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Freitag, 22. Juli 2011

Neues aus der Rubrik „Das haben sie so nicht gesagt“: Einstein, der liebe Gott und der Würfel

Eines der berühmtesten Zitate (und auch eines der kürzesten) lautet:

„Gott würfelt nicht“*

God does not play dice with the universe“ (auch „I cannot believe that god plays dice with the cosmos“; „I shall never believe that God plays dice with the universe“)

und stammt, so heißt es, von Albert Einstein.

Aber an diesen drei Wörtern stimmt manches nicht. Abgesehen davon dass Einstein sie so nicht gesagt hat, spricht er in der Originalversion nicht von Gott oder gar dem „lieben Gott“, auch wenn er gern diesen Terminus benutzte, sondern schlicht und ergreifend vom – „Alten“. Er stellt auch nicht fest, dass dieser würfelt, sondern er ist überzeugt davon. Und nur selten wird angemerkt, dass das Zitat die Kurzform eines anderen Zitats ist.

Denn das Originalzitat stammt aus einem Brief Einsteins an Max Born vom 4. 12. 1926:
Die Quantenmechanik ist sehr achtung-gebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der nicht würfelt.
(In Albert Einstein, Hedwig und Max Born; kommentiert von Max Born: Briefwechsel 1916–1955. Rowohlt 1972, S. 98
Quantum mechanics is very impressive. But an inner voice tells me that it is not yet the ‘true Jacob’. The theory says a lot, but does not bring us closer to the secret of the Old One. I am at all events convinced that He is not playing at dice.
(Zitiert nach Jagdish Mehra und Helmut Rechenberg: The Historical Development of Quantum Theory: The Completion of Extensions of Quantum Mechanics 1926–1941. Springer 2001, S. 54)
Die Version „… bringt sie uns doch nicht näher“, wie bei Wikipedia u. a. angegeben, ist also falsch, ebenso dass der Brief an Niels Bohr gerichtet war, wie Wikipedia ebenfalls vermutet. Allerdings kann man die Namen Bohr und Born leicht verwechseln …

Auch dass Niels Bohr, als er von Einsteins Aussage gehört hatte, gesagt haben soll – um nur drei Beispiele zu nennen, im Internet kursieren noch mehr Antworten – „Einstein, hör auf Gott zu sagen, was er mit seinen Würfeln machen soll", „Einstein, schreiben Sie Gott nicht vor, was er zu tun hat („Albert, stop telling God what He can do“ oder auch „Der wahre Gott lässt sich nicht sagen, was er tun soll“, ist nicht belegt. Belegt durch Werner Heisenberg ist jedoch eine andere Erwiderung Bohrs:
„Gott würfelt nicht“, das war ein Grundsatz, der für Einstein unerschütterlich feststand, an dem er nicht rütteln lassen wollte. Bohr konnte darauf nur antworten: „Aber es kann doch nicht unsere Aufgabe sein, Gott vorzuschreiben, wie Er die Welt regieren soll.
(In Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. Piper 1969, S. 115)
– Angeblich sollen findige Journalisten, die immer nach griffigen Formulierungen suchen, den Slogan erfunden haben, aber vielleicht war es ja Heisenberg, der ihn prägte. –

Belegt ist auch die Antwort Bohrs auf einen Brief Einsteins viele Jahre später, und zwar vom 4. 4. 1949, in dem dieser schreibt:
Jedenfalls ist dies eine der Gelegenheiten, die nicht von der bangen Frage abhängt, ob Gott wirklich würfelt und ob wir an einer der physikalischen Beschreibung zugänglichen Realität festhalten sollen oder nicht.
(In Niels Bohr: Collected Works: Foundations of Quantum Physics II (1933–1958), Bd. 7; hrsg. von Jørgen Kalckar. Elsevier 1996, S. 435f.)
Bohr schrieb am 11. 4. 1949 zurück:
Vielen Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Es war für uns alle eine grosse Freude, anlässlich Ihres Geburtstages unseren Gefühlen Ausdruck zu geben. Um in demselben scherzhaften Tone zu sprechen, kann ich nicht umhin, über die bangen Fragen zu sagen, dass es sich meines Erachtens nicht darum handelt, ob wir an einer der physikalischen Beschreibung zugänglichen Realität festhalten sollen, sondern darum, den von Ihnen gewiesenen Weg weiter zu verfolgen und die logischen Voraussetzungen für die Beschreibung der der Realitäten zu erkennen. In meiner frechen Weise möchte ich sogar sagen, daß niemand – und nicht einmal der liebe Gott selber – wissen kann, was ein Wort wie würfeln in diesem Zusammenhang heißen soll.
(ebenda, S. 435f.; englische Übersetzung siehe S. 281f.; Orginalschreiben Bohrs siehe http://www.psiquadrat.de/downloads/bohr49_to_einstein.pdf)
Stephen Hawking hat natürlich auch etwas zu Einsteins Würfel zu sagen:

„God not only plays dice but also sometimes throws them where they cannot be seen“ (auch „Not only does God play dice, He sometimes throws them where they cannot be seen“)

