Gedichte sind gemalte Fensterscheiben
Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!
Sieht man vom Markt in die Kirche hinein,
da ist alles dunkel und düster;
und so sieht’s auch der Herr Philister:
Der mag denn wohl verdrießlich sein
und lebenslang verdrießlich bleiben.
Kommt aber nur einmal herein!
Begrüßt die heilige Kapelle;
da ist’s auf einmal farbig helle,
Geschieht’ und Zierat glänzt in Schnelle,
bedeutend wirkt ein edler Schein;
dies wird euch Kindern Gottes taugen,
erbaut euch und ergetzt die Augen!
(Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3670/9)
Sicher sind Ihnen gleich die Fehler aufgefallen (und nein, ich meine damit nicht die etwas altertümliche Schreibweise mancher Wörter …). Für all die anderen hier die richtige Version:
Gedichte
Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!
Sieht man vom Markt in die Kirche hinein,
Da ist alles dunkel und düster;
Und so sieht’s auch der Herr Philister:
Der mag denn wohl verdrießlich seyn
Und lebenslang verdrießlich bleiben.
Kommt aber nur einmal herein!
Begrüßt die heilige Capelle;
Da ist’s auf einmal farbig helle,
Geschicht’ und Zierrath glänzt in Schnelle,
Bedeutend wirkt ein edler Schein;
Dieß wird euch Kindern Gottes taugen,
Erbaut euch und ergötzt die Augen!
Johann Wolfgang von Goethe
(In Goethe's Gedichte, Bd. 2. Neue Ausgabe Cotta 1868, S. 420)
Die Zitatejägerin
Aphorismen * Bonmots * Geflügelte Worte * Proverbia * Quotes * Redewendungen * Sentenzen * Sprichwörter * Sprüche * Weisheiten * Zitate * Falschzitate * Misquotations
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Mittwoch, 29. Februar 2012
Na sowas … (Über ein fälschlich Tucholsky zugeschriebenes Gedicht)
… da hatte ich in meinen Schreibblog das Gedicht "Wenn die Börsenkurse fallen" von Kurt Tucholsky eingestellt (siehe juttas-schreibblog.blogspot.com/2008/10/gedicht-der-woche_30.html), und nun stellt sich heraus, dass es gar nicht von ihm ist. Die Tucholsky-Gesellschaft hat eine Richtigstellung auf ihrer Web-Seite veröffentlicht. Das Gedicht ist von einem Pannonicus (richtiger Name Richard G. Kerschhofer). Weiterlesen
Mittwoch, 28. Dezember 2011
Prosit Neujahr …
Heute mal was in eigener Sache. Dieses Gedicht hatte ich letztes Jahr in mein Blog gestellt (http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2010/12/prosit-neujahr.html):
Prosit Neujahr
Wenn Champagnerkorken knallen
und die Masken langsam fallen
sich tief drinnen Wünsche regen
alte Damen Karten legen
Wenn hoch droben Monde stehen
Bullen nach den Pappen sehen
Politiker Reden schwingen
Menschen schunkelnd Lieder singen
man beschließt, nie mehr zu rauchen
auch nicht vor dem Chef zu krauchen
und den Dispo schnell zu senken
Bettlern ‘n Euro mehr zu schenken
dann, wenn's Jahr ist am Versinken
will ich, Freunde, auf euch trinken
will vom Himmel Sterne pflücken
und sie euch im Traume schicken
Jutta Miller-Waldner
Eben habe ich danach gegoogelt und war sehr erfreut, als ich mehrere Treffer fand. Not amused war ich allerdings, weil nirgends mein Name erschien, weil der Text geändert und der Titel falsch oder erst gar nicht angegeben wurde. Satzzeichen dürfen nicht eingesetzt werden (und schon gar nicht falsch), wenn der Autor das nicht getan hat. Er hat sich nämlich was dabei gedacht, auch wenn das dem Leser missfällt. Zeilenumbrüche weglassen oder das Gedicht nicht in Strophen aufteilen, geht ja nun gar nicht.
Diese Version ist also falsch:
Man beschließt, nie mehr zu rauchen,Und warum man diese Strophe weglässt, weiß ich auch nicht …
auch nicht vor dem Chef zu krauchen
und den Dispo schnell zu senken,
Bettlern ein paar Eus zu schenken.
Dann, wenn's Jahr ist am Versinken
wollen wir vom Club, ja, auf euch trinken.
Das alte Jahr ist morgen futsch,
für Mitternacht nen guten Rutsch.
man beschließt, nie mehr zu rauchenMuss wohl ein Nichtraucher sein oder jemand, der nie, nie, nie seinen Dispo überzieht. Wie schön für ihn.
auch nicht vor dem Chef zu krauchen
und den Dispo schnell zu senken
Bettlern ‘n Euro mehr zu schenken
Trotzdem – all meinen Leserinnen und Lesern dieses Blogs, wo immer Ihr auch seid in der Welt, wünsche ich Saale Nao Mubbarak, З новым годам, 新年快乐, あけましておめでとう, ein frohes Neues Jahr!
Wer wissen möchte, wie man in weiteren 133 Sprachen seine Neujahrswünsche ausdrücken kann, klicke hier: http://juttas-schreibblog.blogspot.com/2010/12/frohes-neues-jahr-in-137-sprachen.html
Freitag, 14. Oktober 2011
Marie von Ebner-Eschenbach übers Plagiieren
Autoren, die bestohlen werden,
sollten sich darüber nicht beklagen,
sondern freuen.
In einer Gegend,
in der kein Waldfrevel vorkommt,
hat der Wald keinen Wert.
