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Samstag, 16. Juli 2011

Über Einsteins Worte „Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot“


Neulich las ich bei Twitter ein Zitat Albert Einsteins:

„Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot.“

Das hat Einstein aber wieder schön gesagt, dachte ich, und mein Jagdinstinkt erwachte. So manches, was man ihm zuschreibt, hat er nicht gesagt, und so manches wird falsch wiedergegeben, man schaue sich nur die Diskussion über seine Zitate auf der deutschen Wikiquote oder die ihm fälschlich zugeschriebenen Zitate auf der englischen Wikiquote an. 

Ich durchforstete also erst einmal Einsteins Mein Weltbild, weil dort viele seiner Zitate abgedruckt sind. Nichts. Als nächstes versuchte ich es über die Google-Büchersuche. Dort fand ich es, allerdings nicht in einem Buch Einsteins. Das nutzte mir nix. Also goggelte ich ganz normal, aber in Zitatensammlungen findet man so gut wie nie eine Quelle (und oft genug auch nicht die richtige Version). Allerdings fand ich nach und nach den Text, aus dem das Zitat stammen soll:
Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein keimt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot. Das Wissen darum, daß das Unerforschliche wirklich existiert und daß es sich als höchste Wahrheit und strahlendste Schönheit offenbart, von denen wir nur eine dumpfe Ahnung haben können – dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Religiosität. In diesem Sinne, und in diesem allein, zähle ich mich zu den echt religiösen Menschen.*
Ein bisschen wunderte ich mich allerdings über die unterschiedlichen Zitierungen wie
„Diese Überzeugung ist der Kern echter Religiosität“,
„… dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Forschungen“,
„… dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern dieses Wissens“,
„… dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinn und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen.“

Aber das nutzte mir auch nichts, weil es nicht in einem der Bücher Einsteins stand. Also gab ich einige der neuen Stichwörter ein, die ich in dem Text gefunden hatte, wie Religiosität, Mystischen, Kern usw., weil ich schon ahnte, dass ich mit den Suchwörtern aus dem Zitat bei Twitter, nicht weiterkomme. Vergeblich. Ich grenzte die Suche mit anderen Stichwörtern ein. Wieder vergeblich. Bis ich schließlich durch Zufall die richtigen eingab und irgendwo bei den Suchergebnissen die Quellengaben Mein Weltbild“ beziehungsweise „Wie ich die Welt sehe“ fand. Also nochmal Mein Weltbild geöffnet, und siehe, da stand die korrekte Version:
Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen. Das Erlebnis des Geheimnisvollen – wenn auch mit Furcht gemischt – hat auch die Religion gezeugt. Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestationen tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit, die unserer Vernunft nur in ihren primitivsten Formen zugänglich sind, dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinn und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen. Einen Gott, der die Objekte seines Schaffens belohnt und bestraft, der überhaupt einen Willen hat nach Art desjenigen, den wir an uns selbst erleben, kann ich mir nicht einbilden. Auch ein Individuum, das seinen körperlichen Tod überdauert, mag und kann ich mir nicht denken: mögen schwache Seelen aus Angst oder lächerlichem Egoismus solche Gedanken nähren. Mir genügt das Mysterium der Ewigkeit des Lebens und das Bewusstsein und die Ahnung von dem wunderbaren Bau des Seienden sowie das ergebene Streben nach dem Begreifen eines noch so winzigen Teiles der in der Natur sich manifestierenden Vernunft.
(Albert Einstein: Wie ich die Welt sehe. In Albert Einstein: Mein Weltbild, hrsg. von Carl Seelig. Ullstein 2005, S. 420f.; Erstdruck Amsterdam: Querido 1934; zitiert nach der Downloadversion http://de.ebook2free.com/archives/5809)
Das Zitat Einsteins ist also aus dem Zusammenhang gerissen. Es müsste lauten:
„Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“
„He who knows it not and can no longer wonder, no longer feel amazement, is as good as dead, a snuffed-out candle.“
Da der Leser nicht wissen kann, was „es“ bedeutet, könnte man sagen:

