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Freitag, 4. Januar 2013

Lichtenberg über Menschen, die bloß lesen, um nicht denken zu dürfen


Falsche Zitate werden nicht richtiger, nur weil sie aus berufenem Munde kommen, wie dieses:
Manche Menschen lesen bloß, um nicht zu denken.*
Das ist doch ein Unterschied zu dem, was Georg Christoph Lichtenberg (nicht ein G. G. Lion, wer immer das auch sein mag, ein – aua – Georg Christoph Lerchenberg, eine Lebensweisheit oder eine Redensart) wirklich gesagt hat:
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht  denken dürfen.
(In Vermischte Schriften, 1817, S. 120)
Da viele Leser über das dürfen gestolpert sind, gibt es auch diese Versionen:
Es gibt sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.
Es gibt viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken brauchen.
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken müssen.
Jemand hat es sich ganz einfach gemacht und geschrieben:
Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen. (brauchen/müssen!). 
Nun ja, er hätte ruhig ein bisschen recherchieren müssen (brauchen/dürfen!).

Und derjenige, der geschrieben hat:
Es gibt wirklich nicht sehr viele Menschen, die bloss lesen, damit sie nicht denken dürfen
muss ein Menschenfreund sein …

– Es muss wirklich einmal gesagt werden: Ich begreife nicht, warum sich Zitatenseiten mit einer Sammlung von über fünftausend Zitaten brüsten, aber nicht in der Lage sind, Zitate korrekt wiederzugeben. –

 * Nicht böse sein, lieber Denis Scheck. Ich habe vor Jahren mal an einem Seminar an der Bundesakademie für kulturelle Bildung mit Ihnen als Workshopleiter teilgenommen, bei dem ich viel gelernt habe, zum Beispiel, dass man mit dem Wort Springerstiefel in einem objektiven Bericht eine Wertung vornimmt, die dort nicht angebracht ist.

Freitag, 17. August 2012

Walter Benjamin über "Romane lesen"

Nicht immer wird etwas falsch zitiert, weil das Zitat nicht kontrolliert wurde oder es eine Übersetzung ist. Manchmal findet man auch unterschiedliche Zitierweisen bei einem Autor.

So schreibt Walter Benjamin zum Thema Romane lesen – und das ist die bekanntere Version – in Denkbilder, Suhrkamp 1974:
Nicht alle Bücher lesen sich auf die gleiche Art. Romane zum Beispiel sind dazu da, verschlungen zu werden. Sie lesen ist eine Wollust der Einverleibung. Das ist nicht Einfühlung. Der Leser versetzt sich nicht an die Stelle des Helden, sondern er verleibt sich ein, was dem zustößt. Der anschauliche Bericht davon aber ist die appetitliche Ausstaffierung, in der ein nahrhaftes Gericht auf den Tisch kommt. (S. 136; siehe auch Illuminationen http://www.textlog.de/benjamin-romane-lesen-kleine-kunst-)stuecke.html)
In Gesammelte Schriften, IV .2. vom gleichen Verlag, nur zwei Jahre früher (1972) erschienen, schreibt er dagegen:
Nicht alle Bücher lesen sich auf die gleiche Art. Romane jedenfalls sind dazu da, verschlungen zu werden. Sie lesen, ist eine Wollust der Einverleibung. Und damit etwas von Grund auf anderes als man gewöhnlich darin erblickt: nämlich keinerlei Einfühlung. Der Leser versetzt sich nicht an die Stelle der Hauptfigur, sondern er verleibt sich ein, was ihr zustößt. Der anschauliche Bericht davon aber ist die appetitliche Ausstaffierung, in der ein nahrhafter Gang auf den Tisch kommt. (S. 1014)
Merkwürdig. Und ich kann noch nicht einmal sagen, welche Version mir besser gefällt.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Goethe und die Steine, die einem in den Weg gelegt werden – oder sind sie doch von Kästner oder von wem?


Wir lieben Zitate. Wir sammeln sie, erfreuen uns daran, finden Trost. Und manchmal benutzen wir Zitate, weil sie so praktisch sind. Für alle Lebenslagen sozusagen. Ungewohnt ist allerdings noch, dass Politiker ihre Reden oder Statements mit Zitaten würzen. Wenn sie das aber tun, sollten sie oder besser ihre Redenschreiber genau recherchieren, ob das Zitat richtig ist und ob es dem richtigen Urheber zugeordnet ist (und wenn ja, ob er überhaupt zitiert werden darf).

Ursula von der Leyen zitierte in einer Rede vor dem Bundestag im Zusammenhang mit der Reform von Hartz IV den „Spruch des Jahres“, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, von Goethe:
Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
Ob es in dem Zusammenhang das richtige Zitat ist, sei dahingestellt. Fragt sich nur: Ist es wirklich von ihm?

Ich wäre darauf gar nicht gekommen, hätte ich nicht neulich genau dieses Zitat getwittert, weil es zu meiner momentanen Stimmung so gut passte, und als Antwort bekam: „Wo hat Goethe das gesagt?“ Nun ja, das nahm ich nicht so ernst. Man twittert ja so manches. Schließlich wird er nicht alles und jedes aufgeschrieben haben. Ich erfuhr dann aber zufällig, dass das Zitat von Erich Kästner stammen soll. Daraufhin bekam ich einen Schreck, denn Kästner darf man ja nun ganz und gar nicht zitieren, weil das sehr, sehr teuer wird  (siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/search?q=k%C3%A4stner). Also googelte ich mal wieder ein bisschen. Und stellte fest, dass wohl niemand so recht weiß, wie das Zitat überhaupt heißt.

Ich fand folgende Versionen (die Tippfehler habe ich mal außen vor gelassen), wobei auch die mit demselben Wortlaut Kästner beziehungsweise Goethe zugeschrieben wurden. Das heißt, „unbekannt“ stand auch einmal dabei. Nun ja, damit macht man es sich immer am einfachsten.

    Auch aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus großen und schweren Steinen, die einem in dem Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die das Leben einem in den Weg legt, kann man was Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man schöne Dinge bauen.
    Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen
    Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du noch etwas bauen.
    Auch aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, lässt sich etwas Hübsches bauen.
    Auch aus Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, lässt sich SCHÖNES bauen.
    Auch mit Steinen, die dir im Weg liegen, kann man was Schönes bauen!
    Aus den Steinen, die einem im Weg liegen, kann man sich auch was Schönes bauen
    Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man auch etwas Schönes bauen.
    Aus Steinen, die im Weg liegen, kann man was Schönes bauen!
    Leg deinen Mitmenschen Steine in den Weg, sie mögen sich daraus etwas bauen!

Ich gestehe, nach so vielen unterschiedlichen Versionen gab ich auf.

Ein deutschsprachiger Urheber kann es nicht gewesen sein, denn so viele Versionen sprechen für eine Übersetzung der weisen Worte. Also habe ich es anders herum versucht und mit englischen Stichwörtern gegoogelt. Dabei fand ich diese Zitate:

    Even the stones that have been placed in one's path can be made into something beautiful.
    Even the stones in one's path can be made into something beautiful. 
    Even the stones placed in one's path can be made into something beautiful.

Und wer wurde als Urheber genannt? Genau. Mark Twain oder Bernhard Shaw, denen gern solche Worte in den Mund gelegt werden, waren es also auch nicht.

Jedenfalls fand ich noch „Du musst aus den Steinen, die man dir in den Weg legt, eine Brücke bauen“ von Konfuzius (beziehungsweise „Aus den Steinen, mit denen wir Mauern errichten, lassen sich auch Brücken bauen“, „Aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man sich manchmal eine lebensrettende Brücke bauen“ und „Aus den Steinen, mit denen wir Mauern errichten, lassen sich auch Brücken bauen“), „Wer Berge versetzen will, muss damit beginnen, viele kleine Steine abzutragen“ und die „persische Weisheit“: „Lege deinem Mitmenschen Hindernisse in den Weg. Soll er daran wachsen!“

Nun war ich endgültig verwirrt und wollte schon aufgeben, aber da stolperte ich über die Treppen. Denn Goethe soll auch gesagt haben: „Lege deinem Mitmenschen Steine in den Weg. Soll er sich daraus eine Treppe bauen“ (oder auch „Lege deinen Mitmenschen Steine in den Weg. Mögen sie sich doch daraus eine Treppe bauen“), Robert Lembke „Mit etwas Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen“ und nochmal Konfuzius: „Mit eigenem Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen.“

Was man alles so aus Steinen und mit Steinen machen kann …

Einer hat mal etwas Schlaues gesagt, sagen wir mal, Konfuzius. Goethe hat den Spruch gelesen und in eigene Wort gekleidet. Und dann war es wie mit der stillen Post: Jemand hat die Worte aufgegriffen und weitergegeben und der hat es wieder weitergegeben und so weiter und so fort, und dabei wurde mal ein Wort geändert, mal ein Wort hinzugefügt. Wie das so ist. Und irgendwann hat man vergessen, wer sie als erster gesagt hatte. Und nennt, da Goethe schließlich immer so schlaue Sachen gesagt hat, ihn als Urheber.

Lange Rede kurzer Sinn: Auch dieses Zitat ist ein Beispiel dafür, dass man nicht blindlings Sprüche aus dem Internet kopieren sollte, jedenfalls nicht aus irgendwelchen Zitatensammlungen. Am besten sind immer die Originalquellen.

Mittwoch, 29. Februar 2012

Von wem stammt die Redewendung „Die Seele baumeln lassen“, von Erich Kästner oder Kurt Tucholsky …


… wurde neulich gefragt. Nun, weder noch. Die Redewendung „Die Seele baumeln lassen“ stammt von Werbetextern für Reiseportale, Wellnesshotels, Südseestrände, Hängemattenverkäufer und und und. Mittlerweile ist sie dermaßen abgedroschen, dass man sie tunlichst nicht mehr verwenden sollte. Würde jeder, der sie verwendet, ein 2-Euro-Stück ins Phrasenschwein werfen, könnte man glatt ein Strandhopping durch die ganze Welt machen, bis man den ultimativen Strand zum Seele baumeln Lassen gefunden hat.