Marie von Ebner-Eschenbach
(In Gesammelte Schriften, Bd 1. Paetel 1905, S. 21)
sollten sich darüber nicht beklagen,
sondern freuen.
In einer Gegend,
in der kein Waldfrevel vorkommt,
hat der Wald keinen Wert.
Marie von Ebner-Eschenbach
(In Gesammelte Schriften, Bd 1. Paetel 1905, S. 21)
Samstag, 1. Oktober 2011
Goethe über gemalte Fensterscheiben
Dieses wunderschöne Gedicht von Goethe wollte ich eben erst in mein Schreibblog einstellen, dann stellte ich fest, dass es doch viel besser in das Schreibtippsblog passt, aber als ich es mit dem Original verglich, zog ich damit hierher um (das kommt davon, wenn man drei Blogs betreibt). Ganz peinlich ist aber, dass ich dieses Gedicht in einer falschen Version in ein anderes Blog eingestellt hatte, das ich vor einigen Jahren betrieb, und zwar, weil ich dem Projekt Gutenberg vertraute. Soweit ich weiß, gab es damals auch noch nicht die Google-Büchersuche, so dass ich es mit dem Original gar nicht vergleichen konnte.
Hier ist die Version, die ich damals eingestellt hatte:
Hier ist die Version, die ich damals eingestellt hatte:
Dienstag, 20. September 2011
Carpe diem
Das bekannteste Zitat überhaupt ist wohl das „Carpe diem“ von Horaz aus dessen Ode an Leuconoe
Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi
Finem Dì dederint, Leuconoe, nec Babylonios
Tentaris numeros. Ut melius, quidquid erit, pati!
Seu plures hìemes, seu tribuet Iupiter ultimam,
Quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum; sapias, vina liques, et spatio breui
Spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
Aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.
(In Quintus Horatii Flacci Opera, 1829, S. 13)
Niemals forsche du nach — Frevel ja wär's — welches der Tage Ziel
Mir die Götter gesetzt, welches dir selbst, noch babylonische
Zahlenkünste versucht! Besser führwahr dulden wir jedes Loos!
Ob noch Winter hinfort Jupiter schenkt, ob es der letzte sei,
Der durch Felsenklipp jetzo die Wuth schwächet Wuth schwächt der tyrrhenischen
Meeresfluth. Zeige dich klug, läutere Wein, setze bei kurzen Frist
Langer Hoffnung ein Ziel. Neidisch entflieht, während wir sprechen, die
Jugend: hasche den Tag, wenig Vertrau’n schenke dem morgenden!
(In Quintus Horatius Flaccus Werke. Deutsch … von Dr. Wilhelm Binder. 5. Aufl. Krais und Hoffmann 1861, S. 12)
Seek not, Leuconoë — 'tis forbid to know —
On me, and you what end the gods bestow;
No more for Babylonian numbers care; But what the Fates decree with patience bear!
If Jove more winters grant, or now the last
Embroil the rocks and wafes with Tuscan blast.
Be wise: — rack off your wines, while yet you can,
Restraining hope to life’s contracted span.
Even now what speed the envious seasons borrow!
Seize on to-day; — nor trust the uncertain morrow.
(In The Odes of Horace, translated by John Scriven. Pickering 1843, S. 21)
Natürlich darf eine Parodie von Christian Morgenstern nicht fehlen …
Laß das Fragen doch sein! Sorg dich doch nicht über den Tag hinaus!
Martha! Geh nicht mehr hin, bitte, zu der dummen Zigeunerin!
Nimm dein Los, wie es fällt! Lieber Gott, ob dies Jahr das letzte ist,
das beisammen uns sieht, oder ob wir alt wie Methusalem
werden: sieh’s doch nur ein: das, lieber Schatz, steht nicht in unsrer Macht.
Amüsier dich, und laß Wein und Konfekt schmecken dir wie bisher!
Seufzen macht mich nervös. Nun aber Schluß! All das ist Zeitverlust!
Küssen Sie mich, mon amie! Heute ist heut! Après nous le déluge!
(In Christian Morgenstern: Horatius travestitus: ein Studentenscherz. Schuster & Loeffler 1897; zitiert nach http://12koerbe.de/pan/horaz.htm#I,11)
Eigentlich heißt Carpe diem „Pflücke den Tag“ (von lat. carpio = (dicht.) pflücken, dies = Tag) , aber naturgemäß gibt es auch andere Übersetzungen, und jeder Leser möge sich die heraussuchen, die ihm am besten gefällt:
Fröhlich pflücke das »Heut«, trau’ nicht auf das, was Dir ein »Morgen« bringt.
(Die Oden des Quintus Horatius Flaccus: Deutsch im Versmaße des Originals, 1866, S. 20)
Pflücke den Tag, auf den folgenden vertraue so wenig leichtgläubig wie möglich. (http://www.latein-lk.de/Texte/Horaz/ode_1_11.htm)
Pflücke dir den Tag, und glaube so wenig wie möglich an den nächsten! (http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/C)
Genieße den Augenblick und verlaß dich so wenig wie möglich auf den folgenden.
