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Freitag, 8. Juni 2012

Oscar Wilde über Träumer, das Mondlicht und die Morgendämmerung


Dieses Zitat von Oscar Wilde klingt sehr poetisch, nur leider fehlen die wichtigsten Worte:

»Ja, ich bin ein Träumer ... denn nur Träumer finden ihren Weg durchs Mondlicht und erleben die Morgendämmerung, bevor die Welt erwacht.«

(oder auch weniger poetisch: »Ein Träumer ist jemand, der seinen Weg im Mondlicht findet und die Morgendämmerung vor dem Rest der Welt sieht.«)

Tatsächlich hat Oscar Wilde gesagt*:
Yes: I am a dreamer. For a dreamer is one who can only find his way by moonlight, and his punishment is that he sees the dawn before the rest of the world.
(In The Critic as Artist: With Some Remarks Upon The Importance of Doing Nothing. An Essay by Oscar Wilde http://www.readbookonline.net/readOnLine/480/)
Die einzige offizielle Übersetzung, die ich fand, ist:
Ja, ich bin ein Träumer. Denn ein Träumer ist, wer seinen Weg nur im Mondschein finden kann, und seine Strafe ist, daß er vor der übrigen Welt den Tag grauen sieht.
(In Zwei Gespräche von der Kunst und vom Leben. Insel-Verlag, 1907, S. 158)
Aber da das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen ist – Oscar Wilde spricht nicht vom Träumer, der für seine Träume bestraft wird, sondern es geht ihm um Kunst und Kritik – hier die betreffende Passage:

ERNEST. Heute nacht hast du mir viele seltsame Dinge erzählt, Gilbert. Du sagtest, es sei schwerer, über etwas zu reden als es zu tun, und nichts zu tun sei das allerschwierigste auf der Welt; du sagtest, alle Kunst sei unmoralisch und alles Denken gefährlich; die Kritik sei schöpferischer als die Schöpfung, und die höchste Kritik nennst du jene, die im Kunstwerk offenbart, was der Künstler nicht hineingelegt hat; gerade weil er etwas nicht zu schaffen versteht, könne er es angemessen beurteilen; und der echte Kritiker sei ungerecht, unaufrichtig und nicht rational. Mein Freund, du bist ein Träumer.

GILBERT. Ja, ich bin ein Träumer. Denn ein Träumer ist einer, der seinen Weg nur beim Mondlicht findet, und seine Strafe ist, dass er den Morgen vor der übrigen Welt dämmern sieht.

ERNEST. Seine Strafe?

GILBERT. Und sein Lohn. Doch siehe, es dämmert schon. Zieh die Vorhänge zurück und öffne die Fenster weit. Wie kühl die Morgenluft ist! Piccadilly liegt uns zu Füßen wie ein langes Silberband. Über dem Park hängt ein leichter Purpurnebel, und die Schatten der weißen Häuser sind purpurgetönt. Es ist zu spät zum Schlafen. Lass uns nach Covent Garden gehen und nach den Rosen schauen. Komm! Ich bin des Denkens müde.

(Der Kritiker als Künstler: Mit einigen Anmerkungen über den Wert des Nichtstuns. Ein Dialog, Teil II. http://www.besuche-oscar-wilde.de/werke/deutsch/essays/der_kritiker_2.htm)

ERNEST. You have told me many strange things to-night, Gilbert. You have told me that it is more difficult to talk about a thing than to do it, and that to do nothing at all is the most difficult thing in the world; you have told me that all Art is immoral, and all thought dangerous; that criticism is more creative than creation, and that the highest criticism is that which reveals in the work of Art what the artist had not put there; that it is exactly because a man cannot do a thing that he is the proper judge of it; and that the true critic is unfair, insincere, and not rational. My friend, you are a dreamer.

GILBERT. Yes: I am a dreamer. For a dreamer is one who can only find his way by moonlight, and his punishment is that he sees the dawn before the rest of the world.

ERNEST. His punishment?

GILBERT. And his reward. But, see, it is dawn already. Draw back the curtains and open the windows wide. How cool the morning air is! Piccadilly lies at our feet like a long riband of silver. A faint purple mist hangs over the Park, and the shadows of the white houses are purple. It is too late to sleep. Let us go down to Covent Garden and look at the roses. Come! I am tired of thought.

(The Critic as Artist: With Some Remarks Upon The Importance of Doing Nothing. An Essay by Oscar Wilde http://www.readbookonline.net/readOnLine/480/)

*nein, es wird ihm nicht zugeschrieben, wie auf einer Zitatenseite behauptet wird. So etwas sollten solche Seiten heutzutage nicht mehr behaupten, wo es nur ein paar Klicks bis zum Originalzitat sind. Es wirkt jedenfalls nicht seriös.

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