Aber waren es wirklich Werbeleute, die diesen Slogan prägten? Oder haben sie ähnliche Worte nur irgendwo aufgeschnappt und umformuliert? Die Berliner zumindest waren es nicht, wie irgendwo behauptet wird.

Erich Kästner hat die Seele zum Glück auch nicht baumeln lassen, denn den guten Mann hätte ich hier unter keinen Umständen zitieren dürfen (siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2008/11/abmahnwahn-zitate-auf-der-homepage.html). Aber bei Kurt Tucholsky bin ich fündig geworden. Ihm hat die Formulierung, die ihm da in den Sinn gekommen war, offensichtlich so gut gefallen, dass er sie gleich zweimal verwendete.

1926 schreibt er in der Weltbühne unter dem Titel Vier Sommerplätze:
Auf den Wegen stapfen unwirsche Norddeutsche, Sachsen, als Diroler verkleidet, und solange sie nicht den Mund auftun, ist die Täuschung vollkommen: dann hält man sie für Berliner. Die Männer sehen alle viereckig aus, auf dem Hals tragen sie eine kleine Tonne, daran ist vorn das Gesicht befestigt. Morgens setzen sie es auf, und was für eines –! Die Frauen schlapfen daher. Alles baumelt an ihnen, auch die Seele. Ich war seit zwei Jahren zum ersten Male wieder in Deutschland; in der Heimat kann ich nicht sagen, weil es sich ja um Bayern handelt – wir würden uns das beide verbitten.
(http://www.textlog.de/tucholsky-sommerplaetze.html)
In Schloß Gripsholm: Eine Sommergeschichte, die 1931 erschien, ist er schon weniger bissig und schreibt nicht mehr von Frauen, an denen alles baumelt, sondern ganz beschwingt:
Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele. (S. 28)
Dafür, dass Tucholsky gesagt haben soll, die Mark Brandenburg sei eine Gegend „wo die Seele baumeln kann und nicht nur Amselbullen glücklich sind“, wofür es immerhin 55 Treffer bei Google gibt, habe ich keinen Beleg gefunden. In Schloß Gripsholm schreibt er zwar vom Amselbullen, aber mitnichten bezogen auf die Mark Brandburg, und glücklich ist der Bulle auch nicht:
Ein kleiner Vogel hüpfte heran, legte den Kopf schief und flog dann auf, von etwas erschreckt, das in seinem Gehirn vor sich gegangen war -- wir hatten uns nicht geregt. »Was mag das für einer gewesen sein?« fragte Billie. »Das war ein Amselbulle«, sagte die Prinzessin. »Ah -- dumm - das war doch keine Amsel...«, sagte Billie. »Ich will euch was sagen«, sprach ich gelehrt, »bei solchen Antworten kommt es gar nicht darauf an, ob's auch stimmt. Nur stramm antworten! Jakopp hat mal erzählt, wenn sie mit ihrem Korps einen Ausflug gemacht haben, dann war da immer einer, das war der Auskunftshirsch. Der mußte es alles wissen. Und wenn er gefragt wurde: Was ist das für ein Gebäude? -- dann sagte er a tempo: Das ist die Niedersächsische Kreis-Sparkasse! Er hatte keinen Schimmer, aber alle Welt war beruhigt: eine Lücke war ausgefüllt. So ist das.« Die Mädchen lächelten höflich, ich war auf einmal allein mit meinem Spaß. Nur ein Sekündlein, dann war es vorbei. Sie standen auf. (S. 87)
Falsch ist auch das Zitat auf http://www.schwedisch-translator.de/schloesser/gripsholm.html:
Es lag beruhigend und dick da und bewachte sich selbst. Der See schaukelte ganz leise und spielte plitsch, plitsch am Ufer. Das Schiff nach Stockholm war schon fort. Man ahnte nur noch eine Rauchfahne hinter den Bäumen. Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele. Mariefred ist eine klitzekleine Stadt am Mälarsee. Es war eine stille und friedliche Natur – Baum und Wiese, Feld und Wald. Niemand aber hätte von diesem Ort Notiz genommen, wenn hier nicht eines der ältesten Schlösser Schwedens wäre.
Dieses Zitat wurde gleich aus mehreren Kapiteln von Schloß Gripsholm zusammengestückelt.

Aber noch mal zurück zu den Werbefuzzis. Wer war denn nun der erste, der aus einem der schönsten Klassikerzitate eine Massenphrase gemacht hat? Es war die österreichische Fremdenverkehrswerbung (ÖW), die 1975 Tucholskys „Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele“ kurzerhand zum Werbeslogan „In der Wiese liegen und mit der Seele baumeln“ umformulierte, was im übrigen nicht gerade für deren Kreativität spricht (und wobei die Frage gestattet sei, warum aus „auf der Wiese liegen“ „in der Wiese liegen“ wurde). Seit den 1980er Jahren wurde das Seelenbaumeln zum Synonym für jegliche Art von Entspannung.

Die Frage, ob Tucholsky wiederum sich von „die Füße baumeln lassen“, was soviel bedeutet wie sich gemütlich entspannen, inspirieren ließ oder von Friedrich Müllers Idylle Der Faun
Wir sind nicht der reichen Faunen, die Baechus weidet, also daß sie liegen mit fettem Rücken auf seinem Füllhorn und wollüstig hinab baumeln ihre Füße ins Weinfaß (S. 117)
ist müßig, weil nicht zu beantworten, und führt nun doch zu weit.

(Siehe zum Seelen-baumeln-Lassen auch die Glosse von Charles Lewinsky auf http://www.lewinsky.ch/charles/glossen_0408.html)

Mittwoch, 7. Dezember 2011

„Niemand ist eine Insel“ – Allgemeingut oder was?

Spätestens seit Johann Mario Simmels gleichnamigem Buch kennt jeder den Spruch:

„Niemand ist eine Insel“

oder auch 

„Keiner ist eine Insel“,

„Kein Mensch ist eine Insel“

Überhaupt wird der Spruch häufig als Titel verwandt, weil er so zum Allgemeingut geworden ist, dass niemand sich fragt, wer ihn überhaupt geprägt oder ob ihn überhaupt jemand geprägt hat.

Simmel und Jon Bon Jovi sind es jedenfalls nicht, auch wenn Jon ihn in dem Film „About A Boy oder: Der Tag der toten Ente“ mehrfach als Metapher gebraucht:
„Niemand ist eine Insel.“ – „Ja, da hat sie vollkommen Recht.“ – „Ja, vollkommen.“ – „Nein! Hat sie nicht! Es gibt Leute, die sind Inseln! Ich bin eine! Ich bin Ibiza, verdammt noch mal!“
Meiner Meinung nach lebt jeder für sich allein. Und im übrigen finde ich, ist das die einzige Lebensform. Wir leben in einem Inselzeitalter. Vor 100 Jahren musste man sich auf andere Menschen verlassen können. Da hatte keiner n Fernseher, CDs, DVD oder Videos, geschweige denn ne Expresso-Maschine zuhause. Man hatte überhaupt nichts was cool war. Wo hingegen man sich heute ein kleines Inselparadies schaffen kann und mit der richtigen Ausstattung und was viel wichtiger ist, mit der richtigen Einstellung erscheint man sonnig und tropisch und ist geradezu ein Magnet für junge schwedische Touristinnen.
Jeder Mensch ist eine Insel. Und dazu steh ich – aber, zweifelsohne gehören manche Menschen zu Inselketten. Unter der Meeresoberfläche sind sie eindeutig miteinander verbunden.
(Quelle http://177961.homepagemodules.de/t204f23-About-A-Boy-oder-Der-Tag-der-toten-Ente.html)
Auch Simone Rethel hat ihn nicht geprägt (siehe Ge(h)danke, S. 246).