(http://members.aon.at/latein/Horaz1.htm)
Genieße den Tag, möglichst wenig leichtgläubig gegenüber dem folgenden! (http://de.wikipedia.org/wiki/Carpe_diem)
Schenk dem kommenden Tag nimmer Vertraun, koste den Augenblick! (http://gutenberg.spiegel.de/buch/5541/1)
Oder frei übersetzt in Friedrich von Schillers Macbeth:
Nicht in die ferne Zeit verliere dich! / Den Augenblick ergreife! Der ist dein.(Für alle, die es noch genauer wissen möchten: auf http://www.albertmartin.de/latein/forum/?view=6511 gibt es eine Diskussion über die korrekte Übersetzung des Zitats)
(F. v. Schillers sämmtliche Werke, 1816, S. 239)
– Die Übersetzung „Nutze den Tag, koste den Augenblick“ ist allerdings doppeltgemoppelt. –
Und dann gibt es natürlich auch noch die Kurzformen: „Nutze den Tag“ und „Nutze die Zeit“.
Wie auch immer: Leider ist das Carpe diem inzwischen zu einer Phrase geworden, weil zu oft verwendet und gelesen.
(Siehe auch http://juttas-schreibblog.blogspot.de/2012/08/carpe-diem.html und zu Martin Opitz' Gedicht Carpe diem http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2011/09/uber-martin-opitz-gedicht-carpe-diem.html)
Sonntag, 24. Juli 2011
Auf den Spuren von Goethes Nachtlied(ern)
Vor einigen Jahren hatte ich in meinem Sprachrätsel No. 9 eine Frage gestellt, bei dessen Antwort mir etwas Merkwürdiges passierte. Je mehr ich noch einmal recherchierte, um so verwirrter wurde ich. Schließlich kam ich mir wie eine Archäologin vor, die eine alte Stadt ausgraben will und unter der Stadt noch eine entdeckt und noch eine … Aber der Reihe nach.
Ich hatte gefragt, ob Goethes Gedicht Ein gleiches ein Plagiat dieses Gedichtes ist:
Unter allen Gipfeln ist Ruh;
In allen Wäldern hörest du
Keinen Laut!
Die Vögelein schlafen im Walde;
Warte nur! Balde, balde
Schläffst auch du!
Nur hatte ich die Frage offensichtlich falsch gestellt. Denn es kann kein Plagiat sein. Als Autor dieses Gedichts (Version 1 des Gedichts im Sprachrätsel) galt Johann Daniel Falk, ein Gastfreund Goethes. Aber bei meinen nochmaligen Recherchen stellte ich fest, dass das die ursprüngliche Fassung des Gedichtes ist (bezeugt von Falk selbst), das Goethe am 6. 9. 1780 (nicht am 7. 9. 1783, wie lange Zeit wegen des neben den Versen stehenden Datums angenommen wurde – an dem Tag hatte er die Inschrift erneuert, wohl weil sie ihm so wichtig war) an die Bretterwand der Jagdhütte auf dem Kickelhahn geschrieben hatte, in der er bei seinen Wanderungen durch die Natur öfter übernachtete. An besagtem Septembertag im Jahr 1780 stieg er auf den »höchsten Berg des Reviers«, »um dem Wuste des Städtchens, den Klagen, den Verlangen, der unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen auszuweichen«*, und schuf vermutlich aus dieser Stimmung heraus das Gedicht.
Als die Hütte, die 1870 abgebrannt war, originalgetreu wieder aufgebaut worden war, wurde ein Faksimile seiner Inschrift angebracht, die in etwa der Version entsprach, die Goethe 1815 in seine Werkausgabe aufgenommen hatte (denn auch Goethe hat an seinen Versen immer wieder gefeilt):
Über allen Gipfeln
ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch!
Die Vögel schweigen im Walde
Warte nur balde
Ruhest du auch.
Falk schrieb die folgenden Verse als 1. Strophe des Abendlieds in Anlehnung an Goethe (auch wenn er selbst angibt »Der erste Vers von Göthe«)**:
Unter allen Wipfeln ist Ruh;
In allen Zweigen hörest du
Keinen Laut;
die Vöglein schlafen im Walde;
Warte nur, balde, balde,
Schläffst auch du.**
Nach eigenen Angaben hat er sie 1817 geschrieben, er könnte aber die Umdichtung von Hauch in Laut schon einige Jahre eher, also zu Heinrich von Kleists Lebzeiten, vorgenommen haben. Denn von Kleist stammt diese Version (Version 2):
Unter allen Zweigen ist Ruh,
In allen Wipfeln hörest du
Keinen Laut.
Die Vögelein schlafen im Walde,
Warte nur, balde
Schläfest du auch!
Er hatte sie ohne Angabe von Ort und Datum auf einen Zettel geschrieben. Die Kleistforschung geht allerdings davon aus, dass das Gedicht nicht vor 1805 entstanden ist, da Kleist seine Handschrift damals umgestellt hatte, andererseits glaubt sie nicht, dass er es 1808 geschrieben hat als »Gegengedicht« oder gar Polemik gegen Goethe, weil dieser die Uraufführung des Zerbrochenen Krugs am 2. 3. 1808 am Weimarer Theater durchfallen ließ (siehe die Wendung »Warte nur, balde / Schläfest du auch!« als ‘Todesdrohung‘ gegen Goethe …). Es könnte sein, dass Kleist sich an die genaue Version nicht mehr erinnert hat. Aber er hat die Jagdhütte nie besucht, und in Goethes Werken ist das Gedicht erst 1815, vier Jahre nach Kleists Freitod, erschienen. Andererseits kursierten bereits kurz nach Goethes Niederschrift Abschriften des Kickelhahn-Textes in zahleichen Varianten. Falk und Kleist wiederum sind sich im Sommer 1803 in Dresden begegnet.