„Wer das Geheimnisvolle nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“

Aber woher kommen diese unterschiedlichen Zitierweisen? Ganz einfach: Sie sind eine Rückübersetzung aus der englischen Übersetzung von Mein Weltbild durch Alan Harris (The World As I See It. New York: Covici 1934; zitiert nach der Downloadversion http://lib.ru/FILOSOF/EJNSHTEJN/theworld_engl.txt – Danke für die Downloadmöglichkeit auf einer russischen(!) Site):
The fairest thing we can experience is the mysterious. It is the fundamental emotion which stands at the cradle of true art and true science. He who knows it not and can no longer wonder, no longer feel amazement, is as good as dead, a snuffed-out candle. It was the experience of mystery—even if mixed with fear—that engendered religion. A knowledge of the existence of something we cannot penetrate, of the manifestations of the profoundest reason and the most radiant beauty, which are only accessible to our reason in their most elementary forms—it is this knowledge and this emotion that constitute the truly religious attitude; in this sense, and in this alone, I am a deeply religious man. I cannot conceive of a God who rewards and punishes his creatures, or has a will of the type of which we are conscious in ourselves. An individual who should survive his physical death is also beyond my comprehension, nor do I wish it otherwise; such notions are for the fears or absurd egoism of feeble souls. Enough for me the mystery of the eternity of life, and the inkling of the marvellous structure of reality, together with the single-hearted endeavour to comprehend a portion, be it never so tiny, of the reason that manifests itself in nature. 
*Als Anfangssatz habe ich auch „Das kosmische Erlebnis der Religion ist das stärkste und edelste Motiv naturwissenschaftlicher Forschung“ gefunden. Dieser Satz stammt jedoch aus einem anderen Essay Einsteins, nämlich aus Religion und Wissenschaft (Religion and Science) und lautet richtig:
Andererseits aber behauptet ich, daß die kosmische Religiosität die stärkste und edelste Triebfeder wissenschaftlicher Forschung ist. (Mein Weltbild, S. 438)
On  the other hand,  I maintain  that cosmic religious  feeling  is  the strongest and  noblest incitement to  scientific
research.
Der Zusatz
Meine Religion besteht in der demütigen Anbetung eines unendlichen geistigen Wesens höherer Natur, das sich selbst in den kleinen Einzelheiten kundgibt, die wir mit unseren schwachen und unzulänglichen Sinnen wahrzunehmen vermögen. Diese tiefe Überzeugung von der Existenz einer höheren Denkkraft, die sich im unerforschlichen Weltall manifestiert, bildet den Inhalt meiner Gottesvorstellung
gehört ebenfalls nicht zu dem eigentlichen Zitat. Leider habe ich bisher als Quelle nur gefunden: „Alice Calaprice (Hrsg.): Einstein sagt, Piper 1996“. Das reicht mir aber nicht. Nun könnte ich mir das Buch natürlich besorgen, aber das wird mir zu teuer. Falls es also jemand von meinen geneigten Leser besitzt, würde ich mich über die Angabe der tatsächlichen Quelle sehr freuen.

Auf jeden Fall bin ich wiedereinmal schockiert, wie mit Zitaten umgegangen wird.

Kommentare:

  1. Whow, da ist jemand, dem das korrekte Zitieren ebenso am Herzen liegt wie mir, un der sich sogar anstrengt, den vielen Zitaten in verschiedenen Versionen klug und geduldig nachzuspueren, bis er - d.h. sie an die UrQuelle (ich muss hier wirklich doppelt moppeln) gelangt ist. Kol haKawod sagt man hier in solchem Fall.- Ich nmuss wohl noch ein wenig auf Ihrer website spazierengehen, um in den Genuss der Spurensuche zu kommen. Dann werde ich Sie auf ein paar Fehlerchen aufmerksam machen (duerfen?). Mit schoenen Gruessen aus dem Archiv, in dem die allerersten und urspruenglichsten Fassungen von vielen - authentischen!- EinsteinZitaten zu finden sind - Barbara Wolff

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  2. Ein Philosohphielehrer auf der Suche nach dem passenden und zugleich korekten Text samt Quellenangabe dankt! -- Lars Müller

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