Wer Hemingways Buch „Wem die Stunde schlägt“ gelesen hat, weiß allerdings, von wem der Spruch stammt, weil er ihn als Motto dem Roman vorangestellt hat: von dem englischen Kleriker und Dichter John Donne (1572–1631), und er weiß, woher Hemingway den Titel hat: aus dem gleichen Zitat.
No man is an island entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main. If a clod be washed away by the sea, Europe is the less, as well as if a promontory were, as well as in a  manor of thy friend’s or of thine own were: any man's death diminishes me, because I am involved in mankind, and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee. 
Niemand ist eine Insel ganz für sich allein. Jedermann ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des festen Landes. Wäscht das Meer eine Scholle fort, wird ganz Europa ärmer, so, als ob eine Landzunge verschlungen würde oder ein Schloss, das deinen Freunden gehört oder dir selbst. Jedermanns Tod macht mich ärmer, denn ich bin hineinverstrickt in die Menschenwelt. Und deshalb verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt. Sie schlägt immer für dich. (Übersetzung Johannes Mario Simmel. In Zweiundzwanzig Zentimeter Zärtlichkeit und andere Geschichten. Droemer Knaur 1979, S. 217, und in einem anderen Zusammenhang in Begegnung im Nebel: Erzählungen. Droemer Knaur1996, S. 60)
Entnommen ist dieses Zitat Donnes berühmter Meditation über „Nunc lento sonitu dicunt, morieris: Now, this bell tolling softly for another, saies to me, Thou must die“ (Nun, da diese Glocke sanft für einen anderen schlägt, sagt sie mir, auch Du wirst sterben).
Perchance he for whom this bell tolls, may be so ill, as that he knowes not it tolls for him; and perchance I may think myself so much better than I am, as that they who are about me, and see my state, may have caused it to toll for me, and I know not that. The church is Catholik, universal, so are all her actions; all that she does, belongs to all. When she baptizes a child, that action concernes me; for that child is thereby connected to that Head which is my Head too, and engraffed into that body, whereof I am a member. And when she buries a man, that action concernes me: all mankind is of one Author, and is one volume; when one man dies, one chapter is not torn out of the book, but translated into a better language; and every chapter must be so translated; God emploies several translators; some pieces are translated by age, some by sicknesse, some by war, some by justice; but God’s hand is in every translation; and his hand shall bind up all our scattered leaves again for that library where every book shall lie open to one another. As therefore the bell that rings to a sermon calls not upon the preacher only, but upon the congregation to come; so this bell calls us al'; but how much more me, who am brought so near the door by this sickness. There was a contention as far as a suit (in which both piety and dignity, religion and estimation, were mingled), which of the religious orders should ring to prayers first in the morning; and it was determined, that they should ring first that rose earliest. If we understand aright the dignity of this bell that tolls for our evening prayer, we would be glad to make it ours by rising early, in that application, that it might be ours, as well as his, whose indeed it is. The bell doth toll for him that thinks it doth; and though it intermit againe, yet from that minute, that that occasion wrought upon him, he is united to God. Who casts not up his eye to the sun when it rises? but who takes off his eye from a comet when that breakes out? Who bends not his ear to any bell, which upon any occasion rings? but who can remove it from that bell, which is passing a piece of himself out of this world? No man is an island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main. If a clod be washed away by the sea, Europe is the less, as well as if a promontory were, as well as if a manor of thy friend’s or of thine owne were: any man’s death diminishes me, because I am involved in mankind; and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee. Neither can we call this a begging of misery or a borrowing of misery, as though we were not miserable enough of ourselves, but must fetch in more from the next house, in taking upon us the misery of our neighbours. Truly it were an excusable covetousness if we did; for affliction is a treasure, and scarce any man hath enough of it. No man hath affliction enough that is not matured and ripened by it, and made fit for God by that affliction. If a man carry treasure in bullion, or in a wedge of gold, and have none coined into currant money, his treasure will not defray him as he travells. Tribulation is treasure in the nature of it, but it is not current money in the use of it, except we get nearer and nearer our home, heaven, by it. Another man may be sick too, and sick to death, and this affliction may lie in his bowels, as gold in a mine, and be of no use to him; but this bell, that tells me of his affliction, digs out and applies that gold to me: if by this consideration of another’s danger, I take mine own into contemplation, and so secure myself, by making my recourse to my God, who is our only securitie.
(XVII. Meditation. In Devotions Upon Emergent Occasions: Together with Death's Duel. The Echo Library 2008, S. 97 f.)

Dienstag, 20. September 2011

Carpe diem


Das bekannteste Zitat überhaupt ist wohl das „Carpe diem“ von Horaz aus dessen Ode an Leuconoe

Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi
Finem Dì dederint, Leuconoe, nec Babylonios
Tentaris numeros. Ut melius, quidquid erit, pati!
Seu plures hìemes, seu tribuet Iupiter ultimam,
Quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum; sapias, vina liques, et spatio breui
Spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
Aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.
(In Quintus Horatii Flacci Opera, 1829, S. 13)

Niemals forsche du nach — Frevel ja wär's — welches der Tage Ziel
Mir die Götter gesetzt, welches dir selbst, noch babylonische
Zahlenkünste versucht! Besser führwahr dulden wir jedes Loos!
Ob noch Winter hinfort Jupiter schenkt, ob es der letzte sei,
Der durch Felsenklipp jetzo die Wuth schwächet Wuth schwächt der tyrrhenischen
Meeresfluth. Zeige dich klug, läutere Wein, setze bei kurzen Frist
Langer Hoffnung ein Ziel. Neidisch entflieht, während wir sprechen, die
Jugend: hasche den Tag, wenig Vertrau’n schenke dem morgenden!
(In Quintus Horatius Flaccus Werke. Deutsch … von Dr. Wilhelm Binder. 5. Aufl. Krais und Hoffmann 1861, S. 12)

Seek not, Leuconoë — 'tis forbid to know —
On me, and you what end the gods bestow;
No more for Babylonian numbers care; But what the Fates decree with patience bear!
If Jove more winters grant, or now the last
Embroil the rocks and wafes with Tuscan blast.
Be wise: — rack off your wines, while yet you can,
Restraining hope to life’s contracted span.
Even now what speed the envious seasons borrow!
Seize on to-day; — nor trust the uncertain morrow.
(In The Odes of Horace, translated by John Scriven. Pickering 1843, S. 21)

Natürlich darf eine Parodie von Christian Morgenstern nicht fehlen …

Laß das Fragen doch sein! Sorg dich doch nicht über den Tag hinaus!
Martha! Geh nicht mehr hin, bitte, zu der dummen Zigeunerin!
Nimm dein Los, wie es fällt! Lieber Gott, ob dies Jahr das letzte ist,
das beisammen uns sieht, oder ob wir alt wie Methusalem
werden: sieh’s doch nur ein: das, lieber Schatz, steht nicht in unsrer Macht.
Amüsier dich, und laß Wein und Konfekt schmecken dir wie bisher!
Seufzen macht mich nervös. Nun aber Schluß! All das ist Zeitverlust!
Küssen Sie mich, mon amie! Heute ist heut! Après nous le déluge!
(In Christian Morgenstern: Horatius travestitus: ein Studentenscherz. Schuster & Loeffler 1897; zitiert nach http://12koerbe.de/pan/horaz.htm#I,11)

Eigentlich heißt Carpe diem „Pflücke den Tag“ (von lat. carpio = (dicht.) pflücken, dies = Tag) , aber naturgemäß gibt es auch andere Übersetzungen, und jeder Leser möge sich die heraussuchen, die ihm am besten gefällt:

Fröhlich pflücke das »Heut«, trau’ nicht auf das, was Dir ein »Morgen« bringt.
(Die Oden des Quintus Horatius Flaccus: Deutsch im Versmaße des Originals, 1866, S. 20)

Pflücke den Tag, auf den folgenden vertraue so wenig leichtgläubig wie möglich. (http://www.latein-lk.de/Texte/Horaz/ode_1_11.htm)

Pflücke dir den Tag, und glaube so wenig wie möglich an den nächsten! (http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/C)

Genieße den Augenblick und verlaß dich so wenig wie möglich auf den folgenden.
(http://members.aon.at/latein/Horaz1.htm)

Genieße den Tag, möglichst wenig leichtgläubig gegenüber dem folgenden! (http://de.wikipedia.org/wiki/Carpe_diem)

Schenk dem kommenden Tag nimmer Vertraun, koste den Augenblick! (http://gutenberg.spiegel.de/buch/5541/1)

Oder frei übersetzt in Friedrich von Schillers Macbeth:
Nicht in die ferne Zeit verliere dich! / Den Augenblick ergreife! Der ist dein.
(F. v. Schillers sämmtliche Werke, 1816, S. 239)
(Für alle, die es noch genauer wissen möchten: auf http://www.albertmartin.de/latein/forum/?view=6511 gibt es eine Diskussion über die korrekte Übersetzung des Zitats)

– Die Übersetzung „Nutze den Tag, koste den Augenblick“ ist allerdings doppeltgemoppelt. –

Und dann gibt es natürlich auch noch die Kurzformen: „Nutze den Tag“ und „Nutze die Zeit“.

Wie auch immer: Leider ist das Carpe diem inzwischen zu einer Phrase geworden, weil zu oft verwendet und gelesen.

(Siehe auch http://juttas-schreibblog.blogspot.de/2012/08/carpe-diem.html und zu Martin Opitz' Gedicht Carpe diem http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2011/09/uber-martin-opitz-gedicht-carpe-diem.html)

Samstag, 6. August 2011

Victor Hugo und der Feind, den man zu Grabe trägt

Ein Feind, den man zu Grabe trägt, ist nicht schwer", heißt es bei Hugo.

Oder besser:

"Ein Feind, den man zu Grabe trägt, wiegt nicht schwer."

Un ennemi qu'on porte en terre n'est pas lourd.

Der Vollständigkeit halber die Übersetzung von Friedrich Seybold:
Siehest du, wer einen Feind
Zu Grabe bringt, der trägt nicht schwer an ihm.
Victor Hugo

(Der König macht sich lustig (Le roi s'amuse). In Victos Hugo's ausgewählte Schriften, teutsch bearbeitet von Friedrich Seybold, Bd. 4. Rieger 1835, S. 169)

Freitag, 22. Juli 2011

Neues aus der Rubrik „Das haben sie so nicht gesagt“: Einstein, der liebe Gott und der Würfel

Eines der berühmtesten Zitate (und auch eines der kürzesten) lautet:

„Gott würfelt nicht“*

God does not play dice with the universe“ (auch „I cannot believe that god plays dice with the cosmos“; „I shall never believe that God plays dice with the universe“)

und stammt, so heißt es, von Albert Einstein.

Aber an diesen drei Wörtern stimmt manches nicht. Abgesehen davon dass Einstein sie so nicht gesagt hat, spricht er in der Originalversion nicht von Gott oder gar dem „lieben Gott“, auch wenn er gern diesen Terminus benutzte, sondern schlicht und ergreifend vom – „Alten“. Er stellt auch nicht fest, dass dieser würfelt, sondern er ist überzeugt davon. Und nur selten wird angemerkt, dass das Zitat die Kurzform eines anderen Zitats ist.