Kannte daher Kleist die Verse? Lange nahm man an, dass er sie aus der von August von Kotzebue herausgegebenen Zeitschrift Der Freimüthige, oder Berlinische Zeitschrift für gebildete, unbefangene Leser kannte, der in jedem Heft gegen Goethe giftete. Am 20. 5. 1803 hatte er Goethes Verse in einer Übersetzung aus der englischen Zeitschrift The Monthly Magazine anonym mit der Variante Vöglein statt Vögel veröffentlicht (die 3. Version):
Ueber allen Wipfeln ist Ruh,
In allen Zweigen hörst du
Keinen Hauch;
Die Vöglein schlafen im Walde,
Warte nur, balde
Schläfst du auch.
Aber inzwischen ist man fündig geworden. Denn der Autor des vom Monthly Magazine aus dem Deutschen übersetzten Gedichts war der Schriftsteller und Philosoph Joseph Rückert, der Goethes Gedicht unauthorisiert in Bemerkungen über Weimar 1799, wahrscheinlich auch nach einer der vielen kursierenden Abschriften, abgedruckt hatte. Im Rahmen eines anonymen Fortsetzungsberichts der Bemerkungen wurden die Verse im Heft 3 (1800) der Zeitschrift Genius der Zeit veröffentlicht. Eine gekürzte Übersetzung dieser Bemerkungen wurde 1800 wiederum in der Londoner Zeitschrift The German Museum: Or Monthly Repository of the Literature of Germany, the North and the Continent in general abgedruckt. Erst von dort aus gelangten sie in das Monthly Magazine.
Haben also Kotzebue beziehungsweise Rückert Goethes Verse ‘verballhornt‘? Anderseits könnte diese Version auch beim Hin- und Herübersetzen aus dem Deutschen ins Englische und wieder zurück entstanden sein.
Die Gelehrten streiten also nicht darüber, ob das Gedicht ein Plagiat ist, sondern wer warum wann was geschrieben hat.
Nach dem ganzen Durcheinander mit »Unter« und »Über«, mit »Wipfeln«, »Gipfeln« und »Zweigen«, »Laut« »Hauch«, »Vögelein«, »Vöglein«, »Vögeln« und Ausrufezeichen hier noch einmal Goethes Gedicht Ein gleiches*:
Über allen Gipfeln
ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest Du
kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
Um die Frage zu beantworten, warum die Verse Ein gleiches heißen: 1776 hatte Goethe das Gedicht Wandrers Nachtlied geschrieben, dem er Über allen Gipfeln ist Ruh … gleichsam als Antwort gegenüber stellte:
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
Ach ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!
In diesem Gedicht drückt Goethe die Sehnsucht des an der Unvollkommenheit der Welt leidenden Wanderers nach Ruhe aus, in Ein gleiches ist das Leiden nicht mehr das Thema, sondern die Erlösung davon: Das »Treiben« wird zur »Ruh«.
Goethe hatte beim Druck seiner Werkausgabe 1815 bestimmt, dass die beiden Gedichte immer zusammen gedruckt werden. Nur wurde das zweite Gedicht immer wieder unautorisiert abgedruckt und wurde so zum berühmtesten Gedicht der deutschen Sprache … (Die heute per Abmahnung so bekämpfte ungenehmigte Verbreitung von Gedichten und Texten im Internet hat also nicht nur Nachteile.)
Aber noch einmal zurück zum Sprachrätsel: Johannes Daniel Falk ist auch der Verfasser der ersten Strophe von O du fröhliche.
*In Göthe's Briefe an Frau von Stein aus den Jahren 1776 bis 1826, Bd. 1. Weimar 1848, S. 332
**Siehe dazu auch Zeitschrift für das Gymnasialwesen, S. 86
***Es gibt eine Anekdote zu dem Gedicht: Goethe wurde Jahre später, am 27. 8. 1831, also am Vorabend seines 82. Geburtstags, ein besonderer Wunsch erfüllt: Er fuhr mit dem Berginspektor Mahr auf den Kickelhahn, um sich das Gedicht anzuschauen. Er war sehr ergriffen, wie Mahr berichtet:
Göthe überlas diese wenigen Verse, und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock , trocknete sich die Thränen und sprach in einem sanften, wehmütigen Tone: Ja, warte nur, balde ruhest du auch! schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald und wendete sich darauf zu mir mit den Worten: nun wollen wir wieder gehen.(Literatur u. a. www.goethezeitportal.de/index.php?id=2366; www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=8927&ausgabe=200601
(Den berührenden Bericht Mahrs über den Ausflug, aus dem auch das Zitat stammt, können Sie hier lesen)
Mittwoch, 15. Juni 2011
Das kleinste Haar wirft seinen Schatten …
(auch „Auch ein Haar hat seinen Schatten“)
Etiam capillus unus habet umbram suam.*
Até mesmo um único cabelo tem sua sombra
Cada cabello hace su sombra.
Cada pelo hace su sombra en el suelo.
Cada sua sombra na terra.
Hasta el pelo mas delgado hace su sombra en el suelo.
Hasta un pelo hace su sombra en el suelo.
II n'ya si petit buisson qui n'ait son ombre.
Ogni pelo ha la sua ombra.
The smallest hair casts a shadow (auch Even one hair has a shadow) in der Übersetzung von Francis Bacon (1561–1626) (In The Works of Francis Bacon. Pickering 1834, S. 213)
… las ich bei Johann Wolfgang von Goethe, fand auch schnell die Quelle und freute mich: Das Zitat kann ich unbedenklich in meinen Schreibblog aufnehmen. Das tat ich auch.
