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Mittwoch, 13. Juni 2012

Goethe und die Steine, die einem in den Weg gelegt werden – oder sind sie doch von Kästner oder von wem?


Wir lieben Zitate. Wir sammeln sie, erfreuen uns daran, finden Trost. Und manchmal benutzen wir Zitate, weil sie so praktisch sind. Für alle Lebenslagen sozusagen. Ungewohnt ist allerdings noch, dass Politiker ihre Reden oder Statements mit Zitaten würzen. Wenn sie das aber tun, sollten sie oder besser ihre Redenschreiber genau recherchieren, ob das Zitat richtig ist und ob es dem richtigen Urheber zugeordnet ist (und wenn ja, ob er überhaupt zitiert werden darf).

Ursula von der Leyen zitierte in einer Rede vor dem Bundestag im Zusammenhang mit der Reform von Hartz IV den „Spruch des Jahres“, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, von Goethe:
Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
Ob es in dem Zusammenhang das richtige Zitat ist, sei dahingestellt. Fragt sich nur: Ist es wirklich von ihm?

Ich wäre darauf gar nicht gekommen, hätte ich nicht neulich genau dieses Zitat getwittert, weil es zu meiner momentanen Stimmung so gut passte, und als Antwort bekam: „Wo hat Goethe das gesagt?“ Nun ja, das nahm ich nicht so ernst. Man twittert ja so manches. Schließlich wird er nicht alles und jedes aufgeschrieben haben. Ich erfuhr dann aber zufällig, dass das Zitat von Erich Kästner stammen soll. Daraufhin bekam ich einen Schreck, denn Kästner darf man ja nun ganz und gar nicht zitieren, weil das sehr, sehr teuer wird  (siehe http://juttas-schreibblog.blogspot.com/search?q=k%C3%A4stner). Also googelte ich mal wieder ein bisschen. Und stellte fest, dass wohl niemand so recht weiß, wie das Zitat überhaupt heißt.

Ich fand folgende Versionen (die Tippfehler habe ich mal außen vor gelassen), wobei auch die mit demselben Wortlaut Kästner beziehungsweise Goethe zugeschrieben wurden. Das heißt, „unbekannt“ stand auch einmal dabei. Nun ja, damit macht man es sich immer am einfachsten.

    Auch aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus großen und schweren Steinen, die einem in dem Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die das Leben einem in den Weg legt, kann man was Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man schöne Dinge bauen.
    Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen
    Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du noch etwas bauen.
    Auch aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
    Auch aus Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, lässt sich etwas Hübsches bauen.
    Auch aus Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, lässt sich SCHÖNES bauen.
    Auch mit Steinen, die dir im Weg liegen, kann man was Schönes bauen!
    Aus den Steinen, die einem im Weg liegen, kann man sich auch was Schönes bauen
    Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man auch etwas Schönes bauen.
    Aus Steinen, die im Weg liegen, kann man was Schönes bauen!
    Leg deinen Mitmenschen Steine in den Weg, sie mögen sich daraus etwas bauen!

Ich gestehe, nach so vielen unterschiedlichen Versionen gab ich auf.

Ein deutschsprachiger Urheber kann es nicht gewesen sein, denn so viele Versionen sprechen für eine Übersetzung der weisen Worte. Also habe ich es anders herum versucht und mit englischen Stichwörtern gegoogelt. Dabei fand ich diese Zitate:

    Even the stones that have been placed in one's path can be made into something beautiful.
    Even the stones in one's path can be made into something beautiful. 
    Even the stones placed in one's path can be made into something beautiful.

Und wer wurde als Urheber genannt? Genau. Mark Twain oder Bernhard Shaw, denen gern solche Worte in den Mund gelegt werden, waren es also auch nicht.

Jedenfalls fand ich noch „Du musst aus den Steinen, die man dir in den Weg legt, eine Brücke bauen“ von Konfuzius (beziehungsweise „Aus den Steinen, mit denen wir Mauern errichten, lassen sich auch Brücken bauen“, „Aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man sich manchmal eine lebensrettende Brücke bauen“ und „Aus den Steinen, mit denen wir Mauern errichten, lassen sich auch Brücken bauen“), „Wer Berge versetzen will, muss damit beginnen, viele kleine Steine abzutragen“ und die „persische Weisheit“: „Lege deinem Mitmenschen Hindernisse in den Weg. Soll er daran wachsen!“

