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Montag, 20. August 2012

Jean Paul über das Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann


Einer der ersten Sprüche, die ich in meinen Tagebüchern notierte, lautete (und damit bin ich in illustrer Gesellschaft, denn auch Thomas Mann schrieb am 14. 5. 1888 diesen Spruch von Jean Paul in das Poesiealbum von  Johanna Bussenius, der Tochter des Leiters seines Gymnasiums, siehe hier und hier, allerdings wird das Zitat in beiden Büchern unterschiedlich zitiert):

„Erinnerungen sind  das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.“

Auch

Das Gedächtnis ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nie vertrieben werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht getrieben [sic] werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, daraus wir nicht vertrieben werden können!
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.
Erinnerung ist das Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.

Imagination is the only paradise from which we cannot be expelled.
Memories are the only paradise from which we cannot be expelled.
Memory is the only paradise from which we cannot be expelled
Our memory is the only paradise from which we cannot be expelled
Recollection is the only paradise from which we cannot be turned out.
Remembrance is the only paradise from which we cannot be expelled.
The memory is the only paradise from which we can not be expelled.
The memory is the only paradise from which we cannot be driven away.
The only Paradise from which we cannot be expelled is the Memory.

El recuerdo es el único paraíso del que no podemos ser expulsados.
La imaginación es el único paraíso del que no podemos ser expulsados.
La memoria es el único paraíso del que no podemos ser expulsados.

Und nun, etliche Jahre später und viele falsche Zitierweisen weiter, überlege ich, ob Jean Paul (nicht „unbekannt“, ein weiser Rabbi oder zugeschrieben und auch nicht von Blaise Pascal, Michael de Montaigne oder Novalis, die gern für gute Sprüche herhalten müssen, aber auch nicht von Dietrich Bonhoeffer,  der bei Traueranzeigen gern als Urheber genannt wird) es wirklich so gesagt hat. Die Antwort ist einmal mehr nein. Denn richtig lautet das Zitat, was vermutlich kaum einer weiß:
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können. Sogar die ersten Eltern waren nicht daraus zu bringen.
(Impromtü’s, welche ich künftig in Stammbücher schreiben werde. (1811.) 29. Erinnerung. In Jean Paul’s sämmtliche Werke. Reimer 1838, S. 159; als Quelle wird auch sein Roman Die unsichtbare Loge aus den Jahr 1793 genannt, ich habe es aber dort trotz der irgendwo angegebenen Quellenangabe „1, 13“ (= 1. Teil, 13. Sektor?) nicht gefunden. 

Nach anderen Versionen, unter anderem ebenfalls eine aus dem Jahr 1811, lautet es:
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können. Sogar die ersten Ältern waren nicht daraus zu vertreiben. (Zeitung für die elegante Welt Berlin, S. 1556)
Ob das auch eine Version Jean Pauls ist oder er nur falsch zitiert wurde, konnte ich leider nicht feststellen.

Die Version ohne den Zusatz mit den Eltern, also nur in der Form
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können, 
wurde, warum auch immer, zuerst 1812 im Cotta’schen Taschenbuch für Damen gedruckt. Vielleicht weil die Damen als Mütter so etwas nicht in Stammbücher oder Poesiealben schreiben würden. (Zitiert nach Karl Kraus Frühe Schriften: Erläuterungen. Suhrkamp 1988, S. 141)

– Kleines Schmankerl am Rande: In diesem Blatt ließ Goethe (O-TonDas ist eine heillose Manier, dieses Fragmente-Auftischen …“) mit den Worten „Beykommendes wünsche für den Damenkalender geeignet!“ zehn Jahre lang Ausschnitte aus  seinem Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre als Teil seiner Verkaufsstrategie(!) vorabdrucken (mehr dazu siehe  http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/goethe/wanderjahre_bunzel.pdf). –

Gar nicht auszumalen, wie viele Autoren so manche Zeilen gar nicht geschrieben hätten, weil sie sich mit Jean Pauls Worten auseinandersetzten, wenn allein die vollständige Version überliefert worden wäre …

Dienstag, 31. Juli 2012

Aus der Rubrik: Sie haben es nie gesagt“: Jean Paul über Komma, Punktum und Sinn

Der Mundartdichter Fritz Reuter zitiert in Ein gräflicher Geburtstag Jean Paul:

"Jean Paul’s Regel für die Interpunktion: Wenn der Sinn halb aus ist, machst du ein Komma, wenn der Sinn ganz aus ist, machst du ein Punktum, und wenn du etwas geschrieben hast, worin gar kein Sinn ist, kannst du Komma und Punktum setzen, wo du willst; diese Regel sage ich, leidet hier durchaus keine Anwendung."

(In Meklenburgisches Volksbuch. Reclam 1905, S. 147)

Nur leider irrt Fritz Reuter, und das gleich zweifach. Denn das Zitat ist von Matthias Claudius und lautet richtig: 
Sieht Er, Andres, wo der Verstand halb aus ist, setzt Er ein Komma; wo er ganz aus ist, ein Punctum, und wo gar keiner ist, kann Er setzen, was Er will, wie Er auch in vielen Schriften findet, die herauskommen. 
(In Asmus omnia sua secum portans (Über das Genie) http://tinyurl.com/cxdrct4)
Vollständig lautet Fritz Reuters Zitat:
Ich mache hier darauf aufmerksam, daß die beiden angeführten Festlieder* wörtlich von mir copirt sind, und daß ich auch in der Interpunction nichts geändert habe, die in solchen exaltirten, gleichsam übersinnlichen Formen sich wohl einen großen Luxus von Zeichen, namentlich von Gedankenstrichen und Ausrufungszeichen erlauben darf. Jean Paul’s Regel für die Interpunction: Wenn der Sinn halb aus ist, machst du ein Komma, wenn der Sinn ganz aus ist, machst du ein Punctum, und wenn du etwas geschrieben hast, worin gar kein Sinn ist, kannst du Komma und Punktum setzen, wo du willst; diese Regel sage ich, leidet hier durchaus keine Anwendung.

* Insbesondere das Lied mit dem Anfang „Oh fühlt’s! wie strahlend reicher Segen“ aus der Oper „Die Stumme von Portici“ von Daniel François Esprit Auber.