Nur hatte ich übersehen, dass das Zitat dort unter der Überschrift „Eigenes und Angeeignetes in Sprüchen“ aufgeführt wurde und in späteren Ausgaben fälschlicherweise unter Maximen und Reflexionen, den Sprüchen in Prosa, erscheint. (Zu Goethes Sprüchen und Goethes Vorliebe für Sprichwörter siehe die lesenswerten Ausführungen in Goethes Gedichte, kommentiert von Erich Trunz, Beck 2007, auf S. 683). Denn zufälligerweise entdeckte ich in der Ausgabe von Goethes Sprüche in Prosa des Verlags Freies Geistesleben aus dem Jahr 1967 auf S. 139 die Fußnote:
Dieser Spruch stammt aus den Sprichwörtern des Erasmus: „Etiam capillus unus habet umbram suam“*(Auch Et pilo sua umbra; Etiam capillus habet umbram suam; Etiam capillus suam facit umbram; Vel capillus habet umbram suam; Vel capillus unus habet umbram suam, was daran liegen mag, dass spätere Herausgeber der Sentenzen sich nicht immer an das Original gehalten haben.)
(= Auch ein einzig Härchen hat seinen Schatten)*
Tatsächlich besaß Goethe, der Sprichwortsammlungen liebte, auch das Werk Adagia von Desiderius Erasmus Roterodamus, Basel 1520.
Achherje, seufzte ich: Ist nichts mit gemütlich in der Sonne liegen und schauen, ob meine Haare Schatten werfen.
Aber das mit dem Sprichwörtern des Erasmus ist so auch nicht richtig. Ich habe das Sprichwort zwar in Epitome Adagiorum ex Novissima D. Erasmi Rot. Recognitione aus dem Jahr 1549 auf S. 49 gefunden, tatsächlich ist es jedoch aus den Sententiae (Sentenzen) des aus Antiocha in Syrien stammenden Mimendichters Publilius (auch Publius) Syrus (bei Plinius mit dem Beinamen Lochius), der unter Cäsar und Kaiser Augustus lebte (vermutlich 46 v. Chr. – 43 n. Chr.), die Erasmus von Rotterdam in einer kritischen Ausgabe herausgegeben hat (Publilius Syrus: Publii Syri Mimi, similesque sententiae selectae e Poetis antiquis … Quas olim D. Erasmus Roterodamus delegerat et commentario explanaverat, ... atque versibus Germanicis red. a. J. F. Kremsier. Sommer 1818, S. 23).
Die Sententiae des Sklaven und später Freigelassenen Publilius Syrus wurden aus dessen Mimen (von lat. mimus = Posse, dramatische Darstellung komischer Szenen aus dem gemeinen Volksleben) im ersten oder Anfang des zweiten Jahrhundert nach Chr. als eine Art Handbuch der Moral (deshalb auch der englische Titel der Sammlung Moral Sayings of Publius Syrus) zusammengestellt, damit die Schüler in den Schulen die Sprüche lesen und auswendig lernen. Sie sind in verschiedenen handschriftlichen Manuskripten erhalten geblieben, so in der Collectio Senecae (Sammlung des Seneca) und der Collectio Veronensis (Veronenser Sammlung). Schon der Hl. Hieronymus (347–420) rühmte Syrus und zitierte in seinen Episteln einen in der Schule gehörten Vers mit der Bemerkung: „Legi quondam in scholis puer“ (Einst las ich als Knabe in der Schule): „Aegre reprehendas, quod finis confuescere“ (Was zur Gewohnheit wurde, lässt sich schwer tadeln) (In Publii Syri Et Aliorum Veterum Sententiae, S. 96).
Die Sammlungen wurden unter anderem im Mittelalter um Aussprüche anderer Dichter erweitert, sie wurden gekürzt, umgeschrieben und verändert. Die oben angegebene Ausgabe heißt deshalb auch Publii Syri Et Aliorum Veterum Sententiae (= Publii Syri et al. Sentenzen der Alten), so dass die wenigsten Sprüche tatsächlich von Syrus sind. (Welche es sind, finden Sie hier.) Da die Sentenz Etiam capillus unus habet umbram suam dort nicht aufgeführt ist, ist anzunehmen, dass sie nicht von Publilius Syrus stammt.
Die Urheberangaben Johann Wolfgang von Goethe oder Publilius Syrus beziehungsweise Publius Syrus sind also leider falsch und damit auch die Angabe von Goethe als Urheber in meinem Blog. Zu empfehlen ist die Angabe nach Goethe bzw. Syrus.
Mehr zu Syrus und den Sentenzen siehe hier und hier.
Leider war die Sonne inzwischen verschwunden. Aber zumindest hatte ich eine Menge über Mimen und einen Freigelassenen namens Publilius Syrus gelernt. Und das ist ja auch nicht schlecht, nicht wahr? Und alles wegen einer kleinen Fußnote, die ich zufällig in einer Ausgabe von Goethes Sprüche in Prosa aus dem Jahr 1967 entdeckte.
Nachtrag: Ach, hätte ich doch weitergeforscht. Dann hätte ich auch Goethes Spruch in Sprichwörtliches gelesen, der sicher nicht nur dafür galt:
Diese Worte sind nicht alle in Sachsen
Noch auf meinem eignen Mist gewachsen;
Doch, was für Samen die Fremde bringt,
Erzog ich im Lande gut gedüngt.
