleichen konnte.

Hier ist die Version, die ich damals eingestellt hatte:

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!
Sieht man vom Markt in die Kirche hinein,
da ist alles dunkel und düster;
und so sieht’s auch der Herr Philister:
Der mag denn wohl verdrießlich sein
und lebenslang verdrießlich bleiben.

Kommt aber nur einmal herein!
Begrüßt die heilige Kapelle;
da ist’s auf einmal farbig helle,
Geschieht’ und Zierat glänzt in Schnelle,
bedeutend wirkt ein edler Schein;
dies wird euch Kindern Gottes taugen,
erbaut euch und ergetzt die Augen!

(Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3670/9)

Sicher sind Ihnen gleich die Fehler aufgefallen (und nein, ich meine damit nicht die etwas altertümliche Schreibweise mancher Wörter …). Für all die anderen hier die richtige Version:

Gedichte

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!
Sieht man vom Markt in die Kirche hinein,
Da ist alles dunkel und düster;
Und so sieht’s auch der Herr Philister:
Der mag denn wohl verdrießlich seyn
Und lebenslang verdrießlich bleiben.

Kommt aber nur einmal herein!
Begrüßt die heilige Capelle;
Da ist’s auf einmal farbig helle,
Geschicht’ und Zierrath glänzt in Schnelle,
Bedeutend wirkt ein edler Schein;
Dieß wird euch Kindern Gottes taugen,
Erbaut euch und ergötzt die Augen!

Johann Wolfgang von Goethe 

(In Goethe's Gedichte, Bd. 2. Neue Ausgabe Cotta 1868, S. 420)