Denn das Originalzitat stammt aus einem Brief Einsteins an Max Born vom 4. 12. 1926:
Die Quantenmechanik ist sehr achtung-gebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der nicht würfelt.
(In Albert Einstein, Hedwig und Max Born; kommentiert von Max Born: Briefwechsel 1916–1955. Rowohlt 1972, S. 98
Quantum mechanics is very impressive. But an inner voice tells me that it is not yet the ‘true Jacob’. The theory says a lot, but does not bring us closer to the secret of the Old One. I am at all events convinced that He is not playing at dice.
(Zitiert nach Jagdish Mehra und Helmut Rechenberg: The Historical Development of Quantum Theory: The Completion of Extensions of Quantum Mechanics 1926–1941. Springer 2001, S. 54)
Die Version „… bringt sie uns doch nicht näher“, wie bei Wikipedia u. a. angegeben, ist also falsch, ebenso dass der Brief an Niels Bohr gerichtet war, wie Wikipedia ebenfalls vermutet. Allerdings kann man die Namen Bohr und Born leicht verwechseln …

Auch dass Niels Bohr, als er von Einsteins Aussage gehört hatte, gesagt haben soll – um nur drei Beispiele zu nennen, im Internet kursieren noch mehr Antworten – „Einstein, hör auf Gott zu sagen, was er mit seinen Würfeln machen soll", „Einstein, schreiben Sie Gott nicht vor, was er zu tun hat („Albert, stop telling God what He can do“ oder auch „Der wahre Gott lässt sich nicht sagen, was er tun soll“, ist nicht belegt. Belegt durch Werner Heisenberg ist jedoch eine andere Erwiderung Bohrs:
„Gott würfelt nicht“, das war ein Grundsatz, der für Einstein unerschütterlich feststand, an dem er nicht rütteln lassen wollte. Bohr konnte darauf nur antworten: „Aber es kann doch nicht unsere Aufgabe sein, Gott vorzuschreiben, wie Er die Welt regieren soll.
(In Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. Piper 1969, S. 115)
– Angeblich sollen findige Journalisten, die immer nach griffigen Formulierungen suchen, den Slogan erfunden haben, aber vielleicht war es ja Heisenberg, der ihn prägte. –

Belegt ist auch die Antwort Bohrs auf einen Brief Einsteins viele Jahre später, und zwar vom 4. 4. 1949, in dem dieser schreibt:
Jedenfalls ist dies eine der Gelegenheiten, die nicht von der bangen Frage abhängt, ob Gott wirklich würfelt und ob wir an einer der physikalischen Beschreibung zugänglichen Realität festhalten sollen oder nicht.
(In Niels Bohr: Collected Works: Foundations of Quantum Physics II (1933–1958), Bd. 7; hrsg. von Jørgen Kalckar. Elsevier 1996, S. 435f.)
Bohr schrieb am 11. 4. 1949 zurück:
Vielen Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Es war für uns alle eine grosse Freude, anlässlich Ihres Geburtstages unseren Gefühlen Ausdruck zu geben. Um in demselben scherzhaften Tone zu sprechen, kann ich nicht umhin, über die bangen Fragen zu sagen, dass es sich meines Erachtens nicht darum handelt, ob wir an einer der physikalischen Beschreibung zugänglichen Realität festhalten sollen, sondern darum, den von Ihnen gewiesenen Weg weiter zu verfolgen und die logischen Voraussetzungen für die Beschreibung der der Realitäten zu erkennen. In meiner frechen Weise möchte ich sogar sagen, daß niemand – und nicht einmal der liebe Gott selber – wissen kann, was ein Wort wie würfeln in diesem Zusammenhang heißen soll.
(ebenda, S. 435f.; englische Übersetzung siehe S. 281f.; Orginalschreiben Bohrs siehe http://www.psiquadrat.de/downloads/bohr49_to_einstein.pdf)
Stephen Hawking hat natürlich auch etwas zu Einsteins Würfel zu sagen:

„God not only plays dice but also sometimes throws them where they cannot be seen“ (auch „Not only does God play dice, He sometimes throws them where they cannot be seen“)

Gott würfelt nicht nur, er wirft die Würfel sogar manchmal so, daß man sie nicht sehen kann“ (zu gut Deutsch: „Gott würfelt nicht nur, er schummelt sogar“)

Korrekt hat er gesagt:
So Einstein was wrong when he said, „God does not play dice“. Consideration of black holes suggests, not only that God does play dice, but that He sometimes confuses us by throwing them where they can't be seen.
(In Stephen Hawking und Roger Penrose: The Nature of Space and Time. Princeton University Press 2000, S. 26; man beachte das hübsche Fotos dazu!)
So hat es den Anschein, als habe Einstein sich gleich doppelt geirrt, als er sagte: „Der liebe Gott würfelt nicht.“ Die Teilchenemission aus Schwarzen Löchern scheint den Schluß nahezulegen, daß Gott nicht nur manchmal würfelt, sondern die Würfel auch gelegentlich an einen Ort wirft, wo man sie nicht sehen kann.
(In Stephen Hawking: Einsteins Traum: Expeditionen an die Grenzen der Raumzeit. Rowohl 1993, S. 110; http://www.ebiblioteca.freei.me/download/astronomy/stephen_hawking_-_einsteins_traum.pdf)
Und an anderer Stelle:
… But all the evidence indicates that God is an inveterate gambler and that He throws the dice on every possible occasion.
(In Stephen Hawking: Black Holes and Baby Universes and Other Essays. Bantam Books 1994, S. 70)

Doch alles spricht dafür, daß Gott ein unverbesserlicher Spieler ist und bei jeder sich bietenden Gelegenheit würfelt. (Einsteins Traum, S. 64; http://www.ebiblioteca.freei.me/download/astronomy/stephen_hawking_-_einsteins_traum.pdf)
Einen Beleg für „Evidently, God not only plays dice but plays blind-folded, and, at times, throws them where you can’t see them“ habe ich nicht gefunden (für den genauen Quellennachweis wäre ich dankbar).

In diesen Zusammenhang passt auch, wie einer der Protagonisten in Friedrich Dürrenmatts Roman Justiz seine Billardleidenschaft erklärt:
„Einstein war der Meinung, Gott würfle nicht“, sagte er dann. „Er hat recht, Gott würfelt nicht. Er spielt Billard. Er gibt den ersten Stoss und die Welt setzt sich in Bewegung.“
(Zitiert nach Bernhard Auge: Friedrich Dürrenmatts Roman „Justiz“: Entstehungsgeschichte, Problemanalyse, Einordnung ins Gesamtwerk. LIT Verlag 2004 S. 176)**
Einstein hat seinen Grundsatz, dass Gott nicht würfelt, die Physik also keinen Zufall kennt, noch einmal aufgegriffen, und zwar in einem Brief an Cornelius Lanczos vom 21. 3. 1942:
… Sie sind der einzige mir bekannte Mensch, der dieselbe Einstellung zur Physik hat wie ich: Glaube an Erfassbarkeit der Realität durch logisch Einfaches und Einheitliches. … Es scheint hart, dem Herrgott in seine Karten zu gucken. Aber dass er würfelt und sich „telepathischer“ Mittel bedient (wie es ihm von der gegenwärtigen Quanten-Theorie zugemutet wird), kann ich keinen Augenblick glauben.

… (Y)ou are the only person known to me who holds the same orientation to physics a I: belief in the comprehensibility of reality through something logically simple and unified. … It appears difficult to peek into the cards of the Lord God. But that He rolls dice or makes use of "telepathic" means (as is imputed to Him by the present-day quantum theory) is something I cannot believe for one instant.
(Beide Zitate in Robert Davis: Cornelius Lanczos, Collected Published Papers With Commentaries. College of Physical and Mathematical Sciences, North Carolina State University, 1998, S. 19;  weitere Quellen siehe J. David Brown et al. (Hrsg.): Proceedings of the Cornelius Lanczos International Centenary Conference, 1994, S. xliii, Fußnote 40)
Aber vielleicht gehen Einsteins berühmte Worte auch auf ein Zitat Henri Poincarés aus dem Jahr 1914 zurück:
Jede Erscheinung, und sei sie noch so unbedeutend, hat ihre Ursachen, und ein unendlich umfassender Geist, der über die Gesetze der Natur unendlich genau unterrichtet ist, hätte sie seit Anfang der Welt voraussehen können. Wenn ein solcher Geist existierte, könnte man sich mit ihm nicht auf ein Glücksspiel einlassen."
(In Henri Poincaré: Wissenschaft und Methode. Teubner 1914, S. 53)
*Das Problem bei dem Zitat ist, dass Einsteins Aussage zu vereinfacht wiedergegeben wurde und dadurch missbraucht werden kann. So gilt es für Kreatonisten und Anhängern des „Intelligent Design“ als Beweis für ihre Hypothesen.
 **Dass dieses Zitat von einem Studenten namens Mathias Stahnke stammt, ist natürlich auch nur ein Gerücht.

Dienstag, 5. Juli 2011

Denk nicht so oft an das, was dir fehlt, wie an das, was du hast.

"Denk nicht so oft an das, was dir fehlt, wie an das, was du hast. Unter dem aber, was du hast, suche das beste aus, und stelle dir den Eifer vor, den du anwenden würdest, es zu erlangen, wenn du es noch nicht hättest. Doch hüte dich zugleich, daß du, durch dieses Wohlgefallen daran, dich nicht gewöhnest, es zu sehr zu schätzen; indem alsdenn  der etwauige Verlust desselben dich beunruhigen würde."

Marc Aurel (VII, 27)

Bitte hier weiterlesen: http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2011/07/zitat-des-tages_05.html

Montag, 27. Juni 2011

Über ein Zitat Victor Hugos, das ein Eigenleben bekommt hat


Es gibt es Zitate, die bekommen ein Eigenleben. Sie sind offenbar so eindrucksvoll, dass Wörter beim Weitergeben umgestellt, geändert, gestrichen oder zugefügt werden, bis niemand mehr weiß, welches das Originalzitat ist.

