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Mittwoch, 11. Juli 2012

Kurt Tucholsky zum Plagiieren

Ich sage: »Sagen Sie mal«, sage ich, »was schreiben Sie denn jetzt so –?« »I«, sagt er, »wir schreiben doch heute nicht mehr«, sagt er. »Wo die andern schon alles geschrieben haben – wozu sollen wir noch mal –?«

(…) Wenn die Bäume alt werden, schlingt sich Efeu um die Aste. In besonders schlimmen Fällen sind es Moos oder andre Parasiten, die Saft und Kraft aus den alten Bäumen ziehen – ohne sie vergingen die Schmarotzer. Die halbe Literatur ›bearbeitet‹, ›überträgt‹, ›richtet ein‹ – es gibt da eine schöne Terminologie, um die eigne Einfallslosigkeit zu übertünchen. Wenn man das so alles mit ansieht, kommt man sich reichlich töricht vor, daß man sich seinen Kram noch allein ausdenkt. »Die andern haben schon – wozu sollen wir noch mal?«

Die Technik dieser Nachfühler ist, in den guten Fällen, unmerklich raffiniert. Sie kriechen in das Vorbild, saugen es ganz auf und schmücken sich mit fremder Kraft. (…)

Es ist bei der Bearbeitung eines alten Stücks sehr schwer zu kontrollieren, was vom Verfasser und was vom Bearbeiter stammt. Der Fall Shakespeare gehört nicht hierher; erstens waren damals die Auffassungen vom geistigen Eigentum nicht lax, sondern kaum ausgebildet, und zweitens hat der nun wirklich die alten Stoffe nur zum Anlaß genommen.

Bei den Heutigen ist es Faulheit, Phantasielosigkeit, Wichtigtuerei und Abwälzung der Verantwortung auf einen, der sich nicht mehr wehren kann. »Was gut ist, stammt natürlich von mir – den Rest mußte ich übernehmen.« (…)

Ich bin kein Plagiatschnüffler; ich weiß, wie halb verwehte Klänge haften, wie einem Erinnerungen aufsitzen, wie man unbewußt plagiieren kann, aber weil ich es weiß, passe ich auf. Zu denken, daß sich unsereiner quält, wegläßt, weil vielleicht diese Zeile zu sehr an eine von Mehring erinnert … ich habe den größten Respekt vor geistigem Eigentum und eine ebenso große Verachtung für literarische Einbrecher. (…)

Lasset uns in Zukunft Dichter loben, die sich ihr Werk allein schreiben.

Peter Panter zu Bertold Brechts Plagiaten

(Der Anhängewagen. In Die Weltbühne, 21.05.1929, Nr. 21, S. 783 http://www.zeno.org/Literatur/M/Tucholsky,+Kurt/Werke/1929/Die+Anh%C3%A4ngewagen)

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