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Mittwoch, 8. Juni 2011

Thoreau über das Leben in den Wäldern und der Club der toten Dichter


„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zutreten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hatte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte", schreibt Henry David Thoreau in seinem Buch Walden oder Leben in den Wäldern (Walden, or Life in the Woods), seinem tagebuchartigen Bericht über seinen mehr als zweijährigen Ausstieg aus der industrialisierten Massengesellschaft der damals noch jungen USA. Und weiter: „Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde. Ich wollte einen breiten Schwaden dicht am Boden mähen, das Leben in die Enge treiben und auf seine einfachste Formel reduzieren; und wenn es sich gemein erwiese, dann wollte ich seiner ganzen unverfälschten Niedrigkeit auf den Grund kommen und sie der Welt verkünden. War es aber erhaben, so wollte ich dies durch eigene Erfahrung erkennen und imstande sein, bei meinem nächsten Ausflug Rechenschaft darüber abzulegen. Denn die meisten Menschen scheinen mir in einer sonderbaren Ungewissheit darüber zu leben, ob es vom Teufel oder von Gott ist, und so haben sie einigermaßen übereilt geschlossen, dass der Hauptzweck des Menschen hier auf Erden sei: „Gott in Ewigkeit zu loben und zu preisen.“

„I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived. I did not wish to live what was not life, living is so dear; nor did I wish to practise resignation, unless it was quite necessary. I wanted to live deep and suck out all the marrow of life, to live so sturdily and Spartan-like as to put to rout al' that was not life, to cut a broad swath and shave close, to drive life into a corner, and reduce it to its lowest terms, and, if it proved to be mean, why then to get the whole and genuine meanness of it, and publish its meanness to the world; or if it were sublime, to know it by experience, and be able to give a true account of it in my next excursion. For most men, it appears to me, are in a strange uncertainty about it, whether it is of the devil or of God, and have somewhat hastily concluded that it is the chief end of man here to „glorify God and enjoy him forever.“ (S. 63)

Berühmt geworden sind diese Worte jedoch erst durch den Film Club der toten Dichter, die als Motto bei jedem Trefffen des Clubs verlesen wurden, als:
Ich ging in die Wälder, weil ich bewusst leben wollte. Ich wollte das Dasein auskosten. Ich wollte das Mark des Lebens einsaugen! Und alles fortwerfen, das kein Leben barg, um nicht an meinem Todestag innezuwerden, dass ich nie gelebt hatte.

I went to the woods because I wanted to live deliberately, I wanted to live deep and suck out all the marrow of life, To put to rout all that was not life and not when I had come to die discover that I had not lived.
Tatsächlich aber sind Thoreaus Worte aus dem Zusammenhang gerissen und es ist auch kein Gedicht, wie auf der Wikipedia-Seite zum Club der toten Dichter angegeben. Denn im Original heißt es:
»Ich verlese nun die traditionelle Eröffnungspassage von unserem Clubmitglied Henry David Thoreau.« Neil schlug das Buch auf, das ihm Keating ins Zimmer gelegt hatte und las vor: »Ich ging in die Wälder, weil ich bewusst leben wollte.« Er ließ einiges aus und fuhr fort: »Ich wollte das Dasein auskosten. Ich wollte das Mark des Lebens einsaugen!«
»Dafür bin ich auch!« warf Charlie ein.
»Und um alles fortzuwerfen, das kein Leben barg«, fuhr Neil fort. Dann ließ er wieder einige Sätze weg. »Um nicht an meinem Todestag innezuwerden, daß ich nie gelebt hatte.« Es trat ein langes Schweigen ein.
(In Nancy H. Kleinbaum: Der Club der toten Dichter, übersetzt von Ekkehart Reinke. Bastei Lübbe 40. Aufl. 2009, S. 55)

Kommentare:

  1. Ich liebe den Film! Interessant, dass der Zusammenhang eigentlich etwas anders war. Aber der Sinn ist ja ein ähnlicher..
    (Auch, wenn der Beitrag hier etwas älter ist ;) )

    Liebe Grüße,
    Christina

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