Nun war ich endgültig verwirrt und wollte schon aufgeben, aber da stolperte ich über die Treppen. Denn Goethe soll auch gesagt haben: „Lege deinem Mitmenschen Steine in den Weg. Soll er sich daraus eine Treppe bauen“ (oder auch „Lege deinen Mitmenschen Steine in den Weg. Mögen sie sich doch daraus eine Treppe bauen“), Robert Lembke „Mit etwas Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen“ und nochmal Konfuzius: „Mit eigenem Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen.“

Was man alles so aus Steinen und mit Steinen machen kann …

Einer hat mal etwas Schlaues gesagt, sagen wir mal, Konfuzius. Goethe hat den Spruch gelesen und in eigene Wort gekleidet. Und dann war es wie mit der stillen Post: Jemand hat die Worte aufgegriffen und weitergegeben und der hat es wieder weitergegeben und so weiter und so fort, und dabei wurde mal ein Wort geändert, mal ein Wort hinzugefügt. Wie das so ist. Und irgendwann hat man vergessen, wer sie als erster gesagt hatte. Und nennt, da Goethe schließlich immer so schlaue Sachen gesagt hat, ihn als Urheber.

Lange Rede kurzer Sinn: Auch dieses Zitat ist ein Beispiel dafür, dass man nicht blindlings Sprüche aus dem Internet kopieren sollte, jedenfalls nicht aus irgendwelchen Zitatensammlungen. Am besten sind immer die Originalquellen.

Freitag, 10. Juni 2011

Über „Damit nicht Sonn und Mond umsonst die Bahn beschlossen …“


Nun, abgesehen davon, dass hinter Sonn ein Apostroph fehlt, zuerst einmal: Die Worte

„Damit nicht Sonn und Mond umsonst die Bahn beschlossen, freut euch der Ruh, ihr Weggenossen“
 (auch: Damit nicht Sonn und Mond umsonst die Bahn beschlossen, / Freut euch der Ruh, ihr Weggenossen)

sind kein Gute-Nacht-Spruch und auch kein Tagesmotto von Konfuzius, auch von „Weggenossen“ ist im Originaltext nicht die Rede, sondern sie stammen aus dem Gedicht

Einzug in’s Winterhaus*

Die Fluren sind geleert,
Die sommerliche Grille
Ist mit uns eingekehrt
Zur winterlichen Stille.
Nun abgelaufen sind
Des Jahres Mond’ und Sonnen;
Eh wieder sie’s begonnen,
Erquicket euch gelind!
Der Mond, die Sonne, die uns sahn zur Arbeit gehen,
Sie wollen unsre Ruh nun sehen.

Die Fluren sind geleert,
Und selbst die Sommergrille
Ist mit uns eingekehrt
In unsre Winterstille.
Es haben ihre Bahn
Beschlossen Mond und Sonne;
Nun feyern wir in Wonne,
Bis neu sie heben an.
Damit nicht Sonn’ und Mond umsonst die Bahn beschlossen,
Freut euch der Ruh, ihr Werkgenossen!

Die Fluren sind geleert,
Die sommerliche Grille
Ist mit uns eingekehrt
In’s Winterhaus das stille.
Es gehn ohn’ Aufenthalt
Der Jahre Mond’ und Sonnen;
Sehn uns in Leid und Wonnen;
Und sehn uns jung und alt.
Nun in der Fröhlichkeit laßt guter Sitt’ uns denken,
Daß sie den Blick uns gerne schenken!

*Die Überschrift „Freut euch der Ruh, ihr Werkgenossen!“ ist ebenfalls falsch.

Ebenso falsch ist die Angabe von Konfuzius oder gar Adolf Kolping als Verfasser. Das Gedicht stammt aus dem Schi-king, einer Sammlung von chinesischen Liedern aus dem 10. und 7. Jahrhundert v. Chr., zum Teil sogar noch älteren Datums, die Konfuzius gesammelt hat. Mehr zum Schi-king siehe unter anderem im Morgenblatt für gebildete Leser, S. 57 und S. 62.

Die hier aufgenommene Version ist aus Schi-king: Chinesiches Liederbuch**, gesammelt von Confucius, dem Deutschen angeeignet von Friedrich Rückert***. Hammerich 1833, S. 124f. (Mehr zu Rückerts Nachdichtung siehe hier). Weitere Übersetzungen beziehungweise Nachdichtungen stammen unter anderem von Albert Ehrenstein und Victor von Strauß. Zu den Übersetzungen des Schi-king allgemein siehe hier und speziell zu Ehrensteins Übersetzung hier. Eine Übersicht der Übersetzungen ins Lateinische, Englische, Französische und Deutsche bietet
http://61.197.194.11/morisoncategory/MorisonQueryResultNDC.php?cm1=III&cm2=9-B-d

**auch Das kanonische Liederbuch der Chinesen

***Nach der lateinischen Übersetzung des französischen Jesuiten P. Alexandre de la Charme SJ  (auch P. Alexandre Lacharme) aus dem Jahr 1733 mit dem Titel Confucii Chi-king, Sive Liber Carminum, herausgegeben von Julius Mohl, Cotta 1830.