(In Goethes Werke: Vollständige Ausgabe letzter Hand, Bd. 2. Cotta’sche Buchhandlung 1827, S. 253)
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Freitag, 10. Juni 2011
Über „Damit nicht Sonn und Mond umsonst die Bahn beschlossen …“
Nun, abgesehen davon, dass hinter Sonn ein Apostroph fehlt, zuerst einmal: Die Worte
„Damit nicht Sonn und Mond umsonst die Bahn beschlossen, freut euch der Ruh, ihr Weggenossen“
(auch: Damit nicht Sonn und Mond umsonst die Bahn beschlossen, / Freut euch der Ruh, ihr Weggenossen)
sind kein Gute-Nacht-Spruch und auch kein Tagesmotto von Konfuzius, auch von „Weggenossen“ ist im Originaltext nicht die Rede, sondern sie stammen aus dem Gedicht
Einzug in’s Winterhaus*
Die Fluren sind geleert,
Die sommerliche Grille
Ist mit uns eingekehrt
Zur winterlichen Stille.
Nun abgelaufen sind
Des Jahres Mond’ und Sonnen;
Eh wieder sie’s begonnen,
Erquicket euch gelind!
Der Mond, die Sonne, die uns sahn zur Arbeit gehen,
Sie wollen unsre Ruh nun sehen.
Die Fluren sind geleert,
Und selbst die Sommergrille
Ist mit uns eingekehrt
In unsre Winterstille.
Es haben ihre Bahn
Beschlossen Mond und Sonne;
Nun feyern wir in Wonne,
Bis neu sie heben an.
Damit nicht Sonn’ und Mond umsonst die Bahn beschlossen,
Freut euch der Ruh, ihr Werkgenossen!
Die Fluren sind geleert,
Die sommerliche Grille
Ist mit uns eingekehrt
In’s Winterhaus das stille.
Es gehn ohn’ Aufenthalt
Der Jahre Mond’ und Sonnen;
Sehn uns in Leid und Wonnen;
Und sehn uns jung und alt.
Nun in der Fröhlichkeit laßt guter Sitt’ uns denken,
Daß sie den Blick uns gerne schenken!
*Die Überschrift „Freut euch der Ruh, ihr Werkgenossen!“ ist ebenfalls falsch.
Ebenso falsch ist die Angabe von Konfuzius oder gar Adolf Kolping als Verfasser. Das Gedicht stammt aus dem Schi-king, einer Sammlung von chinesischen Liedern aus dem 10. und 7. Jahrhundert v. Chr., zum Teil sogar noch älteren Datums, die Konfuzius gesammelt hat. Mehr zum Schi-king siehe unter anderem im Morgenblatt für gebildete Leser, S. 57 und S. 62.
Die hier aufgenommene Version ist aus Schi-king: Chinesiches Liederbuch**, gesammelt von Confucius, dem Deutschen angeeignet von Friedrich Rückert***. Hammerich 1833, S. 124f. (Mehr zu Rückerts Nachdichtung siehe hier). Weitere Übersetzungen beziehungweise Nachdichtungen stammen unter anderem von Albert Ehrenstein und Victor von Strauß. Zu den Übersetzungen des Schi-king allgemein siehe hier und speziell zu Ehrensteins Übersetzung hier. Eine Übersicht der Übersetzungen ins Lateinische, Englische, Französische und Deutsche bietet
http://61.197.194.11/morisoncategory/MorisonQueryResultNDC.php?cm1=III&cm2=9-B-d
**auch Das kanonische Liederbuch der Chinesen
***Nach der lateinischen Übersetzung des französischen Jesuiten P. Alexandre de la Charme SJ (auch P. Alexandre Lacharme) aus dem Jahr 1733 mit dem Titel Confucii Chi-king, Sive Liber Carminum, herausgegeben von Julius Mohl, Cotta 1830.
An diesem einen Zitat kann man sehen, was man alles falsch machen kann: Falscher Urheber, falsche Zitierweise, Fehler im Zitat und falsche Überschrift eines Gedichtes.
Dienstag, 17. Mai 2011
Catull, Ramler und Mörike über einen eingebildeten Dichterling und eigene Fehler
An den Varrus
(Catulls zwey und zwanzigstes Gedicht.)
Suffenus, den du kennst, mein Varrus, ist galant,
Sehr höflich, schwatzt mit viel Witz, und macht dabey
Nicht wenig Verse: wo mir recht ist, hat er wohl
Zehn tausend oder mehr geschrieben; nicht, wie sonst
Gewöhnlich ist, auf kleinen Täfelchen: o nein!
Sein Buch ist königlich Papier(1), der Umschlag neu,
Neu sind die Stäbchen, roth die Riemen(2); alles glatt
Von Bimsstein, und die Zeilen nach der Schnur gemacht.
Doch lies sein Werk! Der Weltmann, der so höfliche
Suffenus ist ganz Schäferknecht; nicht gröber ist
Ein Karrenschieber: so verwandelt ist er, so
Nicht mehr er selbst(3). Was heißt das? der von lustiger –
Ja mehr noch – possenhafter Laune war, der ist
Noch ungeschliffner, als das ungeschliffne Dorf,
So bald er Verse macht(4); fühlt bey den Versen sich
Glückseliger, als jemahls: so herzinniglich
Vergnügt er sich, so sehr bewundert er sich selbst(5.). –
Doch jeder fehlt auf gleiche Weise(6.); niemand lebt,
Der nicht in irgend einem Stück Suffenus ist.
Sein eigner Irrthum, scheints, ist jedem ausgetheilt:
Nur sehn wir nicht den Sack, der uns vom Rücken hängt(7).
(1) Catulls charta regia können wir wörtlich übersetzen: unser größestes Papier heißt gleichfalls Rojalpapier, Königspapier
(2) Womit die Bücher zusammen gehalten wurden.