Genau das ist mit einem Zitat von Victor Hugo geschehen, dem Zitat

„On peut résister à l’invasion d'une armée mais pas à celle d’une idée dont le temps est venu.“ (Man kann der Invasion eine Armee widerstehen, doch nicht einer Idee, deren Zeit gekommen ist)

Nur: Hugo hat gar nicht „dont le temps est venu“ („deren Zeit gekommen ist“ – „whose time has come“) gesagt. Dieser Zusatz – den ich, wie ich zugeben muss, besser finde als das Originalzitat; Monsieur Hugo möge mir verzeihen – hat das Suchen nach dem Originalzitat zu einer Sisyphus-Arbeit gemacht, zumal Wikisource verlautet, dass es ihm fälschlich zugeschrieben wird. Aber ich habe es dann doch noch gefunden. Tatsächlich lautet es:

„On résiste à l'invasion des armées; on ne résiste pas à l'invasion des idées.“ (Man kann der Invasion von Armeen Widerstand leisten, aber keiner Invasion von Ideen)

und ist aus Histoire d'un crime – Déposition d'un Témoin, S. 600.*

Weitere französische Versionen, die ich gefunden habe (wahrscheinlich existieren noch viel mehr), sind:
Il y a une chose plus forte que toutes les armées du monde, c’est une idée dont le temps est venu.
Même une armée ne peut rien contre une idée dont le temps est venu.
On peut arrêter une armée enim marche mais on n'arrête pas une idée dont l’heure est venue.
On peut résister à l’invasion d'une armée mais pas à celle d’une idée dont le temps est venu.
On peut résister a une armee mais jamais a une idee dont le temps est venu.
Quoi de plus fantastique qu'une idée dont le temps est venu.
Rien n’arrête une idée dont le temps est venu.
Rien n’est plus fort qu'une idée dont le temps est venu.
Rien n’est plus puissant dans le monde qu'une idée dont le temps est venu.
Une idée dont l’heure est venue est plus.
Im Deutschen gibt es unter anderem diese Versionen:
Der Invasion von Armeen kann Widerstand geleistet werden, nicht aber einer Idee, deren Zeit gekommen ist.
Doch nichts wirkt so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Einer Invasion von Armeen kann man Widerstand leisten, aber keiner Idee, deren Zeit gekommen ist.
Es gibt etwas, das stärker ist als alle Armeen der Welt, und das ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Es gibt nichts Mächtigeres auf der Welt als eine Idee deren Zeit gekommen ist.
Etwas ist stärker als alle Armeen der Welt: eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Gegen die Invasion einer Armee kann man sich verteidigen, gegen die Invasion einer Idee gibt es keine Verteidigung.
Keine Armee der Welt kann sich der Macht einer Idee widersetzen, deren Zeit gekommen ist.

Man kann einer eindringenden Armee Widerstand leisten; doch man kann nicht einer Idee widerstehen, deren Zeit gekommen ist.
Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Nichts ist mächtiger als eine Idee zur richtigen Zeit.
Stärker als die Macht aller Armeen auf der Erde ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Und nichts ist weniger aufzuhalten, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Was gibt es Schöneres, als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Eine allgemeingültige deutsche Übersetzung habe ich nicht gefunden.

Im Englischen ist das Zitat in einer Übersetzung der Schrift von T. H. Joyce & A. Locker belegt:

„An invasion of armies can be resisted; an invasion of ideas cannot be resisted.“ (S. 683)

Weitere Versionen lauten:
An invasion of armies can be resisted; an invasion of ideas cannot be resisted.
Armies cannot stop an idea whose time has come.
More powerful than the might of all the armies on Earth is an idea whose time has come.
No army can stop an idea whose time has come.
No one can resist an idea whose time has come.
Nothing is as powerful as an idea whose time has come.
Nothing is stronger than an idea whose time has come.
One can resist an army, but never an idea whose time has come
One cannot resist an idea whose time has come.
One resists the invasion of armies; one does not resist the invasion of ideas.
One withstands the invasion of armies; one does not withstand the invasion of ideas).
There is one thing stronger than all the armies in the world, and that is an idea whose time has come.
We resist the invasion of armies, but we do not resist the invasion of ideas.
*Die Geschichte eines Verbrechens; The History of a Crime; angeblich auch(?) aus L'homme qui rit (Der lachende Mann); einen Beleg dafür habe ich nicht gefunden.

Montag, 20. Juni 2011

Über Kunst und Können, Wollen und Wulst


So manches Zitat gibt es mit unterschiedlichen Urheberangaben und in noch mehr unterschiedlichen Versionen. Aber eines schießt wohl den Vogel ab: die Persiflage auf Johann Gottfried von Herders „Kunst kommt von Können oder von Kennen her“. Hier eine kleine Auswahl der Zitate:

Kunst kommt von Können, käme es von Wollen, hieße es Wulst! (auch „Kunst kommt vom Können, nicht vom Wollen …“; auch Wullst und Wunst)*

Kunst kommt von Können. Käme sie von Wollen, müßte sie Wulst heißen.
Kunst kommt vom Können, nicht vom Wollen, sonst hieße es Wulst.
Kunst kommt von Können, sonst bleibt es beim Wollen und ist Wulst.
Kunst kommt von Können und nicht von Wollen. Denn käme Kunst von Wollen, dann hieße es Wulst!
Kunst kommt von Können und nicht von Wollen. Sonst hieße sie Wulst und nicht Kunst.
Kunst komm von Können und nicht von Wollen, sonst würde es Wullst heißen.
Kunst kommt von „Können"; wenn’s von „Wollen“ käm, würd’s ja Wunst heißen!
Kunst kommt von Können, würde es von Wollen kommen, täte es Wullst heißen.
Kunst muss von „Können“ abgeleitet sein, denn wenn es nur vom Wollen käme, dann müsste es „Wunst" oder „Wullst“ heißen!

*Die Version mit Wullst ergibt übrigens 34 Treffer, Wulst 32.900 und Wunst 237.000

Als Urheber werden unter anderem genannt: Gottfried Benn, Joseph Beuys, Arnold Böcklin, Bert Brecht, Bonmot, Hans von Bülow, Busenkumpel, Siegfried Engelmann, Ludwig Fulda, Robert Gernhardt, Joseph Goebbels, Hermann Groeber, ein Großvater, Heino, Wolfgang Hildesheimer, Clemens Holzmeister, Siegfried Jacobsohn, Kalauer, div. Kunstlehrer, Max Liebermann, Paul Meyerheim, ein Orgellehrer, Redensart, Hannes Reinartz, Musikwissenschaftler Dr. Schenk, Wilfried Schmickler, Julius Schniewind, Hans Thoma, Ludwig Thoma, Kurt Tucholsky, Karl Valentin, ein Vater, Volksmund, Volksweisheit, Horst Wessel, Oswald Wiener und hurra, ich habe auch Heinz Ehrhardt und Karl Kraus als Urheber gefunden, die ja gern für alles verantwortlich gemacht werden, wenn man den Urheber nicht kennt.

Das Zitat gilt als belastet, als „böser Spruch“, weil er auf Joseph Goebbels zurückgehen soll, der damit die moderne abstrakte Kunst diffamieren, sie als „entartete Kunst“, als eine Kunst ohne Können im Gegensatz zur „völkischen Kunst“ hinstellen wollte. Belegt ist das nicht. Aber das Zitat wurde während der Nazizeit offensichtlich gern benutzt, wie der Bericht der Berliner Morgenpost vom 25. 2. 1938 anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Entartete Kunst“ zeigt:
„Kunst kommt von Können; wenn sie von Wollen käme, müsste sie Wunst heißen.“ Wie eine Illustrierung zu diesem Wortwitz wirken die ersten Bilder, mit denen sich jetzt in Berlin die Ausstellung „Entartete Kunst“ am Königsplatz 5 den Besuchern präsentiert. Es ist wirklich Wunst, was sich uns hier entgegenwölbt. Und so sinnlos dieses Wort klingt, genau so sinnlos glotzen uns die Kleckerein an, die mit Malerei nur dem Material nach etwas zu tun haben.
(siehe Uwe Fleckner (Hrsg.): Angriff auf die Avantgarde: Kunst und Kunstpolitik im Nationalsozialismus. Akademieverlag 2007, S. 104)
Der Spruch wurde jedoch schon vorher missbraucht. Bereits 1915 schrieb der Maler Paul Meyerheim über seinen Malerkollegen Anton von Werner in Velhagen & Klasings Monatsheften:
Aber bei seiner Kenntnis der Natur und Wirklichkeit konnte er unmöglich alle jene tollen Auswüchse gutheißen, welche heute unter verschiednen Fahnen und merkwürdigen Titeln die moderne Jugend hinreißen und vernünftig scheinende Menschen zum Blödsinn betören. Bei einer hoffentlich bald aufkeimenden Wiedergeburt der deutschen Kunst werden dann jene Männer wieder zur Geltung kommen, welche wirklich etwas konnten und können, denn Kunst kommt von Können, und unreifes Wollen gibt nur Wulst. (S. 409)
Und 1922 findet sich unter dem Eintrag Erich Heckel im Allgemeinen Künstlerlexicon: Leben und Werke der berühmtesten bildenden Künstler:
… Dann war er Mitbegründer der „Brücke“, die erste jener deutschen Künstler Vereinigungen, die „die Kunst des Könnens mit dem Wulst des Wollens" vertauschten.
Josef Beuys war ein spätes Opfer dieses Zitats. Denn anlässlich der Verleihung des Lichwark-Preises 1976 schrieb Heinz Spielmann, der damalige Hauptkustos am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, im Lokalteil der Welt:
Beuys hat sicher eine Zeitlang die Funktion des quasi-religiösen Sektierers erfüllt, diese Funktion ist jedoch im Hinblick auf den Lichtwark-Preis nicht gefragt. Gefragt ist Kunst, nicht die Absicht, das Wollen (wäre, nach einem Wort von Lichtwarks Freund Max Liebermann, das Wollen gefragt, müßten wir von Wulst statt von Kunst sprechen. Beuys erzeugt Wulst). 
(In Das Kunstwerk 1977, Bd. 30, S. 35;  siehe auch http://www.zeit.de/1977/06/zeitmosaik)
Max Liebermann (1847–1935) wird gern als Urheber des Zitats genannt. Tatsächlich findet sich in seinem Brief an den Kunsthistoriker Max Lehrs vom 21. 7. 1921 der Satz:
Ich bin immer noch der Meinung, daß Kunst von Können herkömmt: Käme sie von Wollen, so hieße sie Wulst.
Weiter schreibt er:
Doch darin würden mir auch die Jüngsten beistimmen, nur verstehen sie unter Können etwas anderes als ich, der ich überzeugt bin, daß das Können eine Phantasietätigkeit ist, wobei die Technik die Handlangerin ist: Sie projiziert die Phantasie auf die Fläche (wobei es ganz gleichgültig, in welchem Material). Darin besteht eben das Talent, daß der Gedanke in der Ausführung beruht und – die Ausführung im Gedanken, nicht, wie Idioten glauben, in der manuellen Geschicklichkeit (die bei jedem Künstler die conditio sine qua non ist).
(In Diether Schmidt: Schriften deutscher Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts, Bde 1–2. Verlag der Kunst 1965, S. 271)
Doch bereits 1908 schrieb der Maler Hans Thoma (1839–1924) im Herbste des Lebens: gesammelte Erinnerungsblätter: „Bei uns nämlich muß der Künstler irgendwo hinaus wollen, immer etwas wollen, daher der viele Wulst in der Kunst. Er muß Zweck und Absicht bekennen und aussprechen können.“