An diesem einen Zitat kann man sehen, was man alles falsch machen kann: Falscher Urheber, falsche Zitierweise, Fehler im Zitat und falsche Überschrift eines Gedichtes.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel …


Men do not stumble over mountains, but over mole hills* –

sagt Konfuzius (551–479 v. Chr.). Oder sind diese weisen Worte aus dem Hinduismus, eine chinesische Weisheit, Mutterns Worte oder gar von Samuel Butler? Oder ist eine dieser Versionen richtig, die man so im Internet findet?

Der Mensch stolpert nicht über Berge, sondern über einen Ameisenhaufen.
Der Mensch stolpert über den Ameisenhaufen und nicht übers Gebirge.
Menschen stolpern über Steine, nicht über Berge.
Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über kleine Steine.
Könige stolpern über Kieselsteine – sie scheitern nicht an Bergen.
Könige stolpern über Kieselsteine – nicht über Berge.

Belegt ist dieses Zitat von Lü Bu Wie (um 300–235 v. Chr.):
Das kam daher, daß kleine Dinge nicht wichtig genommen werden. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er nicht über einen Berg stolpert, wohl aber über einen Ameisenhügel.
(In Lü Bu Wie: Frühling und Herbst des Lü Bu We. S. E. Diederichs 1928,  S. 446).
Von einem weiteren ähnlichen Zitat ist nur der Urheber – Han Fe Dse (auch Han Fei Tzu) (280–233 v. Chr.) – bekannt. Die Quelle habe ich nicht gefunden. Allerdings soll es aus einem verloren gegangen Text stammen, da es so in keinem der frühen historischen oder bibliogaphischen Abhandlungen genannt wird. Es wird deshalb empfohlen, es als „Ausspruch eines früheren Weisen“ zu zitieren (siehe Liu An, King of Huain et al.:  The Huainanzi: A Guide to the Theory and Practice of Government in Early Han China. Columbia University Press 2010, S. 721):
Der Mensch stolpert nicht über Berge, sondern über  einen Ameisenhaufen.
People often trip on ant-hills, but no one stumbles over a mountain.
L'uomo non inciampa contro le montagne, ma piuttosto contro un formicaio.
Zu der Version, dass Riesen nicht über Berge stürzen, sondern über Maulwurfshügel stolpern, wie ein altes russisches Sprichwort heißen soll, habe ich nichts gefunden.

 „Projekte stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel“ ist sozusagen geklaut –  von wem eigentlich, wenn es eh nicht von Konfuzius ist –, aber schön sind die Antworten von Maxi Wander „Jeder muß über seine eigenen Steine stolpern, das ist ja das Verrückte“ in Guten Morgen, du Schöne: Frauen in der DDR, Protokolle (Luchterhand 1979, S. 112) und Heinrich Laube „Über Berge mag er stolpern können, aber es ist ein Jammer, daß er über jeden Maulwurfshaufen fällt“ in Das junge Europa; zeno.org.

*„Men do not stumble over mountains, but over molehills” wird auch Samuel Butler zugeschrieben mit der Quellenangabe „Hudibras Part I, Canto III, Line 878“. Das kann aber nicht stimmen. Denn Line 877/878
lautet: "I am not now in fortune's power: He that is down can fall no lower". Auch in Part II und III gibt es dieses Zitat nicht.

Weitere englische Versionen des Zitats lauten:

People do not stumble over a mountain, they stumble over a molehill.
Whatever mole-hill he stumbles upon, he makes a mountain of it.
Nobody stumbles against a mountain, but everybody trips over an ant-hill.
No one stumbles over a mountain, but people do trip over anthills.

Das Zitat „Though not stumbling over a mountain, we stumble over an anthill“ soll wiederum auf dem japanischen Sprichwort „Yama ni tsumazukazu shite ari-zuka ni tsumazuku“ beruhen (Quelle siehe hier).

Vielleicht war all diesen als Urheber Genannten das Zitat von Konfuzius bekannt und sie haben es nur übernommen. Konfuzius als Urheber anzugeben, ist zumindest problematisch.