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Freitag, 15. April 2011

Einstein, Schopenhauer und der freie Wille


Albert Einstein schreibt in Mein Weltbild:

„An Freiheit des Menschen im philosophischen Sinne glaube ich keineswegs. Jeder handelt nicht nur unter äußerem Zwang, sondern auch gemäß innerer Notwendigkeit. Schopenhauers Spruch: „Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will“, hat mich seit meiner Jugend lebendig erfüllt und ist mir beim Anblick und beim Erleiden der Härten des Lebens immer ein Trost gewesen und eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz. Dieses Bewusstsein mildert in wohltuender Weise das leicht lähmend wirkende Verantwortungsgefühl und macht, dass wir uns selbst un die die anderen nicht gar zu ernst nehmen; es führt zu einer Lebensauffasung, die auch besonders dem Humor sein Recht läßt.“ (S. 12; http://gedankenfrei.files.wordpress.com/2009/01/mein-weltbild-albert-einstein.pdf)

„In human freedom in the philosophical sense I am definitely a disbeliever. Everybody acts not only under external compulsion but also in accordance with inner necessity. Schopenhauer's saying, that „a man can do as he will, but not will as he will,“ has been an inspiration to me since my youth up, and a continual consolation and unfailing well-spring of patience in the face of the hardships of life, my own and others’. This feeling mercifully mitigates the sense of responsibility which so easily becomes paralyzing, and it prevents us from taking ourselves and other people too seriously; it conduces to a view of life in which humour, above all, has its due place.“ (The World As I See It, S. 2)

Ähnlich hatte das Einstein bereits 1932 in seinem Glaubensbekenntnis geschrieben:
Ich glaube nicht an die Freiheit des Willens. Schopenhauers Wort: „Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will“, begleitet mich in allen Lebenslagen und versöhnt mich mit den Handlungen der Menschen, auch wenn sie mir recht schmerzlich sind. Diese Erkenntnis von der Unfreiheit des Willens schützt mich davor, mich selbst und die Mitmenschen als handelnde und urteilende Individuen allzu ernst zu nehmen und den guten Humor zu verlieren.
(Das ganze Glaubenbekenntnis können Sie hier  lesen und auch hören, denn Einstein sprach es im Auftrag und zu Gunsten der Deutschen Liga für Menschenrechte, auf Schallplatte. Einen Ausschnitt daraus – das oben genannte Zitat – haben die Fantastischen Vier unter dem Titel Albert und die Philosophie in ihr Album Lauschgift aufgenommen.)

Nur hat das Schopenhauer so nie gesagt. Vermutlich zitiert Einstein eine dieser beiden Haltungen Schopenhauers zum freien Willen:
Daher bleibt die Frage: ist der Wille selbst frei? – Hier war nun also der Begriff der Freiheit, den man bis dahin nur in Bezug auf das Können gedacht hatte, in Beziehung auf das Wollen gesetzt worden und das Problem entstanden, ob denn das Wollen selbst frei wäre. Aber diese Verbindung mit dem Wollen einzugehn, zeigt, bei näherer Betrachtung, der ursprüngliche, rein empirische und daher populäre Begriff von Freiheit sich unfähig. Denn nach diesem bedeutet „frei“ – „dem eigenen Willen gemäß“: frägt man nun, ob der Wille selbst frey sey; so frägt man, ob der Wille sich selbst gemäß sey: was sich zwar von selbst versteht, womit aber auch nichts gesagt ist. Dem empirischen Begriff der Freiheit zufolge heißt es: „frei bin ich, wenn ich thun kann, was ich will“: und durch das, „was ich will“ ist schon die Freiheit entschieden. Jetzt aber, da wir nach der Freiheit des Wollens selbst fragen, würde demgemäß diese Frage sich so stellen: „kannst du auch wollen was du willst?" — welches herauskommt, als ob das Wollen noch von einem andern, hinter ihm liegenden Wollen abhänge. Und gesetzt, diese Frage würde bejaht; so entstände alsbald die zweite: „kannst du auch wollen, was du wollen willst?“ und so würde es ins Unendliche hinausgeschoben werden, indem wir immer ein Wollen von einem früheren oder tiefer liegenden abhängig dächten und vergeblich strebten, auf diesem Wege zuletzt eines zu erreichen, welches wir als von gar nichts abhängig denken und annehmen müßten. (Arthur Schopenhauer: Ueber die Freiheit des menschlichen Willens. In Die beiden Grundprobleme der Ethik, behandelt in zwei akademischen Preisschriften. 2. Aufl. Brockhaus 1860, S. 6f.; die kursiven Stellen sind im Original gesperrt gedruckt)

...

„du kannst thun, was du willst: aber du kannst, in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur Ein Bestimmtes wollen und schlechterdings nichts Anderes, als dieses Eine.“ (S. 24
Über die Freiheit des menschlichen Willens ist die Schrift, die Schopenhauer auf die Frage „Num liberum hominum arbitrium e sui ipsius conscientia demonstrari potest?“ – Läßt die Freiheit des menschlichen Willens sich aus dem Selbstbewusstsein beweisen?* – der Königlich Norwegischen Societät der Wissenschaften zu Drontheim“ 1837 einreichte. Die Preisschrift wurde am 26. Januar 1839 mit einer Medaille preisgekrönt – nur war Schopenhauer der einzige Teilnehmer … (Mehr dazu u. a. hier)

*Deutsch nach Schopenhauer

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