Gott würfelt nicht nur, er wirft die Würfel sogar manchmal so, daß man sie nicht sehen kann“ (zu gut Deutsch: „Gott würfelt nicht nur, er schummelt sogar“)

Korrekt hat er gesagt:
So Einstein was wrong when he said, „God does not play dice“. Consideration of black holes suggests, not only that God does play dice, but that He sometimes confuses us by throwing them where they can't be seen.
(In Stephen Hawking und Roger Penrose: The Nature of Space and Time. Princeton University Press 2000, S. 26; man beachte das hübsche Fotos dazu!)
So hat es den Anschein, als habe Einstein sich gleich doppelt geirrt, als er sagte: „Der liebe Gott würfelt nicht.“ Die Teilchenemission aus Schwarzen Löchern scheint den Schluß nahezulegen, daß Gott nicht nur manchmal würfelt, sondern die Würfel auch gelegentlich an einen Ort wirft, wo man sie nicht sehen kann.
(In Stephen Hawking: Einsteins Traum: Expeditionen an die Grenzen der Raumzeit. Rowohl 1993, S. 110; http://www.ebiblioteca.freei.me/download/astronomy/stephen_hawking_-_einsteins_traum.pdf)
Und an anderer Stelle:
… But all the evidence indicates that God is an inveterate gambler and that He throws the dice on every possible occasion.
(In Stephen Hawking: Black Holes and Baby Universes and Other Essays. Bantam Books 1994, S. 70)

Doch alles spricht dafür, daß Gott ein unverbesserlicher Spieler ist und bei jeder sich bietenden Gelegenheit würfelt. (Einsteins Traum, S. 64; http://www.ebiblioteca.freei.me/download/astronomy/stephen_hawking_-_einsteins_traum.pdf)
Einen Beleg für „Evidently, God not only plays dice but plays blind-folded, and, at times, throws them where you can’t see them“ habe ich nicht gefunden (für den genauen Quellennachweis wäre ich dankbar).

In diesen Zusammenhang passt auch, wie einer der Protagonisten in Friedrich Dürrenmatts Roman Justiz seine Billardleidenschaft erklärt:
„Einstein war der Meinung, Gott würfle nicht“, sagte er dann. „Er hat recht, Gott würfelt nicht. Er spielt Billard. Er gibt den ersten Stoss und die Welt setzt sich in Bewegung.“
(Zitiert nach Bernhard Auge: Friedrich Dürrenmatts Roman „Justiz“: Entstehungsgeschichte, Problemanalyse, Einordnung ins Gesamtwerk. LIT Verlag 2004 S. 176)**
Einstein hat seinen Grundsatz, dass Gott nicht würfelt, die Physik also keinen Zufall kennt, noch einmal aufgegriffen, und zwar in einem Brief an Cornelius Lanczos vom 21. 3. 1942:
… Sie sind der einzige mir bekannte Mensch, der dieselbe Einstellung zur Physik hat wie ich: Glaube an Erfassbarkeit der Realität durch logisch Einfaches und Einheitliches. … Es scheint hart, dem Herrgott in seine Karten zu gucken. Aber dass er würfelt und sich „telepathischer“ Mittel bedient (wie es ihm von der gegenwärtigen Quanten-Theorie zugemutet wird), kann ich keinen Augenblick glauben.

… (Y)ou are the only person known to me who holds the same orientation to physics a I: belief in the comprehensibility of reality through something logically simple and unified. … It appears difficult to peek into the cards of the Lord God. But that He rolls dice or makes use of "telepathic" means (as is imputed to Him by the present-day quantum theory) is something I cannot believe for one instant.
(Beide Zitate in Robert Davis: Cornelius Lanczos, Collected Published Papers With Commentaries. College of Physical and Mathematical Sciences, North Carolina State University, 1998, S. 19;  weitere Quellen siehe J. David Brown et al. (Hrsg.): Proceedings of the Cornelius Lanczos International Centenary Conference, 1994, S. xliii, Fußnote 40)
Aber vielleicht gehen Einsteins berühmte Worte auch auf ein Zitat Henri Poincarés aus dem Jahr 1914 zurück:
Jede Erscheinung, und sei sie noch so unbedeutend, hat ihre Ursachen, und ein unendlich umfassender Geist, der über die Gesetze der Natur unendlich genau unterrichtet ist, hätte sie seit Anfang der Welt voraussehen können. Wenn ein solcher Geist existierte, könnte man sich mit ihm nicht auf ein Glücksspiel einlassen."
(In Henri Poincaré: Wissenschaft und Methode. Teubner 1914, S. 53)
*Das Problem bei dem Zitat ist, dass Einsteins Aussage zu vereinfacht wiedergegeben wurde und dadurch missbraucht werden kann. So gilt es für Kreatonisten und Anhängern des „Intelligent Design“ als Beweis für ihre Hypothesen.
 **Dass dieses Zitat von einem Studenten namens Mathias Stahnke stammt, ist natürlich auch nur ein Gerücht.

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