Der eigentliche Urheber ist jedoch Ludwig Fulda (1862–1939) mit einem seiner Sinngedichte:
Weiß nicht, was echte Künstler sollen
Mit eurem theoretischen Schwulst;
Kunst kommt von Können, nicht von Wollen:
Sonst hieß es: „Wulst“.
(In Heft 15 des Magazins für Litteratur vom 14. April 1894; siehe Faksimile bei wikipedia)
Vielleicht hat Karl Valentin (1882–1948) mit seinem Ausspruch
Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen 
auf dieses Sinngedicht zurückgegriffen. (Quelle: karl-valentin.de; siehe auch die hübsche Postkarte)

– Die Rezensentin einer Kunstausstellung, die den Referenten, der bei einem Vortrag im Rahmenprogramm der Ausstellung diese Worte aufgegriffen hatte, kritisierte mit: „Nein, Herr Wessel, vermutlich hieße sie dann ‘Wünst’. Denn wenn aus einem ‘ö’ ein ‘u’ wird, würde aus einem ‘o' ein ‘ü’“, hätte sich allerdings schlau machen sollen, bevor sie die Rezension schrieb. –

Auch der Duden 11: Redewendungen: Wörterbuch der deutschen Idiomatik von 2002 kennt das Zitat, schreibt es aber Robert Gernhardt zu: Als Quelle nennt er eine Sendung auf swr-online.de. Tatsächlich schreibt Gernhardt in seinem Pamphlet gegen den ewigen Dilettantismus:
„Antonio, höre mir gut zu. Habe ich dir jemals gesagt, Kunst kommt von Können, käme sie von Wollen, hieße sie Wulst? Vergiss es! Die Wulst hat gesiegt, die Kunst ist am Ende; zusammen mit dem Jahrtausend, das einige ihrer glorreichsten Siege sah, räumt sie geschlagen das Feld dem, der sie seit Anbeginn gewünscht und verwünscht, verteufelt und vergöttert hat: dem ewigen Dilettanten.“
(In Der letzte Zeichner: Aufsätze zu Kunst und Karikatur. Haffmans 1999, S. 9)
– Schade, ich würde mir wünschen, der Duden hätte genauer recherchiert. –

Bert Brecht wiederum schrieb:
Das Zeittheater beruht mehr auf dem Wollen, und daher müßte man für diese Kunst, die nicht dem Können, sondern dem Wollen entspringt, sinngemäß (wie ein schlagfertiger Kopf bemerkt hat) Wulst sagen. An diesem Wulst ist unsere Bühne zugrunde gegangen. Je unreifer ein Stück war, desto bereitwilliger wurde es dem Publikum vorgesetzt.
(In Richard Elsner (Hrsg.), Das Deutsche Drama in Geschichte und Gegenwart, Bd 4. Heyer 1932, S. 13)
Arnold Böcklin soll laut Schweizer Rundschau 1918, S. 224, gesagt haben: „Kunst kommt von Können, wenn es von Wollen käme, so hieß es Wulst“, und Hans von Bülow (1830–1894): „Kunst kommt vom Können, nicht vom Wollen, sonst hieße sie Wunst“ (zitiert nach OHLSDORF – Zeitschrift für Trauerkultur, 88 (2005)

Friedrich Gundolf (1880–1931) wiederum wird der Satz zugesprochen:
Kunst kommt von Können, aber immer ist Kunst „Sein“, nur Kunst kommt von Können, käme es vom Wollen, so hieße es „Wullst“, – und käme es vom Sein, – so hieße es „Sunst“! Kunst aber kommt vom Urbeginn her, vom Können, aber immer ist Kunst „Sein“, nur – „Sein“ ist noch lange keine Kunst.
(Zitiert nach W. Wagner & G. Weismantel: Aber die Schleichenden, die mag Gott nicht: Der Dichter und Volkserzieher Leo Weismantel: Festschrift zum 100. Geburtstag. P. Lang 1988, S. 193)
Der Maler Hermann Groeber (1865–1935) wird sogar in der Wikipedia als Urheber genannt. Eine Quelle gibt es jedoch nicht.

In einer Ausgabe des Aufbaus aus dem Jahr 1946 heißt es:
„Kunst kommt von Können“, pflegte Siegfried Jacobsohn zu sagen. „Käme sie von Wollen, sie hieße nämlich – Wulst …“ Und der pflegt an den einzigen Ort  „gefördert“ zu werden, der dafür in Frage kommt: – der Papierkorb“.
Hannes Reinartz schließlich wird mit den Worten zitiert
Kunst kommt nicht nur von Können – was unbestreitbar ist, denn käme es von Wollen, so hieße sie Wulst! – sondern darüber hinaus von Künden.
(Zitiert nach Ludwig Hoelscher zum 75. Geburtstag. Schneider 1982, S. 52)
Und nein von Heinz Erhardt, Karl Kraus und Kurt Tucholsky (und all den anderen oben genannten Urhebern, die hier nicht aufgeführt sind) stammen diese Worte sicher nicht.

Mittwoch, 15. Juni 2011

Das kleinste Haar wirft seinen Schatten …


(auch „Auch ein Haar hat seinen Schatten“)

Etiam capillus unus habet umbram suam.*
Até mesmo um único cabelo tem sua sombra
Cada cabello hace su sombra.
Cada pelo hace su sombra en el suelo.
Cada sua sombra na terra.
Hasta el pelo mas delgado hace su sombra en el suelo.
Hasta un pelo hace su sombra en el suelo.
II n'ya si petit buisson qui n'ait son ombre.
Ogni pelo ha la sua ombra.
The smallest hair casts a shadow (auch Even one hair has a shadow) in der Übersetzung von Francis Bacon (1561–1626) (In The Works of Francis Bacon. Pickering 1834, S. 213

… las ich bei Johann Wolfgang von Goethe, fand auch schnell die Quelle und freute mich: Das Zitat kann ich unbedenklich in meinen Schreibblog aufnehmen. Das tat ich auch.

Nur hatte ich übersehen, dass das Zitat dort unter der Überschrift „Eigenes und Angeeignetes in Sprüchen“  aufgeführt wurde und in späteren Ausgaben fälschlicherweise unter Maximen und Reflexionen, den Sprüchen in Prosa, erscheint. (Zu Goethes Sprüchen und Goethes Vorliebe für Sprichwörter siehe die lesenswerten Ausführungen in Goethes Gedichte, kommentiert von Erich Trunz, Beck 2007, auf S. 683). Denn zufälligerweise entdeckte ich in der Ausgabe von Goethes Sprüche in Prosa des Verlags Freies Geistesleben aus dem Jahr 1967 auf S. 139 die Fußnote:
Dieser Spruch stammt aus den Sprichwörtern des Erasmus: „Etiam capillus unus habet umbram suam“
(= Auch ein einzig Härchen hat seinen Schatten)*
*(Auch Et pilo sua umbra; Etiam capillus habet umbram suam; Etiam capillus suam facit umbram; Vel capillus habet umbram suam; Vel capillus unus habet umbram suam, was daran liegen mag, dass spätere Herausgeber der Sentenzen sich nicht immer an das Original gehalten haben.)

Tatsächlich besaß Goethe, der Sprichwortsammlungen liebte, auch das Werk Adagia von Desiderius Erasmus Roterodamus, Basel 1520.

Achherje, seufzte ich: Ist nichts mit gemütlich in der Sonne liegen und schauen, ob meine Haare Schatten werfen.

Aber das mit dem Sprichwörtern des Erasmus ist so auch nicht richtig. Ich habe das Sprichwort zwar in Epitome Adagiorum ex Novissima D. Erasmi Rot. Recognitione aus dem Jahr 1549 auf S. 49 gefunden, tatsächlich ist es jedoch aus den Sententiae  (Sentenzen) des aus Antiocha in Syrien stammenden Mimendichters Publilius (auch Publius) Syrus (bei Plinius mit dem Beinamen Lochius), der unter Cäsar und Kaiser Augustus lebte (vermutlich 46 v. Chr. – 43 n. Chr.), die Erasmus von Rotterdam in einer kritischen Ausgabe herausgegeben hat (Publilius Syrus: Publii Syri Mimi, similesque sententiae selectae e Poetis antiquis … Quas olim D. Erasmus Roterodamus delegerat et commentario explanaverat, ... atque versibus Germanicis red. a. J. F. Kremsier. Sommer 1818, S. 23).

Die Sententiae  des Sklaven und später Freigelassenen Publilius Syrus wurden aus dessen Mimen (von lat. mimus = Posse, dramatische Darstellung komischer Szenen aus dem gemeinen Volksleben) im ersten oder Anfang des zweiten Jahrhundert nach Chr. als eine Art Handbuch der Moral (deshalb auch der englische Titel der Sammlung Moral Sayings of Publius Syrus)  zusammengestellt, damit die Schüler in den Schulen die Sprüche lesen und auswendig lernen. Sie sind in verschiedenen handschriftlichen Manuskripten erhalten geblieben, so in der Collectio Senecae (Sammlung des Seneca) und der Collectio Veronensis (Veronenser Sammlung). Schon der Hl. Hieronymus (347–420) rühmte Syrus und zitierte in seinen Episteln einen in der Schule gehörten Vers mit der Bemerkung: „Legi quondam in scholis puer“ (Einst las ich als Knabe in der Schule): „Aegre reprehendas, quod finis confuescere“ (Was zur Gewohnheit wurde, lässt sich schwer tadeln) (In Publii Syri Et Aliorum Veterum Sententiae, S. 96).