(3) Das Gemählde vom Suffunus scheint Catull nach der Natur gezeichnet zu haben. Ähnliche Charaktere findet man noch zu unseren Zeiten, wie folgende Stelle eines Briefes bezeuget „Sollten Sie wohl glauben, daß X., der als Schriftsteller einen so befehlshaberischen Ton annimmt, so erzgrob ist, die würdigsten Männer so verächtlich behandelt, daß eben dieser X. im Umgange gar nicht von sich eingenommen, sondern sehr nachgebend und höflich, ja so gar dehmüthig ist?“
(4) Diese groben satirischen Verse sind verloren gegangen. Es ist zu wünschen, daß kein Neuerer die Handschrift finden und übersetzen mag.
(5) Daß er es so gut gemacht hat; daß er es Andere so brav hat fühlen lassen.
(6.) Hier scheint der Dichter in sich zu gehen, und nachzudenken, ob er nicht einen ähnlichen Fehler begangen habe. Besser, diesen Vorwurf sich selbst zu machen, als ihn von andern zu hören.
(7.) Bezieht sich auf die alte Fabel, daß Jupiter einem jeden seine Fehler in einen Sacke auf den Rücken gelegt habe. Unsern eigenen Sack sehen wir nicht, sondern dessen nur, der vor uns geht. Eben dieses läßt auch Horaz den Damasippus sagen:
Wer mich närrisch nennt, er soll ein Gleiches hören; erfahren / Soll er, was ihm vom ungesehenen Rücken herabhängt. (2. Sat. III, 298 299.)Und Persius: (IV. 3)
Nur den Sack auf den Rücken des vor uns Gehenden sehen wir.Phädrus redet von den zwey Säcken, und meinet damit den Quersack, der in der Mitte seine Öffnung hat, und also im Grunde aus zwey Säcken besteht. In dem einen, sagt er, der uns vor der Brust hängt, sind die Fehler Anderer, und in dem, der uns über dem Rücken hängt, unsre eigenen eingeschlossen
Gaius Valerius Catullus (in der Übersetzung von Karl Wilhelm Ramler)
(In Berlinische Monatsschrift, Bd 17. Haude und Spener 1791, S. 109ff.; siehe auch Karl Wilhelm Ramler: Kajus Valerius Kutullus: in einem Auszuge Lateinisch und Deutsch. Kummer 1793, S. 57ff.)
Suffenus iste, Vare, quem probe nosti,
Homo est venustus et dicax et urbanus,
Idemque longe plurimos facit versus.
Puto esse ego illi milia aut decem aut plura
Perscripta, nec sic ut fit in palimpsesto
Relata: chartae regiae, novei libri,
Novi umbilici, lora rubra, membrana
Directa plumbo, et pumice omnia aequata.
Haec cum legas tu, bellus ille et urbanus
Suffenus unus caprimulgus aut fossor
Rursus videtur: tantum abhorret ac mutat.
Hoc quid putemus esse? qui modo scurra
Aut siquid hac re tritius videbatur,
Idem infaceto est infacetior rure,
Simul poemata attigit, neque idem unquam
Aeque est beatus ac poema cum scribit:
Tam gaudet in se tamque se ipse miratur.
Nimirum idem omnes fallimur, neque est quisquam,
Quem non in aliqua re videre Suffenum
Possis. suus cuique attributus est error:
Sed non videmus, manticae quod in tergo est.
(In Q. Valerii Catulli Veronensis Liber. Reimer 1828, S. 12f.)
Poem 22. To Varus Abusing Suffenus*
That Suffenus, Varus, whom thou know’st right well, is a man fair spoken, witty and urbane, and one who makes of verses lengthy store. I think he has writ at full length ten thousand or more, nor are they set down, as of custum, on palimpsest: regal paper, new boards, unused bosses, red ribands, lead-ruled parchment, and all most evently pumiced. But when thou readest these, that refined and urbane Suffenus is seen on the contrary to be a mere goatherd or ditch-lout, so great and shocking is the change. What can we think of this? he who just now was seen a professed droll, or e’en shrewder than such in gay speech, this same becomes more boorish than a country boor immediatly he touches poesy, nor is the dolt e’er as self-content as when he writes in verse—so greatly is he pleased with himself, so much does himself admire. Natheless, we all thus go astry, nor is there any man in whom thou canst not see a Suffenus in some one point. Each of us has his assigned delusion: but we see not what’s in the wallet on our back.
(In Caius Valerius Catullus: The Carmina. 1894, S. 45f.; translated by Richard Burton)
Eduard Mörike dichtete Ramlers Übersetzung um:
An Varrus (auch Der eingebildete Dichterling)
Du kennst ja den Suffenus, Freund; er ist galant,
Sehr artig, schwatzt mit vielem Witz und macht dabei
Nicht wenig Verse: wo mir recht ist, hat er wohl
Zehntausend, oder mehr geschrieben; nicht wie sonst
Gewöhnlich ist, auf kleinen Täfelchen: o nein!
Sein Buch ist königlich Papier, der Umschlag neu,
Neu sind die Stäbchen, roth die Riemen. Alles glatt
Vom Bimsstein, und die Zeilen nach dem Lineal.