Die Sammlungen wurden unter anderem im Mittelalter um Aussprüche anderer Dichter erweitert, sie wurden gekürzt, umgeschrieben und verändert. Die oben angegebene Ausgabe heißt deshalb auch Publii Syri Et Aliorum Veterum Sententiae (= Publii Syri et al. Sentenzen der Alten), so dass die wenigsten Sprüche tatsächlich von Syrus sind. (Welche es sind, finden Sie hier.)  Da die Sentenz Etiam capillus unus habet umbram suam dort nicht aufgeführt ist, ist anzunehmen, dass sie nicht von Publilius Syrus stammt.

Die Urheberangaben Johann Wolfgang von Goethe oder Publilius Syrus beziehungsweise Publius Syrus sind also leider falsch und damit auch die Angabe von Goethe als Urheber in meinem Blog. Zu empfehlen ist die Angabe nach Goethe bzw. Syrus.

Mehr zu Syrus und den Sentenzen siehe hier und hier.

Leider war die Sonne inzwischen verschwunden. Aber zumindest hatte ich eine Menge über Mimen und einen Freigelassenen namens Publilius Syrus gelernt. Und das ist ja auch nicht schlecht, nicht wahr? Und alles wegen einer kleinen Fußnote, die ich zufällig in einer Ausgabe von Goethes Sprüche in Prosa aus dem Jahr 1967 entdeckte.

Nachtrag: Ach, hätte ich doch weitergeforscht. Dann hätte ich auch Goethes Spruch in Sprichwörtliches gelesen, der sicher nicht nur dafür galt:
Diese Worte sind nicht alle in Sachsen
Noch auf meinem eignen Mist gewachsen;
Doch, was für Samen die Fremde bringt,
Erzog ich im Lande gut gedüngt.
(In Goethes Werke: Vollständige Ausgabe letzter Hand, Bd. 2. Cotta’sche Buchhandlung 1827,  S. 253)

Dienstag, 14. Juni 2011

Mark Twain zur Erschaffung des Menschen

„Enttäuscht vom Affen, schuf Gott den Menschen. Danach verzichtete er auf weitere Experimente.“
(auch „Gott erschuf den Menschen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach verzichtete er auf weitere Experimente.“)

„Dio creò l' uomo perché la scimmia l' aveva deluso. Dopo però rinunciò ad altri sperimenti.“

I believe that our Heavenly Father invented man because he was disappointed in the monkey. I believe that whenever a human being, of even the highest intelligence and culture, delivers, an opinion upon a matter apart from his particular and especial line of interest, training and experience, it will always be an opinion so foolish and so valueless a sort that it can be depended upon to suggest to our Heavenly Father that the human being is another disappointment and that he is no considerable improvement upon the monkey.

Mark Twain

(In Mark Twain in Eruption: Hitherto Unpublished Pages about Men and Events. Harper & Brothers 1940, S. 372

Sonntag, 12. Juni 2011

Man entdeckt keine neuen Weltteile, ohne den Mut zu haben, alle Küsten aus den Augen zu verlieren


– Auch: „Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.“
On ne découvre pas de nouveaux continents sans avoir le courage de perdre de vue les côtes familières.“
Man cannot discover new oceans unless he has the courage to lose sight of the shore.“* –

heißt ein bekanntes Zitat von Andrè Gide aus seinem Werk Die Falschmünzer (Les faux-monnayeurs; The Counterfeiters). Nur – so hat er es nicht gesagt. Richtig heißt es:

„Ich habe oft bedacht“, unterbrach Edouard den Sprechenden, „daß in der Kunst, besonders in der Literatur, nur der in Betracht kommt, der Unbekanntes sucht. Man entdeckt keine neuen Weltteile, ohne den Mut zu haben, alle Küsten aus den Augen zu verlieren. Doch unsere behutsamen Literaten fürchten sich vor dem hohen Meer: das Geschäft, das sie betreiben, ist nur Küstenschiffahrt.“ (S. 449)

J'ai souvent pensé, interrompit Édouard, qu'en art, et en littérature en particulier, ceux-là seuls comptent qui se lancent vers l'inconnu. On ne découvre pas de terre nouvelle sans consentir à perdre de vue, d'abord et longtemps, tout rivage. Mais nos écrivains craignent le large; ce ne sont que des côtoyeurs. (S. 52)

“I have often thought,“ interrupted Edouard,  that in art, and particularly in literature, the only people who count are those who launch out on to unknown seas. out on to unknown seas. One doesn't discover new lands without consenting to lose sight of the shore for a very long time. But our writers are afraid of the open; they are mere coasters. (S. 309)

Ernst Bloch hat Gides Zitat in seinem Werk Das Materialismusproblem: Seine Geschichte und Substanz aufgegriffen (ob er irgendwo die Quelle genannt hat, ist unbekannt).
Alles muß derart mit neuem Zug begonnen werden können, man entdeckt keine neuen Weltteile, wenn man nicht den Mut hat, die bekannten Küsten aus dem Auge zu verlieren. Aber alles Lebendige aus den alten Küsten fährt ebenso im Prozeß des Neuen, gar Eigentlichen mit, wonach eben nichts weniger jakobinisch, nichts überlegter konservativ ist als konkrete Revolution. (S. 417)
 *Rückübersetzungen aus dem Deutschen

Freitag, 3. Juni 2011

William Faulkner über das Schreiben des ersten Satzes

„Schreiben Sie den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt den zweiten lesen will. Das ist eine gute Regel."

(Auch Schreib den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt auch den zweiten lesen will; Man schreibe den ersten Satz so, daß der Leser unbedingt auch den zweiten Satz lesen will)

You have got to write the first sentence of a story so that whoever reads it will want to read the second one. That is a good rule.

William Faulkner

(In Joseph Blotner (Hrsg.): Selected Letters of William Faulkner. Vintage Books 1978, S. 327)

Die Version

"Schreib den ersten Satz so, daß der Leser unbedingt auch den zweiten Satz lesen will. Und dann immer so weiter"

klingt zwar besser, ist aber leider falsch.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel …


Men do not stumble over mountains, but over mole hills* –

sagt Konfuzius (551–479 v. Chr.). Oder sind diese weisen Worte aus dem Hinduismus, eine chinesische Weisheit, Mutterns Worte oder gar von Samuel Butler? Oder ist eine dieser Versionen richtig, die man so im Internet findet?

Der Mensch stolpert nicht über Berge, sondern über einen Ameisenhaufen.
Der Mensch stolpert über den Ameisenhaufen und nicht übers Gebirge.
Menschen stolpern über Steine, nicht über Berge.
Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über kleine Steine.
Könige stolpern über Kieselsteine – sie scheitern nicht an Bergen.
Könige stolpern über Kieselsteine – nicht über Berge.

Belegt ist dieses Zitat von Lü Bu Wie (um 300–235 v. Chr.):
Das kam daher, daß kleine Dinge nicht wichtig genommen werden. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er nicht über einen Berg stolpert, wohl aber über einen Ameisenhügel.
(In Lü Bu Wie: Frühling und Herbst des Lü Bu We. S. E. Diederichs 1928,  S. 446).
Von einem weiteren ähnlichen Zitat ist nur der Urheber – Han Fe Dse (auch Han Fei Tzu) (280–233 v. Chr.) – bekannt. Die Quelle habe ich nicht gefunden. Allerdings soll es aus einem verloren gegangen Text stammen, da es so in keinem der frühen historischen oder bibliogaphischen Abhandlungen genannt wird. Es wird deshalb empfohlen, es als „Ausspruch eines früheren Weisen“ zu zitieren (siehe Liu An, King of Huain et al.:  The Huainanzi: A Guide to the Theory and Practice of Government in Early Han China. Columbia University Press 2010, S. 721):
Der Mensch stolpert nicht über Berge, sondern über  einen Ameisenhaufen.
People often trip on ant-hills, but no one stumbles over a mountain.
L'uomo non inciampa contro le montagne, ma piuttosto contro un formicaio.
Zu der Version, dass Riesen nicht über Berge stürzen, sondern über Maulwurfshügel stolpern, wie ein altes russisches Sprichwort heißen soll, habe ich nichts gefunden.

 „Projekte stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel“ ist sozusagen geklaut –  von wem eigentlich, wenn es eh nicht von Konfuzius ist –, aber schön sind die Antworten von Maxi Wander „Jeder muß über seine eigenen Steine stolpern, das ist ja das Verrückte“ in Guten Morgen, du Schöne: Frauen in der DDR, Protokolle (Luchterhand 1979, S. 112) und Heinrich Laube „Über Berge mag er stolpern können, aber es ist ein Jammer, daß er über jeden Maulwurfshaufen fällt“ in Das junge Europa; zeno.org.

*„Men do not stumble over mountains, but over molehills” wird auch Samuel Butler zugeschrieben mit der Quellenangabe „Hudibras Part I, Canto III, Line 878“. Das kann aber nicht stimmen. Denn Line 877/878
lautet: "I am not now in fortune's power: He that is down can fall no lower". Auch in Part II und III gibt es dieses Zitat nicht.

Weitere englische Versionen des Zitats lauten:

People do not stumble over a mountain, they stumble over a molehill.
Whatever mole-hill he stumbles upon, he makes a mountain of it.
Nobody stumbles against a mountain, but everybody trips over an ant-hill.
No one stumbles over a mountain, but people do trip over anthills.

Das Zitat „Though not stumbling over a mountain, we stumble over an anthill“ soll wiederum auf dem japanischen Sprichwort „Yama ni tsumazukazu shite ari-zuka ni tsumazuku“ beruhen (Quelle siehe hier).

Vielleicht war all diesen als Urheber Genannten das Zitat von Konfuzius bekannt und sie haben es nur übernommen. Konfuzius als Urheber anzugeben, ist zumindest problematisch.

Sonntag, 8. Mai 2011

Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck


oder auch

„Keine zweite Chance für den ersten Eindruck.“

Wie wahr. Aber wer prägte eigentlich diesen überaus beliebten Slogan (immerhin über 450.000 Treffer)?

Sicher ist zumindest, dass das Zitat in der Form aus dem Englischen kommt. Denn die Worte

„You never get a second chance to make a first impression“*

stehen auf der Gedenktafel am Will Rogers Memorial Center. Aber ist der US-amerikanische Komiker Will Rogers (1879–1935) wirklich der Urheber?

Zugeschrieben wird das Zitat nämlich auch Oscar Wilde, Mark Twain und dem evangelischen Pastor Charles Swindoll, wobei Wilde, Mark Twain und so mancher anderer Aphoristiker im Zweifelsfall gern als Urheber genannt werden … Es ist aber auch ein Werbeslogan für „Head & Shoulders“ aus den 1980er Jahren. (Eine interessante Diskussion darüber habe ich hier gefunden.) Netty Neuthal und Franz von Seboca, die manchmal als Urheber der deutschen Version genannt werden, sind das jedenfalls nicht.

Tatsächlich soll das Zitat auf Arthur Schopenhauer (1788–1860) zurückgehen, der in einem seiner Essays schreibt:
An odor affects us only when we first come in contact with it, and the first glass of wine is the one which gives us its true taste: in the same way, it is only at the first encounter that a face makes its full impression upon us. (Quelle: http://tinyurl.com/6djk3hc)
Aber auch Samuel Johnson (1709–1784) wird als Urheber genannt:
Few have strength of reason to overrule the perceptions of sense, and yet fewer have curiosity or benevolence to struggle long against the first impression: he who therefore fails to please in his salutation and address is at once rejected, and never obtains an opportunity of showing his latest excellences or essential qualities. (Quelle: http://tinyurl.com/5wr2flk
Es ist durchaus vorstellbar das Schopenhauer Johnsons Worte kannte und sie umgeschrieben hat. So etwas soll nicht nur bei Schopenhauer öfter vorgekommen sein.

Auf einer Zitateseite wurde die deutsche Version „Es gibt keine Zweite Chance für den ersten Eindruck“ aus urheberrechtlichen Gründen entfernt, weil als Autor wohl „Werbeslogan für Head & Shoulders“ angegeben worden war. Es kann also sein, dass das Zitat zumindest in Deutschland geschützt ist und nur im engen Rahmen des Urheberrechts verwendet werden darf.

*Für das englische Zitat gibt es auch diverse Versionen wie zum Beispiel „We don't get a second chance to make a first impression“.

Sonntag, 1. Mai 2011

Die Geschichte vom Axtdieb


Die Geschichte vom Axtdieb

„Einst hatte jemand eine Axt verloren. Er hatte seines Nachbars Sohn in Verdacht. Er beobachtete die Art, wie er ging: es war die Art eines Axtdiebes; seine Mienen: es waren die eines Axtdiebes; seine Worte: es waren die eines Axtdiebes; seine Bewegungen und sein ganzes Wesen, alles was er tat: alles war die Art eines Axtdiebes. Zufällig grub er dann einen Graben und fand seine Axt. Am anderen Tag sah er wieder seines Nachbars Sohn, alle seine Bewegungen und sein ganzes Wesen glichen nicht mehr der Art eines Axtdiebes. Sein Nachbarsohn hatte sich nicht verändert. Er selbst hatte sich verändert. Was war der Grund davon? Nichts anderes, als daß etwas da war, das ihn in unbefangener Beobachtung störte.“

Lü Bu Wie (um 300–235 v. Chr.), Beseitigung der Befangenheit / Kü Yu

(In Chunqiu – Frühling und Herbst des Lü Bu We. S. E. Diederichs 1928, S. 164; siehe auch Zeno.org)

Es gibt jedoch eine ältere Version des Axtdiebes mit der Verfasserangabe Liezi (Liä Dsi, auch Licius, Livius), der um 450 v. Chr. lebte:
Wer hat die Axt gestohlen?

Es war einmal ein Mann, der hatte seine Axt verloren. Er hatte seines Nachbars Sohn im Verdacht und beobachtete ihn. Die Art, wie er ging, war ganz die eines Axtdiebes; sein Gesichtsausdruck war ganz der eines Axtdiebes; die Art, wie er redete, war ganz die eines Axtdiebes; aus allen seinen Bewegungen und aus seinem ganzen Wesen sprach deutlich der Axtdieb. Zufällig grub jener einen Graben um und fand seine Axt. Am anderen Tag sah er seinen Nachbarssohn wieder. Alle seine Bewegungen und sein ganzes Wesen hatten nichts mehr von einem Axtdieb an sich.“
(In Liä Dsi: Das wahre Buch vom quellenden Urgrund. Stuttgart 1980, S. 181; Quelle: zeno.org)
Die Schrift enthält Erzählungen, die nach Liezis Tod von dessen Schülern zusammengetragen wurden. Zudem reden auch chinesische Gelehrte von später gemachten Zusätzen, so dass es durchaus sein kann, dass Lü Bu Wies Text dort Aufnahme fand.

Eine noch ältere Version mit der Urheberangabe Lao Tse, der im 6. Jahrhundert v. Chr. levte, oder auch „Nach Lao Tse; gefunden in Gelassenwerden, Herder 1996, lautet:
Der Axtdieb

Ein Mann fand eines Tages seine Axt nicht mehr. Er suchte und suchte, aber sie war verschwunden. Der Mann wurde ärgerlich und verdächtigte den Sohn seines Nachbarn, die Axt genommen zu haben. An diesem Tag beobachtete er den Sohn seines Nachbarn ganz genau. Und tatsächlich: Der Gang des Jungen war der Gang eines Axtdiebs. Die Worte, die er sprach, waren die Worte eines Axtdiebs. Sein ganzes Wesen und sein Verhalten waren die eines Axtdiebs. Am Abend fand der Mann die Axt durch Zufall hinter einem großen Korb in seinem eigenen Schuppen. Als er am nächsten Morgen den Sohn seines Nachbars erneut betrachtete, fand er weder in dessen Gang, noch in seinen Worten oder seinem Verhalten irgend etwas von einem Axtdieb.
In einem japanischen Forum habe ich allerdings eine viel schönere Form dieser Geschichte gefunden:
Der Bauer Dong suchte einen halben Tag lang nach seiner Axt. Er konnte sie nicht finden.

Da begann er seinen Nachbarn Luo zu beobachten. Ging Luo, der Nachbar, nicht ganz genau wie ein Axtdieb? Klangen die Worte des Nachbarn nicht wie die Worte eines Axtdiebs? Lachte er nicht wie ein Axtdieb? Waren seine Blicke und Bewegungen nicht ganz ähnlich wie die Blicke und Bewegungen des Axtdiebs?

Zufällig fand Dong die Axt unter seiner Treppe wieder.

Als er sich am nächsten Tag wieder mit seinem Nachbarn unterhielt, hatte sich der Nachbar ganz verändert. Luo ging nicht mehr wie ein Axtdieb, redete nicht mehr wie ein Axtdieb, lachte nicht mehr wie ein Axtdieb, in seinen Blicken und Bewegungen war nichts mehr von einem Axtdieb.
Heiner Müller hat den Axtdieb in der Version von Livius als Vorlage für das Gedicht Herr Dschu verteidigt sein Eigentum genommen. Allerdings endet es überraschend:
Und beschloß das Spiel zu gewinnen / Und zögerte nicht und ging hin / Mit der Axt und schlug mit der Axt den / Schädel ein Herrn Dschin.
(In Katharina Ebrecht: Heiner Müllers Lyrik: Quellen und Vorbilder. Königshausen & Neumann 2001, S. 87);
die spanische Übersetzung des Gedichts – O señor Dschu defende a súa propiedade – findet man mit weiteren Gedichten Heiner Müllers hier)

Freitag, 29. April 2011

Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.

Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.

In order to be a perfect member of a flock of sheep, one has to be, foremost, a sheep.
(Übersetzung: The Ultimate Quotable Einstein, S. 188)

Auch

For being an irreproachable member of a flock of sheep, above all you have to be a sheep.
In order to be a splendid member of a flock of sheep, you have to be a sheep, in first place.
In order to be an immaculate member of a flock of sheep, one must above all be a sheep oneself.
In order to be an irreproachable member of a flock of sheep, most notably one has to be a sheep.
To be an irreproachable member of a flock of sheep, it is mandatory, first of all, to be a sheep.
In order to form an immaculate member of a flock of sheep one must, above all, be a sheep.


Albert Einstein

(Aphorismen für Leo Baeck. In Mein Weltbild, S. 622 f.)

Montag, 25. April 2011

Leonardo da Vinci über das Verkommen des Geistes ohne Übung

So wie das Eisen außer Gebrauch rostet und das stillstehende Wasser verdirbt oder bei Kälte gefriert, so verkommt der Geist ohne Übung.

Sì come il ferro s’arrugginisce sanza esercizio e l’acqua si putrefa o nel freddo s’addiaccia, così lo ‘ngegno sanza esercizio si guasta.*

(auch Siccome il ferro s'arrugginisce sanza esercizio, e l'acqua si putrefà, e nel freddo s'agghiaccia; così l'ingegno, sanza esercizio, si guasta.)**

*(In Il Codice Atlantico della Biblioteca Ambrosiana di Milano: Volumi IX-XII. Giunti 2000, S. 1519)

**(In Frammenti letterari e filosofici. G. Barbera 1913, S. 74)

(siehe auch http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2011/04/leonardo-da-vinci-uber-das-verkommen.html)