Doch lies sein Werk: der Weltmann, der so artige
Suffenus ist ganz Bauer; nein, nicht plumper ist
Ein Karrenschieber: so verwandelt ist er, so
Nicht mehr er selbst. Was denkst du? Dieser feine Herr,
Scherzhaft, gewandt, anmuthig, was man sagen kann,
Ist ungeschlachter, als das ungeschlachte Dorf,
Sobald er Verse macht! und ist nie glücklicher,
Als wenn er Verse macht! Ich sage dir, das Herz
Lacht ihm dabei, er ist voll Selbstbewunderung. -
Doch wer hat nicht dergleichen etwas? zeig’ mir den,
Der nicht in irgendeinem Stück Suffenus ist!
Ein jeder hat sein Theilchen Narrheit abgkriegt,
Nur sehn wir nicht den Sack, der uns vom Rücken hängt.
(In Eduard Mörike (Hrsg.): Classische Blumenlese: Eine Auswahl von Hymnen, Oden, Liedern, Elegien, Idyllen, Gnomen und Epigrammen der Griechen und Römer, Bd. 1. Schweizerbart’sche 1840, S. 188; zu eventuellen Umdichtungen von Übersetzungen siehe die Vorrede ab S. iii)
Eine neuere Nachdichtung unter dem Titel Ein Weltmann und Dichterling von Otto Weinreich aus dem Jahr 1960 siehe hier, und eine moderne Übersetzung, in der sogar das Wort „Recyclingpergament“ auftaucht hier.
Bekannt geworden sind Catulls Worte „Suus cuique attributus est error“ als „Wir fehlen alle mannigfach“, „Fehler sind das Merkmal unseres Menschentums“ oder als „Jeder hat seine eigenen Fehler“.
Links zu Übersetzungen ins brasilianische Portugiesisch, Chinesische, Kroatische, Finnische, Französische, Ungarische, Italienische, in Rioplatense und Vercellese sowie Vergleichsmöglichkeiten zwischen all diesen Sprachen einschließlich Latein, Englisch, Deutsch und der Transkription der gescannten Vorlage siehe http://rudy.negenborn.net/catullus/text2/l22.htm
Mittwoch, 6. April 2011
Wann ist dieses Gedicht von Logau erstmals erschienen?
Des Kriegs Buchstaben*
Kummer, der das Marek verzehret,
Raub, der Hab und Gut verheret,
Jammer, der den Sinn verkehret,
Elend, das den Leib beschweret,
Grausamkeit, die unrecht fehret:
Sind die Frucht, die Krieg gewehret.
Kummer, der das Mark verzehret,
Raub, der Hab und Gut verheeret,
Jammer, der den Sinn verkehret,
Elend, das den Leib beschweret
Grausamkeit, die unrecht kehret,
Sind die Frucht, die Krieg gewähret.
Friedrich von Logau
*Das Gedicht ist ein Akrostichon
Antwort: Das Gedicht, mit dem er den dreißigjährigen Krieg anprangert, ist erstmals ins Stammbuch von Ludwig von Logau (Pseudonym Salomon von Golaw) und später Ernst Friedrich von Logau, 1632–1698, handschriftlich aufgenommen worden (Quelle: http://tinyurl.com/3uajfn). Ob es dabei ist, weiß ich nicht.
Es könnte allerdings sein, dass es in Erstes Hundert Teutscher Reime. Sprüche Salomons von Golaw (auch Zweihundert teutsche Reimensprüche Salomons von Golaw), Breslau 1638, erschienen ist. Auf jeden Fall wurde es in Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte: Drey Tausend, Drey Teile in einem Band, Kloßmann o. J. (wahrscheinlich 1654) (eprograf. Nachdruck Hildesheim 1972, S. 107 (49) abgedruckt (Quelle: http://tinyurl.com/3hw5p79). Das Buch ist später unter dem Titel Friedrichs von Logans Sämmtliche Sinngedichte, hrsg. von Gustav Eitner, Litterarischer Verein in Stuttgart 1872, erschienen.
(Logaus Gedicht Des Todes Buchstaben können Sie hier lesen)
Kummer, der das Marek verzehret,
Raub, der Hab und Gut verheret,
Jammer, der den Sinn verkehret,
Elend, das den Leib beschweret,
Grausamkeit, die unrecht fehret:
Sind die Frucht, die Krieg gewehret.
Kummer, der das Mark verzehret,
Raub, der Hab und Gut verheeret,
Jammer, der den Sinn verkehret,
Elend, das den Leib beschweret
Grausamkeit, die unrecht kehret,
Sind die Frucht, die Krieg gewähret.
Friedrich von Logau
*Das Gedicht ist ein Akrostichon
Antwort: Das Gedicht, mit dem er den dreißigjährigen Krieg anprangert, ist erstmals ins Stammbuch von Ludwig von Logau (Pseudonym Salomon von Golaw) und später Ernst Friedrich von Logau, 1632–1698, handschriftlich aufgenommen worden (Quelle: http://tinyurl.com/3uajfn). Ob es dabei ist, weiß ich nicht.
Es könnte allerdings sein, dass es in Erstes Hundert Teutscher Reime. Sprüche Salomons von Golaw (auch Zweihundert teutsche Reimensprüche Salomons von Golaw), Breslau 1638, erschienen ist. Auf jeden Fall wurde es in Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte: Drey Tausend, Drey Teile in einem Band, Kloßmann o. J. (wahrscheinlich 1654) (eprograf. Nachdruck Hildesheim 1972, S. 107 (49) abgedruckt (Quelle: http://tinyurl.com/3hw5p79). Das Buch ist später unter dem Titel Friedrichs von Logans Sämmtliche Sinngedichte, hrsg. von Gustav Eitner, Litterarischer Verein in Stuttgart 1872, erschienen.
(Logaus Gedicht Des Todes Buchstaben können Sie hier lesen)
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